IMPERIA

1. Die Skulptur
Die Dame, die Peter Lenk aus Bodman am Bodensee für den Konstanzer Hafen entwarf, ist neun Meter hoch. Sie wiegt l8 Tonnen und steht auf einem Drehkranz, der sie im Dreieinhalb-Minuten-Takt rotieren läßt.

2. Imperia
2.1. Als Symbol
Als ironischer Geschichtsbetrachter und moderner Eulenspiegel gab ihr Peter Lenk den Namen »Imperia« und schlug damit eine Brücke zum Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418. In seinen tolldreisten Geschichten aus der Zeit des Konzils hat Honore de Balzac der Dame Imperia ein literarisches Denkmal gesetzt. Lenk sieht in ihr heute ein Sinnbild weiblicher Fürsorge. Ihre Arme hält sie weit ausgebreitet, und auf ihren Händen trägt sie zwei Gaukler-Figuren mit vergrämten Gesichtern, die sich die Insignien der weltlichen und geistlichen Macht, die Kaiserkrone und die Tiara aufs Haupt gestülpt haben. Die Skulptur wurde am 24. April 1993 enthüllt.
Das Kunstwerk und seine Aufstellung kostete rund 250 000 DM. Diese Mittel sind ausschließlich durch Zuwendungen von Sponsoren und vom Fremden-Verkehrsverein Konstanz e. V. aufgebracht worden.

2.2. Als Romanfigur
Peter Lenk ist nicht nur der Gestalter der Skulptur, er gab ihr auch den Namen »Imperia«. Er schlug nämlich einen weiten historischen Bogen zum Konstanzer Konzil von 1414-1418. Kein geringerer als Honoré de Balzac machte die schöne Imperia zur literarischen Figur, nachdem bereits vorher ein italienischer und ein französischer Dichter, nämlich Matteo Bandello und Beroaldus de Verville die Geschichte einer Kurtisane dieses Namens aufgearbeitet hatten. Balzac ließ Imperia während der turbulenten Konstanzer Konziltage den geistlichen Würdenträgern den Kopf verdrehen und charakterisierte seine Romanfigur so: »Imperia war als die hoffärtigste und launischste Kurtisane auf Gottes Erdboden bekannt, galt aber auch als strahlendste Schönheit und für eine, die es am besten verstand, die Kardinäle um den Finger zu wickeln und die grobschlächtigsten Haudegen und Leuteschinder zu bändigen. So war sie auch beliebt und von allen geachtet, wie die wirklichen Damen und echten Prinzessinnen, und man nannte sie Madame«.

2.3. Als echte Madame Imperia
Imperia ist aber nicht nur ein Kind der Literatur, sondern es gab sie wirklich. Sie war eine von Dichtern gerühmte und selbst dichtende römische Kurtisane, ein »Weib von Geist und Bildung«, wie Jacob Burckhardt in seinem Werk, »Die Kultur der Renaissance in Italien«, schreibt. Der Konstanzer Literaturhistoriker Helmut Weidhase, der in seinem Buch »Imperia - die Konstanzer Hafenfigur« (erschienen 1993 im Verlag Stadler, Konstanz) ihre amouröse Geschichte ergründet hat, urteilt so: »Imperia - sie hat gelebt, geliebt, gedichtet, komponiert und ist ein Wunderweib ihrer Zeit gewesen: italienisch nannte man sie eine Edeldame«. Imperia lebte angeblich von 1455 bis 1511. Nach anderen Quellen soll sie nur 26 Jahre alt geworden sein und Raffael gab in seinem 1519 entstandenen Gemälde - »Verklärung« in den vatikanischen Räumen der Sappho ihre Züge.

3. Der Papst
Auf ihren ausgebreiteten Armen trägt die Imperia zwei teils lauernd, teils vergrämt dreinblickende Figuren, die durch ihre Kopfbedeckungen als Papst und Kaiser zu identifizieren sind. Auch wenn sie Peter Lenk augenzwinkernd Gaukler nennt, die sich die Insignien der geistlichen und weltlichen Macht aneigneten, so werden hier doch zwei historische Figuren erkennbar, die beide mit dem Konstanzer Konzil in enger Verbindung stehen. Da ist Otto Colonna (1368-1431), der als Martin V. in die Reihe der römischen Päpste einging.
Mit seiner Wahl zum Oberhaupt der Kirche konnte zur Konzilzeit - es gab damals drei Päpste, die sich gegenseitig heftig befehdeten - die Kirchenspaltung überwunden werden. Im benachbarten Konzilgebäude wurden im November 1417 53 Kardinale zum Konklave eingeschlossen. Sie wählten drei Tage später Otto Colonna zum Papst. Er wurde dann im Konstanzer Münster gekrönt und nannte sich Martin V. Dies blieb die einzige Papstwahl auf deutschem Boden und war ein Höhepunkt der Konzilsjahre.

4. Der Kaiser
Kaiser Sigismund (1368-1439), die zweite Figur, hat das Konzil nach Konstanz gebracht. Als Deutscher Kaiser nahm er wesentlichen Einfluß auf das Konzilgeschehen. Er wollte es zum Erfolg führen.

4.1 Johannes Hus
Dem böhmischen Reformator Johannes Hus bot er freies Geleit in die Konzilstadt, um ihm die Möglichkeit einzuräumen, vor der Kirchenversammlung seine Thesen zu vertreten. Das Konzil verurteilte ihn jedoch als Ketzer zum Tode und Sigismund stand nicht zu seinem Wort. Johannes Hus wurde in Konstanz verbrannt.

5. Sockel
Den Sockel seiner Imperia wird Peter Lenk noch mit mehreren Löwen ergänzen. Er wählte den Löwen, weil er in der Mythologie als Hüter des Wassers gilt. Außerdem war er ein Symbol der Fruchtbarkeit und schon große Muttergottheiten hatten Löwen zur Seite oder zu Füßen sitzen. Da Löwen nach dem römischen Naturforscher Plinius lieber Männer fressen als »Weiber«, wird Imperia in Konstanz noch zur Schutzheiligen für Staat und Kirche - hält sie deren Würdenträger doch in sicherem Abstand vor spitzen Löwenzähnen und den noch spitzeren Pfeilen Amors.
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