DIE STIMME DER STILLE (von Helena Petrowna Blavatsky)
VORWORT
Die folgenden Seiten sind dem Buch der Goldenen Lehren, 1) entnommen, einen der Werke, die im Orient den Schülern der Mystik zum Studium dienen. Die Kenntnis derselben ist auch in jener Schule vorgeschrieben, deren Lehren von vielen Schülern der Theosophie angenommen werden. Da ich also viele dieser Lehren auswendig weiß, fiel mir die Aufgabe nicht schwer, sie zu übersetzen. Es ist bekannt, daß in Indien die Methoden, die der psychischen Entwicklung dienen, je nach den Gurus (Lehrern oder Meistern) verschieden sind, nicht nur weil diese verschiedenen Schulen der Philosophie angehören, deren cs sechs gibt, sondern auch, weil jeder Lehrer sein eigenes System hat, das er zumeist streng geheimhält. Aber jenseits des Himalajas ist die Methode in den esoterischen Schulen nicht verschieden, es sei denn, daß der Guru einfach ein Lama ist, der nur um weniges mehr weiß als die, die er unterrichtet.
Das Werk, aus dem ich hier übersetze, ist ein Teil jener Reihe, das aus den Stanzen des Buches des Dzyan entnommen wurde, die der Geheimlehre zugrunde liegen. Zusammen mit dem großen mystischen Werk Paramartha, das, die Legende von Nagarjuna uns erzählt, (dem großen Arhat von den Nagas oder Schlangen übergeben wurde, - ein Name, der früher die Eingeweihten (Initiierten ) bezeichnete, - macht das Buch der goldenen Lehren den gleichen Ursprung geltend. Doch werden seine Grundsätze und Begriffe, so edel und ursprünglich sie sind, auch oft, in anderer Form, in Sanskrit-Werken gefunden, wie z. B. dem Jñaneshvari, 2), jener wundervollen mystischen Abhandlung, in der Krishna dem Arjuna den Zustand eines vollkommen erleuchteten Yogi in glühenden Farben schildert; und ebenso in einigen Upanishaden.
Dies ist nur natürlich, da die meisten, wenn nicht alle der größten Arhats, die ersten Anhänger Gautama Buddha´s, Hindus und Arier waren und nicht Mongolen, besonders jene, die nach Tibet auswanderten. Die Werke, die Aryasangha, 1) hinterließ, sind allein schon sehr zahlreich. Die ursprünglichen Lehren sind auf dünnen, länglichen Vierecken eingraviert, Abschriften derselben sehr oft auf Scheiben. Diese Scheiben oder Tafeln werden zumeist auf den Altären der Tempel aufbewahrt, die den Zentren angegliedert sind, wo sich die so genannten "kontemplativen" oder Mahayana- (Yogâchârya) , Schulen, 1) befinden . Sie sind auf verschiedene Weise geschrieben : manchmal in tibetanischer Sprache, meist aber ideographisch (in Begriffszeichen). Die Priestersprache (Senza), 1) kann, abgesehen von ihrem eigenen Alphabet, auch in einigen Schriftarten von Chiffrezeichen wiedergegeben werden, die mehr von der Art der Ideographie als der Silben sind. Eine andere Methode (auf tibetanisch lug genannt) besteht darin, die Ziffern und Farben zu verwenden, von denen jede einem Buchstaben des tibetanischen Alphabets entspricht (dreißig einfache und vierundsiebzig zusammengesetzte Buchstaben) , so daß sie ein vollständiges Geheimschrift-Alphabet bilden. Wenn die ideographische Form verwendet wird, gibt es eine ganz bestimmte Art, den Text zu lesen, da in diesem Fall die Symbole und Zeichen, wie die Astrologie sie gebraucht, nämlich die zwölf Tierkreiszeichen und die sieben Grundfarben, jede in ihrer Schattierung eine Dreiheit, d. h. als Licht, Grundton und dunkel - für die 33 Buchstaben des einfachen Alphabets, für Worte und Sätze stehen. Denn bei dieser Methode bilden die zwölf Tierkreiszeichen, fünfmal genommen, zusammen mit den fünf Elementen und den sieben Farben ein ganzes Alphabet aus sechzig heiligen Buchstaben und zwölf Zeichen. Ein bestimmtes Zeichen, das an den Anfang des Textes gesetzt wird, zeigt dem Leser an, ob dasselbe, auf indische Weise zu lesen ist, wo jedes Wort einfach eine Sanskrit-Anwendung ist, oder in der chinesischen Ideographen Lesart. Die einfachste Weise ist jedoch die, bei welcher der Leser keine besondere oder jede Sprache, die er kennt, anwenden kann, da die Zeichen und Symbole, gleich den arabischen Ziffern oder Zeichen, internationales Gemeingut der Initiierten und ihrer Anhänger waren. Dieselbe Eigenart ist charakteristisch für die chinesischen Schreibweisen, die von allen, welche die Schriftzeichen kennen, mit der gleichen Leichtigkeit gelesen werden können, d. h. es kann sie z. B. ein Japaner in seiner eigenen Sprache ebensogut lesen wie ein Chinese in der seinen.
Das Buch der Goldenen Lehren, von denen einige noch aus der Zeit vor Buddha stammen, während andere einer späteren Epoche angehören, enthält ungefähr neunzig verschiedene kleine Abhandlungen. Von diesen lernte ich vor Jahren 39 auswendig. Für eine Übersetzung der übrigen hätte ich zu Notizen Zuflucht nehmen müssen, die sich unter einer solchen Menge von seit etwa zwanzig Jahren angesammelten und nie geordneten Papieren und Aufzeichnungen befanden, so daß dies wahrlich keine leichte Aufgabe gewesen wäre. Auch hätten sie nicht alle übersetzt und eine Welt gegeben werden können, die zu selbstsüchtig und zu sehr an das Sinnenleben gebunden ist, um in irgendeiner Weise bereit zu sein, eine so erhabene Ethik im richtigen Geist aufzunehmen. Denn solange der Mensch nicht ernsthaft im Streben nach Selbsterkenntnis ausharrt, wird er Ratschlägen dieser Art nie ein williges Ohr leihen. Und doch füllen solche ethischen Lehren in der Literatur des Ostens Bände um Bände, besonders in den Upanishaden. "Ertöte alle Lebensbegierde", sagt Krishna zu Arjuna.
Denn diese Begierde wohnt nur im Körper. Die Vehikel (Fahrzeuge) des verkörperten Selbst, nicht in dem SELBST, (das "ewig, unzerstörbar, d.h. nicht tötet, noch getötet wird" . (Kathâ Upanishad) ,,Ertöte die Empfindsamkeit", lehrt die Sutta Nipâta, 1) "betrachte Lust und Schmerz, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage als gleich". Und wieder. "Einzig das Ewige sei deine Zuflucht;' (Sutta Nipâta) "Zerstöre den Wahn des Getrenntseins", lehrt Krishna in jeder Form. "Gedankenkraft (Manas) , die den abschweifenden Sinnen untertan ist, macht die Seele (Buddhi) hilflos wie ein Schiff, das von den Winden auf dem Wasser umhergetrieben wird." (Bhagavadgîtâ, 11. 67.) Daher schien es besser, nur eine sorgfältige Auswahl jener Werke zusammenzustellen, die am besten für die wenigen wahren Esoteriker in der Theosophischen Gesellschaft geeignet sind - um ihrem Bedürfnis zu entsprechen. Denn sie allein werden jene Worte des Krishna - Christos, des Höheren Selbst, zu werten wissen:
"Die Weisen kennen weder Gram um die Lebenden noch um die Toten. Nie war ich nicht, noch du, noch der Beherrscher der Menschen; noch wird einer von uns jemals aufhören zu sein." (Bhagavadgîtâ, II, 11, 12.).
In dieser Übersetzung habe ich versucht, die poetische Schönheit der Sprache und Bilder des Originals beizubehalten. Inwieweit mir dies gelungen ist, bleibt nun dem Leser zur Beurteilung überlassen.
1898 H.P.B

I. BRUCHSTÜCK.
DIE STIMME DER STILLE.
Diese Lehren hier sind für jene, welche die Gefahren der niedere Iddhi, 1) nicht kennen. Wer die Stimme von Nâda, den tonlosen Ton, vernehmen und ihn verstehen will, muß das Wesen von Dharânâ, 1) kennen lernen) .Sobald er den begrifflichen Dingen gegenüber Gleichmut erreicht hat, muß der Schüler den Raja der Sinnenwelt ausfindig machen, den Gedankenerzeuger, ihn, der Sinnestäuschung (Illusion) erweckt. Der (niedere) Verstand ist der große Verderber des Wirklichen. Möge der Schüler den Verderber vernichten. Denn sobald ihm seine eigene Form als unwirklich erscheint, gleich den im Traum erschauten Formen nach dem Erwachen, sobald er aufgehört hat, die Vielen zu hören, kann er den EINEN erlauschen, den inneren Ton, der den Äußeren übertönt. Dann erst, und nicht eher, wird er den Bereich von Asat (Täuschung, Gegensatz von Sat), des Trügerischen verlassen und das Reich von Sat (absolute Wirklichkeit), des Wahren betreten. Ehe die Seele sehen kann, muß Harmonie im Inneren herrschen und müssen die irdischen Augen für alle Sinnestäuschung blind geworden sein.
Ehe die Seele hören kann, muß das Abbild (der Mensch) gleichermaßen für das wilde Trompeten der Elefanten wie für das silberzarte Summen der goldenen Feuerfliege taub geworden sein. Ehe die Seele verstehen kann und sich zurückerinnern vermag, muß sie mit
dem Schweigenden Sprecher vereinigt sein, gleich wie die Form nach welcher der Lehm gestaltet werden soll, zuerst vereint ist mit des Töpfers Denken. Denn dann wird (die Seele hören und sich erinnern. Und dann wird zu dem inneren Ohr DIE STIMME DER STILLE sprechen und sagen :Wenn deine Seele lächelt, während sie im Sonnenlicht deines Lebens badet, wenn deine Seele in ihren stofflichen, fleischlichen Hülle singt, wenn deine Seele in ihren Festen der Sinnestäuschung weint, wenn deine Seele den Silberfaden zu zerreißen strebt, der sie an den Meister bindet, dann wisse, Konzentration, Oh Schüler, daß deine Seele von der Erde ist.
Wenn deine knospende Seele der Unruhe der Welt ihr Ohr neigt, wenn die brausende Stimme der großen Täuschung in deiner Seele Anklang findet, wenn von Anblick heißer Schmerzenstränen erschreckt und betäubt von den Schreien der Not, deine Seele sich, gleich einer Schildkröte, in den Panzer des Egoismus zurückzieht, dann merke, o Schüler, daß deine Seele ein unwürdiges Heiligtum ihrer schweigenden Gottheit ist. Wenn deine Seele, an Kräften wachsend, aus ihrem sicheren Zufluchtsort schlüpft und, dem schützenden Heiligtum entweichend, ihren Silberfaden dehnt, und vorwärts eilt, wenn sie ihr Abbild in den Wellen (des Raumes erblickend, flüstert : "Dies bin ich" dann begreife Oh Schüler, (daß deine Seele in den Netzen des Wahnes, (Sakkâya ditthi), 1) befangen ist. Diese Erde, o Schüler, ist die Halle der Trübsal, in welcher längst des Pfades schwerster Prüfungen Fallen gelegt sind, um (dein Ego in den Wahn, genannt "die große Ketzerei" (Attavâdo), 1) zu verstricken. Diese Erde, Oh unwissender Schüler, ist bloß der düstere Zugang zum Dämmerlicht, das vor dem Tal des wahren Lichtes liegt - jenes Lichtes, das kein Sturm verlöschen kann, des Lichtes, das ohne Docht und Brennstoff scheint. So sagt das Große Gesetz: Und zur Erkenntnis des All-Selbst zu kommen, mußt du zuerst das Selbst erkennen lernen.
Um die Erkenntnis dieses Selbstes zu erreichen, mußt du das "Ich" für das Nicht-Ich, das Sein für das Nicht-Sein hingeben ; dann magst du unter den Schwingen des Großen Vogels ruhen. O, es ist süß unter den Fittichen dessen zu ruhen, das weder geboren wird, noch stirbt, sondern das Aum, 4) ist, von Ewigkeit zu Ewigkeit, 5). Schwinge dich auf den Vogel Des Lebens, wenn du wissend werden willst, 6).
Gib dein Leben hin, wenn du leben willst .Drei Hallen, oh wegemüder Wanderer, führen an das Ende der Mühen. Drei Hallen, oh Bezwinger von Mara, werden dich durch drei Stadien (Zustände) 7) zum vierten bringen und darüber hinaus in die sieben Welten des ewigen Frieden, 8). Wenn du ihre Namen erfahren willst, so horche auf und merke :Der Name der ersten Halle ist Unwissenheit - Avidya.
Es ist die Halle, in welcher du das Licht erblickest, in der du lebst und sterben wirst, 9).
Der Name der zweiten ist die Halle des Lernens, 10). In ihr wird deine Seele die Blüte des Lebens finden, doch unter jeder Blume zusammengeringelt ist eine Schlange, 11).
Der Name der dritten Halle ist Weisheit, jenseits welcher sich die uferlosen Gewässer von Akshara erstrecken, der unzerstörbaren Quelle der Allwissenheit, 12). Wenn du die erste Halle in Sicherheit durchschreiten will, möge dein Sinn nicht die Feuer der Wollust, die darin brennen, für das Sonnenlicht des Lebens halten. Wenn du die zweite Halle in Sicherheit durchschreiten willst, verweile nicht, einzuatmen. Wenn du Befreiung aus den karmischen Ketten nicht in jenen Sphäre des Wahns. Die Weisen verweilen nicht in den Lustgarten der Sinne. Die Weisen achten der lieblich tönenden Stimme der Täuschung nicht. Suche nach ihm, der dir zur Geburt, 13) in der Halle der Weisheit verhilft, der Halle die jenseits liegt, in der man keine Schatten und wo das Licht der Wahrheit in unauslöslichen Glanze erstrahlt. Das Unerschaffene wohnt in dir, Schüler, wie es in jener Halle wohnt. Wenn du dahin gelangen und die beiden verschmelzen willst, mußt du die dunklen Gewänder der Täuschung ablegen.
Ersticke die Stimme des Fleisches, lasse kein Trugbild der Sinne zwischen das Licht dort und das deine kommen, auf daß sich so die zwei in eins verschmelzen können. Und dein eigenes Ajñâna, 1) erkennend, entfliehe der Halle des Lernens. Diese Halle ist gefährlich in ihrer verräterischen Schönheit; sie dient nur zu deiner Prüfung. Hüte dich, Lanu, daß nicht, von trügerischem Glanz geblendet, deine Seele säume und sich in jenes täuschende Licht verfange. Dieses Licht leuchtet von dem Juwel des großen Versuchers (Mara) 1) . Die Sinne verzaubert es, verblendet das Denken und macht den Unbesonnenen zum verlassenen Wrack.
Es ist das Los der Motte, die von der strahlenden Flamme deiner Nachtlampe angezogen wird, in dem klebrigen Öl zu verderben. Die unbesonnene Seele, die es versäumt, mit dem spottenden Dämon der Täuschung zu ringen, wird als Mara´s Sklave zur Erde zurückkehren. Sieh die Scharen von Seelen. Beobachte, wie sie über der stürmischen See des menschlichen Lebens hangen und wie sie erschöpft, blühend und mit gebrochenen Flügeln eine nach der anderen in die Hochgehenden Wogen stürzen. Umher geworfen von wütenden Winden, vom Sturm gejagt, treiben sie den Strudeln zu und versinken im ersten großen Wirbel. Wenn du durch die Halle der Weisheit das Tal der Seligkeit erreichen willst, Schüler, dann verschließe eine Sinne fest gegen die große , gräßliche Ketzerei der Getrenntheit, die dich den Übrigen entfremdet. Lasse nicht dein"Himmlisch-Geborenes", das hinab tauchte in die See der Mâyâ, 1), sich losreißen, von dem allumfassenden Vater (Seele), sondern lasse die feurige Kraft sich zurückziehen in die innerste Kammer, die Kammer des Herzens, 14) und die Wohnstatt der Welt Mutter, 15). Dann wird jene Kraft aus dem Herzen emporsteigen zu der sechsten, der Mittelsphäre, der Stelle zwischen deinen Augen, und wird so der Atem der Eins-Seele, der Stimme, die alles erfüllt; deines Meisters Stimme.
Dann erst kannst due ein Himmelswanderer werden, der auf den Winden über die Wogen schreitet, dessen Füße die Wasser nicht berühren.
Ehe du den Fuß auf die höchste Sprosse der Leiter setzen kannst, der Leiter der mystischen Töne, mußt du die Stimme deiner inneren Gottheit, (das Selbst des Menschen), in siebenfältiger Weise vernehmen können. Die Erste ist wie die süße Stimme der Nachtigall, die ihrem Gefährten ein Abschiedslied singt. Die Zweite ertönt wie der Klang der silbernen Zimbel der Dhyâni, der die blinkenden Sterne erweckt. Die Nächste klingt wie die Klage des Meergeistes aus dem Gefängnis seiner Muschelschale. Und diesem folgt das Tönen der Vinâ (indische Seiteninstrument einer Laute, ähnlich). Die Fünfte schrillt in deinen Ohren, wie der Ton der Bambusflöte. Sie verwandelt sich, als Nächste, in Trompetengeschmetter.
Die Letzte klingt wie das dumpfe Grollen einer Gewitterwolke. Die Siebente übertönt alle anderen Töne. Sie ersterben und werden nicht mehr gehört. Wenn die sechs (Fahrzeuge, Khandha, 1) vernichtet und dem Meister zu Füßen gelegt sind, dann ist der Schüler aufgegangen in dem Einen, (eins mit Brahma oder dem Selbst) dann wird er dieses Eine und lebt in ihm .Ehe du jedoch diesen Pfad betreten kannst, mußt du deinen Mond-Körper (Empfindungsleib) vernichten, deinen konkreten Mental Leib reinigen und dein Herz läutern. Die reinen, kristallklaren Wasser des ewigen Lebens können nicht mit den schlammigen Strömen des Monsun-Sturmes vermischt werden. Der Tautropfen vom Himmel, der in des Morgens erstem Sonnenstrahl im Herzen des Lotus erglitzert, wird zum Klümpchen Lehm, wenn er zur Erde fällt ; siehe, die Perle ist dann ein Fleckchen Schlamm. Bekämpfe deine unreinen Gedanken, ehe sie dich überwältigen. Benütze sie, wie sie es mit dir täten, denn wenn du sie verschonst und sie Wurzel fassen und wachsen, so merke wohl : dann werden diese Gedanken dich überwältigen und vernichten. Hüte dich, Schüler. gestatte auch nicht einem Schatten derselben, dir zu nahen. Denn dieser wird an Größe wachsen und an Macht zunehmen, dann wird diese Ausgeburt der Dunkelheit dein Wesen aufsaugen, noch ehe du dir der Gegenwart des schwarzen, bösen Ungeheuers recht bewußt wurdest. Ehe die mystische Kraft (Kundalini) ,1) dich zu einer Gottheit machen kann, Lanu, mußt du die Fähigkeit erlangt haben, deine Mondform dem Willen gemäß zu vernichten.
Das Selbst der Materie und das SELBST des Geistes können sich nie vereinigen. Eine der beiden muß verschwinden; es ist nicht Raum für beide.
Ehe deine Seele den Sinn verstehen kann, muß die Knospe der Persönlichkeit gebrochen und in dem Wurm der Sinne alles Leben für immer ertötet sein.
Du kannst den Pfad nicht beschreiten, ehe du nicht selbst dieser Pfad geworden bist, (in allen esoterischen Werken erwähnt). Lasse deine Seele jedem Schmerzenschrei ihr Ohr leihen, um die Morgensonne zu trinken. Lasse nicht die sengende Schmerzensträne trocknen, ehe du sie selbst von dem Auge des Leidenden fortgewischt hast. Doch lasse jede heiße Menschenträne auf dein Herz fallen und dort haften; und fege sie nicht fort, ehe der Schmerz, der sie erpreßte, genannt ist. Diese Träne, o du mitleidsvolles Herz, sind die Ströme, welche die Fluren der unsterblichen Barmherzigkeit bewässern. Solchem Boden entsprießt dann die Mitternachts Blume des Buddha, die schwerer zu finden, seltener zu sehen ist, als die Blüte des Vogaybaumes. Sie ist der Same des Befreitsein von Wiedergeburt. Sie erhebt den Arhat über Mühen wie Lust, sie geleitet ihn durch die Fluren des Seines zu dem Frieden und der Seligkeit, wie nur das Land der Stille und des Nicht-seins sie kennt.
Ertöte das Begehren ; doch wenn du es ertötest, achte wohl, das es nicht von den Toten wieder auferstehe. Ertöte die Liebe zum Leben ; doch wenn du Tanhâ, 1) vernichtest, tue es nicht, weil du nach dem ewigen Leben schmachtest, sondern um das Endliche durch das Unendliche zu ersetzen. Begehre nichts. Lehne dich nicht auf gegen Karma, noch gegen die unabänderlichen Naturgesetze. Sondern ringe nur mit dem Persönlichen, dem Vergänglichen, dem Dahinschwindenden. dem Vernichtbaren. Hilf der Natur und arbeite Hand in Hand mit ihr und die Natur wird dich als einen ihrer Schöpfer erkennen und sich dir beugen. Und sie wird die Pforten ihrer geheimen Gemächer weit vor dir auftun, wird deinem Blick die Schätze, die verborgen in den Tiefe ihres reinen, jungfräulichen Busens ruhen, enthüllen. Unbefleckt von der Hand des Stofflichen weist sie ihre Schätze nur dem Auge des Geistes -dem Auge, das sich nie schließt, dem Auge~ vor dem in allen ihren Reichen nichts verhüllt ist. Dann wird sie dir alle Mittel und Wege weisen, das erste Tor und das zweite, und das dritte und so fort, selbst bis zum siebenten. Und dann - das Ziel, jenseits welchem, in das Sonnenlicht des Geistes getaucht, unaussprechliche Herrlichkeiten liegen, die keiner erschaut, es sei denn mit den Augen der Seele. Es führt nur eine Straße zu dem Pfad; nur ganz an ihm kann die Stimme der Stille vernommen werden. Die Stufenleiter, auf welcher der Kandidat hinaufsteigt, ist aus den Sprossen des Leidens und der Schmerzen gebildet, welche nur durch die Stimme der Tugend gestillt werden können. Daher wehe dir, Schüler, wenn da (noch) ein einziges Laster ist, daß du nicht zurückgelassen hast; denn dann wird die Leiter unter dir weichen und dich niederreißen, denn sie fußt im tiefen Morast deiner Sünden und Mängel und ehe du versuchen kannst, diesen weiten Abgrund der Materie zu überschreiten, mußt du erst deine Füße in den Wassern der Entsagung gewaschen haben. Hüte dich wohl deinen Fuß auch nur auf die unterste Sprosse der Leiter zu setzen, solange noch Schmutz an ihr haftet. Wehe dem der eine Sprosse mit Schlamm an den Füßen, zu beflecken wagt. Die moderige, zähe Masse wird trocknen, wird fest werden und ihm die Füße an der Stelle festleimcn ; und gleich einem Vogel, der sich auf den Leimruten des listigen Vogelfängers fing, wird er von fernerem Fortschritt abgehalten sein. Seine Laster werden Gestalt annehmen und ihn hinab zerren. Seine Sünden werden ihre Stimmen erheben, gleich dem Gelächter und Heulen des Schakals nach Sonnenuntergang ; seine Gedanken werden zu einem Heer und entführen ihn als gefangenen Sklaven.
Ertöte deine Begehren, Lanu, lasse deine Laster machtlos werden, ehe der erste Schritt der feierlichen Wanderung getan wird. Ersticke deine Sünden und mache sie stumm für immer, ehe du den Fuß hebst die Leiter zu besteigen. Bringe deine Gedanken zum Schweigen und richte deine ganze AufmerksamkeiL auf deinen Meister, den du wohl noch nicht siehst, doch den du fühlst. Verschmilzt deine Sinne zu einem Sinn, wenn du vor deinem Feind in Sicherheit sein willst. Denn durch diesen Sinn allein, der in der Tiefe deines Gehirns verborgen ruht, kann der steile Pfad, der zu deinem Meister führt, den trüben Augen deiner Seele erschlossen werden. Lang und beschwerlich ist der Weg, der vor dir liegt, Oh Schüler, ein einziger Gedanke an das Vergangene, das du hinter dir gelassen hast, vermag dich hinab zu zerren und du wirst mit dem Aufstieg neu beginnen müssen.
Ertöte in dir alle Erinnerung an vergangenen Erfahrungen. Schaue nicht zurück, oder du bist verloren., Glaube nicht, daß Wollust jemals ertötet werden kann, wenn sie befriedigt oder gesättigt wird, denn dies ist Untat, die Mara eingibt. Indem das Laster gespeist wird, wächst es und nimmt zu an Kraft, wie der Wurm, der sich vom Herz der Blüte mästet. Die Rose muß wieder zur Knospe werden, dem Ur-Stamme entsprossen, ehe der Schmarotzer sich durch ihr Herz gefressen und ihr den Lebenssaft ausgesogen hat. Der goldene Baum treibt seine Knospenjuwelen, ehe sein Stamm im Sturm verdorrte. Der Schüler muß erst die Kindhaftigkeit wiedererlangen, die er verloren hat, ehe der erste Ton sein Ohr erreichen kann. Das Lieht von dem einen Meister, das eine unverlöschbare goldene Licht des Geistes, wirft seinen leuchtenden Schimmer von Anbeginn auf den Schüler. Seine Strahlen durchdringen die schweren, dunklen Wolken des Stofflichen.
Bald hier, bald dort erleuchten sie es, wie tanzende Sonnenstrahlen durch das dichte Laubwerk der Dschungelgewächse hindurch die Erde erhellen. Aber, oh Schüler, solange das Fleischliche nicht widerstandslos, der Kopf kühl, die Seele so fest und rein wie ein funkelnder Diamant ist, wird der Strahlenglanz die Kammer nicht erreichen, sein Sonnenlicht wird das Herz nicht erwärmen, auch werden die mystischen Töne der Akasha Höhen, 16) das Ohr erreichen, wie eifrig es auf der Anfangsstufe auch lauschen mag. Ehe du nicht hörst, kannst du nicht sehen. Ehe du nicht siehst, kannst du nicht hören. Zu hören und zu sehen, das ist die zweite Stufe.
Wenn der Schüler sieht und hört wenn er riecht und mit geschlossenen Augen, die Ohren verstopft, Mund und Nasenlöcher zu, wenn die vier Sinne verschmelzen und bereit sind, in den fünften überzugehen, dem inneren Tastsinn, - dann ist er auf der vierten Stufe angelangt. Und an der fünften, oh Vernichter deiner Gedanken, müssen wieder alle diese ertötet werden, auf daß sie nicht wiederbelebt werden können, 17). Halte dein Denken von allen anderen Gegenständen, allem äußeren Anblick fern. Halte die inneren Bilder fern. Damit sic nicht einen Schatten auf dein Seelenlicht werfen. Du stehst nun auf Dharânâ, der sechsten Stufe. Wenn du die Siebte erreicht hast, "Glücklicher, wirst du nicht länger die Heilige Dreiheit wahrnehmen, denn diese Dreiheit wirst du selbst geworden sein. Deinem Selbst und Verstand, gleich Zwillingen auf einer Linie, flammt zu Häuptern der Stern, der dein Ziel ist, 18).. Diese Drei, die in Herrlichkeit und unaussprechlicher Seligkeit weilen, haben nun in der Welt der Mâyâ ihre Namen verloren. Sie sind e i n Stern geworden, das Feuer, das brennt, jedoch nicht sengt, das Feuer, welches das Upâdhi, 1) der Flamme ist. Und dies, o Yogi des Gelingens, ist das, was die Menschen Dhyâna , den Vorläufer von Samâdhi nennen. Und nun hat dein Selbst sich im SELBST verloren, du bist in Dir, in jenem SELBST aufgegangen, aus dem du zuerst hervorstrahltest. Wo ist nun deine Individualität, Lanu (Schüler), wo der Lanu selbst? Es ist der Funke, der sich im Feuer, der Tropfen, der sich im Meer verlor, der immer gegenwärtige Strahl, der zum All und der Ewigen Leuchte wurde. Und nun, Lanu, bist du der Täter und der Zeuge, der Ausstrahlende und die Strahlung, Licht in dem Ton und Ton im Licht. Du kennst die fünf Hindernisse, 19), oh Gesegneter. Du bist ihr Überwinder, der Herr des sechsten, Befreier der vier Erscheinungsarten der Wahrheit, 20). Das Licht, das auf sie fällt, leuchtet aus dir, oh du, der du Schüler warst, doch der du nun Lehrer bist. Und diese Erscheinungsarten der Wahrheit:
Bist du nicht durch das Wissen um alles Elend hindurchgegangen - die erste Wahrheit? (Das Leid). Hast du nicht den König der Mara ´s an Tu, der Pforte der Häufung bezwungen -die zweite Wahrheit? (Die Ursache des Leidens).
Hast du nicht am dritten Tor die Sünde zunichte gemacht und bist zur dritten Wahrheit gelangt? (Die Vernichtung von Tanhâ). Hast du nicht Tau, den Pfad betreten, der zur Erkenntnis führt - die vierte Wahrheit? (Die vierte edlen Wahrheit).
Und nun ruhe aus unter dem Bodhi-Baum, welcher Vollkommenheit aller Erkenntnis bedeutet, denn wisse; du bist der Herr von Samâdhi - dem Zustand des fehlerlosen Erschauen.
Siehe! Du bist das Licht geworden, du bist der Ton geworden, du bist dein Meister und deine Gottheit. Du selbst bist der Gegenstand deines Suchens: die nie verstummende Stimme, die forttönt von Ewigkeit zu Ewigkeit, keinem Wechsel unterworfen, frei von Sünde, die sieben Töne in einem.
DIE STIMME DER STILLE
AUM TAT SAT

II. BRUCHSTÜCK
DIE BEIDEN PFADE
Und nun, o Lehrer des Mitleids, zeige du anderen Menschen den Weg. Damit all jenen, die anklopfen, um Einlaß bitten, in Unwissenheit und Dunkelheit harren, das Tor des milden Gesetzes aufgetan werde.
Die Stimme der Kandidaten:
Wirst du nicht, oh Meister, aus eigener Gnadenkraft nicht, die Lehre des Herzens, 21) enthüllen? Wirst du dich weigern, deinem Diener den Pfad der Befreiung zu weisen?
Es sprach der Lehrer :
Der Pfade sind zwei: der großen Vollkommenheit drei ; sechs sind es der Tugenden, die den Körper in den Raum der Erkenntnis verwandeln 22). Wer wird ihnen nahen? Wer wird zuerst in sie eingehen ? Wer wird zuerst der Lehre von zwei Pfaden in Einheit lauschen, der entschleierten Wahrheit über das Geheime Herz? (Die esoterische Lehre). Das Gesetz, welches Gelehrtheit meidend, Weisheit lehrt, enthüllt eine Geschichte von Leid. Ach, ach, daß doch alle Menschen Alaya besitzen und eins sind mit der Großen Seele und daß, im Besitz desselben, Alaya ihnen so wenig nützt!
Siehe, wie gleich dem Spiegelbild des Mondes in den stillen Wasserflächen, Alaya von klein und groß wiedergespiegelt wird, sich in den kleinsten Atomen spiegelt und doch ermangelt, die Herzen aller zu erreichen. Ach, daß so wenige Menschen das Geschenk nützen, die unschätzbare Gnadengabe, die Wahrheit kennen zu lernen, das richtige Erfassen (des Bestehenden, die Erkenntnis des Nicht Bestehenden!
Es sagt der Schüler :
Oh Lehrer, was muß ich tun, um Weisheit zu gewinnen? Oh Du Weiser, was, um Vollkommenheit zu erlangen? Suche die Pfade. Aber, oh Lanu, sei reinen Herzens, ehe du deine Wanderung beginnst. Ehe du deinen ersten Schritt tust, lerne das Wahre vom Falschen, das Ewig Flüchtige vom Ewig Dauernden zu unterscheiden. Lerne vor allem das Kopf-Wissen von der Seelen-Weisheit, die "Augen"- von der "Herz"-Lehre trennen. Wahrlich, Unwissenheit ist gleich einem verschlossenen und luftlosen Behälter, die Seele ein Vogel, der darin gefangen sitzt. Er zwitschert nicht, noch kann cr ein Federchen rühren, sondern der Sänger hockt nur stumm und stumpf da und stirbt an Erschöpfung. Aber selbst Unwissenheit ist besser als Kopf-Wissen, das nicht von Seelen-Weisheit erleuchtet und geleitet ist. Die Keime der Weisheit können nicht in luftlosem Raum sprossen und wachsen. Um lebendig zu sein und Erfahrung zu sammeln, braucht der Verstand Weite und Tiefe und Anhaltspunkte, die ihn zu der Diamant-Seele, 1) hinleiten. Suche diese Anhaltspunkte nicht im Reich der Mâyâ, sondern erhebe dich über allen Sinnentrug, suche das Ewige und das wandellose Sat 1), den trügerischen Einflüsterungen der Vorstellungswelt mißtrauend. Denn der Verstand ist wie ein Spiegel; er sammelt Staub an, während er zurückstrahlt, 23). Es bedarf des sanften Hauches der Seelen-Weisheit, um den Staub unserer Täuschung hinweg zu wischen: Suche. Oh Anfänger, deinen Verstand mit deiner Seele zu verschmelzen.
Meide Unwissenheit und ebenso meide Sinnentrug. Wende dein Gesicht von den Taüschungen der Welt ab; mißtraue deinen Sinnen; sie sind trügerisch. Aber innerhalb deinem Körper, dem Schrein deiner Empfindungen - suche im Unpersönlichen nach dem ewigen Menschen, 24) und auf der Suche nach ihm blicke nach innen; du bist Buddha, (Erleuchtet).
Meide das Lob, o Gottheitsergebener: Lob führt zur Selbsttäuschung. Dein Körper ist nicht das Selbst, dein Selbst ist an sich körperlos und bleibt von Lob wie Tadel unberührt.
Selbstbeglückwünschung, oh Schüler, ist wie ein hoher Turm, den ein Hochmütiger Narr erstieg. Da droben sitzt er dann in stolzerfüllter Einsamkeit, von keinem bemerkt außer von ihm selber.
Falsche Gelehrtheit wird von dem Weisen zurückgewiesen und von dem guten Gesetz in den Wind geschlagen. Sein Rad dreht sich für alle, die Demütigen und die Dünkelhaften. Die Lehre des Auges ist für die Menge, die Lehre des Herzens für die Auserwählten. Die ersteren rufen in Überhebung: "Siehe ich weiß"; die Letzteren, jeden, die in Demut gesammelt haben, bekennen leise "Also vernahm ich", (So habe ich gehört, Beginn einer Lehrrede im Pali Kanon).
Das Rad des Guten Gesetzes dreht sich schnell. Es mahlt bei Nacht und Tag. Die wertlose Spreu sondert es von den goldenen Körnern, den Abfall vom Mehl. Karma ´s Hand führt das Rad. Die Umdrehungen zeigen den karmischen Herzschlag an.
Wahres Wissen ist das Mehl, falsche Gelehrtheit die Spreu. Wenn du das Brot der Weisheit essen willst, muß du dein Mehl mit Amrita´s, (Unsterblichkeit), klarem Wasser kneten. Doch wenn du Spreu mit Mâyâ´s Tau vermengst, kannst du nur Nahrung für die schwarzen Todes-tauben schaffen, die Vögel der Geburt, des Verfalls und Kummers.
Wenn man dir sagt, um Arhat, 1) zu werden, du aufhören mußt, alle Wesen zu lieben, - so sage ihnen, daß sie lügen.
Wenn man dir sagt, daß um Befreiung zu erreichen, du deine Mutter hassen und deinen Sohn mißachten, deinen Vater verleugnen und ihn Haushälter, 25) nenne sollst, - den Menschen und Tieren alles Erbarmen versagen mußt, - so tue ihnen kund, daß ihre Rede falsch ist. So lehren die Tirthikas, 1) die Ungläubigen.
Wenn man dich lehrt, daß Sünden aus Tätigkeit und Seligkeit aus unbedingter Untätigkeit entstehen, dann sage Ihnen, daß sie irren. Für Deva-Egos, (die reinkarnierenden Egos) gibt es das nicht-Weiterwirken in menschlichem Tun, die Befreiung des Verstanden von Sünde und Fehler nicht. So besagt die Lehre des Herzens.
Das "Augen" -Dhamma ist die Verkörperung des Äußerlichen und Nicht-Bestehenden.
Das "Herz"-Dhamma ist die Verkörperung von Bodhi (wahre Weisheit), des Beständigen und Ewigenwährenden.
Die Lampe brennt hell, wenn Docht und Öl rein sind. Es ist erforderlich, sie reiner und reiner zu gestalten. Sie fühlt den Vorgang der Reinigung nicht. "Die Zweige eines Baumes werden vom Wind geschüttelt, der Stamm bleibt unbewegt". Tätigkeit wie Untätigkeit können in dir Raum finden, dein Körper bewegt, dein Gemüt in Ruhe, deine Seele klar wie Bergsee.
Willst du denn ein Yogi dieser Zeitalter werden? Also, o Lanu: Glaube nicht, daß das Sitzen in dunklen Wäldern, in stolzer Abgeschlossenheit, fern von den Menschen - glaube nicht, daß eine Nahrung aus Wurzeln und Kräutern, der mit Schnee von dem Großen Gebirge gelöschte Durst, - zum Ziele der endgültigen Befreiung führen wird. Glaube nicht, daß ein Zerbrechen der Knochen, ein Zerreisen von Fleisch und Muskel dich mit deinem schweigenden Selbst (Atmâ) 1) eint. Glaube nicht, oh Opfer deine Schatten (der Physischer Leib wird in der esoterischen Lehre als Schatten, bezeichnet), daß einmal die Sünder deiner grobstofflichen Form besiegt, deine Pflicht durch Natur und Menschen erfüllt ist.
Die Gesegneten verschmähten, dieses zu tun. Der Löwe des Gesetzes, 1), der Herr der Gnade, als er die wahre Ursache menschlichen Leidens erkannte, entsagte sofort der süßen aber selbstischen Ruhe in stiller Wildnis. Aus einem Aranyaka (Einsiedler, Waldasket) wurde er zum Lehrer der Menschheit. Nachdem er Julai, 26) in das Nirmâna eingegangen war, predigte er in Berg und Tal und hielt seine Ansprachen in den Städten für Devas, Menschen und Götter, 27).
Säe gütige Taten und du wirst ihre Früchten ernten. Das Nichtstun einer Tat der Barmherzigkeit wird zum Tun einer tödlichen Sünde.
So spricht der Weise:
Willst du dich des Tuns enthalten? Nicht so wird deine Seele ihre Freiheit gewinnen. Um Nirwana zu erreichen, muß man Erkenntnis erlangen und Selbst-Erkenntnis ist das Kind liebevoller Taten. Habe Geduld, Suchender, wie einer, der weder Mißerfolg fürchtet, noch nach Erfolg strebt. Hefte den Blick deiner Seele auf die Seele deren Strahl du bist, 28), den flammenden Stern, der in den lichtlosen Tiefen des Ewigsein leuchtet, den grenzenlosen Gefilden des Unerkannten. Habe Ausdauer wie einer, der ausharrt für immer. Deine Schatten leben und vergehen (Schatten oder physischer Körper) , das, was in dir ewig leben wird, das, was in dir erkennt , (denn es ist Erkenntnis) ist nicht von flüchtigem Leben: es ist Der Mensch, der war, der ist, der sein wird, dessen Stunde niemals schlägt. Wenn du süßen Frieden und Ruhe ernten willst, Schüler, säe auf den Feldern zukünftiger Ernten die Saaten der Tugend aus. Nimm die Leiden der Geburt hin. Tritt aus dem Sonnenlicht in den Schatten, um für andere mehr Platz zu schaffen. Die Tränen, die den ausgetrockneten Boden der Schmerzen und des Kummers benetzen, bringen die Blüten und Früchte der karmischen Vergeltung hervor. Aus dem Schmelzofen des menschlichen Lebens und seinem schwarzen Rauch erheben sich beschwingte Flammen, gereinigte Flammen, die, weiter schwebend, unter dem Karma-Auge schließlich das köstliche Gewirk der drei Gewänder des Pfades weben, 29). Diese Gewänder sind : Nirmana Kaya, Sambhoga Kaya und Dharma Kaya, das hehre Kleid, 29).
Das Shangna-Gewand 30) , es ist wahr, kann dir ewiges Licht erringen. Einzig das Shangna Gewand verleiht das Nirmana der Vernichtung; es enden die Wiedergeburten, aber, oh Lanu (Schüler), es ertötet auch das Mitempfinden. Vollkommene Buddhas, welche die Dharma kaya Herrlichkeit anlegen, können nicht länger mehr dem Menschen zum Heil verhelfen. Ach, sollen Selbste dem einen Selbst, die Menschheit dem Wohl der Einzelnen geopfert werden? Wisse, 0 Anfänger. dies ist der offene Pfad, der Weg zu selbstischer Seligkeit, den die Bodhisattva des Geheimen Herzens, die Buddhas der Barmherzigkeit meiden.
Zu leben, um der Menschheit zu nützen, das ist der erste Schritt. Die sechs glorreichen Tugenden (Die 6 Paramitas ,1) zu üben, ist der Zweite. Nirmanakayas bescheidenes Kleid anlegen, bedeutet, für das eigene Selbst die ewige Seligkeit zu lassen, um das Heil der Menschheit zu fördern. Nirwanas Seligkeit zu erreichen, dann ihr zu entsagen, ist der äußerste, der letzte Schritt, der höchste auf dem Pfade der Entsagung. Wisse, o Schüler, dies ist der geheime Pfad, den die Buddhas der Vollkommenheit wählten, die ihr Selbst den schwächeren Selbsten opferten. Wenn dir jedoch die Lehre des Herzens zu hochstrebend ist, wenn du selbst hilfsbedürftig bist und fürchtest, anderen deine Hilfe anzubieten,-dann, du furchtsames Herz, lasse Dich beizeiten warnen : begnüge dich mit der "Augen"-Lehre des Gesetzes. Hoffe weiter. Denn wenn der geheime Pfad heute unerreichbar ist, so ist er doch morgen in deinem Bereich. Lerne, daß keine Bemühung, auch nicht die geringste - weder in der rechten, noch in der unrechten Richtung aus der Welt der Ursachen entschwinden kann. Selbst nutzloser Rauch vergeht nicht spurlos. "Ein in vergangenen Leben gesprochenes hartes Wort ist nicht verflogen, sondern kehrt immer wieder . Die Pfefferpflanze kann' nicht Rosen treiben, noch werden die Silbersterne des lieblichen Jasmins sich zu Dornen und Disteln wandeln. Heute kannst du dir die Gelegenheiten für dein Morgen schaffen. Auf der großen Wanderung, (Yuga, 1) bringen die Ursachen, die zu jeder Stunde gesät werden, eine jede ihre Ernte von Wirkungen hervor, denn strenge Gerechtigkeit regiert die Welt. Mit mächtigem Schwung nie irrender Wirksamkeit schafft sie den sterblichen Leben voll Wohl oder Weh, die karmische Nachkommenschaft all unserer früheren Gedanken und Taten. Nimm drum soviel, als dein Verdienst für dich im Vorrat hat, du, der du geduldigen Herzens bist. Sei guten Mutes, mit deinem Schicksal zufrieden. Es ist so dein Karma, das Karma des Kreislauf (Zyklus) der Geburten, das Los derer, die in ihrem Schmerz und Kummer mit dir zugleich geboren werden, sich Leben nach Leben freuen und weinen, an deine früheren Taten gekettet.
Wirke du heute für sie und sie werden es morgen für dich tun. Nur aus der Knospe der Selbstentsagung entsteht die süße Frucht endgültiger Befreiung. Der ist zum Untergang verdammt, der sich aus Furcht vor Mara davon abhalten läßt, den Menschen zu helfen, um ja nicht egoistisch zu handeln. Der Pilger, der seine müden Glieder im fließenden Wasser kühlen will, es jedoch nicht wagt, hinein zu tauchen, aus Furcht vor dem Strom, läuft Gefahr, der Hitze zu erliegen. Untätigkeit, die sich auf selbstsüchtiges Fürchten gründet, kann nur üble Früchte bringen.
Der Selbstsüchtige Frömmler lebt zwecklos. Der Mensch, der seine ihm zugewiesene Arbeit im Leben nicht tut, hat umsonst gelebt. Folge dem Rad des Lebens; folge dem Rad der Pflichten gegenüber Rasse und Sippe, Freund und Feind gegenüber und verschließe dein Gemüt der Lust wie dem Schmerz. Erschöpfe das Gesetz karmischer Vergeltung. Gewinne Siddhis für deine zukünftige (Wieder-) Geburt. Kannst du nicht Sonne sein, so sei der bescheidene Planet. Ja, wenn es dir versagt ist, wie die Mittagssonne auf dem schneebedeckten Gipfel der ewigen Reinheit zu strahlen, dann, o Neophyt, wähle eine bescheidenere Bahn.
Weise den Weg, - wenn auch noch so schwach leuchtend und unter der Menge verschwindend, - wie es der Abendstern für jene tut, die ihren Weg in der Dunkelheit wandern. Sieh Migmar in seinen karmesinroten Schleiern, wie sein Auge über die schlummernde Erde gleitet. Sieh die feurige Aura von Lhagpa's Hand in beschützender Liebe über die Häupter seiner Asketen ausgestreckt. Beide sind sie nur Nyima, 31) Diener, in ihrer Abwesenheit als schweigende Wächter in der Nacht zurückgeblieben. Beide aber waren in vergangenen Kalpas leuchtende Nyimas und mögen in kommenden Tagen wieder zwei Sonnen werden. Dies ist das Fallen und Steigen nach karmischem Gesetz in der Natur. Sei du, oh Lanu, wie diese. Spende dem mühsam sich weiterschleppenden Pilger Licht und Labung und suche den auf, der noch weniger weiß, als du, der in seiner jammervollen Trostlosigkeit nach dem Brot der Weisheit darbt und dem Brot, das den Schatten nährt, - ohne Lehrer, Hoffnung und Tröstung; und lasse ihn das Gesetz vernehmen. Sage ihm, o Suchender, daß, wer Hochmut und Eigenliebe der Hingebung als Sklaven unterordnet, - daß, wer am Dasein haftend, doch seine Geduld und Gesetzesunterwürfigkeit wie eine liebliche Blume dem Sakya Thub-pa, (Buddha), zu Füßen legt, wird (noch) in diesem Leben ein Srotâpattis, 32). Die Siddhis der Vollkommenheit mögen noch weit, weit in der Ferne leuchten ; aber der erste Schritt ist getan, er hat sich in den Strom begeben und er kann nun des Bergadlers Blickschärfe erreichen.
Sage ihm, oh Strebender, daß wahre Hingebung ihm das Wissen zurückbringen kann, das Wissen, welches in früheren Leben sein war. Das Deva Gesicht und das Deva-Gehör werden nicht in einem kurzen Leben erlangt. Sei demütig, wenn du Weisheit erlangen willst: sei demütiger noch, wenn du Weisheit gemeistert hast. Sei wie das Meer, das alle Ströme und Flüsse aufnimmt. Des Meeres mächtige Ruhe bleibt unbewegt; es, fühlt diese nicht. Halte dein niederes Selbst im Bann deines göttlichen. Halte das göttliche im Banne des ewigen. Wahrlich, groß ist er, der Vernichter des Begehrens, größer noch der, in dem das Göttlichen Selbst sogar das Wissen um Begehrlichkeit vernichtet hat. Bewache das Niedere, auf daß es nicht das Höhere beflecke. Der Weg zur endgültigen Freiheit liegt in deinem Selbst. Dieser Weg beginnt und endet außerhalb des Selbst(ischen).
Die Mutter aller Ströme erscheint den hochmütigen Augen der Tirthikas, 1) ungepriesen von den Menschen und bescheiden und die menschliche Form der Augen der Toren leer, wenn sie auch mit Amritas lieblichen Wassern gefüllt ist. Dennoch ist das heilige Land die Ursprungsstätte der heiligen Ströme und wer Weisheit hat, wird von allen Menschen geehrt. .Arhats und Weise mit unbegrenztem Erschauen, 33) sind so selten, wie (die Blüten des Udambara Baumes. Arhats werden um die Mitternachtsstunde geboren, zugleich mit der heiligen Pflanze die neun und sieben Stengel hat, (Shangna Pflanze, die nur an reinen Orten wächst, bei der Geburt eines Initiierten, laut der Legende), der heiligen Blume, die sieh im Dunkeln öffnet und erblüht, aus dem reinen Tau und dem eisesstarren Boden der schneebedeckten Höhen, Höhen die kein sündiger Fuß betritt. Keiner, oh Lanu, wird in dem Leben zum Arhat, in welchem die Seele sich zum ersten Male nach endgültiger Befreiung zu sehnen beginnt. Aber, du Eifriger, keinem Krieger, der freiwillig in den wilden Kampf zwischen dem Lebenden und dem Toten, 34) tritt, nicht einem einzigen Rekruten kann jemals das Recht verweigert werden, den Pfad zu betreten, der zum Schlachtfeld führt. Denn entweder wird er siegreich sein, oder er wird fallen.
Wenn er siegt, dann, wahrlich, wird ihm Nirwana zu eigen. Ehe er noch seinen Schatten abwirft, seine sterbliche Hülle, die gewichtige Ursache von Ängsten und grenzenloser Pein, werden die Menschen in ihm einen großen und heiligen Buddha verehren. Und wenn er fällt, fällt er doch auch dann nicht umsonst; die Feinde, die er im letzten Kampfe erschlug, werden in dem nächsten Leben, das ihm wird, nicht wieder lebendig werden. Doch wenn du Nirwana erreichen willst oder den (errungenen) Preis hingeben, 29) , lasse nicht die Furcht von Tätigkeit oder Untätigkeit dein Beweggrund sein, o du, der du furchtlosen Herzens bist. Wisse, daß der Bodhisattva, die Befreiung gegen Entsagung eintauscht, um die Nöte des geheimen Lebens (Leben als Nirmanakaya) auf sich zu nehmen, der dreimal Verehrungswürdige genannt wird, oh du durch die Zeitalter (Kreisläufe) um das Weh Werbender. E i n Pfad ist es, Schüler, doch zweifach am Ende. Seine Stufen sind durch vier und sieben Tore (siehe das III Bruchstück: die sieben Pforten) gekennzeichnet. An dem einen Ende unmittelbare Seligkeit und an dem anderen die Seligkeit hinausgeschoben. Beide sind der Lohn der Tugend; die Wahl bleibt dir überlassen. Der eine wird zu den zweien, dem offenen und dem geheimen, 35). Der Erste führt zum Ziel, der Zweite zur Selbsthingabe. Sobald das Unbeständige den Dauernden geopfert wurde, ist der Preis dein. Der Tropfen kehrt dorthin zurück, von wo er kam. Der offene Pfad führt zur wandellosen Wandlung - Nirwana, dem erhabenen Zustand des Absoluten, der Seligkeit, die kein menschliches Denken ermißt.
So ist denn der erste Pfad Befreiung. Der zweite Pfad aber ist Entsagung und wird daher der Leidenspfad genannt.
Der geheime Pfad führt den Arhat zu unaussprechlichem seelischen Leid. Leid um die lebendigen Toten, (Menschen, die von den esoterischen Wahrheiten nichts wissen wollen, werden als die lebendigen Toten genannt) und zu hilflosem Erbarmen mit den Menschen in karmischer Not.
Denn es steht geschrieben: "Lehre alle Ursachen zu vermeiden: dem Wellenschlag der Wirkungen aber, wie der großen Flutwellen der Gezeiten, sollst du den Lauf lassen. Der offene Pfad wird dich, sobald du sein Ziel erreichst, dahin führen, den Bodhisattva Körper abzustreifen und wird dich eingehen lassen in den dreimal erhabenen Zustand des Dharma Kaya, 29) welcher das Vergessen der Welt und der Menschen für immer bedeutet.
Auch der geheime Weg führt zu paranirwanischer Seligkeit - jedoch erst am Ende von zahllosen Kalpas 1), Nirwanas, die gewonnen und verloren wurden durch grenzenloses Mitleid und Erbarmen mit der Welt der trugbefangenen Sterblichen.
Doch es ward gesagt: "Der Letze wird der Größte sein". Sambuddha, (Der Lehrer der Vollkommenheit, Siddharta Gautama), gab sein Selbst hin für das Heil der Welt, in dem er an der Schwelle von Nirwana, dem reinem (Seins-)Zustande, innehielt.
Du besitzt nun das Wissen um die beiden Wege. Deine Zeit für die Wahl wird kommen, o du mit der eifrigen Seele, wenn du das Ende erreicht und die sieben Tore durchschritten hast. Dein Denken ist klar. Nicht länger mehr bist du in Gedanken der Täuschung befangen, denn du hast alles gelernt. Unverhüllt steht die Wahrheit vor dir und blickt dir unbeugsam ins Antlitz. Sie sagt:
"Süß sind die Früchte der Ruhe und Befreiung des Eigenlebens: doch süßer noch die Früchte länger und bitterer Pflicht -(Erfüllung): ja, Entsagung um der leidenden Mitmenschen willen".
Der Bodhisattva, 1) der den Kampf gewann, der den Preis in Händen hält und dennoch in seinem göttlichen Erbarmen spricht:
Um anderer willen lasse ich von diesem großen Lohn" - vollbringt die größere Entsagung. Er ist ein Erlöser der Welt.
Siehe! Das Seligkeitsziel und der Leidenspfad liegen am fernsten Ende. Du kannst zwischen ihnen beiden wählen, oh du, durch die kommenden Kreisläufe nach Kümmernis Strebender!
AUM VAJRAPANI HUM.

NOTA BENE:
Die folgenden Hinweise befinden sich auch im Original; hier, da viele davon im Glossar enthalten sind, wurden sie zum Schluß der beiden ersten Bruchstücke gebracht.
1) siehe Glossar
2) Jñanesharî, in der Maharasht Sprache abgefaßtes Werk, in dem auch die Bagavadgîtâ mit Kommentar zu finden ist.
3) Die lautlose Stimme oder "die Stimme der Stille"; wörtlich: die Stimme des geistigen Tons", da das Wort Nadâ, in der Sanskrit- und Senzar-Sprache, das gleiche ist.
4) Kala Hamsa, der Vogel oder Schwan. Das Nadavindupanishad (Rig Veda), übersetzt durch die Theosophische Gesellschaft von Kumbakhoman, sagt: Die Silbe A gilt als des Vogel ´s Hamsa rechter Flügel, U als sein linker, M als sein Kopf.
5) Ewigkeit steht hier stellvertretend für, normaleweise 100 Jahre des Brahmas, die Dauer eines Mahâ Kalpa oder 311 040 000 000 000 Jahren.
6) Du mußt von dem Leben der Persönlichkeit absehen, wenn du die Befreiung willst.
7) Turiya, jenseits des traumlosen Zustandes, eine sehr hoher geistiger Zustand.
8) Es werden sieben Daseinsebenen zugrunde gelegt, die sieben (geistigen) Orte oder Welten innerhalb des Körper von Kala Hamsa, der Schwan außerhalb von Zeit und Raum haben, der in den Schwan im Zeitlichen verwandelbar ist, wenn er aus Brahman, sich manifestiert.
9) Nur die Erscheinungswelt der Sinne und der irdischen Bewußtseins.
10) Die Halle der Prüfung.
11) Die astrale Sphäre oder die Empfindungs-Welt, die psychische Welt der übersinnlichen Wahrnehmungen der täuschenden Gesichte, die Welt der Medien, des Mediums. Es ist die große "astrale Schlange", wie Eliphas Levi sie nennt. Keine Blüte, die in jenen Regionen gepflückt wird, ist je zur Erde herab gebracht worden, ohne die um ihren Stengel geringelte Schlange. Es ist die Welt der großen Täuschung .
12) Die Ebene oder Sphäre des vollen geistigen Bewußtseins, über das hinaus es keine Gefahr für den gibt, der sie erreichte.
13) Der Initiierte, der durch das Wissen, das er vermittelt, dem Schüler zu seiner geistigen oder zweiten Geburt verhilft, wird der Vater, Guru oder Meister genannt.
14) Die innere Kammer des Herzen, die im Sanskrit Brahma-pura genannt wird. Die "feurige Kraft" ist Kundalini.
15) Die "Kraft" und die "Welt Mutter" sind Namen, mit denen Kundalini bezeichnet wird, eine der mystischen Yogakräfte. Es ist Buddhi (die Kraft des Gerechtigkeitsleibes),als ein aktives Prinzip betrachtet, anstatt als ein passives (das es gewöhnlich ist, wenn man es nur als das Vehikel oder Gefäß des höchsten Geistes, Atmâ, ansieht). Es ist eine elektro-geistige Kraft, eine schöpferische Macht, die, wenn sie zur Tätigkeit erweckt ist, ebenso leicht töten wie erschaffen kann.
16) Die mystischen Töne, oder die Melodie, die der Asket zu Beginn seines Meditationszyklus vernimmt, wird von den Yogis Anahatashabda genannt. Das Anahata ist das vierte der Chakras.
17) Dies bedeutet, daß auf der sechsten Stufe der Entwicklung, die in dem esoterischen System mit Dharânâ bezeichnet wird, jeden Sinn als eine persönliche Fähigkeit auf dieser Ebene "ertötet" (oder unwirksam gemacht) werden muß, in dem der Asket in den siebten, den geistigen Sinn übergeht und sich mit ihm (der Sinn) vereint.
18) Der im Kopf flammende Stern ist der Stern der Initiation. Das Zeichen der Shaivas oder Anhänger von Shiva, der Beschützer aller Yogis, ist ein schwarzer, runder Fleck, - jetzt vielleicht das Symbol der Sonne, in alten Zeiten aber, in der Esoterischen Philosophie, das Zeichen des Sterns der Initiation.
19) Die fünf Hindernisse sind: Das Wissen um das Elend, die Wahrheit über die menschlichen Schwächen, bedrückenden Hemmnisse, unbedingte Loslösung aus allen leidenschaftlichen Bindungen, Wünschen.
20 ) Die Erscheinungsarten der Wahrheit sind (im nördlichen Buddhismus: Ku - Leiden oder Elend, Tu - die Häufung von Versuchungen, Mu - Vernichten der Leiden, Tau - der Pfad.
21) Die esoterische Schule von Siddharta wird die Herzens-, die exoterische die Augen-Lehre genannt. Bodhidharma, die Weisheitsreligion in China - von wo die Bezeichnungen nach Tibet kamen - nannte sie Tsung-men (esoterische) und Kiau-men (exoterische Schule). Die Herzenslehre wurde so genannt, weil sie vom Herzen von Siddharta, während die Augen Lehre von seinem Verstand, ausging. Die Herzenslehre wird auch das Siegel der Wahrheit oder das wahre Siegel, genannt, ein Symbol, das als Überschritt in nahezu allen esoterischen Werken gefunden wird.
22) Der Baum der Erkenntnis ist eine Bezeichnung, welche die Anhänger von Bodhidharma (Weisheitsreligion) jenen geben, die den Gipfel der esoterischen Erkenntnis erreicht haben - den Adepten. Nagarjuna, der Begründer der Madhyamika Schule, wurde der Drachenbaum genannt, da der Drache als ein Symbol der Weisheit und Erkenntnis gilt. Der Baum wird verehrt, da unter dem Bodhi- (Weisheit) Baum Buddha seine Geburt und Erleuchtung fand, zum ersten Mal seine Lehre verkündete und starb.
23) Aus Shin-Sien´s Lehre, die besagt, daß der menschliche Verstand wie ein Spiegel ist, der jedes Staubatom anzieht und widerspiegelt und wie ein Spiegel überwacht und täglich vom Staub gereinigt werden muß. Shin-Sien war der sechste Patriarch von Nord China, der die esoterische Lehre von Bodhidharma lehrte.
24) Buddha bedeutet, erleuchtet.
25) In der Legende, genannt Rathapala Sutrasanna, spricht Rathapala, der große Arhat seinen Vater so an. Da aber alle derartigen Legenden allegorisch aufzufassen sind, richtet sich der Tadel gegen jene, die "die 7 Türen" wortwörtlich nehmen.
26) Julia ist der chinesische Name für Tathâgata, eine Bezeichnung, die für jeden Buddha angewendet wird.
27) Alle nördlichen und südlichen Überlieferungen weisen uns übereinstimmend den Buddha, der seine Einsamkeit verließ, sobald er das Problem des Lebens gelöst, was bedeutet, die innere Erleuchtung erreicht hatte - und der die Menschen öffentlich lehrte.
28) Jeder Mensch ist - der esoterischen Lehre zufolge - ein Strahl eines planetarischen Geistes.
29) siehe die Nirmanakaya Fußnote im III Bruchstück: die 7 Pforten.
30) Das Shangna Gewand, nach Shangna-vesu aus Rajagriha, dem dritten großen Arhat oder Patriarchen, wie die Orientalisten die Hierarchie der 33 Arhats nennen, die den Buddhismus verbreiteten. Das Shangna-Gewand, bedeutet, im bildlichen Sinn, das Erreichen von Weisheit, mit der das Nirwana der Vernichtung (der Persönlichkeit) betreten wird. Wörtlich genommen, ist es das Einweihungsgewand der Neophyten. Edkins stellt fest, daß dieses Nesseltuch (Grasleinen aus den Fasern des Chinagrases) während der Tong Dynastie aus Tibet nach China gebracht wurde. "Wenn ein Arhat geboren wird, sieht man diese Pflanze an reinen Orte wachsen", sagt die chinesische wie die tibetanische Legende".
31) Niyma (tibetanisch), Sonne; Migmar oder Mars wird durch ein Auge symbolisiert und Lhagpa oder Merkur durch eine Hand.
32) Srotâpatti oder "er, der sich in den Strom begibt" (der Stromeintretende), nach Nirwana kann - es sei denn, daß er durch einige außergewöhnliche Umstände zum Ziel kommt - selten in einer einzigen Inkarnation Nirwana erreichen. Normalerweise wird angenommen, daß ein Stromeintretender die Mühe des Aufstiegs auf sich nimmt und erst in der siebenten Inkarnationen das Ende derselben erreicht.
33) Siehe die Anmerkung über die Shangna Pflanze.
34) Das Leben bedeutet den unsterblichen Teil des Menschen (Individualität) und das Tote der sterbliche Tei (Persönlichkeit).
35) Der offene Pfad ist jener, der von den Laien geehrt wird, der exoterische und allgemein Angenommene, während die Erläuterung der Art und Weise des Geheimes Pfades bei der Initiation erfolgt.

III BRUCHSTÜCK
DIE 7 PFORTEN
NOTA BENE:
In diesem Abschnitt werden die Bezeichnungen, so wie sie Frau Blavatsky benutzt, in Sanskrit, nicht aber in der Pali Sprache gebracht (Beispiel : Achariya S, Âcariam P. Da diese Wörter sehr ähnlich sind, wurde die Originalsprache der Frau Blavatsky hier beibehalten).
"Achariya 1), die Wahl ist getroffen, ich durste nach Weisheit. Nun hast du den Schleier, der vor dem geheimen Pfade lag, zerrissen und das größere Yana, 2) gelehrt. Dein Diener hier ist bereit für Deine Führung".
Es ist gut Shravaka, 3): Sei bereit, denn du wirst allein zu wandern haben. Der Lehrer kann bloß den Weg weisen. Der Pfad ist für alle der gleiche, nur die Mittel, um das Ziel zu erreichen, müssen sich je nach den Pilgern ändern. Welchen willst Du wählen, o du, der du furchtlosen Herzens bist? Den Santan, 4) der "Augen" Lehre, vierfältiges Dhyâna , oder willst du dir den Weg durch die Paramitas, 5) suchen, sechs an der Zahl, herrliche Tore der Tugend, die zu Bodhi und zu Prajna, dem siebenten Schritt der Weisheit führen? Der rauhe Pfad des vierfältigen Dhyâna schlängelt sich bergauf. Dreimal groß ist er, der den aufragenden Gipfel erklimmt. Die Paramita-Höhen werden auf einem noch steileren Pfad überschritten. Du mußt dir den Weg durch sieben Tore bahnen, sieben Bollwerke, die von grausamen, listigen Mächten bewacht sind - den verkörperten Leidenschaften. Sei guten Mutes, Schüler, behalte die goldene Regel im Gedächtnis. Wenn du einmal die Pforte von Sotâpatti, 6) "er, der sich in den Strom begab", durchschritten hast, wenn einmal dein Fuß in diesem oder einem künftigen Leben des nirwanischen Stromes Bett betrat, dann liegen vor dir nur noch sieben Geburten, oh du mit dem unbeirrbaren Willen. Schaue weiter. Was zeigt sich deinem Blick, du nach Gott-gleicher Weisheit Strebender? "Der Mantel der Finsternis liegt über den stofflichen Tiefen: in ihren Falten ringe ich. Unter meinem Blick wird er dichter, oh Herr; er wird gebannt durch einen Wink Deiner Hand. Ein Schatten bewegt sich kriechend, gleich einer Schlange sich dehnend und ringend... Er wächst, schwillt an - und verschwindet im Dunkel".Er ist der Schatten deiner selbst außerhalb des Pfades, der auf die Dunkelheit deiner Sünden fällt."Ja Herr, ich sehe den Pfad: seinen Beginn im Schlamm, seinen höchsten Punkt im strahlenden nirwanischen Licht verloren: und nun blicke auf die immer enger werdenden Pforten auf dem harten und dornigen Weg zu Jana".
Du siehst recht, Lanu. Diese Tore führen den Strebenden über die Wasser zum anderen Ufer, 7). Jedes Tor hat einen goldenen Schlüssel, der den Zugang öffnet; und diese Schlüssel sind:
1. Dânam, der Schlüssel der Mildtätigkeit und unsterblichen Barmherzigkeit.
2. Silam, der Schlüssel der Harmonie in Wort und Tat, die Ethik, der Schlüssel, welche die Ursachen und Wirkungen ausgleicht.
3. Kshanti, süße Geduld, die durch nichts gestärkt werden kann.
4. Vairâgya, Gleichmut in Freude und Leid, Überwindung der Täuschungen, Wahrnehmung der Wahrheit allein.
5. Viriya, die furchtlose Tatkraft, die sich aus dem Schlamm der irdischen Lügen heraus den Weg zur himmlischen Wahrheit bahnt.
6. Dhyâna, dessen goldenes Tor einmal geöffnet, den Naljor, 8) zum Reich des ewigen Sat und dessen nie endender Seins-Betrachtung (Kontemplation) führt.
7. Prajna, zu welchem sein Schlüssel ein Gottheit aus dem Menschen schafft, ihn zu einem Bodhisatva macht, zum Sohn der Dhyâni.
Dies sind die goldenen Schlüssel zu den Pforten.
Ehe du dich der letzen derselben nähern kannst, o du Wirker deiner Freiheit, mußt du diese Paramitas der Vollkommenheit meistern - die erhabenen Tugenden, sechs und zehn an der Zahl - entlang des mühevollen Pfades. Denn, o Schüler, ehe du tauglich warst, deinem Lehrer von Angesicht zu Angesicht, deinem Meister Licht zu Licht gegenüber zu stehen, was wurde dir da gesagt? Ehe du dich dem ersten der Tore nähern kannst, mußt du lernen, deinen Körper von deinem Verstand zu trennen, die Schatten zu verscheuchen und im Ewigen zu leben. Dies zu erreichen, mußt du in allem leben und atmen, wie alles, was du wahrnimmst, in dir atmet; mußt dich in allen Dingen weilend fühlen, alles im Selbst. Du sollst das Denken nicht zum Spielplatz deiner Sinne werden lassen. Du sollst dein Dasein nicht vom Sein und den anderen trennen, sondern das Meer im Tropfen, den Tropfen im Meer, aufgehen lassen. So wirst du mit allem was da lebt, vollkommen in Einklang sein, wirst die Menschen als deine Mitschüler - Brüder lieben, als Schüler eines Lehrers, die Söhne einer lieblichen Mutter. Der Lehrer gibt es viele, die Meister-Seele ist aber eins, 9), Alaya, die universale (allumfassende) Seele. Lebe in diesem Meister, wie sein Strahl in dir. Lebe in deinen Gefährten, wie sie darin leben. Ehe du an der Schwelle des Pfades stehst, ehe du das erste Tor durchschreitest, mußt du die zwei in eins verschmelzen und das persönliche Selbst dem unpersönlichen opfern, so daß der Pfad zwischen den beiden - Antahkarana, 10) zerstört wird. Du mußt bereit sein, Dharma, dem strengen Gesetz, Rede zu stehen, dessen Stimme dich bei deinem ersten, dem Anfangsschritt befragen wird:"Hast du alle die Vorschriften erfüllt, oh du Grosses Erhoffender?" "Hast du Herz und Sinn in Übereinstimmung gebracht mit dem großen Sinn und Herz der ganzen Menschheit? Denn gleich der brausenden Stimme des heiligen Stromes, von dem alle Laute der Natur zurückgeworfen werden, 11) Muß das Herz dessen, der sich in den Strom begeben will, in Erwiderung jedes Seufzers und Gedankens alles dessen erzittern, was da lebt und atmet. "Schüler können den Saiten der, die Seele ertönenden Vina (Musikinstrument) verglichen werden, die Menschheit ihrem Resonanzboden; die Hand, die darüber gleitet, dem melodischen Atmen der großen Welt-Seele. Die Saite, die unter der Berührung des Meisters nicht in süßer Harmonie mit all den übrigen schwingt, reißt und wird weggeworfen. So mit dem einigen Denken der Lanu-Shravakas. Sie müssen auf das Denken des Acharya abgestimmt werden - eins mit der All-Seele - oder sich losreißen. Dies tun die Brüder des Schattens - die Verderber ihrer Seelen, die gefürchteten Dad-Dugpas, 12).Hast du dein Wesen auf das große Leiden der Menschheit abgestimmt, der du um das Licht wirbst? Du hast?.... So tritt denn ein. Doch ehe du den düsteren Pfad der Kümmernis betrittst, mag es gut für dich sein, erst die Fallen, die dein Weg birgt kennen zu lernen.--
Mit dem Schlüssel der Mildtätigkeit, der Barmherzigkeit und zarten Mitgefühl, versehen, schreitest du sicher vor Dâna's Tor, das an dem Eingang des Pfades steht. Siehe, oh glücklicher Pilger, die Pforte vor dir ist hoch und weit und scheint leicht zugänglich. Die Straße, die hindurchführt, ist gerade und glatt und voll Grün. Sie ist wie auf einer sonnigen Lichtung inmitten dunkler Waldestiefen, ein Erdenfleck, in dem Amitabas Paradies sich widerspiegelt. Dort singen unter grünem Blätterdach die Nachtigallen der Hoffnung und Vögel mit leuchtenden Pilgern von Erfolg. Sie singen von den fünf Tugenden der Bodhisatva, der fünffachen Quelle der Bodhikraft und von den sieben Stufen der Erkenntnis. Gehe hindurch, denn du hast den Schlüssel gebracht. Du schreitest sicher.
Und auch zur zweiten Pforte hin schmückt Grün den Weg, doch ist er abschüssig und schlängelt sich bergauf; ja, hin zu seinem felsigen Gipfel. Graue Nebel werden über seinen rauhen, steinigen Höhen hängen und jenseit derselben wird alles dunkel sein. Während er weiter schreitet, ertönt in des Pilgers Herzen der Sang der Hoffnung schwächer. Schauer des Zweifels sind nun über ihn gekommen; sein Schritt verliert die Festigkeit. Hüte dich davor, oh Strebender; hüte dich vor Furcht, die sich, gleich den schwarzen, lautlosen Flügel der mitternächtlichen Fledermaus, zwischen dem Mondlicht deiner Seele und deinem großen Ziel ausbreitet, das dort in weiter Ferne leuchtet. Furcht, oh Schüler, ertötet den Willen und hemmt alles Tun.
Wenn es ihm an der Sila-Tugend gebricht, strauchelt der Pilger und karmisches Steingeröll verletzt ihm die Füße auf dem felsigen Pfad. Schreite mit sicherem Tritt, o Vorwärtsstrebender.
Bade deine Seele im Balsam Kshanti (Sanskrit = Geduld), das diesen Namen trägt, dem Tor der Standhaftigkeit und Geduld. Schließe deine Augen nicht, noch lasse den Blick von Dorje, 13); Maras Pfeile treffen allzeit den, der noch nicht zu Vairâgya gelangt ist 14). Hüte dich, zu erbeben. Vom Atem der Angst wird der Schlüssel von Kshanti rostig; der rostige Schlüssel aber will nicht aufschließen, je weiter du vordringst, um so mehr werden deine Füße auf Fallen stoßen. Der Pfad, der vorwärtsführt, ist (nur) von einem Feuer erleuchtet - dem Lichte kühnen Wagens, das in deinem Herzen brennt. Je mehr einer wagt, desto mehr wird er gewinnen. Je mehr er fürchtet, desto mehr wird jenes Licht verblassen - und das allein kann leiten. Denn wie dem zögernden Sonnenstrahl, der den Gipfel eines hohen Berges in Glanz taucht, die schwarze Nacht folgt, wenn er entschwindet, so ist es mit dem Herzenslicht. Wenn es erlischt, wird ein dunkler, drohender Schatten aus deinem eigenen Herzen über den Pfad fallen und der in deinem Erschrecken die Füße wie angewurzelt auf die Stelle bannen. Hüte dich, oh Schüler, vor diesem verderblichen Schatten. Kein Licht, das von dem Geist ausgeht, kann die Dunkelheit der Seele in den niederen Welten verscheuchen, es sei denn, das alle selbstischen Gedanken ihr entflohen sind und daß der Pilger spricht: "Ich habe deiner flüchtige Form entsagt: ich habe die Ursache zerstört; die Wirkungen können nicht länger mehr fallende Schatten sein". Denn nun hat die letzte große Schlacht, der Erdkampf zwischen dem höheren und dem niederen Selbst stattgefunden. Sieh, sogar das Schlachtfeld wurde nun von dem großen Kriege verschlungen und ist nicht mehr.
Aber einmal das Tor von Kshanti durchschritten, ist der dritte Schritt getan. Dein Körper ist Dir nun Sklave. Jetzt halte dich bereit für das vierte, das Tor der Versuchungen, die den inneren Menschen umgarnen. Ehe du dich diesem Ziele nähern, ehe du die Hand erheben kannst, die Klinke des vierten Tores zu erfassen, mußt du alle die geistigen Veränderungen in dir bemeistern und das Heer der Gedankeneindrücke vernichtet haben, die sich schlau und heimtückisch, ungerufen in das helle Heiligtum der Seele schleichen. Wenn du nicht von ihnen vernichtet werden willst, dann mußt du deine eigenen Schöpfungen, die Kinder deiner Gedanken unschädlich machen, die ungesehen, ungreifbar die Menschenwesen umschwärmen, - die Nachkommen und Erben des Menschen und seiner irdischen Beute. Du mußt die Leerheit des scheinbar Erfüllten, die Fülle der scheinbaren Leere erforschen. Oh furchtlos Suchender, blicke tief hinab in den Brunnenquell deines eigenen Herzens des SELBST, o du Beobachter äußerer Schatten? Wenn du sie nicht kennst, dann bist du verloren. Denn auf dem vierten Pfad wird der leisesten Hauch von Leidenschaften oder Begehren die Stetigkeit des auf die reinen weißen Wände der Seele fallenden Lichtes stören. Die kleinste Welle von Sehnsucht oder Zurückverlangen nach Mayas trügerischen Gaben auf Antahkarana - dem Pfad, der zwischen deinem höheren und deinem (niederen) Selbst liegt, die Heerstrasse der Empfindungen, der ungestüme Erreger von Ahamkara, 16) - ein Gedanke so flüchtig wie der Blitz wird dich die drei Preise verlieren lassen - die Preise, die du errungen hast. Denn wisse, daß das Ewige keine Unbeständigkeit kennt."Lasse die acht schrecklichen Nöte für immer hinter dir; denn ehe du es nicht tust, kannst du gewiß nicht Weisheit erlangen, Herr, der Tathâgata der Vollkommenheit, er, der seinem Vorgänger nachfolge, 16).
Streng und fordernd ist die Tugend Vairâgya. Wenn du ihren Pfad meistern willst, mußt du dein Denken und Empfinden viel mehr denn je von vernichtender Tat freihalten. Du mußt dich am reinen Alaya sättigen, mußt dich mit den Seelen-Gedanken der Natur verschmelzen. Eins geworden mit ihm, bist du unbesiegbar, getrennt davon, wirst du zum Spielball von Samvritti, 17), der Quell aller Täuschungen der Welt. Alles im Menschen ist unbeständig bis auf das reine, leuchtende Wesen Alayas. Der Mensch ist dessen kristallheller Strahl; ein Strahl von unbefleckten Licht im inneren, auf niederer Oberfläche ein Gebilde aus Staub uns Asche. Jener Strahl ist dein Führer im Leben und dein wahres Selbst, der Wächter und schweigende Denker, das Opfer deines niederen Selbst. Nichts als dein irrender Körper kann deine Seele verletzen; beherrscht und leitet beide und du schreitest sicher, wenn du zu dem jetzt nahen "Tor des Gleichgewichts" hinübergehst. Sei guten Mutes, oh kühner Pilger bis hin zum anderen Ufer. Achte nicht auf das Flüstern von Maras Scharen; scheuche sie fort, die Versucher, diese bösartigen Geister, die missgünstigen Lhamayin, 18) im endlosen Raum. Bleibe fest! Du näherst dich nun der Mittel-Pforte, dem Tor des Leids mit seinen zehntausend Fallstricken. Sei Herr deiner Gedanken, o du nach Vollkommenheit Ringender, wenn du seine Schwelle überschreiten willst. Sei Herr über deine Seele, o du nach den unvergänglichen Wahrheiten Suchender, wenn du das Ziel erreichen willst. Hefte den Blick deiner Seele auf das eine reine Licht, das Licht, das frei ist von aller Leidenschaft, und handhabe deinen goldenen Schlüssel.--
Die harte Aufgabe ist vollbracht, deine Mühe seinem Ende nah. Der weite Abgrund, der sich auftat, dich zu verschlingen, ist fast überbrückt.--
Du hast nun den Graben überwunden, der sich rings um das Tor der menschlichen Leidenschaften hinzieht. Du hast nun Mara und seine wütenden Scharen besiegt. Du hast Entweihendes aus deinem Herzen verbannt und unreines Begehren darin verbluten lassen. Aber, du glorreicher Kämpfer, noch ist deine Arbeit nicht zur Gänze getan. Führe die Mauer hoch auf, oh Lanu, die das heilige Eiland, 19) umschließen soll, die Wehr, die dein Denken vor Hoffart und Genugtuung im Gedanken an die vollbrachte Tat beschirmen wird. Ein Gefühl der Überhebung würde das Werk verderben. Oh errichte sie stark, auf das nicht der wilde Ansturm der Kampfeswogen, die aus dem großen Weltmeere Mayas aufsteigen und an ihre Ufer schlagen, den Pilger und die Insel verschlingen - ja, selbst dann, wenn der Sieg schon errungen ist. Deine "Insel" ist das Wild, deine Gedanken die Hunde, die es auf seinem Weg zum Strom des Lebens erschöpfen und verfolgen. Wehe dem Wild, das von den klaffenden Feinden erhascht wird, ehe es das Tal der Zuflucht erreichte - Jnana-Marga, 20), "der Pfad reiner Erkenntnis" genannt. Ehe du in Jnana-Marga verweilst, und es dein nennen kannst, muß deine Seele wie die reife Mango-Frucht werden; für die Leiden anderer so weich und süß wie das goldig schimmernde Fruchtfleisch, aber hart wie der Kern seiner Frucht gegen deine eigenen Ängste und Kümmernisse, o du Bezwinger von Wohl und Weh. Härte deine Seele gegen die Schlingen des Selbstes. Verdiene für Sie den Namen: Diamant Seele, 21). Denn wie der Diamant, tief in dem pochenden Herzen der Erde begraben, niemals die irdischen Lichter zurückwerfen kann, so ist es mit deinem Gemüt, deiner Seele; in Jnana-Marga hinab getaucht, vermögen sie nicht von Mayas Reich des Truges widerzuspiegeln. Wenn du diesen Zustand erreicht hast, dann öffnen die Pforten, die du auf dem Pfade zu überwinden hast, weit ihren Eingang, dich hin durchzulassen und die stärksten Naturkräfte haben keine Macht, deinen Lauf zu hemmen. Du wirst Herr des siebenfältigen Pfades sein: doch auch erst dann, du, um unbeschreibliche Prüfungen dich Bewerbender. Bis dahin harrt deiner noch eine weit härtere Aufgabe: du soll dich als Gedanken empfinden und doch alles Denken aus deiner Seele verbannen. Du mußt jene Stetigkeit des Denkvermögens erlangen, in die kein Wind, wie stark auch immer, einen Erdengedanken hineinwehen kann. So gereinigt, muß das Heiligtum von allem Tun, Ton oder irdischen Lichte frei sein; gleich wie der Schmetterling, den der Frost überfiel, leblos auf die Schwelle herabfällt - so müssen alle Erdengedanken vor der heiligen Stätte tot zu Boden fallen. Sieh es steht geschrieben: "Ehe die goldene Flamme mit stetem Licht brennen kann, Mus die Lampe gut geschützt an einer Stelle stehen, die kein Wind erreicht", 22). Denn wechselnden Windhauchen ausgesetzt, wird die Lichtflamme flackern und trügende, dunkle, ewig sich ändernde Schatten auf den weißen Schrein der Seele werfen. Und dann, oh du zur Wahrheit Strebender, wird deine Gedanken-Seele gleich einem wild gewordenen Elefanten werden, der in den Dschungeln wütet. Die Bäume des Waldes für lebendige Feinde halten, geht er zugrunde bei seinen Versuchen, die ewig wechselnden Schatten zu töten, die auf den sonnenbeschienenen Felswänden tanzen. Hüte Dich, auf das nicht in der Sorge um das Selbst deine Seele ihren Halt auf dem Boden der Deva-Erkenntnis verliere. Hüte Dich, auf daß nicht im Vergessen des Selbst deine Seele die Herrschaft über das bebende Gemüt verliere. Hüte dich vor Unbeständigkeit, denn Unbeständigkeit ist dein größter Feind. Sie wird gegen dich zu Felde ziehen, dich zurückwerfen und vom Pfade, den du schreitest, tief in die zähen Sümpfe des Zweifels abdrängen. Bereite dich und sei beizeiten gewarnt. Wenn du versucht hast und es misslang, verliere dennoch den Mut nicht, oh kühner Kämpfer; ficht weiter und gehe wieder und wieder zum Angriff über. Der furchtlose Krieger wird, wenn auch sein kostbares Lebensblut aus seinen tiefen, klaffenden Wunden sickert, sich doch auf den Feind stürzen, ihn aus seiner Feste vertreiben, überwältigen, ehe er selbst seine Seele aushaucht. Tut es denn alle ihm gleich, ihr, die ihr versagt und leidet, und verjagt alle eure Feinde aus dem Bollwerk euerer Seele. Ehrgeiz, Zorn, Haß und selbst den leisesten Schatten von Begehrlichkeit - auch wenn es noch immer misslang .--
Sei dessen eingedenckt, du, der du für die Befreiung des Menschen kämpfst, 23), daß jedes Mißlingen Erfolg ist und jede ernste Bemühung mit der Zeit ihren Lohn erhält. Die heilige Saat sproßt und wächst ungesehen in des Schülers Seele; ihre Stengel gewinnen bei jeder neuen Prüfung an Stärke; sie biegen sich wie Schilfrohr, aberbrechen nie, noch können sie jemals zugrunde gehen. Doch wenn ihre stunde gekommen ist, treiben sie Blüten, 24).--
Doch kommst du vorbereitet, so sei ohne Sorge.--
Hinfort ist dein Weg durch das Viriya-Tor hindurch frei, das fünfte der sieben Tore. Du bist nun auf dem Weg, der zu der Dhyâna-Freistatt, der sechsten, des Bodhi-Tor führt. Das Dhyâna-Tor ist wie eine Alabasterschale, weiß und durchscheinend; darin brennt ein stetes goldenes Feuer, die Flamme von Prajna, die von Atma ausstrahlt. Du bist diese Schale. Du hast dich den Dingen der Sinnenwelt entfremdet, bist den Pfad des Sehens, den Pfad des Hörens geschritten und stehst im Licht der Erkenntnis. Du hast nun den Titiksha-Zustand 25) erreicht. Du bist in Sicherheit, oh Naljor!--
Wisse, du Besieger der Sünden, wenn ein Sowani, 26) einmal den siebenten Pfad hinter sich hat, dann erschauert alle Natur in freudvoller Ehrfurcht und fühlt sich bezwungen. Der silberne Stern blinkt nun dem nächtigen Blumen die Neuigkeit zu, das Bächlein plätschert den Kieselsteine die Nachricht, die dunklen Wogen des Meeresrauschen den Felsen der Brandung, duftschwere Lüfte säuseln in den Tälern und stattliche Fichten raunen geheimnisvoll: "Ein Meister ist erstanden, ein Meister des Tages ", 27). So steht er jetzt, einer weißen Säule gleich, gegen Westen, über dessen Antlitz die aufgehende Sonne des Ewigkeitsgedanken ihre ersten herrlichsten Lichtwellen ergießt. Sein Sinnen weitet sich in grenzenlosem Raum gleich einem besänftigten und uferlosen Meer. Er hält nun Leben und Tod in seiner starken Hand. Wahrlich, er ist mächtig. Die in ihm befreite, lebendige Kraft, jene Kraft, die er Selbst ist, kann den Schrein der Täuschung hoch über die Götter erheben, über den großen Brahma und Indra. JETZT wird ihm doch gewiß seine große Belohnung werden! Wird er die Gaben, die dies mit sich bringt, nun nicht für seine eigene Ruhe und Seligkeit, sein schwer verdientes Wohl und Glück verwenden, er, der Bezwinger der großen Täuschung? Nein, du nach der Natur verborgener Wissenschaft Suchender! Wenn man den Schritten des heiligen Tathâgata folgen will, sind jene Gaben und Kräfte nicht für das (eigene) Selbst. Würdest du so die Wasser stauen, die auf dem Sumeru, 28) entspringen? Willst du den Strom für dich ablenken oder über die Wellenkämme der (Zeit-)Kreisläufe zurückzwingen zu seiner Ursprungsquelle? Wenn du willst, das der Strom des schwer errungen Wissens, der Himmelgeborenen Weisheit, ein lieblich fliessendes Gewässer bleibe, darfst du es nicht zum stehenden Pfuhl werden lassen. Wisse, das, sobald, du ein Mitschaffender Amitabas's des Grenzenlosen Zeitalters werden willst, du das erlangte Licht, gleich den beiden Bodhisatva, 29), über die Spanne der drei Welten, 30) verbreiten mußt. Wisse, daß der Strom des Übermenschlichen Wissen und der Deva-Weisheit, die du gewannst, sich aus dir, dem Strom weg Alaya`s in ein anderes Flußbett ergießen muß. Wisse, oh Naljor, du vom geheimen Pfad, seine klaren, frischen Wasser müssen verwendet werden, des Meeres bittere Wogen süßer zu machen - jene mächtige See der Trübsal, die durch die Tränen der Menschen entstand. Ach, wenn du einst wie der Fixstern in Himmelsfernen geworden bist, muß dieser strahlende Himmelskörper aus den Tiefen des Raumes für alle leuchten, nicht nur für sich selbst, allen Licht spenden, doch von keinem empfangen. Ach, wenn du einst geworden bist, wie der reine Schnee der Gebirgstäler, kalt und unempfindlich gegen Berührung, warm und beschützend für den Samen, der tief unter seinem Busen ruht, - ist es nun dieser Schnee, der den beissenden Frost, die Nordstürme über sich ergehen lassen muß und vor ihren scharfen, grausamen Zähnen die Erde schützt, welche die erwartete Ernte bringt, die Ernte, welche die Hungernden speisen soll. Selbstverdammt dazu, durch die kommende Kalpa zu leben, ohne Dank und unbemerkt von den Menschen, ein Stein, zusammengekeilt mit zahllosen anderen Steinen, die den Schutzwall, 31) bilden, - dies ist deinen Zukunft, wenn du die sieben Pforten durchschreitest.- Von den Händen zahlreicher Meister Des Mitleids erbaut, aus ihren Qualen errichtet, beschützt sie die Menschheit, denn Mensch ist Mensch, und schirmt sich vor weiterem und noch weit größerem Elend und Kummer. Dennoch sieht der Mensch all dies nicht, will es nicht wahrnehmen, noch will er das Wort der Weisheit beachten --
denn er kennt es nicht. Doch du hast es gehört, du weißt ja alles, oh du mit der eifrigen, schuldlosen Seele --
und du mußt wählen. Drum höre noch einmal zu. Auf den Pfad des Sowan, oh Sotâpatti, schreitest du sicher. Ja auf jenem Marga, wo der wegmüde Pilger nur Dunkelheit findet, wo die von Dornen zerrissenen Hände bluten, die scharfen, nicht weichenden Kiesel seine Füße zerschneiden und Mara seine stärksten Waffen schwingt - da harrt ein großer Lohn unmittelbar dahinter. Still und unbewegt gleitet der Pilger Strom aufwärts, der zu Nirwana führt. Er weiß, daß, je mehr seine Füße bluten, er selbst um so weißer gewaschen wird. Er weiß es wohl, daß nach sieben kurzen, flüchtigen Leben Nirwana sein ist --
Dies ist der Dhyâna-Pfad, welcher die Freistatt des Yogi, das gesegnete Ziel, das der Sotâpatti erstreben. Doch nicht so, wenn der Arhat-Pfad durchschritten und gewonnen hat. Dort ist Klesha, 32) für immer vernichtet und Tanhâ, 33) ausgerottet. Doch warte Schüler --
noch ein Wort. Kannst du das göttliche Mitleid vernichten? Mitleid ist keine Eigenschaft. Es ist das Gesetz der Gesetze --
ewige Harmonie, Alaya's Selbst, unbegrenzte, allumfassende Quintessenz, das Licht des ewigwährend Rechten und Folgerichtigkeit aller Dinge, das Gesetz der ewigen Liebe. Je mehr du eins mit dieser wirst, dein Wesen mit ihrem Wesen verschmilzt, je mehr deine Seele sich dem eint, was IST, desto mehr wirst du das absolute Mitleid werden, 34).
Dies ist der Arya-Pfad, der Pfad der Buddhas der Vollkommenheit. Dennoch, was besagen die heiligen Schriftrollen, nach welchen du sprichst:"Aum! Ich glaube, daß nicht alle Arhats zum süßen Genuß der nirwanischen Pfades gelangen."!Aum! Ich glaube, daß nicht alle Buddhas, 35) in das Nirwana-Dharma eingehen."Ja, auf dem Arya-Pfad bist du nicht länger, Sotâpatti, du bist ein Bodhisatva, 36).
Der Strom ist überquert. Wohl hast du nun ein Recht auf das Dharma Kâya-Gewand, doch Sambhoga Kâya ist größer als ein Nirmana Kâya - der Buddha des Erbarmens, 37). Nun neige dein Haupt und merke wohl auf, o Bodhisatva -, - Erbarmen spricht und sagt: "Kann Seligkeit sein, wo alles, was lebt, leiden muß? Willst du gerettet sein und die ganze Welt jammern hören?"Nun hast du vernommen, was da gesagt ward: Du wirst die siebente Stufe erreichen und das Tor der letzten Erkenntnis durchschreiten, doch nur, um dich dem Leid zu verbinden; - wenn du Tathâgata sein willst und den Schritten deines Vorgängers folgen, so bleibe selbstlos, bis zum endlosen Ende. Du bist nun erleuchtet, - wähle denn deinen Weg.--
Siehe das sanfte Licht, das den östlichen Himmel überflutet. Himmel und Erde vereinen sich im Zeichen der Danksagung. Und von den vierfach offenbarten Mächten steigt ein Gesang der Liebe empor, sowohl aus dem flammenden Feuer und fliessenden Wasser, wie von der süß duftenden Erde und dem brausenden Wind. Horcht! --
Aus dem tiefen, unergründlichen Wirbel jenes goldenen Lichtes, in das Der Sieger getaucht ist, erhebt sich der ganzen Natur wortlose Stimme in tausend Tönen, um zu verkünden: FREUT EUCH, IHR MENSCHEN VON MYALBA 38). EIN PILGER IST VOM ANDEREN UFER ZURÜCKGEKEHRT. EIN NEUER ARHAT, 39) WARD GEBOREN. FRIEDE ALLEN WESEN!, 40).--
1) Acharya ist ein geistiger Lehrer. Die nördlichen Buddhisten wählen diese gewöhnlich unter den Naljor , heilige Männer, die von Gotrabhu-Jnana und Jnana-dharsana-shuddi bewandert sind, Lehrer der geheimen Weisheit.
2) Yana - "Vehikel"; (auch "Träger", "Fahrzeug", "Vermittler"; so bedeutet Mahayana das große und Hinayana das kleine Vehikel; beide die Namen beide Schulen religiöser und philosophischer Lehren im nördlichen Buddhismus.
3) Shravaka - abgeleitet aus Shru; ein Hörer oder Studierender, der dem religiösen Unterricht beiwohnt. Wenn er von der Theorie zur Praxis oder zur Ausübung der Askese übergeht, wird er ein Shramana, von Shrama, Tätigkeit.
4) Samtan (Tibetanisch); dasselbe wie im Sanskrit: Dhyâna oder der Zustand der Meditation, in dem es vier Grade gibt.
5) Paramitas, die sechs erhabenen Tugenden; Barmherzigkeit, Ethik, Geduld, Tatkraft, Anstrengung und Betrachtung. Für die Laienbrüder gibt es zehn: die hier genannten und dazu: das Anwenden rechter Mittel, Wissenschaftlichkeit, fromme Gelübde, Zielbewußtsein.(Eitels Chinesischer Buddhismus).
6) Sotâpatti wörtlich) "er, der sich in den Strom begab", der zum Nirwanischen Ozean führt. Dieser Name bezeichnet den ersten Schritt auf dem Pfad oder einfach I. Pfad, oder Grad. Der Zweite ist der Pfad des Sakridâgâmin, "er, der (nur) noch einmal geboren wird". Der Dritte heißt der des Anagamin, "er, der nicht mehr wiedergeboren wird, es sei denn, daß er es wünscht, um der Menschheit zu helfen. Der Vierte Pfad ist als der des Rahat oder Arhat bekannt. Dieser ist der Höchste. Ein Arhat erschaut Nirwana während seines Erdenlebens. Für ihn ist es nicht ein post-mortem Zustand; er ist sein Samâdhi, in welchem er alle nirwanischen Seligkeiten erlebt.
7) Das "Erreichen des anderen Ufers" ist bei den nördlichen Buddhisten synonym mit dem Erreichen Nirwanas durch die Übung der sechs und der zehn Paramitas (Tugenden).
8) Ein sündenloser Mensch.
9) Die Meister-Seele ist Alaya, die universelle Seele oder Atmâ, von welcher jeder Mensch einen Strahl in sich trägt und es wird angenommen, daß er imstande ist, sich mit diesem zu identifizieren und in ihm aufzugehen.
10) Antahkarana ist die Verbindung oder auch der niedere Manas (Verstand, konkretes Denken). Der Pfad oder die Vereinigung zwischen der Persönlichkeit und der höheres Manas oder der menschlichen Seele. Beim Eintritt des Todes wird er als Weg oder Verbindungsmittel zerstört und lebt in einer Form als das Kamarupa fort, - die Schale (oder Hülle).
11) Die nördlichen Buddhisten und tatsächlich alle Chinesen finden in dem tiefen Rauschen einiger der großen und heiligen Ströme den Grundton der Natur. Daher der Vergleich. Es ist in der Physik ebenso wie im Okkultismus eine wohlbekannte Tatsache, daß der gesammelte Naturlaut - wie im Rauschen großer Flüsse zu hören ist sowie das Geräusch, das von den bewegten Baumkronen großer Wälder ausgeht oder von einer Stadt in der Ferne - ein ganz deutlicher Einzelton von durchaus bestimmter Höhe ist. Dies wird von Physikern wie Musikern bestätigt. So zeigt Professor Rice (Chinesische Musik), daß den Chinesen bereits vor Tausenden von Jahren vertraut war, da sie sagten, daß die vorüber rauschenden Wasser des Hoang-ho das kung sangen, in der chinesischen Musik "der große Ton" genannt; und er weist nach, daß dieser Ton dem F entspricht "daß bei den modernen Physikern als der eigentliche Grundton der Natur gilt". Professor B. Silliman erwähnt ihn gleichfalls in seinen Principles od Physis und sagt, daß man diesen Ton für das mittlere F des Klaviers hält, welcher somit als der Grundton der Natur angesehen werden darf.
12) Die Bhöns und Dugpas und die verschiedenen Sekten der "Rotkappen" werden als die in der Zauberei am besten Bewanderten angesehen. Sie bewohnen das westliche und Klein-Tibet und Bhutan. Sie sind durchwegs Tantriker. Es ist ganz lächerlich zu sehen, wie Orientalisten, welche die Grenzländer von Tibet besuchen, so z.B. Schlagentweit und andere, die Riten und abscheulichen Bräuche jener Lamas verwechseln, den "Gelbkappen" und deren Naljors oder heiligen Männer.
13) Dorje ist das gleiche wie das Sanskrit :Vajra, eine Waffe oder Werkzeug in den Händen einiger Götter (der tibetanische Dragshed, der Devas, welche die Menschen beschützen) und es soll die gleiche geheime Kraft besitzen durch Reinigen der Luft böse Einflüsse zu verscheuchen, wie das Ozon in der Chemie. Es ist auch der Mudra, eine Gebärde und Körperstellung, die bei der Meditation verwendet wird. Kurz, es ist ein Symbol der Macht über unsichtbare böse Einflüsse, ob nun als Körperstellung oder Talisman. Die Bhöns und Dugpas jedoch, die sich dieses Symbol aneigneten, missbrauchen es für die Zwecke der schwarzen Magie. Bei den "Gelbkappen" oder Gelugpas ist es ein Symbol der Macht, wie das Kreuz bei den Christen und beruht durchaus nicht mehr auf Aberglauben. Bei den Bhön ist es, wie das umgekehrte Doppeldreieck, das Zeichen der Zauberei.
14) Vairâgya ist das Gefühl der absoluten Gleichgültigkeit dem gegenständlichen (objektiven) Universum, der Freude und dem Leid gegenüber. Widerwille (Abkehr) ist nicht ganz der richtige Ausdruck für das, was hier gemeint ist, jedoch sinnentsprechend. (Leidenschaftslosigkeit ist vielleicht das der Bedeutung am nächsten kommende Wort).
15) Ahamkara - das Gefühl der eigenen Persönlichkeit, des "Ich"-seins.
16) "Einer, der in die Fußstapfen seiner Vorgänger tritt", ist die wirkliche Bedeutung der Bezeichnung Tathâgata.
17) Samvritti ist jene der beiden Wahrheiten, die den illusorischen Charakter oder die Leere aller Dinge aufzeigt. Es ist in diesem Fall relative Wahrheit. Die Mahayana-Schule lehrt den Unterschied zwischen diesen beiden Wahrheiten - Paramartha Satya und Samvritti Satya (Satya -Wahrheit). Dies ist der Gegenstand des Streites zwischen den Madhyamikas und den Yogâchârya, da die ersteren leugnen und die letzeren behaupten, daß alle Dingen auf Grund einer vorangegangenen Ursache oder durch eine Verkettung (Zusammenhang) bestehen. Die Madhyamikas sind die großen Nihilisten und Leugner, für die alles Parikkalpita, eine Täuschung und ein Irrtum in der Welt der Gedanken und des subjektiven, ebenso wie des objektiven Universums ist. Die Yogâchârya sind die große spirituellen Idealisten. Daher ist Samvritti, als nur relative Wahrheit, die Quelle aller Täuschung.
18) Lhamayin sind Elementargeister (auch Elementale genannt) und böse Geister, die den Menschen entgegenwirken un ihre Feinde sind.
20) Jnana-Marga bedeutet wörtlich Jnana-Pfad der reinen Erkenntnis, das Paramartha oder (Sanskrit) Svasamvedana, die selbstverständlich oder selbst-zergliedernde (analysierend) Betrachtung.21) Siehe Anmerkung II Nr 4. Die Diamant-Seele oder Vajradhara steht den Dhyâni Buddhas vor.
22) Siehe Bhagavadgîtâ VI, 19.
23) Dies ist einen Anspielung auf einen im Osten weit verbreiteten Glauben (übrigens, was das anbelangt, auch im Westen), daß jeder neu hinzukommende Buddha oder Initiierter ein neuer Krieger im Heere derer ist, die für die Befreiung oder Erlösung der Menschheit wirken. In der nördlichen buddhistischen Ländern, wo die Lehre der Nirmana Kâya gelebt wird, - jener Bodhisatva, die ihren schwer errungenen Nirwana oder dem Dharma Kâya-Gewand entsagen, welche beide sie für immer von der Welt der Menschen entfernen würden, um ungesehen der Menschheit zu helfen und diese schließlich zu Paranirwana zu führen, wird jeder neue Bodhisatva oder eingeweihte große Adept der Menschheitserlöser genannt. Die Erklärung, die von Schlagentweit in seinem "Buddhismus in Tibet" gegeben wir, dahingehend, daß Prulpa Ku oder Nirmana Kâya "der Körper ist, in welchem die Buddha oder Bodhisatva auf Erden erscheinen, um die Menschen zu lehren", ist vernunftwidrig ungenau und erklärt gar nichts.
24) Ein Hinweis auf die menschlichen Leidenschaften und Sünden, die während der Probezeit (Noviziat) getötet werden und als gut fruchtbar gemachter Boden dienen, in dem die heiligen Keime oder Samen der erhabenen Tugend gedeihen können. Schon vorhandene oder angeborene Tugenden, Anlagen oder Begabungen werden als im früheren Leben erworben angesehen. Genialität ist ausnahmslos eine starke Begabung oder Fähigkeit, die aus einem früheren Leben herrührt.
25) Titiksha ist der fünfte Raja-Yoga-Zustand, - des vollkommenen (unerschütterlichen) Gleichmuts; wohl, wenn nötig, Hingabe an das, was "aller Wesen Freude und Leid" ist, aber weder Freude noch Leid aus dieser Unterwerfung schöpfend - kurz; das physische, intellektuelle und geistige Gleichgültig- und Empfindungsloswerden gegenüber Freude wie Leid.
26) Sowani ist einer, der Sowan übt, den ersten Pfad in Dhyâna, ein Sotâpatti.
27) Tag bedeutet hier ein ganzes Manvantara, einen Zeitraum von nicht zu berechnender Dauer.
28) Der Berg Meru, der heilige Berg der Götter.
29) Der nördlichen buddhistischen Symbolismus zufolge soll Amitâbha oder der grenzenlose Raum (Parabrahman) in seinem Paradies zwei Bodhisatva haben: Kwan-shi-Yin und Tashishi -die allzeit Licht über die drei Welten ausstrahlen, in denen sie leben, einschließlich unsrer eigenen, um mit diesem Licht (des Wissens der Erkenntnis) der Belehrung der Yogis zu dienen, die dann ihrerseits für die Erlösung der Menschen wirken sollen. Ihren erhabenen Platz in Amitabas Reich verdanken diesen beiden ihren Taten der Barmherzigkeit, die sie als solche Yogis während ihres Erdenwandels vollbrachten, sagt die Legende.
30) Diese drei Welten sind die drei Daseinsebenen: die irdische, astrale und mentale.
31) Der "Schutzwall" oder die "schützende Mauer". Es wird gelehrt, daß die gehäuften Anstrengungen langer Generationen von Yogis und Adepten , besonders der Nirmana Kâyas, sozusagen einen Schutzwall um die Menschheit herum geschaffen haben, welcher diese vor noch weit größerem Übel bewahrt.
32) Klesha ist der Hang zur Lust und weltlichen Freude, guten wie bösen.
33) Tanhâ, der Wille zum Leben, das was zur Wiedergeburt führt (was die Ursache der Wiederverkörperung ist).
34) Dieses Mitleid soll hier nicht im selben Sinn betrachtet werden, wie "Gott, die göttliche Liebe der Theisten". Mitleid (Mitgefühl, Erbarmen) steht hier als ein abstraktes, unpersönliches Gesetz, dessen Wesen, da es absolute Harmonie ist, durch Uneinigkeit, Leiden und Sünde in Aufruhr gerät.
35) In der nördlichen buddhistischen Phraseologie werden alle die großen Arhats, Adepten und Buddhas genannt. Die hier ist dem "Thegpa Chenpoido" dem "Mahayana Sutra", "Abrufungen der Buddha der Bekenntnisse" 1 Teil VI, entnommen.
36) In der Hierarchie ist ein Bodhisatva weniger als ein vollkommener Buddha. In der exoterischen Redeweise werden diese beiden oft verwechselt, doch das natürliche und richtige Volksempfinden hat auf Grund ihres Selbstopfers die Bodhisatva in seiner Verehrung höher gestellt als die Buddha.
37) Die gleiche Volksverehrung nennt jene Bodhisatva "Buddha des Erbarmens", die obzwar sie die Arhatsstufe erreichten (d.h. den vierten oder siebenten Pfad zu Ende geschritten haben), doch nicht in den nirwanischen Zustand eingehen oder das "Dharma Kâya-Gewand anlegen und sich an das jenseitige Ufer begehen" wollen, da es dann nicht mehr in ihrer Macht stünde, den Menschen auch nur wenig zu helfen, wie Karma es zuläßt. Sie ziehen es vor,, unsichtbar (sozusagen im Geist) in der Welt zu bleiben und zum Heil der Menschen beizutragen, indem sie sie dahingehend beeinflussen, daß sie das Gute Gesetz befolgen, d.h. in dem sie sich auf den Pfad der Rechtschaffenheit führen. Es ist ein Bestandteil des exoterischen nördlichen Buddhismus, alle solche großen Charaktere als Heilige zu verehren und ihnen sogar Gebete zu weihen, wie die Griechen und Katholiken es ihren Heiligen und Schutzpatronen tun; die esoterischen Lehren aber unterstützen nicht diese Art. Zwischen den beiden Lehrarten ist kein sehr großer Unterschied. Der esoterische Laie weiß kaum etwas über die wahre Bedeutung des Wortes Nirmana Kâya; daher die Verwirrung und die Unzutreffenden Erklärungen der Orientalisten. So glaubt z.B. Schlagentweit, daß Nirmana Kâya die physische Form bedeutet, welche die Buddhas annehmen, wenn sie sich auf Erden verkörpern - "die am wenigsten erhabene unter allen ihren irdischen Lasten" (siehe "Buddhismus in Tibet"); und er fährt fort eine vollkommene irrige Anschauung zu geben: Die wahre Lehre aber ist folgende: Die drei Buddha Körper oder Formen nennen sich: 1. NirmanaKâya, 2. Sambhoga Kâya, 3. Dharma Kâya. Die erste ist jene ätherische, zarte Gestalt, die angenommen würde, wenn er, seinen physischen Körper verlassend, in seinem astralen erschien - und dabei all sein Wissen eines Adepten hat. Der Bodhisatva entwickelt es in sich, während er auf dem Pfad fortschreitet. Nachdem er das Ziel erreicht und den damit verbundenen Genuß zurückgewiesen hat, bleibt er auf Erden, als ein Adept; und wenn er stirbt, verbleibt er, statt in Nirwana einzugehen, in jenem herrlichen Körper, den er sich geschaffen hat, der uneingeweihten Menschheit unsichtbar, um über ihr zu wachen und sie zu beschützen. Sambhoga Kâya ist das gleiche, doch mit dem hinzugekommenen Glanz der drei Vollkommenheiten, deren eine die gänzliche Auslöschung aller Anteilnahme an irdischen Dingen ist. Der Dharma Kâya-Körper ist der eines vollkommenen Buddha, d.h. überhaupt gar kein Körper, sondern ein idealer Hauch, Bewußtsein, verschmolzen mit dem All-Bewußtsein oder Seele, jedes Kennzeichens bar. Einmal ein Dharma Kâya geworden, läßt ein Adept oder Buddha jede nur mögliche Beziehung zu - oder Gedanken an diese Erde zurück. Um daher der Menschheit helfen zu können, wird ein Adept, der ein recht auf Nirwana gewonnen hat, "dem Dharma Kâya-Gewand entsagen", wie es in der mystischen Sprache heißt; er behält von dem Sambhoga Kâya nur das große, vollständige Wissen und verbleibt in seinem Nirmana Kâya. Die esoterische Schule lehrt, daß Gautama Buddha, mit vielen seiner Arhats, solch ein Nirmana Kâya ist, wie man, seiner großen Entsagung und Opfer für die Menschheit zufolge, keinen größeren kennt.
38) Myalba, ist unserer Erde - sehr treffend Hölle genannt, und, der esoterischen Schule zufolge, die ärgste alle Höllen. Die esoterische Lehre kennt keine andere Hölle oder Stätte des Strafvollzuges, als einen Menschen-tragende Planeten oder Erde. Avîci ist ein Zustand, nicht ein Ort.
39) Was bedeutet, daß ein neu hinzukommender Menschheitserlöser geboren wurde, der die Menschen zum endgültigen Nirwana führen wird, d.h. nach dem Ende des Lebenszyklus.
40) Dies ist eine der Arten jener Formeln, die unweigerlich jeder Abhandlung, Anrufung oder Belehrung folgt: "Friede allen Wesen", "Segen über alles, was da lebt".



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