Zweck der Wiederverkörperung
 

Wir haben aus den bisherigen Erörterungen bereits im allgemeinen gesehen, dass der Zweck der Wiederverkörperung ist: den irdischen Menschen so lange zu erziehen und heranzubilden und zu veredeln, bis er ein vollendetes Werkzeug in der Hand des Göttlichen wird, und dass diese Erziehung durch das sich immer neuerdings verkörpernde Ego bewirkt wird. In diesem Abschnitt soll in Kürze der Weg bezeichnet werden, auf welchem es dieses Ziel erreicht.

Wenn die Manasaputras herniedersteigen, um die tierischen Menschen zu beseelen, hat der Stoff, aus welchem ihre Wohnung besteht, noch nicht den höchsten Grad von Dichtheit erreicht. In dem nun der Denker vermittelst dieses Stoffes wirkt, erzeugt er vor allem die im Gegensatze zu den geistigen oder Verstandes-Kräften sogenannten physischen (oder seelischen) Fähigkeiten; das Spirituelle verwandelt sich bei seiner ersten Berührung mit der ätherischen Materie in der Psychische und wird erst allmählich durch länger andauernde Berührung mit den dichteren Stofftypen zum Intellektuellen, d. i. zu Logischen, Vernünftigen, Überlegenden. Obwohl der Mensch von Anbeginn mit Intuition begabt und hellsehend ist, und mit seinen Mitmenschen durch Gedankenübertragung verkehrt, so verwandelt sich doch je nach den Verhältnissen, unter welchen er mit dichterem Stoffe zu wirken und dessen schwerfällige Teilchen in Schwingung zu versetzen gezwungen ist, die göttliche Vernunft oder "Intuition" in menschliche Vernunft, und die Gedankenübertragung in die Sprache. Dieser Vorgang wird uns am besten klar werden wenn wir zu der Einsicht gelangen, dass die Schwingungen auf immer dichtere und dichtere Materie übertragen werden müssen, und das sie in der weniger dichten sich in psychische in der dichteren aber in irdische Vernunft-Eigenschaften umsetzen. Die psychischen Eigenschaften sind die feineren, flüchtigeren und mehr direkt wirkenden, und umfassen Hellsehen und Hellhören, sowie die niederen Arten der Intuition, die Fähigkeit, Gedankeneindrücke ohne Vermittlung der Sprache zu empfangen und zu übertragen; -- die Vernunft-Eigenschaften wirken langsamer, schliessen alle Vorgänge des Gchirnverstandes in sich, und ihre charakteristischen Äusserungen sind: überlegtes Denken, das Ziehen von logischen Schlussfolgerungen, das Zergliedern und Ausarbeiten derselben, ferner, als eine notwendige Bedingung dieser Geistesarbeit, die Ausbildung der Sprache. Wenn das Gehirn nach Beendigung dieses Prozesses den Höhepunkt .seiner intellektuellen Ausbildung erreicht hat, so dass es leicht und sofort auf die feineren ätherischen Anregungen, welche ihm zukommen, reagieren und dieselben in die entsprechenden intellektuellen Vorstellungen übersetzen kann, dann ist die Zeit gekommen, den nächsten grossen Schritt nach vorwärts zu thun, nämlich die Trainierung des Gehirnes vorzunehmen, um direkt auf die zarten Vibrationen zu antworten und sie ohne den langwierigen Prozess der Übertragung sofort ins Gehirn-Bewusstsein aufnehmen zu können. Dann werden sie durch Übung der psychischen Fähigkeiten ein Teil der bewussten Ausrüstung des sich entwickelnden Menschen und sie werden normal und ohne Mühe oder Anstrengung ausgeübt, indem das Gehirnbewusstsein und die Psyche nunmehr Eins sind und alle psychischen Kräfte im Vereine mit der intellektuellen Erfahrung wieder erworben werden. Die zeitweilige Verfinsterung eine Folge des Zuwachses von dichtester Materie rings um den sich entwickelnden Menschen, nimmt allmählich in demselben Grade ab, wie diese Materie lenksam und durchsichtig wird, und so wird die grobe Materie endlich "erlöst", d. h. zu einem vollkommenen Werkzeuge für die Manifestationen des Geistes erzogen. 1).

Die Zivilisation hat stets das Physische und Intellektuelle auf Kosten des Psychischen entwickelt, aber ohne diese Entwicklung könnte der tierische Mensch nicht zum göttliechen werden, könnte sich nicht zu dem vollkommenen siebenfältigen Wesen entwickeln welches heranzubilden der Zweck der Reinkarnation ist.

Die arische Rasse, welcher wir angehören, befindet sich im aufsteigenden Aste der Entwicklung; die reine und einfache Intellektualität ist beinahe auf dem Höhepunkte möglicher Entfaltung angelangt, und von allen Seiten erscheinen Anzeichen psychischer Wirksamkeit, welche, sofern sie nicht durch den Intellekt sich entwickeln, den beginnenden Sieg des geistigen Menschen ankündigen. Bei einzelnen Individuen unserer Rasse ist dieser Sieg bereits zur Vollendung gelangt. Für diese ist der Leib mit seinem Denken und Wollen lediglich das gefügige Werkzeug des Geist-Menschen, welcher fortan nicht mehr an den von ihm bewohnten Körper gebunden und gefesselt ist, sondern für welchen dieser nur das geeignete Instrument ist, welches hier auf der physischen Ebene jedem von seinem Herrn ausgehenden Impulse gehorsam Folge leistet und ihm für sein Wirken in der grob materiellen Welt Kräfte und Fähigkeiten zur Verfügung stellt, welche ausserdem einem geistigen Wesen unzugänglich wären. Ein Geist kann seine Thätigkeit nur auf der geistigen Ebene entfalten und ist gefühllos auf allen anderen, weil er infolge seiner zarten Natur unfähig ist, auf einer grobstofflichen Ebene zu wirken. Eine spirituelle Intelligenz kann in den spirituellen oder geistigen Ebenen tätig sein, aber sie ist zu fein geartet, um auf den grobstofflichen zu wirken. Nur in dem sie durch die Inkarnation die Materie durch die Materie besiegt, kann sie auf allen Ebenen Wirkungsfähigkeit erwerben und zum "vollkommenen, siebenfältigen Wesen" werden, und dies ist es, was man unter Arhatschaft versteht. Ein Arhat ist eine geistige Intelligenz, welche die Materie bekämpft und überwunden, ja derart geschult und herangebildet hat, dass sein Körper die vollkommene irdische Darstellung seines wahren Selbstes ist.

In einem solchen vollendeten siebenfältigen Wesen sind alle Kräfte des Universums, die geistigen sowohl wie die psychischen und materiellen, auf natürliche Weise in Eins vereinigt. Gleichwie der lebendige Menschen-Körper im kleinen alle Kräfte enthält, welche im physischen Universum vorhanden sind so können auch die Kräfte des psychischen und geistigen Universums in demselben Verhältnisse ihren Einfluss auf die psychischen und spirituellen Wesen geltend machen. Hierin liegt auch der Grund für das scheinbar "Wunderbare" oder für die Hervorbringung von Wirkungen, deren Ursachen uns verborgen sind. Ebenso wie das Schliessen eines galvanischen Stromes auf die Entfernung von vielen Meilen von dem Orte, woselbst die Schliessung stattfand, eine Explosion bewirken kann, so kann auch die Wirkung des trainierten Willens sich in materiellen Erscheinungen auf einer weit tiefer gelegenen Ebene äussern. Dass die Menschen irgend einen Vorgang für übernatürlich halten, hat seinen Grund nur in ihrer eigenen Unwissenheit: Wissen führt alles auf Natürliches zurück, denn die Natur ist eben nur eine von den Ansichten oder Seiten des Alls, und zwar stets die gerade im Augenblicke in Erscheinung tretende Ansicht von demselben 2).

Hier möchte die Frage aufgeworfen werden: Und was ist dann ausgerichtet, wenn dieses Ziel erreicht ist? -- Wenn der siegreiche geistige Mensch an diesem Punkte angelangt ist, dann steht er an einem Scheidewege und muss die Wahl treffen zwischen zwei vor ihm liegenden Wegen. Auf dem Höhepunkte dessen, was er in dieser Welt erreichen kann, angelangt, muss er, um noch weitere Fortschritte zu machen, in andere Daseinssphären übergehen. Die Thore von Nirwana stehen ihm offen, er befindet sich im Besitze des gesamten Schatzes geistigen Wissens und des beseligenden Schaucns, von welchem auch die ersten Christen sprachen, sowie des alle Begriffe übersteigenden hehren Friedens. Der andere Weg ist jener der Entsagung, der freiwilligen Übernahme eines neuen Erdenlebens zum Nutzen der Menschheit; jener Weg, über welchen sich Kwanyin, nachdem er sich entschlossen hatte, ihn zu betreten, also äusserte:

Niemals will ich für mich persönlich eine eigene Erlösung anstreben oder erhalten, niemals allein zum ewigen Frieden eingehen; sondern immer und überall will ich für die allgemeine Erlösung aller Geschöpfe der Welt leben und streiten." (D. Conways "Sacred Anthology", pag. 233.)

Der Zweck, welcher einer solchen Wahl zugrunde liegt, findet sich näher beschrieben in dem "Buche der goldenen Lehren", auswelchem H. P. Blavatsky einzelne Teile so vorzüglich ins Englische übertragen hat. 3).

Triumphierend steht der Sieger da; sein Geist gleicht dem endlosen, völlig ruhig gewordenen Ocean, und er beherrscht den grenzenlosen Raum. Tod und Leben liegen in seiner Hand. Nun tritt die Frage an ihn heran: "Soll er nunmehr seinen Sicgespreis in Empfang nehmen?

Soll er, der Überwinder all der furchtbaren Täuschungen, die Gaben nicht benutzen, welche dieser Preis ihm als Lohn für sein mühevolles Ringen zur eigenen Glückseligkeit und zum eigenen Frieden gewährt?"

Die Antwort lautet klar:

"Nein, o du Bewerber um die geheimen Schätze der Natur! Wenn man in die Fussstapfen des heiligen Tathagata treten will, so sind all diese Gaben für das eigene Selbst. Der Barmherzige erhebt sein Haupt und spricht: Kann es eine Glückseligkeit für mich geben, so lange alles, was lebt, leiden muss? Soll ich allein gerettet sein und der Schmerzensruf der ganzen Welt fortdauern? 4).

Wenn du sein willst wie Tathagata, so folge dem Beispiele deines Vorgängers, bleibe selbstlos bis zum endlosen Ende! Du bist erleuchtet, wähle deinen Weg!" Wer diese Wahl trifft, d. h. kein Verlangen darnach trägt, in Nirwana cinzugehen, bevor die ganze Menschenrasse zur Vollendung gelangt ist, der hat den höchsten Sieg der Arhat des vollkommenen Menschen, errungen. Sein Wissen, seine Fälligkeiten, alles legt er der Menschheit zu Füssen, um ihr zu dienen, zu helfen und sie auf den Pfad zu führen, den er selbst gegangen ist. Dies ist das Endziel welches für jene, deren edle Seelen "den grossen Verzicht" geleistet haben, noch hinter der Wicderverkörperung liegt; und diese wer den dann zu Erlösern der Welt, die Blüten und der Ruhm ihres Geschlechtes. Durch die Reinkarnation wird allmählich das vollkommene, siebenfältige Wesen autgcbaut dieses selbst aber ist, so vollendet seine Gestalt auch sein mag, ein Misserfolg, wenn individueller Sieg nicht zur Erlösung der Menschheit im Ganzen verwertet wird. --

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1) Deshalb ist auch ein geistig gut organisierter Mennch von schneller Auffassungskraft, während ein tölpelhafter Mensch lange braucht, bis er etwas begreift. (H)
2) Unter "übernatürlich" versteht man dasjenige, was. einer höheren als der allgemein bekannten Natur oder Bcwusstseinsform entspringt. Deshalb sagt man, dass die (göttliche) Gnade über der (menschlichen) Natur sei, wie ja auch das Licht über der Natur der Dunkelheit. (H.)
3) Siehe "Lotusblüten", I, II u. III.
4) "Lotusblüten", III, pag. 44.
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