Die Grundursache der Reinkarnation wie aller Daseins-Offenbarungen ist das Verlangen nach Leben und Wirksamkeit, der Durst nach einem die Sinne befriedigenden Dasein. Das Gesetz der Periodizität oder der zeitweisen Wiederholung erweist sich als tief in der Natur begründet und tritt in seinen Aussprengen zwar klar zu Tage, ist aber hinsichtlich seiner Ursachen und seines Ursprunges für uns unbegreiflich. Der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen Tod und Leben zwischen Schlaf und Wachen ist eine so allgemein bekannte und so ausnahmslos von allen zugegebene Tatsache, dass es leicht einzusehen ist, dass wir in ihr eines der Grundgesetze des Universums erblicken. Die überall stattfindende Ebbe und Flut, der Rhythmus, welcher der auf- und niedergehende Pulsschlag des Herzens der Welt ist, kann überall beobachtet werden. Aber der Grund dafür entzieht sich unserem forschenden Auge, wir vermögen nicht anzugeben, warum dies so ist, wir können nur einfach bestätigen, dass es so ist. Die esoterische Philosophie erkennt nun an, dass dieses selbe Gesetz auch auf die Emanation und Resorption des Universums, für die Nacht und den Tag Brahmas, oder für das Ausatmen und Einatmen des Weltodems Geltung hat.
Hierin liegt auch der Grund, weshalb die Hindus lehrten, der Impuls für alle Daseins-Offenbarung gehe vom Gott der Begierde aus. 1)
Auch im Rig-Veda wird Kâma oder die Begierde als die Personifikation jenes Gefühls bezeichnet, welches zur Schöpfung treibt und sie hervorruft. Kâma gab den ersten Anstoss, welcher das Eine nach seiner Manifestation als rein abstraktes Prinzip zur Schöpfung antrieb. "Zuerst erwachte dies Verlangen in ihm, und dies ward zum ersten Keime des Geistes, jenes Verlangen, welches die mit ihrem Intellekt forschenden Weisen als das Band erkannten, welches das Wesenhafte mit dem Wesenlosen verknüpft".
Kâma ist seinem innersten Wesen nach das Verlangen nach tätigem, fühlendem Dasein, nach einem mit lebendigem Gefühle begabten, im Strudel leidenschaftlichen Lebens umher geworfenen Dasein. Wenn sich zu diesem Durste nach Gefühlserregung noch geistige Intelligenz gesellt, so wird derselbe dadurch sofort noch gesteigert; und wir finden in der Secret Doktrin den Satz: "Mit ihrem eigenen Wesen verstärkten sie Kâma." So sehen wir denn, dass Kâma sowohl für das Individuum wie für den Kosmos die erste Ursache zur Wiederverkörperung ist, und weil sich jede Begierde immer wieder in andere Begierden abspaltet oder differenziert, so bilden diese dann die Kette, welche den Denker zur Erde niederzieht und ihn von Zeit zu Zeit immer zu erneuter Inkarnation veranlasst. Die Schriften der Hindus und der Buddhisten sind voll von Stellen, welche diese Wahrheit wiederholt aussprechen. So lesen wir in der Bhagavadgita , Kap. IV:
"Wer in allem, was er unternimmt, keine (persönliche) Begierde hat, und wessen Tun im Feuer der göttlichen Selbsterkenntnis aufgeht, wird von den Verständigen ein Weiser genannt. Über alles Begehren und Hoffen erhaben, ein Beherrscher seiner Gedanken, unabhängig von allem, was ausser ihm ist, trifft ihn keine Schuld, wenn er auch handelt."
Ein solcher ist keiner neuen Wiedergeburt mehr unterworfen.
In gleichem Sinne lautet eine Stelle aus Udânavarga, einer Übersetzung des aus dem Tibetanischen stammenden Dhammapada des nördlichen Buddhismus:
"Hart ist es für einen, der in den Fesseln der Begierde liegt, sich von derselben zu befreien, sagt der Eine, der Hochgebenedeite. Der Standhafte, welcher nicht an den den Begierden entspringenden. Glücke hängt, schüttelt diese vollständig von sich ab und geht bald ins Nirwana ein."
Und ebendaselbst lesen wir weiter:
"Weil sie immer und immer wieder nach Dasein verlangen, werden sie auch immer neuerdings in den Mutterschoss zurückkehren müssen. Die Lebewesen kommen und gehen, und auf jeden Daseiuszustand folgt ein anderer. Schwer ist es, das Dasein in dieser Welt abzubrechen; wer mit der Lust gebrochen hat, wer den Samen des Daseins vernichtet hat, wird keiner Wanderung mehr unterworfen sein, denn er hat ja der Lust eine Ende gemacht. 2)."
In den Schriften der Buddhistischen Kirche des Südens finden wir überall grosses Gewicht auf diese Idee gelegt. Die Lernenden werde dortselbst stets aufgefordert, sich nicht zufrieden zu geben, ehe sie nicht zur "Auslöschung aller Begierden" gelangt sind, und nach einer Beschreibung, wie Begierden und Leidenschaften die Menschen ans irdische Leben fesseln, heisst es in Dhammapada (Kap. XXIV, 351-53) weiter:
"Wer zur Vollendung gelangt ist, wer nicht zittert, wer ohne Durst und ohne Sünde ist, der hat dem Leben alles . Dornenvolle genommen; sein jetziger Körper wird sein letzter sein. Wer ohne Begierde und ohne Leidenschaft ist, wer nicht nur die Worte, sondern auch ihren innersten Sinn versteht, wer die Reihenfolge der Buchstaben kennt (welche vorher kommen und welche nachher), der hat seinen letzten Körper abgetan, der wird ein grosser Weiser, ein grosser Mann genannt. Ich habe alles besiegt, ich weiss alles, in allen Lebenslagen bin ich frei von Beeinflussung, ich habe allem entsagt, und durch die Vernichtung der Begierde bin ich frei. "
In gleichem Sinne lauten auch die triumphierenden Worte Gautamas, nachdem er die Buddhaschaft erreicht hatte:
"Suchend nach dem Erbauer dieses Tempels musste ich eine lange Reihe von Geburten durchlaufen, so lange, als ich ihn nicht finden konnte; und schmerzvoll ist die immer wiederkehrende Geburt. Nun aber habe ich dich erkannt, o du Erbauer dieses Hauses, und nicht wieder sollst du dieses Haus aufbauen. Alle Säulen sind zerbrochen, alle Balken sind entzwei; der Geist hat das Ewige gefunden, und die Vernichtung aller Begierden ist erreicht."
Wenn der Schüler das Wesen der Begierden erkannt hat, dann wird er auch begreifen, weshalb die Vernichtung derselben zur Vollendung des geistigen Menschen notwendig ist. Begierde muss vorhanden sein, bis die Ernte der Erfahrungen eingeheimst ist; denn nur durch die aus dieser Ernte gezogene Nahrung kann die Erfahrung wachsen, gedeihen und fortbestehen. Solange daher die Erfahrung noch unvollständig ist, besteht auch noch Verlangen nach ihr fort, und das Ego wird immer wieder und wieder zur Erde zurückkehren. Ihre Fesseln aber müssen im gleichen Masse, wie das Ego sich der Vollendung seines Hauses nähert, eine nach der anderen gebrochen werden; denn Begierde ist etwas an der Person Haftendes, daher auch Selbstsüchtiges, und wenn eine Handlung der Begierde entstammt, so ist die Reinheit der Tat schon befleckt. Bedingung für die Arhatschaft ist ununterbrochenes Wirken ohne jegliche persönliche Rücksicht. Der Arhat muss "Allen Licht bringen, darf aber keines für sich selbst beanspruchen". Demzufolge muss bei unserem Aufwärts klimmen werden, Verlangen nach persönlichem Wohlergehen, persönlichem Vergnügen, persönlichem Vorteile, persönlicher Liebe, persönlichen Erfolgen, und endlich auch die zarteste von allen, das Verlangen nach persönlicher Vervollkommnung, denn das persönliche Ich muss ganz und gar aufgehen in dem Einen Selbst, welches das Selbst alles Lebenden ist. 3).
Zur Vermeidung von Missverständnissen durfte es angezeigt erscheinen, hier vor zweierlei Dingen zu warnen.
Erstlich: Persönliche Liebe soll nicht getötet, sondern vielmehr derart erweitert werden, dass sie zur All-Liebe wird; wir sollen die uns Teuersten um nichts weniger lieben, sondern darnach trachten, dass alle anderen Menschen uns ebenso teuer werden, so dass der Kummer eines jeden Menschenkindes in unserem Herzen einen ebenso starken Wiederhall findet und uns in gleicher Weise zur Hilfeleistung anspornt, wie der unseres eigenen Kindes. Die Liebe muss nach oben und nicht nach unten gleich gemacht werden. Das Herz darf nicht zu Eis erstarren, sondern es soll in Liebe für alle aufflammen. Die Misserfolge in diesem Streben und die ungeheueren Schwierigkeiten dieses von uns zu erreichenden Zieles haben zur Erstickung statt selben geführt. Nicht durch Lieblosigkeit, sondern durch übersprudelnde Liebe wird die Welt erlöst. Der Arhat ist ein Meer von Mitleiden und Erbarmen, aber kein Eisberg. 4).
Es ist leicht einzusehen, warum diese Erweiterung unserer Liebe der Arhatschaft vorausgehen muss; denn der Arhat erhält seine Kräfte zum Besten der Allgemeinheit und nicht zum Nutzen irgend einer bestimmten Familie oder Nation. Er ist ein Diener der Menschheit, und der Weg, um seiner Hilfe teilhaftig zu werden, ist das Bedürfnis oder die Not, nicht aber verwandtschaftliche Beziehungen. Mit seinen übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten muss er auch übermenschliche Unparteilichkeit verbinden, und persönliche Zuneigung darf nie und nimmermehr als Gewicht in die Waagschale der Gerechtigkeit gelegt werden. Mehr als alle übrigen Menschen muss er ein Sklave der Pflicht sein; denn jedes Abweichen von dieser Linie würde Folgen nach sich ziehen, welche zu dem Höhengrade seiner Erhabenheit in genauerem Verhältnisse stehen. Er muss eine das Gute fördernde Kraft sein, und das Gute muss in jene Kanäle geleitet werden, wo man dessen bedarf, aber nicht in solche, welche persönliche Liebe oder Vorliebe für irgend ein bestimmtes Volk gegraben hat. Daraus erklärt sich auch die lange Dauer der Schulung, des persönlichen Asketismus und des einsamen Lebens, welche zur Erreichung der Arhatschaft notwendig sind. 5).
Zweitens: "Wenn auch der Schüler (Chela) fernerhin die Früchte seiner Handlungen nicht als Belohnungen betrachten und. sich gar nicht um diese kümmern soll, so darf deshalb doch das Handeln selbst nicht aufhören. In dem Büchlein "Die Stimme der Stille" lesen wir "Das Nichtvollbringen einer Tat der Barmherzigkeit ist gleich dem Begehen einer Todsünde," und weiter heisst es: "Sollst du dies des Handelns enthalten? Nein, denn auf diese Weise würde deine Seele nicht zur Freiheit gelangen. Wer Nirwana erreichen will, muss Selbsterkenntnis erwerben, und Selbsterkenntnis entspringt aus dem Tun." Aber obwohl das Handeln mit aller menschlichen Kraft fortzusetzen ist, so muss doch das Verlangen nach zur persönlichen Befriedigung dienenden Früchten desselben ganz und gar erlöschen. Eine gute Tat muss um ihrer Nützlichkeit willen und weil sie zum Frommen anderer gereicht, ausgeführt werden, nicht aber um von anderen oder vor dem eigenen Gewissen Anerkennung zu finden, noch auch um dadurch die eigene Vervollkommnung zu fördern. Auch hier führte das Misslingen, den Unterschied zu erkennen zwischen dem Handeln selbst und dem Verlangen nach den Früchten desselben, zu der Versumpfung und Gleichgültigkeit, welche den orientalischen Völkern eigentümlich ist, weil geistige Selbstsucht und Indifferentismus ihren Verfall herbeiführte. 6).
Wie in universeller Beziehung das allgemeine Verlangen nach einem fühlenden Dasein der Grund der Reinkarnation ist, so ist das wiederkehrende Verlangen nach einer neuen Existenz auf der physischen Ebene die Ursache individueller Wiederverkörperung.
Nach einem langen Leben auf der irdischen Ebene und nachdem der Mensch einen grossen Vorrat von Erfahrungen aufgespeichert hat, ist dieses Verlangen nach physischem Dasein für eine Zeitlang gestillt, oder zur Ruhe gegangen. Es tritt eine Zwischenpause, jene des Entleiblichtseins, ein, während welcher das Ego sozusagen wieder in sich selbst zurückkehrt und aufhört, nach aussen auf der physischen Ebene tätig zu sein, und all seine Fähigkeiten und Kräfte auf inneres Wirken verwendet, indem es seine angesammelten Erfahrungen, die Ernte des eben abgeschlossenen Erdenlebens, überblickt, klassifiziert und von einander ausscheidet, das zur Assimilation Geeignete in sich aufnimmt, das Unnütze und Unbrauchbare aber abstösst. Dies ist die Aufgabe der Devachan-Periode, der zur Assimilation und zur Herstellung des Gleichgewichtes notwendigen Zeit. Gleichwie ein Handwerksmann ausgeht, um das zu seiner Arbeit nötige Material zu sammeln, und wenn er es sich verschafft hat, wieder heimkehrt, dasselbe sortiert und zurecht richtet und dann erst daran geht, einen künstlerischen oder auch nützlichen Gegenstand daraus zu verfertigen; ebenso muss auch der Denker einen Vorrat von Lebenserfahrungen als Material sammeln und dieses dann in das Gewebe seines nach Millionen von Jahren zählenden Daseins einweben. Er kann ebensowenig immerwährend in dem Strudel des Erdenlebens tätig sein wie der Handwerker unausgesetzt Materie sammeln und niemals Arbeiten daraus verfertigen kann, oder wie ein Mann nicht immerfort Speise zu sich nehmen kann, ohne sie auch je zu verdauen und zu assimilieren, um so das Gewebe seines Körpers daraus zu ergänzen. Weil dieser Wechsel zwischen Tätigkeitsperioden und Ruhezeiten alle Lebewesen unbedingt notwendig ist, so ist auch Devachan ein unabweisbares Erfordernis und es erhellt daraus, dass die Ungeduld, mit welcher manche schlecht unterrichtete Theosophen gegen diese Idee, als gegen eine "nutzlose Zeitverschwendung", sich ereifern, ganz ungerechtfertigt ist. Die Ruhe ist ja, wohl gemerkt, etwas, was wir nicht entbehren können. Der müde, abgehetzte Manas bedarf derselben und nur das wieder ausgeruhte Ego ist fähig und tauglich, eine neue Inkarnation anzutreten. Wir besitzen nicht die notwendige Spannkraft, um neuerdings die Bürde des Fleisches aufzunehmen, ehe nicht die Periode der Rast und Erfrischung die intellektuellen und spirituellen Lebenskräfte in den Stand gesetzt hat, im spirituellen Menschen vereint ein neues Tagewerk zu beginnen. Nur wenn das Ende des Zyklus der Wiedergeburten herannaht, vermag das durch millionenfache Erfahrungen erstarkte Ego sich für den schrecklichen Kampf seiner zuletzt sich so rasch folgenden Leben zu rüsten, "ohne dass eine Unterbrechung durch Devachan eintritt," indem es die letzten sieben Sprossen der Leiter des Daseins mit den durch den unlängst nun hinter ihm liegenden Aufstieg abgehärteten und gestählt gewordenen Muskeln hinanstürmt.
Eine Art von Fortschritt -- auch ausser dem soeben besprochenen der Assimilation,
der eine Bedingung für den künftigen Fortschritt ist, -- kann auch während des Deva-
chan-Zustandes stattfinden. H. P. Blavatsky sagt hierüber:
"In einem Sinne können wir mehr Wissen erwerben, d. h. wir können einzelne .Fähigkeiten, für welche wir während des Lebens eine besondere Vorliebe hatten und sie erstrebten, weiter entwickeln, vorausgesetzt, dass es sich um idealen Dinge handelt, wie
Musik, Malerei, Dichtkunst etc., denn Devachan ist ja nur eine idealisierte, subjektive Fortsetzung des irdischen Lebens." ("Schlüssel zur Theosophie").
Hierin findet sich auch die Erklärung für das hin und wieder vorkommende Auftreten von ganz aussergewöhnlicher genialer Begabung schon in Kinderjahren, besonders in der Musik, einer Begabung, welche Grenzen des Höhepunktes, auf welche diese Kunst in ihrer geschichtlichen Entwicklung zur gegebenen Zeit in unserer Rasse angelangt war, weit überschreitet. Wie sich die Sache auch verhalten mag, wir werden jedenfalls gut daran tun, uns ins Gedächtnis zurückzurufen, dass das resolute Verfolgen eines abstrakten Gedankens oder eines idealistischen Verlangens dem Devachan - Zustände eine Richtung gibt, welche ihn zu einem Zustande sowohl des aktiven wie passiven Fortschrittes gestalten kann. Obwohl Devachan im wesentlichen die Welt der Wirkungen ist, so lehnt es sich doch bis zu einem gewissen Grade an die Welt der Ursachen an, wobei freilich nicht übersehen werden darf, dass der Impuls hierzu schon hienieden gegeben werden muss, damit das Rad auch noch während dieser Periode des Friedens und der Ruhe in Bewegung bleibt. Im Devachan gibt es keinen Anstoss zu einer Ursache, kein ursprüngliches Streben, aber es gestattet eine Fortdauer von Bestrebungen, welche nach der höchsten Daseins-Ebene gerichtet sind, die der Mensch vom irdischen Leben aus zu erreichen vermag. Wie es kommt, dass eine solche Möglichkeit vorhanden sein kann, ist leicht ersichtlich; denn die Sphären des Abstrakten und Idealen sind von den Manas Strahlen erleuchtet, und dieses Licht wird nicht verdüstert, wenn Manas-Taijasi sich seiner Fesseln entledigt und zu seiner eigenen Ebene emporschwingt.
Eine interessante Frage tritt an uns heran, wenn wir uns mit der Zeit befassen, zu welcher die Ruheperiode vorüber ist, und wenn die Kräfte, welche das Ego vom Erdenleben mitbrachte, erschöpft sind, das Verlangen nach gefühlbegabtem Dasein wieder erwacht und das Ego im Begriff ist, die Schwelle von Devachan wieder zu überschreiten und zur Ebene der Wiederverkörperung zurückzukehren. Was ist es nun, was das Ego zu der bestimmten Rasse, Nation und Familie hinführt, durch deren Vermittlung es nun ein neues fleischliches Gehäuse finden soll, und was ist ausschlaggebend für das Geschlecht, welchem es angehören soll? Ist es Wahlverwandtschaft, oder freie Wahl? ist es das Gesetz der Notwendigkeit? Diese Fragen drängen sich förmlich über die Lippen des Forschers.
Das Karma-Gesetz ist es, welches das Ego unfehlbar zu jener Nation hinführt, in welcher die allgemeinen Eigenschaften vertreten sind, um einen solchen Körper zu er zeugen, und eine solche soziale Umgebung zu gewährleisten, wie sie geeignet sind für die Darstellung des durch das Ego in seinen früheren Leben erworbenen allgemeinen Charakters, sowie für das Heranreifen der Ernte, für welche es seinerzeit die Saat bestellt hat.
An der Schwelle von Devachan wird das Ego "Von Karma mit seinem ganzen Gefolge von Skandhas erwartet und bei seinem Austritte zum Zwecke einer neuen Wiederverkörperung sofort von demselben in Empfang genommen. In diesem Augenblicke fällt das zukünftige Los dos nunmehr ausgerastetcn Egos in die Waagschale gerechter Vergeltung; denn von nun an verfällt es neuerdings der Macht des in Wirksamkeit tretenden Karma-Gesetzes. In dieser neuen für das Ego in Bereitschaft stehenden Lebenszeit nun -- einer Lebenszeit, vorbereitet und ausgewählt durch dieses geheimnisvolle, unerbittliche, aber in Weisheit und Gerechtigkeit seiner Anordnungen unfehlbare Gesetz -- werden die Sünden seines früheren Lebens ihre Strafe finden. Nicht in eine eingebildete Hölle mit theatralischen Flammen und lächerlich gekleideten, gehörnten Teufeln wird das Ego geworfen, sondern auf diese Erde wird es wieder zurückgeschleudert, auf dieselbe Ebene oder Sphäre, auf welcher es gesündigt hat; und hier muss es Sühne leisten für jede schlechte Tat, für jeden bösen Gedanken. Was der Mensch gesäet hat, das wird er auch ernten. Durch die Reinkarnation werden alle jene Egos mit ihm wieder in Berührung und Beziehung treten welche, sei es direkt oder indirekt, durch tätiges Eingreifen oder auch nur durcl unbewusste Vermittelung der früheren Persönlichkeit zu leiden hatten. Die Nemessi wird sie der neuen Persönlichkeit, unter welcher sich die alte verbirgt, wieder in den Weg führen . . . Die neue Persönlichkeit ist ja nur eine neue Garnitur von Kleidern mit ihren spezifischen Eigenschaften Farben, Formen und Fähigkeiten; aber dei wahre Mensch, welcher sie trägt, ist der nämliche Verbrecher wie der Träger der abgelegten, alten Kleider. ("Schlüssel zur Theosophie").
So wird z. B. die ausgesprochene Kampflust einer Persönlichkeit in einer Inkarnation Ursachen erzeugen, welche dahin führen, das Ego bei einer neuen Wiederverkörperung zu einem Volke hinzuziehen, welches eben eine kriegerische Periode seiner Geschichte durchzumachen hat; demnach würde etwa das Ego eines Römers aus dem kriegerischen Zeitalter der Kolonisations-Periode zur englischen Nation unter Elisabeth sich hingezogen gefühlt haben, zu einer Nation und einer Epoche, zu welcher physische Anerbung und soziale Verhältnisse ihm Aussichten eröffnen, welche für das Auftreten eines Charakters, wie er etwa fünfzehn Jahrhunderte früher geformt und ausgestaltet wurde, günstig sind.
Ein weiterer Faden, und zwar einer der stärksten in der Schnur von Karma, ist die Neigung und Richtung, von welcher das vorhergegangene Leben beherrscht war. Ausgesprochene Neigungen und das resolute Verfolgen einer bestimmten Richtung im Denken und Handeln treten als angeborene Eigenschaften im neuen Leben wieder zu Tage. Ein mit festem Willen ausgestatteter Mensch, der mit aller Energie und Ausdauer nach dem Erwerb von Reichtümern trachtet, und dieses Ziel sein ganzes Leben hindurch unentwegt und skrupellos verfolgt, wird voraussichtlich in einer späteren Inkarnation einer jener Menschen werden, welche man ganz sprichwörtlich als "Glückspilze" bezeichnet, und von denen es heisst: "Alles, was sie berühren, wird zu Gold." Hieraus ergibt sich, wie ungeheuer wichtig es für uns ist, welche Art von Idealen wir uns bilden, und welche Lebensziele wir uns stecken; denn die Ideale des einen Lebens bestimmen die Lebensverhältnisse für das Nachfolgende. Sind dieselben selbstsüchtig, niedrig, gemein und auf das Irdische gerichtet, so wird unsere nächste Inkarnation uns in Verhältnisse bringen, in welche sie für uns erreichbar werden. Wie ein eiserner Wille uns hier das Glück zwingt, so erstreckt sich sein eiserner Griff auch noch über den Abgrund des Todes und der Wiederverkörperung hinüber und erfasst resolut das Ende des abgerissenen Fadens, fest entschlossen, neuerdings auf Erwerb auszugeben. Er verliert während der Devachan-Periode nicht an Spannkraft und Energie, sondern sammelt vielmehr alle seine Kräfte und verarbeitet sie in feinere Materie, so dass das Ego bei seiner Wiederkehr im Gehäuse vorfindet, was aus dem Stoffe dieser heftigen und leidenschaftlichen Begierde aufgebaut und zur Erreichung des vorgesteckten Zieles geeigenschaftct ist. Was der Mensch säet, das wird er auch ernten, er ist der Beherrscher seines Geschickes, und wenn sein Wollen dahin gerichtet ist, für zeitlichen Erfolg kann dies" niemand verwehren. Nur durch Erfahrung wird er lernen, dass Macht, Reichtum und Wohlergehen nur Seifenblasen sind, dass durch sie wohl dem Körper ein behagliches Gewand geschaffen wird, das Ego aber nackt bleibt und friert, dass das wahre Selbst sich nicht mit den Hülsen zufrieden geben kann, welche nur zum Schweinefutter taugen; und wenn er dann das Tierische in sich gesättigt und das Menschliche ausgehungert hat, dann wird er endlich, -- wenn auch in einem fernen Lande, wohin ihn seine eigensinnigen Füsse geführt haben -- sehnsüchtige Blicke nach seiner wahren Heimat zurückwerfen, und er wird durch eine Reihe von Leben sich mit allen Kräften, die er einst aufwendete, um zu herrschen, und die nun zum Dienen verurteilt sind, sich mühevoll wieder zurückkämpfen müssen, und der kräftige Mann, welcher seine Fähigkeiten zur Beherrschung anderer anwendete, wird sie nunmehr zur Erlangung der Herrschaft über sich selbst und zu seiner Erziehung zur Unterwürfigkeit unter das Gesetz der Liebe verwerten müssen.
Sehr schwierig zu beantworten ist die Frage "Was entscheidet über das Geschlecht? " ja, es können hierüber eigentlich nur Vermutungen aufgestellt werden; denn definitive Aufschlüsse wurden uns über diesen Punkt nicht zu teil. 7). Das Ego selbst ist geschlechtslos, aber jedes Ego weilt im Laufe seiner nach Myriaden zählenden Inkarnationen sowohl in männlichen, wie in weiblichen Verkörperungen. Da der Zweck der Reinkarnation der Aufbau der vollendeten Menschheit ist, und weil in dieser vollendeten Menschheit die positiven und negativen Elemente ihr volles Gleichgewicht finden müssen, so ist es nicht schwer, einzusehen, dass das Ego diese Eigenschaften sich in den physisch hinzu geeigneten Subjekten erwerben muss, und dass deswegen auch ein Wechsel in dem Geschlecht notwendig ist. Desgleichen verdient es auch Beachtung, dass man die Beobachtung gemacht und tatsächlich festgestellt hat, dass der synthetische Prozess auf dieser Ebene menschlicher Entwicklung eine Fortschritts-Beschleunigung bewirkt. Wir begegnen in beiden physischen Geschlechtern edlen Typen, welche einzelne Charakter Eigenschaften aufweisen, welche geschichtlich nachweisbar früher einem Angehörigen des anderen Geschlechtes eigen waren, so dass Kraft, Standhaftigkeit, Mut etc., welche in einem männlichen Wesen entwickelt wurden, nun zusammen geschweisst erscheinen mit Weichheit, Reinheit und Beharrlichkeit, wie sie in einer weiblichen Natur sich entfaltet hatten, und wir mögen ein paar Lichtblicke über das, was die Menschheit, dereinst sein wird, erhaschen, wenn einmal für die Entwicklung getrennten Gegen-Paare zum Genusse wiedervereinigt sein werden. Es ist auch wahrscheinlich , dass die Geschlechtserfahrungen die Wege des Evolutions-Prozesses stets wieder etwas zurückdrückt, um so den auf irgend einer Stufe noch mangelhaft ausgebildeten Eigenschaften Gelegenheit zur Vervollkommnung zu geben; sowie ferner, dass es eine Wirkung des Karma-Gesetzes sein dürfte, dass, wenn ein Mensch des einen Geschlechtes ein Unrecht gegen das andere begangen hat, der Unrechttuende gezwungen sein wird, die Wirkungen der jetzt gesäeten Ursachen in dem von ihm geschädigten Geschlecht zu erleiden.
So wird durch Karma die Richtung bestimmt, in welcher sich die neue Inkarnation des Egos bewegen wird, denn dieses Karma ist die Gesamtheit der von dem Ego selbst hervorgerufenen Ursachen. Wenn wir jedoch über die Wirksamkeit des Karma nachdenken, so dürfen wir einen Umstand nie übersehen, und der ist, dass das Ego infolge seines die Verhältnisse der ihm zugehörigen Persönlichkeit viel klarer durchschauenden Blickes sich durchaus willig zur Übernahme dieses Karma versteht, wogegen die Persönlichkeit selbst sich nicht so unbedingt mit dieser Welt einverstanden zeigt. Die Schule der Erfahrung ist nicht immer angenehm und für die beschränkte Erkenntnis der Persönlichkeit gibt es gar viele irdische Erfahrungen zu machen, welche ihr unnötig, qualvoll, ungerecht und zwecklos erscheinen: Aber das Ego vermag, ehe es sich in den "Lethestrom des Körpers" stürzt, die Ursachen zu erkennen, deren notwendiges Ergebnis die Umstände und Verhältnisse der nunmehr von ihm anzutretenden Inkarnation sind, sowie auch die Gelegenheiten wahrzunehmen, welche es in demselben zu seinem Wachstum finden kann; und es ist demnach nicht schwer zu begreifen, wie leicht sich alle vorübergehenden Sorgen und Leiden mit dieser Wage gewogen erscheinen, und wie unbedeutend sich alle irdischen Kümmernisse und Freuden für seinen durchdringenden, weit in die Zukunft sehenden Blick erweisen müssen. Denn was ist jedes einzelne Leben anders als ein Schritt in:
"dem ewigen Fortschritte jedes einzelnen zur Inkarnation gelangenden Egos, oder der gottlichen Seele, in der Evolution von dem Ansseren zum Inneren, von dem Materiellen zum Spirituellen, welches am Ende jeder Stufe zur absoluten Einheit mit dem göttlichen Prinzipe gelangt. Von Kraft zu Kraft, von Schönheit und Vollkommenheit einer Ebene zu noch grösscrer Herrlichkeil und Vollendung einer anderen, zum Besitze neuer Glorie, neuer Erkenntnis und neuer Kraft in jedem einzelnen Zyklus zu gelangen, dies ist die Bestimmung des einzelnen Egos." ("Schlüssel zur Theosophie").
Was bedeuten eine so hohen Bestimmung gegenüber dem vorübergehenden Leid eines Augenblicks, oder selbst die Nöte eine ganzen Lebens?
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1) D. h. aus der göttlichen Liebe. "Gott liebt es,
sich in seiner Natur zu erkennen." (Eckhart.)
2) Es ist wohl zu unterscheiden zwischen der
Unfähigkeit,
eine Begierde zu haben, und der Kraft, über dieselbe erhaben zu
sein.
(H.)
3) Wer sein persönliches Ich aufgiebt, für
den verschwinden alle Vorstellungen und Begierden, die mit dieser
Täuschung
zusammenhängen. Dies kann aber niemand aus seinem eigenen
persönlichen
Willen tun, weil dieser Wille eine Funktion dieses Ichs ist. Es kann
nur
durch das Erwachen des höheren Bewusstseins geschehen. (H.)
4) Johann Scheffler sagt in Bezug auf die
Weitverachtung
gewisser Philosophen: "Du irrst dich sehr! Kannst du dein Selbst nicht
hassen, so hast nicht du die Welt, die Welt hat dich verlassen." (H.)
5) Welche aber schlimmer als nutzlos sind für
diejenigen,
welche die dazu nötige Reife noch nicht erlangt haben.
Weltverachtung
aus Größenwahn ist der höchste Ausdruck
persönlicher
Eitelkeit. (H.)
6) Die Übel, welche in der Regel der Religion
zugeschrieben
werden, entspringen nicht der Lehre der Religion, sondern dem
Missverständnisse
derselben. (H.)
7) Hier entscheidet augenscheinlich das Gesetz der
Natur.
Es ist bekannt, dass männliche oder weibliche Kinder nach Belieben
erzeugt werden können, je nachdem die Vorstellung und Begierde des
einen oder des andern Teiles während des Zeugungsaktes die
grössere
ist. Diese Begierde aber wird im allgemeinen durch das Bedürfnis
und
die daraus entspringende Notwendigkeit geregelt, und dadurch füllt
die Natur selber die Lücken aus, die durch den Menschen (durch
grosse
Kriege u. s. w.) geschaffen werden. (H. )
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r_ursach.txt