Die einzige Antwort auf die so oftmals vernommene Frage: "Kann eine. Monade" welche sich einmal in Menschengestalt verkörpert hatte, nach dem Tode derselben wieder in eines der unter ihr stehenden Tiere zurückkehren?" ist schon in dem vorhergehenden Kapitel klar enthalten. Der Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier besteht nach der esoterischen Philosophie darin, dass im Menschen ein Sohn des Geistes wohnt, was beim Tiere nicht der Fall ist. Millionen von Jahren wurde an den Gehäusen gebaut, bis sie endlich zur Aufnahme der Söhne des Geistes würdig und geeignet erschienen, oder bis sie -- um ein anderes Gleichnis zu gebrauchen -- zu tauglichen und zweckentsprechenden Werkzeugen für deren Auftreten in der physischen Welt geworden waren.
Die Tiere besitzen noch nicht die notwendigen Eigenschaften, um als solche Werkzeuge zu dienen; sie sind noch in der Entwicklung zum Menschen begriffen, und erst in einem künftigen Entwicklung-Zyklus werden die jetzt in ihnen wohnenden und ihre Entwicklung lenkenden Monaden (um mich eines allgemein freien Ausdruckes zu bedienen) in Menschengestalten eingehen, aber gegenwärtig ist das Tier noch nicht fähig, den geistgeborenen Denker aufzunehmen, welchen wir als das wesentlich menschliche Prinzip zu betrachten gelernt haben. Der Denker oder das sich inkarnierende Ego kann demnach, wenn das gegenwärtig von ihm bewohnte Menschenhaus verfällt, dieses nicht verlassen, um in den für seine Aufnahme noch nicht geeigneten Körper eines Tieres einzuziehen; in einem solchen könnte er gar keine Zuflucht finden, weil derselbe noch gar nicht fähig ist, ihn zu beherbergen. Nachdem er (der Denker) mit seiner ersten Inkarnation so lange gewartet hat, bis die verschiedenen Rassen sich zur vollendeten Menschenform entwickelt hatten, weil eben niederere Formen für ihn nicht zweckentsprechend waren, so kann er auch im weiteren Verlaufe der Menschengeschichte nur wieder in menschliche Gestalten einziehen, welche allein die Bedingungen erfüllen, unter welchen er wirken kann. Hierin liegt tatsächlich der Grund, welcher die in einzelnen exoterischen Religionen gelehrte Rückwärts-Entwicklung unmöglich macht.
Ein Mensch kann verkommen, ja er kann moralisch tiefer sinken als das Tier, aber er kann das Rad der Zeit weder selbst nach rückwärts drehen, noch bewirken, dass es eine rückläufige Bewegung einschlage. Er kann ebensowenig wieder zum Tiere werden, als sein Körper wieder in den Mutterschoss zurückkehren kann. Nach vorwärts erschliesst uns die Natur bereitwillig ein Thor nach dem anderen, aber die hinter uns gelassenen fallen sofort wieder ins Schloss, zu welchem wir niemals den Schlüssel finden werden.
Unter den Ungebildeten im Orient ist die Idee, dass das menschliche Ego auch in einem Tiere wohnen könne, sehr allgemein verbreitet. Die Lehren des Manu setzen mit grosser Bestimmtheit das künftige Schicksal den einzelnen Lastern ergebenen Menschen fest. So heisst es dortselbst z. B.:
"Der Verleumder seines Guru wird zum Esel; seine Schmäher zum Hunde; wer sich dessen Güter aneignet, zum Wurme; sein Neider aber zum Insekt." 1).
"Wer einen Brahmanen tötet, muss in den Mutterleib von Hunden, Bären, Eseln, Kamelen, Kühen, Ziegen, Schafen usw., zurück." 2).
"Wer Getreide, Kupfer, Honig, Wasser, Milch, Räucherwerk oder Butter stiehlt, wird eine Maus, ein Flamingo, ein Wasservogel, eine Wespe, eine Krähe, ein Hund oder ein Ichneumon 3)."
Der langen, Reihe von Lehren, welche Tierverkörperungen für verschiedene Laster und Verbrechen durchzumachen sind, entnehmen wir folgendes allgemeine Prinzip: Solche Geschöpfe, welche von der Wesenheit beherrscht sind, gelangen zur Göttlichkeit; jene, welche Sklaven der Leidenschaften sind, erreichen den Menschenzustand, was aber von der Finsternis beherrscht wird, das fällt dem Tierzustand anheim. 4).
Allen Kennern indischer Literatur wird es sofort klar sein, dass dies nichts anderes sagen will, als dass jede der "drei Qualitäten" ihre eigene, ihre besonders eigentümliche Inkarnationssphäre hat: Satwa im Göttlichen, Rajas im Menschlichen und Tamas im Tierischen 5).
Es unterliegt keinem Zweifel, dass viele Hindus diese Lehre wörtlich nehmen, allein man ist zu der Überzeugung gekommen, dass diese wörtliche Auffassung verhältnismässig neueren Datums ist, und dass sie ursprünglich nur im allegorischen Sinne verstanden wurde, geradeso, wie auch wir von einem dummen oder grausamen Menschen als von einem Ochsen oder Tiger etc. sprechen. E. D. Walker führt aus Daciers "Leben des Pythagoras" einen Kommentar des Hierodes über die goldenen Verse des Pythagoras an, in welchem folgende Ansicht vertreten ist:
"Wenn ein Mensch infolge schimpflicher Unwissenheit über die unserer Seele unzertrennlich anhaftenden Unsterblichkeit sich selbst überreden würde, dass seine Seele mit seinem Körper stirbt, dann würde er etwas erwarten, was niemals eintreten wird; in gleichem ist aber auch derjenige, welcher sich einbildet, dass er nach dem Tode den Körper eines Tieres annehmen und infolge seiner Laster zum vernunftlosen Tiere, oder wegen seiner Gleichgültigkeit und Trägheit zu einer Pflanze werden wird -- ebenso, sage ich, ist ein solcher Mensch, der sich in direkten Widerspruch setzt mit jenen, welche die Umwandlung des Wesens des Menschen zu immer höherstehenden Wesenheiten lehren, in einer grenzenlosen Täuschung befangen, und ohne jegliche Kenntnis von dem eigentlichen, wahren Wesen der Seele, "welches sich niemals verändern kann, denn indem es immerwährend Mensch ist und Mensch bleibt, sagt man nur, er werde zum Gotte oder zum Tiere wegen seiner Tugenden oder Laster, obwohl er weder das Eine noch das Andere werden kann." (Reinkarnation pp. 281 u. 282.).
Wie Walker weiter ausführt, bewirkte der Glaube, dass die Seele des Menschen auch in die unter ihm stehenden Tiere übergehen könne, dass man ihnen in den weitesten Kreisen mit viel mehr Liebe und Mitleiden entgegenkommt als unter den christlichen Völkern. Im südlichen Indien und auf Ceylon hatten die Buddhisten lange vor der christlichen Ära Spitäler für kranke Tiere ebenso wie für kranke Menschen, wogegen derartige Anstalten in christlichen Ländern sehr neuen Datums und nur sehr selten anzutreffen sind.
Wie gross aber auch die ethische Wirkung dieses Glaubens an eine solche Form der Wiederverkörperung sein mag, so ist er doch nicht wahr und hat keinen Platz in der esoterischen Philosophie. Der Denker kann nie in die Tier-Gestalt eingehen; der Weg, welchen er zu gehen hat, ist die individuelle Wiederverkörperung von Menschenleib zu Menschenleib, und demzufolge muss nach der esoterischen Lehre die Reinkarnation sich auf den Menschen allein beschränken.
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1)Vergl. Ordinances of Manu von Bumell und Hopkins,
Lekt.
n, 201.
2) Ebendaselbst. XII, 55.
3) Ebendaselbst. XII, 12.
4) Ebendaselbst. XII, 40.
5) Das tierische Leben gehört auch zum
Erdenmenschen,
und wenn der Körper im Grabe verfault, so bilden sich davon
Würmer.
Es ist somit ein Teil desjenigen, was früher als Mensch auftrat,
als
Wurm inkarniert; deshalb würde aber niemand behaupten, dass der
Mensch
selbst zu Würmern geworden sei. (H.)
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