Was gelangt zur Wiedergeburt?

Haben wir einmal klar begriffen, dass der Grundgedanke der Wiedergeburt der ist, dass ein lebendiges Etwas in einer bestimmten Reihenfolge in menschlichen Körpern Wohnung nimmt, so fragen wir ganz natürlich weiter: Was ist dieses lebendige Etwas, dieses sich immer neuerdings wieder verkörpernde Prinzip? Da nun das Verständnis der ganzen Lehre davon abhängt, dass wir die Antwort auf diese Frage in ihrem vollen Umfange verstehen, so halte ich es für keine Zeitversäumnis, wenn wir uns die Umstände, welche die erste Inkarnation dieses lebendigen Prinzips in einer Menschengestalt begleiten und veranlassen, ein wenig näher betrachten. Um jedoch diese erste Inkarnation klar und gründlich verständlich zu machen, müssen wir die Entwicklungsstadien des Menschen schrittweise verfolgen.

Wer das erste Heftchen dieser Abhandlungen gelesen hat, wird sich erinnern, dass die Monade oder Atma Buddhi als "der Urquell aller Entwicklung, als die treibende Kraft an der Wurzel aller Dinge" bezeichnet wurde. Wer jedoch mit diesem technischen Ausdrucke noch nicht bekannt ist, der kann sich den Begriff, welcher diesen unter Theosophen so gebräuchlichen Worten zugrunde liegt, klar machen, wenn er sich vorstellt, dass das Universalleben, die Wurzel alles Seienden, all die verschiedenen Formen, aus welchen die Welt besteht, als ihre eigenen Erscheinungsformen, sich nach und nach aus sich selbst entwickelte. Wir können hier nicht bis auf die Entwicklungsgeschichte unserer Erde in den frühesten Stadien ihrer nach Äonen zählenden Evolution zurückgreifen; dies mag vielleicht den Stoff bieten für eine spätere Abhandlung. Hier müssen wir uns begnügen, den Faden am Anfange unserer gegenwärtigen Entwicklungsstufe aufzunehmen, zu jener Zeit, als bereits der Keim dessen, was sich zum Menschen entfalten sollte, als Resultat früherer Entwicklungsstufen auf unserer Erde erschienen war. Die Evolutionstheorie hat H. P. Blavatsky im zweiten Band der "Geheimlehre" eingehend behandelt, und ich muss den ernsten und gründlichen Forscher auf dieses Buch verweisen. Hier mag es genügen, wenn ich sage, dass die physische Form dessen, was einst Mensch werden sollte, ganz allmählich und Schritt für Schritt zur Entwicklung kam, dass nämlich zwei grosse Rassen zu voller und eine dritte zu halber Entfaltung gelangen mussten, ehe die Menschheit in Bezug auf ihre physische und tierische Wesensbeschaffenheit vollkommen ausgebildet war. Diese Wesensbeschaffenheit, welche mit Recht als eine tierische bezeichnet wird, weil sie nur das umfasst, was der Mensch mit dem Tiere gemein hat -- (seinen physischen Körper, sein ätherisches Spiegelbild, seine Lebenskraft, seine Neigungen, Gelüste und Leidenschaften) -- wurde im Verlaufe von Millionen von Jahren durch irdische und andere kosmische Kräfte aufgebaut. Sie war von dem Universalleben, dem "Grundpfeiler aller Evolution" überschattet, umhüllt und durchdrungen von jenem Leben, welches die Menschen aller Zeitalter als "das göttliche" bezeichneten.

In der "Geheimlehre" (vol. I, p. 183) finden wir einen Kommentar der Geheimwissenschaften zitiert, welcher über diese Entwicklungsstufe spricht und der sogenannten Astralbilder oder jener Formen erwähnt, welche sich zu physischen Menschenkörpern entwickelten. Er beschreibt die Lage zu dem von uns bezeichneten Zeitpunkte also:

"Dieser Rupa (oder Körper) wurde der Träger der Monaden (-- 6. und 7. Grundteil), welche den Kreislaut ihrer Wandelungen in den drei vorhergegangenen Kalpas (= Runden) vollendet hatten. Nun wurden sie (die Astralbilder) die Menschen der ersten Menschenrasse dieser Runde. Aber sie waren noch nicht vollendet, denn sie besassen noch keinen Verstand."

Hier haben wir sozusagen die beiden Pole der sich entwickelnden Lebenserscheinung: das Tierische mit all seinen Anlagen und Fähigkeiten auf der niedereren Ebene, welches freilich ohne Geist und Bewusstsein planlos über die Erde hinirrt, gleichwohl aber an der Hand der ihm innewohnenden, immer nach Höherem trachtenden und treibenden Kraft instinktiv aber unbewusst vorwärts strebt. Diese Kraft, das Göttliche, ist an sich selbst und ihrem ätherischen Wesen nach viel zu erhaben, um auf niedereren Ebenen zum Bewusstsein zu gelangen; sie ist daher unfähig, die Kluft zu überbrücken, welche zwischen ihr und dem tierischen Gehirne gähnt, das sie zwar beleben, aber nicht er; feuchten, kann. So war der Organismus beschaffen, welcher zum Menschen werden sollte; ein Geschöpf, ausgestattet mit den vorzüglichsten Anlagen, ein mit Saiten bespanntes, vollkommen fertiges Instrument, bereit, Töne und Melodien hervorzubringen: aber wo war die Kraft, welche diese Anlagen verwerten, wo die Berührung, welche die Melodien erwecken und sie laut tönend in den Raum entsenden konnte?

Als die Zeit erfüllt war, kam auch von der Geistes- oder Manas-Ebene die Antwort auf diese Frage. Während die oben erwähnte Doppelevolution, die der Monade und des physischen Körpers, auf unserem Erdballe vor sich ging, hatte gleichzeitig in höheren Sphären eine dritte Entwicklungsreihe stattgefunden, welche gleichfalls im Menschen ihr Ziel finden sollte. Diese Entwicklungslinie galt dem Heranreifen des Verstandes, und die Subjekte derselben waren die Söhne des Geistes, die Manasaputras, selbstbewusste, intelligente Wesen, wie schon ihr Name sagt. Ihrer geschieht unter verschiedenen Namen Erwähnung; man nennt sie die Herren des Lichtes, Dhyan-Chohans, Kumaras, Solar-Pitris, Drachen der Weisheit etc., alles allegorische und poetische Bezeichnungen, welche dem Forscher im Verlaufe des Studiums anziehend und vertraut werden, dem Anfänger aber manche Schwierigkeit und Verwirrung bereiten, weil er sich nicht gleich klar wird, ob er es mit einer einzigen oder mit einer ganzen Menge von Wesensheiten zu tun hat. Er braucht jedoch nur das Eine festzuhalten, dass auf einer gewissen Entwicklungsstufe gewisse selbstbewusste intelligente Wesenheiten in die Menschenkörper einzogen oder sich in ihnen inkarnierten, welche vorbei eine lange intellektuelle Entwicklung durchgemacht hatten und nunmehr im Menschen das fertiggestellte geeignete Werkzeug zu ihrer Fortentwicklung vorfanden.

Die Ankunft dieser Söhne des Geistes, finden wir im Buche Dzyan in folgender Weise beschrieben:

"Die Söhne der Weisheit, die Söhne der Macht entschlossen sich, sich zu verkörpern und schwebten zur Erde hernieder. -- Die dritte Rasse war zu ihrer Aufnahme bereit. "In diesen wollen wir Wohnung nehmen," sprach der Herr der Flamme ..... Die dritte Rasse wurde zum Vahana oder Träger der Söhne der Weisheit." --

Diese Söhne der "Weisheit nun sind es welche die sich immer wiederverkörpernden Egos der Menschen wurden: sie sind .das geistige Prinzip oder, besser gesagt, die geistigen Prinzipien im Menschen, der Manas, der fünfte Grundteil, welchen man bisweilen auch die menschliche oder die vernunftbegabte Seele nennt. Ich ziehe es vor, das sich inkarnierende Ego lieber den Denker als den Geist im Menschen zu nennen, weil das Wort .Denker ein individuelles Wesen in sich begreift, wogegen das Wort Geist zu unbestimmt und allgemein ist.

Es ist nicht nur interessant, sondern auch von Bedeutung, dass das in so vielen Sprachen sich findende Wort "Mann" auf das Wort Manas und dessen Wurzel man (== denken) zurückgeführt wird. Skeat findet dieses Wort im Englischen, Schwedischen, Dänischen, Deutschen, im Gotischen und Lateinischen (mas für manas), leitet dasselbe von der Sanskritwurzel "man" ab und erklärt dessen Bedeutung dementsprechend auch als "ein denkendes Tier". Wo immer wir uns daher des Wortes Mann bedienen, sagen wir eigentlich jene Zeit zurückversetzt, zu welcher die Denker herabkamen, d.h. sich in den für ihre Aufnahme bereiten physischen Träger inkarnierten und das vernunftlose Tier zum vernunftbegabten, denkenden Menschen wurde, weil Manas in ihm eingezogen war und Wohnung in ihm genommen hatte. Dies war der Zeitpunkt, zu welchem der Mensch sich in "Kleider von Tierfellen" hüllte, nachdem er sich in die irdische Materie versenkt hatte, damit er vom Baume der Erkenntnis essen und so zu Gott sich aufschwingen könne.

Der Mensch ist demnach das Bindeglied zwischen dem Göttlichen und dem Tierischen, welche beide, wie wir gesehen haben, dem Wesen nach zwar verbunden sind, aber doch zu keiner innigen Vereinigung gelangen können. Der Mensch streckt seine eine Hand aufwärts nach der göttlichen Monade, nach seinem Urquell, dem Geiste, und er strebt nach aufwärts, um sich mit jenen edleren Wesen zu vereinigen, um seinen Verstand zu vergeistigen und sein Wissen in Weisheit umzugestalten; -- seine andere Hand aber legt er auf das Tier, welches ihn im Kampfe mit der niederen Ebene tragen muss, um es seinen eigenen Zwecken zu unterwerfen und dienstbar zu machen und zu einem vollkommen tauglichen Werkzeuge für die Offenbarung des höheren Lebens auszubilden. Er sieht eine langwierige Arbeit vor sich liegen, und sie umfasst nichts Geringeres, als die Erhebung des Tieres zum Göttlichen, als die Verfeinerung der Materie zum Geiste, und das Leben, welches den absteigenden Teil der Bahn durchlaufen hat und sich nun wieder erheben muss, den steilen Pfad hinaufzuführen, und alle die Früchte, welche er in seiner langen Verbannung sammelt, zu seiner wahren Heimat mitzunehmen. Er muss endlich die verschiedenen Ansichten von dem Einen wieder zur Einheit vereinen, muss den Geist auf aller Ebene zum Selbstbewusstsein, den Stoff zur Vollkommenheit der Darstellung bringen. Dies ist die erhabene Aufgabe, zu / deren Erfüllung ihm die Wiederverkörperung | das Mittel ist.

Der an diesem Ziele angelangte Mensch ist erst unser wahres menschliches Ich, und wir sind in einem argen Irrtum befangen , wenn wir unsern Leib für unser Ich halten und so unser nur zeitweises "Kleid von Tierfellen" weit überschätzen. Dies wäre ja ähnlich, als wenn ein Mensch seinen Rock für seine Person und sich selbst nur als ein leeres Anhängsel desselben betrachten würde. Wie unsere Kleider für uns und nicht wir um der Kleider willen da sind, und wie diese lediglich durch Klima, Bequemlichkeit und Gewohnheit bedingte und uns notwendig gewordene Dinge sind, ebenso bedürfen wir auch unserer Körper nur infolge der Verhältnisse, in welchen wir uns befinden, und sie sollen zur Erfüllung unserer Endzwecke, nicht aber zu unserer Unterjochung dienen. In Indien gibt es Leute, welche von ihren leiblichen Bedürfnissen nie als von "den ihrigen" sprechen; sondern sie sagen z. B. mein Körper ist hungrig, mein Körper ist müde usw., niemals aber: ich bin hungrig, ich bin müde usw. Wenn diese Redeweise für unsere Ohren auch sonderbar klingen mag, so entspricht sie doch dem wahren Sachverhalte viel besser als die uns geläufige Identifizierung unseres Ichs mit dem Körper. Unser ganzes Leben würde einen erhabeneren und ernsteren Charakter annehmen, wenn wir uns daran gewöhnen könnten, uns in Gedanken nicht fortwährend als Eins zu fühlen mit dem Gehäuse, welches uns zur Wohnung dient, sondern mit dem wahren menschlichen Ich, welches dieses Haus bewohnt. Wir würden dann die Unannehmlichkeiten des Lebens wie den Staub von unseren Kleidern abschütteln und zu der Erkenntnis gelangen, dass das Wertmass für alles, was uns begegnet, nicht in den Leiden oder Freuden liegt, welche dadurch unserem Körper zu teil werden, sondern darin, inwiefern es dem Menschen in uns zu seinem Fortschritte förderlich oder hinderlich ist, und da alle Vorkommnisse nur Mittel zur Erfahrung sind und wir aus allem etwas lernen können, so sollten wir den Kümmernissen und Sorgen ihren Stachel nehmen, indem wir bei allem nach der Lehre forschen, welche in ihm wie die Blüte in der Knospe eingeschlossen liegt. Im Lichte der Wiederverkörperung ändert sich unsere ganze Anschauung über das Leben, denn es wird zur Schule für den in uns lebenden unsterblichen Menschen, welcher in demselben seine Entwicklung zu fördern sucht, jenes Menschen, welcher war, ist und sein wird, für welchen keine Stunde schlägt.

Der Anfänger muss nun den Begriff festhalten, dass der Denker (der Mensch, das Individuum) das sich inkarnierende Ego ist, und dass das ganze Streben und Trachten dieses Egos darauf gerichtet ist, eins zu werden mit der göttlichen Monade, indem es durch fortwährende Schulung und Erziehung das tierische Ich, an welche es für die Dauer des irdischen Lebens gebunden ist, mehr und mehr läutert. Indem sich der Denker mit der göttlichen Monade oder dem von dem Universalleben unzertrennlichen Funken vereinigt, wird er zum geistigen Ego, zum göttlichen Menschen 1).

Der Denker wird häufig auch der Träger der Monade genannt, gewissermassen die ätherische Hülle, vermittelst welcher die Monade auf allen Ebenen ihre Tätigkeit zu entfalten vermag; dies ist auch der Grund, weshalb wir in theosophischen Schriften oftmals erwähnt finden, dass die Triade oder die Dreiheit dasjenige im Menschen sei, was zur Inkarnation gelangt, und man kann diese, wenn auch etwas ungenaue Ausdrucksweise gelten, sofern der Leser dabei nicht vergisst, dass er unter der Monade etwas Universelles und nicht ein Geteiltes zu verstehen hat und dass nur unsere Unwissenheit die Schuld trägt, wenn wir uns der Täuschung hingeben, als seien wir selbst etwas von unseren Mitmenschen Geteiltes oder Gesondertes, und wenn wir das in dem Einen scheinende Licht verschieden halten von. dem Lichte, das in einem anderen sich offenbart 2).

Da die Monade universell und in den einzelnen Personen oder Individuen nicht verschieden ist, so kann man in Wahrheit sagen, dass es strenggenommen nur der Denker, welcher sich inkarniert, und mit diesem Denker als Individuum haben wir uns hier zu beschäftigen.

In diesem Denker haben nun alle jene Kräfte und Fähigkeiten ihren Sitz, welche wir unter der Bezeichnung Geist zusammenfassen. Er schliesst das Gedächtnis, die Intuition und den Willen in sich; er sammelt die Erfahrungen all der verschiedenen Erdenleben, welche er durchzumachen hat und bildet daraus jenen reichen Wissensschatz, welcher durch einen ihm allein bekannten göttlichen Wandlungsprozess in ihm selbst zu jener Essenz von Erfahrung und Wissen verarbeitet wird, welche Weisheit ist. Unterscheiden wir ja doch schon in der kurzen Zeitspanne unseres Erdenlebens zwischen dem Wissen, das wir erwerben, und der Weisheit, welche wir -- leider nur zu selten -- allmählich aus demselben ableiten. Weisheit ist die Frucht, welche wir aus den Erfahrungen des Lebens ziehen, ist das unschätzbare Besitztum des Greisenalters. In noch viel umfassenderem und höherem Sinne ist Weisheit die Frucht vieler Inkarnationen, während welcher wir in ausdauerndem Schaffen Wissen erwarben, Erfahrungen sammelten und dieses alles zu einem vollendeten Ganzen vereinigten, so dass endlich der vollkommene Mensch als das glorreiche Resultat einer Jahrhunderte umfassenden Entwicklung hervorgeht. In dem Denker ist demnach unser ganzer Schatz von Erfahrungen aufgestapelt, welche wir in all unseren früheren Leben erworben, im Laufe vieler Wiederverkörperungen geerntet haben, eine Erbschaft, welche jeder mit Sicherheit auch antreten wird, sobald er gelernt hat, sich aus der Knechtschaft der Sinne zu befreien und sich aus den Stürmen und Kämpfen des Erdenlebens zu jenen reineren Sphären, zu jenen höheren Regionen emporzuschwingen, woselbst unser höheres Ich wohnt.

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1) Vergleiche die Abhandlung über die sieben Grundteile von A. Besant.
2) Vergleiche ebendaselbst. Die Beziehungen zwischen den drei höheren Grundteilen sind in diesem Aufsatz klar auseinandergesetzt.
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