Was gelangt nicht zur Wiederverkörperung?
 

Im vorhergehenden Abschnitte haben wir gesehen, dass die äussere Gestalt des Menschen, seine physische Natur, im Verlaufe von 2 ½ Menschenrassen ganz allmählich zu jener vollkommenen Beschaffenheit gelangte, welche sie endlich zum Empfange und zur Aufnahme des Sohnes des Geistes geeignet und würdig erscheinen liess. Wir bezeichneten diese Natur als die tierische, welche aus vier leicht von einander zu unterscheidenden

Teilen besteht. Diese sind: 1) der Körper, 2) dessen ätherisches Spiegelbild, 3) die Lebenskraft und 4) das Gefühlsleben, d. h. seine Leidenschaften, Begierden und Gelüste. Diese Vier zusammen bilden im wahren Sinne des Wortes den Tiermenschen, denn er unterscheidet sich von seinen Verwandten, die noch nichts weiteres als Tiere sind, erst durch den auf ihn wirkenden Einfluss des Denkers, welcher zum Zwecke seiner Erziehung- und Veredelung zu ihm herabstieg. Wenn wir den Denker hinwegnehmen, wie z. B. im Falle eines von Geburt aus Blödsinnigen, so haben wir nichts anderes als ein Tier in Menschengestalt vor uns.

Sobald aber der Denker sich mit dem tierischen Menschen vereinigt und ihn beseelt, so teilt, er dessen niederen Natur so viel von seinen eigenen Fähigkeiten mit, als dieser in

sich zur Entwicklung zu bringen vermag, und was wir den Gehirnverstand oder den niederen Geist nennen, ist nichts anderes, als eben diese in und durch das menschliche Gehirn wirkenden Fähigkeiten. Nach unseren europäischen Begriffen und zufolge der bei

uns gebräuchlichen Ausdrucksweise ist die Entwicklung des Gehirnverstandes das unterscheidende Merkmal zwischen Tier und Mensch. Was in den Augen der Theosophen nur der niedere Gchirnverstand ist, wird von den abendländischen Völkern allgemein für den Geist selbst gehalten, was natürlich bei Besprechungen zwischen Theosophen und Nichttheosophen zu vielfachen Missverständnissen Anlass giebt. Wir Theosophon behaupten, dass der Denker, indem er sich des tierischen Menschen ganz zu bemächtigen und ihn zu beeinflussen bestrebt, einen Strahl entsendet, welcher das Gehirn sich dienstbar macht und in ihm wirkt, sowie dass durch das Gehirn nur so viele der geistigen Kräfte zur Offenbarung gelangen können, als dieses vermöge seiner Konstruktion und seiner anderen physischen Eigenschaften zum Ausdruck bringen kann. Dieser Strahl setzt die Moleküle der Nervenzellen des Gehirnes in Schwingung, gleich wie ein Lichtstrahl die Moleküle der Nervenzellen der Retina in Bewegung versetzt, und ruft auf diese Weise das Bewusstsein auf der physischen Ebene hervor. Vernunft, Arbeitskraft, Gedächtnis, Wille, Vorstellungsvermögen -- alle diese Fähigkeiten, welche, wie sie uns bekannt sind, bei voller Tätigkeitsentfaltung des Gehirnes zutage treten, sind Wirkungen des von dem Denker entfernten Strahles, stets jedoch modifiziert durch die materiellen Bedingungen, unter welchen zu wirken er gezwungen ist.

Zu diesen Bedingungen gehören gesunde Nervenzellen, das richtige Entwicklungsverhältnis der hier in Betracht kommenden Gruppen von Nervenzellen, genügender Zufluss von Blut, welches nicht bloss die entsprochenden Nährteile enthält, die von den

Zellen assimiliert werden können, um den Verbrauch zu ersetzen, sondern das auch genügende Mengen von Sauerstoff enthält, der sich von seinem Träger leicht entbindet. Sind alle oder auch nur einzelne von diesen Bedingungen nicht erfüllt, so kann das Gehirn

nicht vollkommen richtig wirken, der Denkprozess kann durch ein solches Gehirn ebensowenig in vollendeter Form vor sich gehen, wie eine Orgel mit schadhaftem Blasebalg eine ungetrübte Melodie hervorbringen kann.

Das Gehirn selbst produziert ebensowenig den Gedanken, wie die Orgel die Melodie, in beiden Fällen muss ein Spielender vorhanden sein, der das Instrument handhabt. Gleichwohl ist jedoch in beiden Fällen die Macht des Spielenden selbst wieder durch die Voll

kommenheit oder Unvollkommenheit des Instrumentes beschränkt.

Es ist absolut notwendig, dass der Anfänger sich über den Unterschied klar wird zwischen dem Denker und dem tierischen oder irdischen Menschen, dessen Gehirn von dem

Denker beeinflusst und geleitet wird, den jede hierüber herrschende Unklarheit wir das richtige Verständnis der Reinkarnationlehre unmöglich machen. Wir dürfen nie aus dem Auge verlieren und stets daran feshalten, dass nicht der tierische Mensch, sondem nur der Denker zur Wiederverkörperung gelangt 1).

An diesem Punkte liegt eine Schwierigkeit, welche manche andere Bedenken nach sich zieht. Der wahre Mensch tritt mit der zum irdischen Leben geboren werdenden irdischen Menschen in Verbindung, und während dieser wahre Mensch in der lange Reihe der verschiedenen Inkarnationen durch das Gehirn des Tiermenschen wirkt, bleibt er jedoch stets derselbe. Er beseelt beispielsweise der Reihe nach die persönlichen irdische tierischen Menschen, Sashita Deva, Cajius Glabrio, Johanna Wirther, William Johnson etc., und in jeder dieser Erscheihungsform erntet er Erfahrungen, von jeder sammelt erWissen, nimmt von ihr das ihm notwendige Material und verwebt es mit seinem eigenen ewigen Sein. Durch das Einswerden mit dem wahren Ich erlangt der frühere tierische, jetzt göttlicher Natur gewordene Mensch Unsterblichkeit 2); Sashita Deva inkarniert sich nicht als Cajus Glabrio und dann als Johanna Wirther, um im neunzehnten Jahrhundert als William Johnson in England seine Blütezeit zu erreichen, sondern der ewige Sohn des Geistes ist es, welcher nach einander in jedem dieser einzelnen Menschen Wohnung nimmt und von jeder solchen Inwohnung neue Erfahrungen, neues Wissen sammelt.

Dieses sich immer neuerdings inkarnierende Ego ist es, welches allein auf die unendliche

Reihe seiner Wiederverkörperungen zurückblicken kann, indem es sich jedes einzelnen

Erdenlebens, der Geschicke jeder einzelnen seiner Pilgerfahrten von der Wiege bis zum

Grabe erinnert und das ganze Drama Akt für Akt durch alle Jahrhunderte hindurch vor seinen Augen aufgerollt sieht. Um bei dem erwähnten angenommenen Beispiele zu bleiben, so kann William Johnson im neunzehnten Jahrhundert nicht auf seine früheren Erdenleben zurückblicken oder sich ihrer entsinnen, denn er war ja früher nie geboren, noch haben seine Augen das Licht früherer Tage gesehen. Aber jene dem William Johnson innewohnende Wesenheit, mit welcher verbunden er in diese Welt trat, bildet eben

den Charakter, wie er durch Johanna Wirther in Deutschland, Cajus Glabrio in Rom, Sashita Deva in Hindostan und durch viele andere seiner irdischen Vorläufer in den verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Kulturperioden sich herausgebildet hat. Durch sein jetziges Leben wird er Tag für Tag seinem Werke neue Linien beifügen, so dass dieses aus seiner Hand wieder in unveränderter Gestalt hervorgehen wird, um entweder verbessert oder verschlechtert auf seinen Nachfolger auf der Lebensstufe überzugehen, welcher demzufolge im wahrsten Sinne, aber . freilich nicht in Bezug auf das Ausserliche, er selbst ist.

Wir sehen demnach, dass die ganze, sonatürlich in unserem Innern auftauchende und daher auch so oft gestellte Frage: "Warum kann ich mich meiner früheren Leben nicht erinnern?" in Wahrheit nur auf einem unrichtigen Verständnisse der Wiederverkörperung beruht. Das Ich, d. h. das wahre, wirkliche Ich, erinnert sich derselben, aber der tierische Mensch, welcher noch nicht vollständig Eins geworden ist mit dem wahren Selbst, kann sich unmöglich an eine Vergangenheit erinnern, an welcher er als Person gar keinen Anteil hatte. Das Gehirn-Gedächtnis kann nur eine Erinnerung an solche Vorkommnisse enthalten, an welcher dieses Gehirn selbst beteiligt war; das Gehirn des gegenwärtig lebenden William Johnson ist aber nicht dasselbe wie jenes der Johanna Wirther oder des Cajus Glabrio oder Sashita Deva. William Johnson kann eine Erinnerung an seine früheren, mit seinem jetzigen Leben in Zusammenhang stehenden Leben nur dadurch erlangen, dass sein Gehirn die Fähigkeit erwirbt, auf die äusserst zarten Schwingungen zu reagieren, welche ihm von dem Strahle zugehen, der die Verbindung zwischen seinem vergänglichen, persönlichen Ich und seinem ewig lebenden Ich herstellt. Um dies zu erreichen, muss er erst in innigster Vereinigung stehen (d. h. ganz Eins werden) mit dem wahren Selbst, und nur mehr in dem Bewusstsein leben, dass er nicht William Johnson, sondern der Sohn des Geistes ist, und dass William Johnson nur die vorübergehende Behausung ist, in welcher dieser zur Erfüllung bestimmter Zwecke wohnt. Er darf nicht mehr in dem Gehirnbewusstscin, sondern in seinem höheren Bewusstsein leben, anstatt an sein eigenes Selbst als an etwas ausser ihm Befindliches und an den William Johnson als an das Ich zu denken, muss er sich selbst mit dem Denker 3) ganz identifizieren und diesen William Johnson nur als das äussere Organ betrachten, welches diesem die Wirksamkeit auf der materiellen Ebene ermöglicht und zum höchsten Grade der Wirkungsfähigkeit ausgebildet und erzogen werden muss, zu einer Wirkungsfähigkeit , welche den unmittelbaren Verkehr des Gehirns von William Johnson mit seinem wahren Besitzer in sich schliesst.

Je mehr der irdische Mensch nach Überwindung der mannigfaltigsten Schwierigkeiten für die aus höheren Regionen auf ihn einwirkenden Einflüsse zugänglich wird, je mehr sein wahres Selbst ganz allmählich die Fähigkeit erwirbt, seinen Einfluss auf seine jeweilige körperliche Wohnung zur Geltung zu Dringen, um so mehr werden auch im niederen Bewusstsein Lichtblicke auf frühere Inkarnationen erwachen, und mit der Zeit werden diese ihren blitzartigen Charakter verlieren und zu andauerndem Schauen werden, bis es endlich gelingt, vermittelst des fortlaufenden Erinnerungsbandes, welches das Gefühl der Individualität verleiht, die Vergangenheit als "mein Eigentum" zu erkennen. Von diesem Augenblicke an wird dann die gegenwärtige Inkarnation nur mehr als das letzte Gewand betraclitet, mit welchem das Ich sich selbst umhüllt hat, und wird fortan ebensowenig mit dem Ich identifiziert, wie wir den Rock, welchen wir tragen, als einen Teil unseres Ichs betrachten. Es fällt uns gar nicht ein, unseren Rock für einen Teil von uns selbst zu halten, weil wir wissen, dass wir ihn ablegen und getrennt von uns betrachten können. Wenn der wahre Mensch mit vollem Bewusstsein auf dieser Ebene seinen Körper ebenso zu betrachten gelernt hat, dann ist sein Heil vollkommen gesichert.

Dieser Rock also -- "der Rock von Tierfellcn", der ätherische Leib, die Lebenskraft, die sinnliche Natur -- reinkarniert sich nicht, sondern seine Bestandteile zerfallen und kehren zu den Elementen der niederen Welten zurück, welchen sie entstammen. Das wirklich Gute aber, was in William Johnson vorhanden war, geht alles mit dem Ego in einen Zustand zeitlicher Glückseligkeit und Ruhe über, bis der Drang, welcher das Ego zwang, aus dem Erdenleben zu scheiden, erschöpft ist und es zu neuem Leben zur Erde hcrniedersteigt.

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1) "Den Menschen ziehet Gott, das Tier die Erde an; Aus diesem, was er ist, ein jeder sehen kann." (Angelus Silesius.)
2) Der Tiermensch, sei er auch noch so Intellektuell, kann sich nicht mit dem Geistmenschen vereinigen, ohne aus seiner Tiernatur frei zu werden. Der Geistmensch ist heiliger Natur, und deshalb sagt Joh. Scheffler: "Du willst kein Heiliger sein und doch zum Himmel kommen? -- 0 Narr! Es werden nur die Heiligen aufgenommen." (H.)
3) D. h. mit demjenigen in ihm, welcher fähig ist, sowohl zu denken, als auch das Denken zu unterlassen. (H.)
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