Ist es schon infolge der grossen Menge marktschreierischer, unserer modernen Zivilisation kennzeichnender Anpreisungen an sich für eine neue Wahrheit schwierig, sich ein geeigtes Gehör zu verschaffen, so steigert sich diese Schwierigkeit natürlich noch ganz bedeutend, wenn es sich darum handelt, einer Wahrheit Geltung zu verschaffen, welche infolge ihres Alters heutzutage teilweise in Vergessenheit geraten ist und jetzt erst wieder neu belebt werden soll. Wäre es uns möglich, die intellektuelle Entwicklungsgeschichte des gegenwärtigen Menschengeschlechtes auf Tausende von vergangenen Jahrhunderten vor unsern Augen aufgerollt zu sehen, wie schwach würde dann der Eindruck sein, welchen der Blick auf irgend eine für die kurze Dauer nur weniger Jahrhunderte und nur bei einzelnen Nationen die Welt beherrschende Idee in uns hervorbringen könnte. Wenn aber solche ein Rückblick auf einen kleinen Teil vergossener Vergangenheit sich auf die intellektuelle Entwicklung Europas bezieht und von Europäern auf seinen Wert geprüft wird, dann sind wir gewöhnt, ihm eine Wichtigkeit beizulegen, welche in gar keinem Verhältnisse steht zu seinem Alterswerte sowohl wie in Bezug auf die Tragweite seiner Beweiskraft. Es soll ja gar nicht in Abrede gestellt werden, dass Europa grosse und wertvolle Beiträge zur geistigen Schatzkammer der Menschheit geliefert hat, aber die Europäer sind doch nur zu leicht zur Überschätzung derselben geneigt, und sie vergessen meistenteils, dass die verhältnismässig sehr kurze Periode geistigen Schaffens in diesem Erdteile doch nicht für wichtiger gehalten werden kann, als die Gesamtsumme der im Laufe von Tausenden von Jahrhunderten erworbenen geistigen Errungenschaften der nichteuropäischen Rassen. Gleichwie eine vor unseren Augen befindliche Blende uns das Sonnenlicht verhüllt, so verschleiert dieses unausgesetzte Hinblicken nur auf die jüngste Vergangenheit unseren klaren Blick auf die Vergangenheit der Welt im ganzen und birgt eine Gefahr in sich, vor welcher wir wohl auf unserer Hut sein sollten. Geistige Anmassung ist weder für das Individuum noch für Nationen gleichbedeutend mit geistiger Grosse. Es ist ein sehr kleinliches und von Beschränktheit zeugendes Gefühl, welches den Europäer auf alle dunkelfarbigen als auf tief unter ihm stehenden Menschen herabblicken und sie insgesamt als "Schwarze" , von welchen man gar nichts lernen kann, verachten lässt. Ein Weiser hört gerne auf solche Menschen, deren Denkweise von seiner eigenen ganz verschieden ist, weil er sich bewusst ist, auf diese Art vielleicht neue Gesichtspunkte zur Erforschung der Wahrheit erhaschen zu können, anstatt nur immer neuerdings den Wiederschein ihm längst bekannter Anschauungen zu finden.
Die in einem Volke heimisch gewordenen Ansichten, Gewohnheiten und Überlieferungen gleichen farbigen Gläsern, durch welche wir nach der Sonne der Wahrheit ausspähen. Jedes Glas verleiht dem Sonnenstrahlen seine ihm speziell eigene Färbung, und der an sich weisse Strahl erscheint je nach der Wahl des Glases als rot, blau oder gelb etc. Da wir nun das uns eigentümliche Glas nicht los werden und demnach das reine, ungefärbte Sonnenlicht nicht sehen können, so handeln wir klug und verständig, wenn wir durch Vergleichen und Kombination der verschiedenartig gefärbten Strahlen zum reinen, weissen Strahle zu gelangen trachten.
Die Lehre von der Wiederverkörperung oder Reinkarnation ist eine Wahrheit, welche den Geist von unzähligen Millionen von Menschen erfüllte, und das gesamte Denken des weitaus grössten Teiles des Menschengeschlechtes durch die unendliche Reihe vergangener Jahrhunderte hindurch beherrschte. In dem "finsteren Zeitalter" ging sie dem europäischen Volksgeiste verloren, und hörte somit auf, unsere geistige und sittliche Entwicklung zu beeinflussen -- was, wie ich nebenbei bemerken will, auf diese Entwicklung sehr nachteilig einwirkte. In den letzten Jahrhunderten leuchtete sie in dem Geiste einzelner unserer grössten Männer als die mögliche Lösung der verschiedenartigsten so sehr befremdlichen Lebens-Probleme von Zeit zu Zeit wieder auf, und im Laufe der letzten Dezennien, während welcher man klar und deutlich erkannte, dass sie einen wesentlichen Bestandteil der esoterischen Lehre bilde, wurde vielfach über dieselbe gestritten, nunmehr aber gewinnt sie bei den selbständig denkenden Anhängern der Lehre von den Geheimnissen und der Entwicklung des Lebens fortwährend an Boden.
Es unterliegt wahrlich keinem Zweifel, dass alle grösseren Religionen des Orients die Lehre von dcr Wiederverkörperung als einen Hauptsatz ihres Systems betrachten und stets an demselben festhielten. In Indien wie in Ägypten war die ganze Ethik auf der Lehre von der Reinkarnation aufgebaut. Bei den Juden hatte sie ihre Vertreter hauptsächlich unter den Pharisäern 1), und verschiedene Stellen des neuen Testamentes beweisen, dass der Glaube an dieselbe auch unter dem Volke selbst verbreitet war, so z. B. wenn Johannes der Täufer für eine Wiederverkörperung des Elias gehalten wird, oder wenn die Jünger fragen, ob der Blindgeborene für die Sünden seiner Eltern oder für früher von ihm selbst begangenes Unrecht leiden müsse. Auch nach dem Zohar sind die Seelen der Wanderung unterworfen. Alle Seelen sind dem Wechsel (d. h. der Metempsychosis a'leen b'gilgoolah) unterworfen, aber die Menschen kennen nicht die Wege des Heiligsten der Heiligen, dessen Name hochgebenedeit! Sie kennen weder den Weg, noch das Gesetz, nach welchem sie gerichtet werden für und für, sowohl ehe bevor sie in diese Welt kamen, als auch wenn sie dieselbe wieder verlassen haben werden. 2) .
Im Kethor Malkuth finden wir genau dieselbe Idee, wie bei Josephus ausgesprochen, wenn wir dort lesen: "Wenn sie (die Seele) lauter ist, dann wird sie Gnade finden und sich in späteren Tagen freuen; aber wenn sie sich mit Schuld belastet hat, dann muss sie eine lange Zeit in Qual und Verzweiflung umherwandern 3)."
Ebenso finden wir auch, dass diese Lehre von den berühmten alten Kirchenvätern gelehrt wurde, und Ruffinus bestätigt, dass der (Glaube an dieselbe bei den ersten Christen allgemein verbreitet war. Ganz überflüssig erscheint es, eigens zu erwähnen, dass die Gnostiker und die Neu-Platoniker sie als einen der Hauptsätze ihres Systems betrachteten.
Richten wir unseren Blick auf die westliche Halbkugel der Erde, so finden wir, dass der Glaube an die Wiederverkörperung bei verschiedenen Volksstämmen in Nord und Südamerika feste Wurzeln geschlagen hatte. Die Mayas, welche durch ihre Verwandtschaft in Sprache und Symbolismus mit den alten Ägyptern so vielfaches Interesse erregen, halten bis auf den heutigen Tag an diesem überlieferten Glauben fest, wie die Forschungen des Dr. le Plongeon und seiner Frau bewiesen haben, und wir könnten hier noch eine ganze Menge anderer Volksstämme nennen, welche als Überreste einst berühmter Nationen trotz ihres Verfalles den althergebrachten Glauben wahrten, welcher ehedem das gemeinsame Band bildete, das sie mit den mächtigsten Völkern der altenWelt verknüpfte.
Man kann es freilich gar nicht für möglich halten, dass eine so uralte, so weitverbreitete und so tiefsinnige Lehre dem Gedächtnisse der Menschheit gänzlich entschwinden könne, und so finden wir denn auch, dass dieses Verschwinden, welches vor wenigen Jahrhunderten stattfand, immerhin nur ein teilweises und nur auf einen kleinen Teil der Gosamtmenschheit beschränktes war. Die geistige Finsternis, in welche Europa versank, liess den Glauben an die Wiederverkörperung ebenso verlöschen, wie sie alle Philosophie, Metaphysik, ja alle Wissenschaft begrub. Das mittelalterliche Europa war kein geeigneter Boden, auf welchem irgend eine weitblickende philosophische Idee über des Menschen Wesen und Bestimmung, Wurzel fassen und erblühen konnte. Im fernen Orient dagegen, welcher sich zur selben Zeit, als Europa in Barbarei versank, einer hochentwickelten und verfeinerten Zivilisation erfreute, und wo dazumal Dichter und Philosophen lebten und wirkten, während im Westen alle Wissenschaften brach lagen -- im fernen Orient wurde diese erhabene Lehre ununterbrochen und unbestritten aufrecht erhalten, sowohl in der tiefsinnigen Metaphysik der Brahmanen, wie in den edlen Sittenlehren, welche im Schatten Buddhas und seines guten Gesetzes ihre Heimat haben.
Das zeitweise Verkanntwerden einer in der Natur begründeten Tatsache in einem oder dem anderen Teile der Erde kann diese jedoch keineswegs zunichte machen, und wenn es auch gelingt, sie auf eine Zeitlang in den Hintergrund zu drängen, so wird sie später doch sicherlich neuerdings ihr Haupt erheben und sich bei den Menschen wieder Anerkennung verschaffen. Diese geschichtlich nachweisbare Tatsache hat sich auch in Europa hinsichtlich der Reinkarnationslehre neuerdings bewahrheitet, indem dieselbe von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchte, so dass sich deren Spuren von den ersten Zeiten des Christentums an bis zu ihrem neuen Aufleben in unseren Tagen genau verfolgen lassen.
In der Periode, als das Christentum anfing, sich über Europa auszubreiten, beherrschte diese Wahrheit die innersten Gedanken seiner Verkündiger. Die Kirche gab sich zwar stets grosse Mühe, sie auszurotten, aber vergeblich, denn in verschiedenen Sekten kam sie schon vor dem Zeitalter eines Erigena und Bonaventura, welche im Mittelalter für sie eintraten, immer neuerdings zum Durchbruche. Alle mit tiefer Intuition ausgerüsteten Geister, wie Paracelsus, Jakob Boehme, Swedenborg etc., bekannten sich zu ihr. Die erleuchtetsten Männer Italiens, Giordano Bruno und Campanella, waren ihre Verfechter. Der bessere Teil der deutschen Philosophie ist reich an Aussprüchen für dieselbe. Schopenhauer, Herder, Lessing, Hegel, Leibniz und der jüngere Fichte sind warme Verteidiger derselben. Die von Kant und Schelling aufgestellten Systeme einer Geschichte der Menschheit weisen an verschiedenen Stellen auf sie hin. In seiner Schrift de Revolution animarum bringt der jüngere Hellmont in 200 Sätzen all die Beweise vor, welche nach jüdischen Anschauungen zu Gunsten der Wiederkehr der Seelen in menschliche Körper angeführt werden können. Unter den englischen Denkern verteidigen die Platoniker von Cambridge dieselbe mit grosser Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit, unter ihnen am eingehendsten Henry More, und nach Cudworth und Hume erscheint sie als die vernünftigste Lehre zum Beweise für die Unsterblichkeit. Glavins lux oricntalis widmet ihr eine sehr beachtenswerte' Abhandlung. Das Buch über die "Mehrheit der Seelenleben" von Andre Pczzani verbietet diese Lehre nach dem römisch-katholischen Satze von der Sühne aus.
Wer mit dem philosophischen Systeme Schopenhauers vertraut ist, kennt dessen Standpunkt in Bezug auf die Wiederverkörperung, und man müsste sich auch geradezu wundern, wenn dieser Eckstein der Hinduphilosophie in dem philosophischen Systeme dieses grossen deutschen Gelehrten keinen Platz gefunden hätte, welcher infolge seines Studiums der Upanischaden so tief in den Geist orientalischer Denkweise eingegangen und so ganz von ihm durchdrungen war. Schopenhauer ist jedoch nicht der einzige Philosoph des zu mystischem Denken so veranlagten deutschen Volkes, welcher die Wiederverkörperung als einen notwendigen Faktor in der Natur anerkannte. Die Anschauungen eines Fichte, Herder oder Lessing dürften doch sicher darauf Anspruch erheben, auch von den geistig Gebildeten nicht für ganz wertlos gehalten zu werden. Alle diese Männer erblicken aber in der Annahme der Reinkarnation die Lösung für ausserdem unlösbare Rätsel. Wir dürfen hierbei freilich nicht übersehen, dass die Geisteswelt kein despotischer Staat ist, und kein Mensch soll versuchen, einem anderen seine eigene Ansicht nur mittelst des Gewichtes persönlicher Autorität aufzudrängen; aber dessenungeachtet sind gerade in diesem Reiche die Meinungen mehr zu wägen als zu zählen, und wenn die gewichtigeren, weil gründlicher unterrichteten Geister auch die kleinere Minorität bilden, so dürfen sie doch für ihre auf Grund eingehender Forschungen gemachten, wohldurchdachten Aussprüche von allen jenen ein respektvolles Gehör fordern, deren Geist nicht derart in den Banden moderner Denkweise gefesselt ist, dass sie gar nicht mehr fähig sind. Beweise zu Gunsten einer unpopulären Wahrheit ihrem wahren Werte nach richtig zu würdigen.
Es. ist wirklich interessant, dass wir als Tatsache
feststellen
können, dass heutzutage bei uns im Okzident die Idee der
Wiederverkörperung
-- wenigstens unter den Gebildeten -- schon nicht mehr als ganz
widersinnig
gilt, und dass es ihr gelingt, sich Schritt für Schritt eine
Stellung
zu erobern, dass sie als mögliche Hypothese anerkannt wird, welche
man auf ihren eigenen Wert, und inwiefern sie zur Erklärung
befremdlicher
und scheinbar unerklärlicher Vorkommnisse dienen kann, prüfen
muss. Obwohl ich für meinePerson sie als eine erwiesene Tatsache
betrachte,
so halte ich es doch für zweckentsprechender, sie in diesem
Aufsatz
nur als eine wahrscheinliche Hypothese hinzustellen,. welche mehr als
irgend
eine andere Lehre geeignet ist, über die dunklen Rätsel des
Menschenwesens,
über seinen Charakter, seine Entwicklung und seine Bestimmung
Licht
zu verbreiten. Die Lehren von der Reinkarnation und dem Karma sind es,
welche nach dem Ausspruch eines Meisters den Völkern des
Abendlandes
am notwendigsten sind, und somit kann es für jemanden, der an die
Meister glaubt, nur richtig gehandelt sein, wenn er eine auch für
ungebildetere Leser verständliche Abhandlung über diese, den
Kernpunkt der esoterischen Philosophie bildende Lehre dem Publikum
zukommen
lässt.
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1) Josephus antiq. XVIII, l, § 3 sagt: "Der
Rechtschaffene
soll die Macht haben, wieder aufzuleben und ein neues Leben zu
durchleben."
2) Zohar II, Fol. 99, siehe Myers Quabbalah, Seite 198.
3) Myers Quabbalah, Seite 198.
4) Brief an Anastasius, angeführt von E.D. Walker
in dessen "Reinkarnation, a study of forgotten history".
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r_einlei.txt