Pflichterfüllung

von Hermann Rudolph



Nicht alles, was die Menschen Pflicht nennen, ist als solche zu betrachten. Die Pflicht hat mit Neigung zunächst nichts zu tun. Alles, was durch uns geschehen muss, ohne Rücksicht auf unsere Neigung, ist unsere Pflicht. Wer eine Handlung vollbringt, weil sie notwendig ist, schaltet den Eigenwillen aus und erfüllt das kosmische Gesetz. Darum ist treue Pflichterfüllung der sicherste Führer zur Vollkommenheit. Aber die Pflicht ist schwer zu erkennen, solange die Neigung stark ist. Der Schüler sollte sich jeden Augenblick fragen: Was ist meine Pflicht? Was ist notwendig?

Das Werk des Tagelöhners, der bei seinem Tun an Gott denkt, hat einen grösseren Wert als die Handlungen und Reden eines ehrgeizigen Ministers, der bei allem, was er tut, nur an seine Persönlichkeit denkt. Jede selbstlose Tat zieht den Menschen empor, während jede selbstsüchtige Handlung die Menschheit erniedrigt.

Es gibt keine grossen und kleinen Pflichten. Jede Pflicht ist vom kosmischen Gesetz geboten und darum heilig. Jedes Wirken muss im Geist der Pflicht getan werden, und wer dies nicht kann, darf sich nicht wundern, dass er keinen Erfolg hat. Er ist noch ein Sklave seiner niederen Natur, deren Eigenschaft die Zu- oder Abneigung ist. Wer aus der Kraft seiner Seele sein Werk vollbringt und an nichts anderes denkt, als seine Pflicht gewissenhaft zu tun, muss Erfolg haben, da sein Wille der Wille Gottes ist. Wer in seinem Tun keinen Erfolg hat, obgleich er an den Erfolg denkt, handelt nicht mit der Kraft seines Gemüts und in Übereinstimmung mit dem göttlichen Gesetz. Wer dagegen im Geist der theosophischen Verbrüderung sein Werk tut, wird immer Erfolg haben, ohne dass er daran denkt. Die allgemeine Menschenliebe heiligt jedes Werk.

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