KAPITEL I
Unser ganzes Leben in seiner jetzigen Daseinsform ist aus Lust und Schmerz zusammengesetzt und wir können uns von keinem anderen Zustande eine Vorstellung machen, in welchem wir ohne die Hilfe dieser Empfindungen Bewusstsein haben könnten. Sie bilden nicht nur unser jetziges Dasein, sondern sie sind in der Tat die goldenen Tore, durch welche wir zu einem höheren Leben gelangen. Durch sie geht der Pfad, der uns zu unendlicher Macht, absoluter Erkenntnis und vollkommener Liebe führt. Wenn man in beiden die äusserste Grenze erreicht, und die Empfindung den Menschen gelehrt hat, dass sie eins und dasselbe sind, dann sind die Tore bereit, sich vor ihm zu öffnen. Die ersten sieben Vorschriften von „Licht auf dem Weg" beziehen sich ausschliesslich auf jenen Teil des Empfindens, welchen wir Schmerz nennen, und dieser Schmerz ist nicht derjenige des gewöhnlichen (äusseren) Menschen, sondern der des Okkultisten. Der alltägliche Mensch leidet nur wegen sich selbst oder wegen derjenigen, die ihm am nächsten und teuersten sind. Der Okkultist leidet in und mit der ganzen Welt. Er hört beständig ihren Notschrei ertönen, und nicht ehe er selbst in die tiefsten Höllen des Jammers, welche in der Welt existieren, hinabgestiegen ist und mit den Gequälten und Unterdrückten die Kreuzigung erlitten hat, können die Füsse der Seele im „Blute des Herzens gewaschen" werden. Es kommt ein Augenblick, in welchem das ganze Leben der Alleinstehenden Persönlichkeit seine Schranken zu sprengen und in seinem Mitgefühl unendlich zu werden scheint. Dann strömt das Blut des Herzens nach aussen und fliesst in die Tiefe zusammen mit dem Herzblute der Opfer der Welt. Aber ehe diese Stunde kommen kann, hat der Jünger die Fähigkeit verloren, seine eigenen persönlichen Übelstände zu beklagen, und somit sind seine Augen tatsächlich unfähig geworden, Tränen zu vergiessen; denn für denjenigen, welcher den Verlust seines eigenen Kindes oder das Leiden, das ihm ganz nahe steht, beweinen kann, wird diese Erleichterung zur Unmöglichkeit, wenn er die Menge des Jammers, der in der Welt existiert, erfasst. Tränen sind zu unbedeutend, um sie an einem solchen Schreckensaltare zu opfern, wo zu jeder Stunde den Tyranneien, Grausamkeiten und der Habsucht der blinden Menschheit Opfer gebracht werden. Der Erlöser der Welt geht mit trockenen Augen durch die dunkeln Orte derselben, vertieft in die Betrachtung der erbarmungslosen Herrschaft des Schmerzes, welche stets auf ihrem Throne sitzt, mächtig wie eine rächende Göttin. Sein eigener Schmerz, sein Verlust oder Schmerz sind nur Tropfen in dem grossen Ozean von Kummer, und er hat erfahren, dass Tränen nur für diejenigen sind, welche sich noch immer von dem Ganzen trennen und gegen das Schicksal, welches sie befällt, sträuben. Persönliche Sorge ist eine Eigenschaft des Menschen, ehe er angefangen hat, dem Lichte entgegen zu wachsen. Er stöhnt, wie ein Tier, welches verwundet wird und Schmerz als eine Ungerechtigkeit empfindet. Am Anfange dieser grossen Belehrung betrachten wir die zwei Empfindungen
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von Lust und Schmerz als gänzlich von einander getrennte Dinge, so wie die Tiere es tun. Der Verlust dieses Gefühles in Bezug auf unser persönliches (niedere) Selbst bezeichnet die ersten Schritte auf dem grossen Wege. So geschieht es, dass die Augen nicht mehr weinen, wenn sie geöffnet sind. Deshalb verliert das Ohr seine Empfindsamkeit, wenn der Schall des göttlichen Rufes es erreicht; -- nicht das intellektuelle Hören der Stimme des Lebens geht ihm verloren, sondern seine Empfindsamkeit in Bezug auf persönlichen Schmerz. Lästerungen, verletzende Worte, Spöttereien gegen die eigene Persönlichkeit, gegen das eigene individuelle Leben, werden nicht mehr beachtet. Solche Dinge sind wertlos und das Ohr trägt keinen Ton des Schmerzes davon zu dem im Inneren lauschenden Geiste. Er beschäftigt sich mit derjenigen Arbeit, welche ihm zufällt, wenn die Fesseln der Persönlichkeit gesprengt sind, er führt der Seele die Töne der Stimmen des Ganzen zu, nicht nur das göttliche Geflüster des Himmels, sondern auch die Wehklagen der Erde und die Stimmen der Hölle. Diese Töne können erst gehört werden, wenn das Ohr nicht mehr seiner selbst wegen empfindsam ist, und sie erklingen zusammen, vermengt, vermischt, der eine übertönt oftmals den anderen. Dies kann nicht anders sein, so lange der Mensch noch Mensch ist. Vergiss nicht, dass die Stimmen gleichwertig sind. Nur durch die äusserste Erfahrung auf Erden können wir zum Himmel gelangen. Der Schwärmer, welcher in Visionen lebt, muss seine bittere Lehrzeit ein anderes Mal abdienen und dadurch die in Träumen versäumte Zeit nachholen. Deshalb darf das Ohr, obgleich es seine Empfindsamkeit verlieren muss, dennoch das Hören nicht verlernen; sondern dasselbe soll vergrössert, erweitert und lebendig gemacht werden, so wie alles was ein Teil des Werkzeuges des Geistes, der Temper des Göttlichen, ist. So ist es mit der Stimme. Ehe der Geist die Wahrheit aussprechen, Seelen erwecken und zum Leben bringen kann, muss die Stimme des Menschen unfähig geworden sein, ein hartes oder grausames Wort auszusprechen, oder irgend eine Persönlichkeit, irgend ein Individuum zu verletzen. Wenn das Sehen sowohl als das Hören und Sprechen demgemäss von der Sünde der Getrenntheit frei geworden ist, dann kann
die Seele sich erheben und in jenem Ausfluss unendlichen Mitleidens stehen, welcher „das Blut des Herzens" genannt wird. Viele, denen es vollkommen ernst mit ihrem Verlangen ist, auf dem grossen Pfade zu wandeln, verlieren ihren Weg, weil sie nicht begreifen können, was es heisst, den Sinn des Getrenntseins zu verlieren. Sie meinen, dass dies eine Erfahrung der Seele sei, welche im Seelenleben ihren Anfang und ihr Ende hat, und während eines ekstatischen Zustandes der Seele stattfindet. Zweifellos findet dies während dieses Zustandes statt, aber wenn es ein wirkliches Ding und kein blosser Traum ist, so zeigt sich das Resultat darin, dass das ganze Leben eines solchen Menschen sich ändert. Diese Änderung tritt ein ohne Lärm und ohne Ankündigung, sie findet auf so ganz natürliche Weise statt, dass sich niemand darüber verwundert, denn sie ist nicht das Resultat eines Gedankens oder Entschlusses, sie ist aus der Überzeugung und Erkenntnis geboren. Der. wirkliche Okkultist hat das Bewusstsein, mit dem Ganzen und für das Ganze zu leben, von dem Augenblicke an, in welchem er zuerst die göttliche Lust des freien und unbeschränkten Lebens genossen hat. Es kann sein, dass er nur ein Anfänger und noch, dazu unwissend ist, wenn die Morgenröte der höheren Intelligenz in ihm zuerst anbricht, aber er wird über alle Hindernisse hinwegsteigen, alle Schwierigkeiten überwinden und den rechten Weg finden. Dies geschieht, ohne dass er es selbst will, denn er hat angefangen zu wachsen, und er strebt ebenso unfehlbar empor, wie der Same, der in der Erde keimt. Und es gibt manchen ergebenen Jünger, manchen, der grosse Wahrheiten lehrt, manche ernste und edle Seele, in welcher die Quelle von Übel lebt und Früchte bringt. Dieses Übel ist das (niedere) Selbst; es ist der eiserne Riegel, welcher die Tore verschliesst, durch die das Ich wandert, indem es den beschränkten Horizont seines eigenen persönlichen Lebens mit dem unendlichen des einen, welches alles Leben umfasst, vertauscht. Dieses Wunder oder diese Auferstehung ist etwas, das jetzt und hier vollbracht werden muss, hier in diesem Wirbel der tätigen, leidenden und sich erfreuenden Welt. Kein Okkultist hat das Recht, zu wünschen, diese Welt zu verlassen oder sich von ihr abzuschliessen, so lange er lebt; denn er selbst ist die Welt, wie er auch selbst alles dasjenige ist, was jenseits derselben ist. Er ist ein Teil des Ganzen, und deshalb verantwortlich. So lange es gilt, ein Unrecht recht zu machen, eine Ungerechtigkeit zu beseitigen, so lange es Leiden und Sünde gibt, so lange gibt es für ihn ununterbrochen zu tun; denn, wer er auch sein mag, oder wie unwichtig seine Stellung im Leben sei, es ist immerhin seine Pflicht, denjenigen, welche leiden, zu Hilfe zu kommen, und diejenigen, welche leiden, zu erlösen. Er gehört der Heerschar der Liebe an, und muss gegen die grossen, starken und dicht gedrängten Reihen des Hasses kämpfen. Er darf seinen Posten nicht verlassen. Verlässt er ihn, so ist er nicht mehr ein Streiter, den der grosse „Krieger" seines höheren Selbsts überschattet, sondern ein Auswürfling.
Das (niedere) Selbst ist so stark, dass es ohne Unterlass bekämpft werden muss. Viele, die es nicht begreifen, dass der Weg, ihm zu entrinnen, durch Lust und Schmerz geht, kämpfen vergebens. Grosse Naturen werden oftmals durch ihre eigene Grosse betrogen. Sie finden in sich selbst höhere Gaben als andere Menschen besitzen, und sie finden in deren Ausübung eine immer wachsende Lust. Sie sehen Erlösern ähnlich, dennoch ist dabei stets das Wachstum des (niederen) Selbsts in ihrem eigenen Innern wuchernd und stark, es erstickt am Ende ihren göttlichen Teil und bringt ihn zum Schweigen; denn sie begingen den Irrtum, in der Lust an ihrem eigenen Werke zu leben und vergassen, dass das Leid und das Leiden, welches ein Teil des Lebens der Welt, auch ihr eigenes Erbteil ist. Sie müssen darin leben und ohne Unterlass arbeiten, um das Böse darin in Gutes zu verwandeln; sie müssen durch die niedrigsten Orte gehen und mit denjenigen leiden, die in die äusserste Dunkelheit geworfen sind. So lange eine einzige geblendete Seele noch in dem Netze der Trunksucht oder Betäubung gefangen ist, so lange hoffnungslose Armut unter uns herrscht, so lange unsere Gesetze voreingenommen, parteilich und ungerecht sind, so lange die Schreckenstaten der Folterkammer des Mittelalters in unseren Laboratorien erlaubt sind und ausgeübt werden, so lange hat auch der Okkultist hier seine Arbeit zu tun, und er wird, wenn er davon erlöst wird, über dasjenige trauern, was er unvollendet zurücklassen musste; denn er kann sich nicht von irgend einem dieser Dinge trennen; das geringste Tier, welches einen Ruf des Schmerzes oder des Entsetzens ausstösst, ist sein (niedere) Selbst. Es ist die für ihn bestimmte Arbeit, diesen Schmerz in Lust, die Furcht in Vertrauen zu verwandeln, und damit das Böse, welches dies verursacht hat, zu zerstören. Möchten die Okkultisten, welche nach der Erkenntnis der göttlichen Weisheit streben, darnach trachten, diese erste Lektion zu studieren und sie durchaus zu begreifen, sonst werden sie bei weiterem Fortschreiten die fürchterliche Aufgabe vorfinden, den verfehlten Weg wieder zurückzugehen. Das (niedere) Selbst wird durch Schmerz zerstört, es kann keine angenehme oder leichte Aufgabe sein, es zu vernichten; aber es ist angenehmer und leichter, dies nach und nach zu tun, indem man es stets zurückweist und zu diesem Kampfe dadurch Kraft gewinnt, dass man beständig in das Leben des Ganzen eingeht; als dass man am Ende eines Lebens ein Riesenunkraut vorfindet, welches das Wachstum der Seele so erstickt hat, dass sie weder sehen noch hören, weder sprechen noch stehen kann. Wenn sie dann in der Gegenwart des Meisters sich wie eine Göttin erheben sollte, ist sie nicht mehr als ein hilfloses Kind. Vergesset nicht, dass ein Baum an seinen Früchten erkannt wird. Du kannst dich selbst und andere an dem Grade der Selbstsucht, die im täglichen Leben zum Vorschein kommt, erkennen. Selbstlos zu sein, bedeutet einen grossen Schritt nach vorwärts, aber es bleibt eine negative Eigenschaft, so lange nicht die Augen geöffnet sind und die Seele erwacht ist. Selbstloses Wirken, das enthusiastische Wirken des Fanatikers ist das erste bezeichnende Merkmal des Okkultisten. Daher kommt es, dass, obgleich der Ehrgeiz die erste Gefahr ist, welche vermieden werden soll, er für das Ganze mit demselben Eifer wirken muss, mit dem der ehrgeizige Mensch für sich selbst arbeitet. Somit achtet er auch dieses Leben ebenso hoch für alle, als wie diejenigen, welche mit verzweiflungsvoller Begierde daran hängen, wenn er auch gleich den bloss vorübergehenden Wert desselben kennen gelernt hat. Der Wert des Lebens ist überaus hoch; weil es eine Lehre lehrt, welche durch nichts anderes gelernt werden kann, und man darf es nicht gering schätzen, selbst wenn es nur das Leben eines Sperlings oder eines Insektes wäre. Wenn es geopfert werden muss, so soll es mit Ehrfurcht geopfert werden; denn es ist jenes göttliche und geheimnisvolle Ding, Leben, welches wir nehmen, aber nicht wiedergeben können; selbst wenn es nur in dem Körper eines Käfers oder einer Wespe wohnt. Lebe in der Atmosphäre des Ewigkeitsgedankens, so wirst du erkennen, wie gross der Wert jedes Geschöpfes, der grossen sowie der kleinen ist; wie gross der Wert von jedem Schritte auf dem Pfade, wenn er auch nur ein kurzer ist. Das Leben eines Schmetterlings ist wohl kurz, aber es ist ein Leben, und in der Gegenwart des Gedankens der Ewigkeit ist die Zeit sowohl als deren Dauer so viel wie nichts.
Schon bei dem ersten Schritte, den der Okkultist macht, begegnet er der Lehre des Leidens und kann ihr nicht entrinnen; denn er dringt immer tiefer in die Erkenntnis ein, und wenn er den Erfahrungen des für sich allein Leidens und Lernens entwachsen ist, so tritt er in Zustände ein, in denen er mit und für die Vielen und sogar mit und für das Ganze leidet und erkennt. Er lässt dann hinter sich die beschränkten Erfahrungen seiner eigenen Persönlichkeit und tritt in das grosse Feld des allgemeinen Lebens ein. Und hier wird er Gefährten und auch Lehrer finden. Wenn er zu den Meistern fleht, dass sie in sein eigenes stilles und störungsloses Gemach kommen und zu seiner eigenen Seele in deren Einsamkeit sprechen sollen, so wird er vergebens bitten, denn in dieser Einsamkeit spricht nur eine einzige Stimme, die eine, von der wahre Führung verlangt werden kann; die Stimme seiner eigenen Seele. Wenn diese Stimme stark und rein genug ist, um ihm zu sagen, er solle heraustreten und für andere so wirken, wie er für sich selbst wirken möchte; dann wird er eines Tages an den Krankenbetten, in den Höhlen, wo die Armut wohnt, oder dort, wo die „Abscheulichkeiten der wissenschaftlichen" Tierfolter verübt werden, einen starken Arm finden, der ihn aufrecht hält, den Arm von jemandem, der stärker ist als er selbst, um den Schwachen zu schützen; und in der Stunde der höchsten Hingebung an irgend eine edle, wenn auch unpopuläre Reform, im heissen Kampfe gegen die Mächte der Tyrannei und Grausamkeit, darf et hoffen, einen Gefährten in seinem Streben zu finden; denn nur die weissen Seelen, in denen das Göttliche zu ihrem eigenen Bewusstsein gekommen ist, haben die Fähigkeit des selbstlosen Wirkens und Heldenmuts.
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