Hermann Rudolph

Lebenslauf

HERMANN RUDOLPH


- Ein deutscher Mystiker des 20. Jahrhunderts (8.5.1865-29.7.1946) -


Hermann Rudolph wurde am 8. Mai 1865 in Eibau in der Oberlausitz geboren. Er vertrat in Deutschland die philosophisch-mystische Richtung der von H. P. Blavatsky 1875 begründeten theosophischen Gesellschaft. Er ist nach H. P. Blavatsky und Dr. Franz Hartmann der bedeutendste deutsche Denker dieser Richtung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er lehrt in grosser Klarheit und philosophischer Begründung die Prinzipien der Freiheit des Denkens und Glaubens, sowie die der Wahrheit, Einheit und Menschenliebe als die Gesetze und Kräfte, die der Entwicklung und Kultur zugrundeliegen. Der eigentliche Inhalt der Werke Hermann Rudolphs ist die Verwirklichung der Einheitserkenntnis durch die selbstlose Liebe, die allein von Nichterkenntnis und Ichwahn erlöst. Hermann Rudolph lehrt, dass Gott die ewige unwandelbare Einheit der Welt und des Menschen ist und sich in der reinen Seele als das Licht der Vernunft und als die Kraft der selbstlosen Liebe offenbart, ferner dass die Verwirklichung der Verbrüderung und die geistige Vereinigung mit der Menschheit die Vorbedingung zur Erlangung der göttlichen Selbsterkenntnis ist. Nicht nur die exoterisch-wissenschaftlichen Lehren, die mit dem Verstande mittels der Logik erfasst werden, sondern die esoterisch-mystischen Lehren, die unmittelbar von der Vernunft und mit dem Herzen erkannt werden, sind Gegenstand seiner Darlegungen. Er kennzeichnet sich hierin als wahrer Mystiker und Philosoph, der Wahrheiten verkündet, die nur in innerem Erleben erkannt werden können.

Hermann Rudolphs Werk unterscheidet sich von dem Werke seiner Vorgänger dadurch, dass er neben der philosophischen Klarheit eine eingehendere Ausarbeitung der praktischen Folgerungen für die Lebensführung gibt. Dieses Schrifttum ist sehr umfangreich; neben den beiden Sammelbänden seiner Vorträge unter dem Titel „Theosophie" (1913 und 1923) erschienen zwischen 1916--1937 insgesamt 47 „Theosophische Kultur-Bücher" in zahlreichen und hohen Auflagen. In den Monatszeitschriften „Theosophischer Wegweiser" (1899--1907) und „Theosophische Kultur" (1909--1937) schrieb Hermann Rudolph regelmässig Aufsätze, die den Charakter der Zeitschriften wesentlich bestimmten. Kleinere Schriften erschienen unter dem Sammelnamen „Bausteine" und „Theos. Botschaft". Ein bedeutsames methodisches Werk ist die kleine Schrift „Der theos. Pfad" (1931). Als Hauptwerk möchte ich seine „Meditationen" nennen, die seit 1914 in den sechs Sprachen deutsch, englisch, holländisch, dänisch, polnisch und tschechisch in zahlreichen Auflagen -- zuletzt seit 1956 -- erschienen. Es sind Gebets- und Andachtstexte, die eine Zusammenfassung von höchster Philosophie, Ethik und religiösem Erleben bilden. Die „Meditationen" sind ein Lehrbuch für philosophisches Denken; in ihnen werden die Wahrheit und der Schein, das Wesentliche und das Unwesentliche in klarer Unterscheidung gegenübergestellt, so dass das abstrakte Denken und Schauen unmittelbar entwickelt wird. Noch unveröffentlicht sind seine Auszüge aus der „Arische Geheimlehre" (1936), „Die Einheitslehre" (1938) und „Mein Glaubensbekenntnis" mit einem Kommentar (1942).
Neben dem umfangreichen schriftstellerischen Wirken müssen wir die Tätigkeit Hermann Rudolphs in der theosophischen Gesellschaft, deren Organisator und Leiter er fast 40 Jahre lang war, erwähnen. Der Gründer der Organisation der „ Internationalen Theosophischen Verbrüderung" ist Dr. Franz Hartmann (1838--1912). Er rief die ITV am 3. September 1897 in München ins Leben, weil nach dem Tode Blavatskys die verschiedenen theosophischen Gesellschaften in der Welt und auch in Deutschland die ursprünglich dogmenfreie Grundlage verlassen hatten. Die ITV als Organisation ist daher eine Reorganisation. Nach einem Jahr (1898) verlegte er das Hauptquartier nach Leipzig und gab die Leitung in die Hände Hermann Rudolphs, der sich als der berufene Organisator erwies. 1937 wurde die ITV wie alle anderen religiösen und weltanschaulichen Vereine aufgelöst, der „Theosophische Kultur-Verlag" mit allen Schriften von Hermann Rudolph verboten und beschlagnahmt. Erst 1959 konnte sich die ITV wieder konstituieren und ihren Hauptsitz nach München zurückverlegen.
Von Leipzig aus breitete sich die ITV in Deutschland und Europa mächtig aus durch die Gründung zahlreicher Gesellschaften. Jährlich wechselten theosophische Kongresse in verschiedenen deutschen Grossstädten mit den Bundestagen der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland in Leipzig ab, die unter Hermann Rudolphs Leitung die geistigen Grundgedanken der TG einer breiten Öffentlichkeit in Rede, Feier und Gemeinschaft zugänglich machten. Auch die Gründung der „Theosophischen Sommerschule", erstmals 1914 in Bad Blankenstein in Thüringen, dann seit 1920--1935 in Bad Berka bei Weimar ist ein Werk Hermann Rudolphs. Auf zahlreichen, jährlichen Vortragsreisen fand er vor den mehr als 50 Ortsgesellschaften immer wieder viele interessierte Zuhörer.
Hermann Rudolph wurde in der Oberlausitz geboren. Dort verlebte er seine ersten
Kinderjahre. Kurz bevor er zur Schule kam, zogen seine Eltern nach Oberkunnersdorf. Drei Jahre später kam er wieder nach Eibau; um die dortige Schule besuchen zu können, wurde er dem Lehrer in Pension gegeben. In seinem 11. Lebensjahr siedelten die Eltern, die Weber waren und sich nun dem Leinwandhandel widmeten, nach Riesa über. Vom 13.--14. Lebensjahr besuchte er dort die höhere Bürgerschule, in deren Selekta Latein und Französisch gelehrt wurden. Auf Empfehlung seiner Lehrer bezog der Vierzehnjährige das Lehrerseminar in Oschatz in Sachsen, dem er sechs Jahre bis 1885 angehörte.
Als Hermann Rudolph mit 20 Jahren seine Studienzeit mit der Berechtigung zum Studium an der Landesuniversität Leipzig beendet hatte, trat er in den Schuldienst der Stadt Leipzig ein. In Leipzig-Reudnitz hat er 39 Jahre lang das Lehramt ausgeübt (bis 1924).
Bei seinen Besuchen in der Heimat war er in dem Hause der Familie Jeremias häufig zu Gaste. Hier lernte er seine spätere Frau Marie kennen, die er 1888 heiratete. Aus dieser Ehe stammt das einzige Kind Gertrud.
Während eines Besuches in der Heimat im Jahre 1887 lernte Hermann Rudolph im Elternhause seiner Frau einen Gelehrten kennen, der ihm die damals erscheinende Zeitschrift „Sphinx", die von Dr. Hübbe-Schleiden herausgegeben wurde, übergab. In dieser Zeitschrift wurde die theosophische Weltanschauung, sowie die Tatsache einer übersinnlichen Welt zum ersten Mal in Deutschland wissenschaftlich und philosophisch begründet. Der Eindruck auf Hermann Rudolph war nachhaltig, denn er erkannte, dass sich hier ein Neuland zeigte, das er immer gesucht hatte. Eine weitere theosophische Schrift, die auf ihn einen tiefen Eindruck machte, war das Buch von Dr. Hübbe-Schleiden „Das Dasein als Lust, Leid und Liebe". Nun hatte er den geistigen Weg gefunden; er begann mit grossem Ernst die theosophische Literatur zu studieren. Im Jahre 1893 gab Dr. Franz Hartmann die Zeitschrift „Lotosblüten" heraus (1893--1900, 1908--1912), die Hermann Rudolph eine noch grössere Klarheit übermittelte. Franz Hartmann wurde ihm zum Lehrer auf dem neuen Wege. Mit ihm sollte er wenige Jahre später persönlich verbunden werden; er wurde berufen, das Werk Hartmanns fortzuführen und auszugestalten.
Innere Zufriedenheit und häusliches Glück, verbunden und übersonnt von einer tiefen Religiosität und umfassender Menschenliebe charakterisieren den gemütvollen und friedlichen Lebensweg dreier Menschen, die die Kraftquelle bildeten für das reiche geistige Schaffen des Philosophen, Redners und Organisators Hermann Rudolph.
Nicht ausbleibende Erschütterungen der ITV, die sich durch Strömungen ergaben, die den religiösen Charakter der Gesellschaft durch okkulte oder dogmatische, stets aber intolerante Bestrebungen trüben wollten, meisterte Hermann Rudolph -- unterstützt von seinen Freunden -- mit überlegener, selbstloser Rechtlichkeit. Dem Ansinnen damaliger politischer Stellen in den dreissiger Jahren, sich gleichzuschalten oder aufzulösen, widerstand er mit der Begründung, dass die ITV keine politische, sondern eine religiöse Vereinigung wäre, und unter Hinweis auf die Gewissens- und Glaubensfreiheit. Auch als mit dem Verbot von 1937 für ihn, seine Angehörigen und Anhänger Beschlagnahmen, Hausdurchsuchungen und Verhaftungen kamen, blieb er das, was er sein ganzes Leben war: ein aufrechter, unbeugsamer Verfechter seelischen Menschentums, treu seiner religiösen Erkenntnis und doch voll liebevoller Brüderlichkeit zu seinen Mitmenschen aus der Einsicht heraus, dass dereinst alle menschlichen Seelen oder Monaden die Vereinigung mit ihrem göttlichen Ursprung erlangen würden und dass Leid nur eine Stufe auf dem Schicksalswege zur Vollkommenheit sei.
Die Bomben des 2. Weltkrieges zwangen Hermann Rudolph 1943 -- nach 58 Jahren des Wirkens in Leipzig -- seine Wahlheimat zu verlassen und in seine Lausitzer Heimat, nach Niederoderwitz, zurückzukehren, von wo er im Februar 1945 vor dem Druck des Feindes nach Coburg in Nordbayern flüchtete. Verlustig seines Besitzes und seiner kleinen Pension, in den dürftigsten Verhältnissen lebend, starb hier am 29. Juli 1946 ein grosser deutscher Denker und ein aufrechter Kämpfer für eine neue Menschlichkeit und eine innere Religion. Auf dem Coburger Friedhof befindet sich die Urne mit seiner Asche und der seiner ihm zwei Jahre später gefolgten Ehefrau. Daneben steht seit 1953 die Urne seines treuen Freundes und Schwiegersohnes Hermann Fischer und seit 1970 die seiner Tochter.*)
Walter Einbeck
*) Der Aufsatz von Walter Einbeck ist der Zeitschrift „Theosophische Kultur", 5/1935, 17. Jg. S. 100 ff. entnommen und wurde von Dr. H. R. Fischer ergänzt.
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