Leben im Ewigen


von Friedrich Knollmann



Das Höhere Leben


Herausgegeben von der Theosophischen Gesellschaft e.V.

gegründet von Dr. Franz Hartmann (Sitz Frankurft a. Main)

Geschäftstelle, Redaktion Frau Gertrud Bäzner

Calw 1960



Wenn wir die Welt um uns betrachten, so beobachten wir eine Eigenschaft, die alle Dinge gemeinsam haben -- ohne Ausnahme: ihre Veränderlichkeit. Was sich verändert, unterliegt aber der Vergänglichkeit. In einer Schrift des Fernen Ostens heisst es: "Viele denken, dass sie heute, morgen, übermorgen oder vielleicht nach einem Jahre durch Anhäufung ihres Reichtums glücklich sein werden; aber sie bedenken nicht dabei, dass ihr Leben Tag für Tag dahinschwindet, so wie mit der Hand geschöpftes Wasser tropfenweise verloren geht."

Werden und Vergehen sind ein Naturgesetz. Zu diesem unaufhörlichen Wandlungsprozess, der sich auf naturgesetzlichem Wege vollzieht, kommt noch, dass der moderne Mensch durch die Fortschritte in der Wissenschaft, namentlich der Kernforschung, in den Besitz von Kräften gelangt ist, die ihn in die Lage versetzen, das Antlitz der Erde grundlegend zu verändern. Hat man doch versucht, theoretische Berechnungen darüber anzustellen, wie viel Atomkraft etwa erforderlich sein würde, um die Erde mit allem, was darauf lebt, durch einen Druck auf den Knopf innerhalb weniger Sekunden in Staub zu verwandeln. Wenn man an die Verwirklichung eines so unsinnigen Gedankens auch nicht glauben kann, so muss eine solche Betrachtung jeden verantwortungsbewussten Menschen doch zum Nachdenken anregen. Was wird aus dem, was wir gemeinhin als "Leben" bezeichnen, wenn die Erde sich auf solche Weise auflösen würde? Was ist der Mensch? Woher kommt er - - wohin geht er? Gibt es ein ewiges Leben? Solche und ähnliche Fragen stellt heute der denkende Mensch mit Recht.

Ein Verlangen nach einem Dauernden und Bleibenden ist ohne Zweifel in jedem Menschen vorhanden. Das tut sich schon in seinem Denken und Handeln kund. Unbewusst trägt er die Überzeugung in sich, dass es ein Ewiges geben muss. Er ist auch bestrebt, etwas zu schaffen, das Bestand hat. Er möchte das Ergebnis seines Wirkens der Nachwelt erhalten, dem Augenblick gleichsam Dauer verleihen. Man spricht auch vom Ewigkeitswert in den Werken der Kunst, der Wissenschaft und Religion.

Solange es denkende Menschen gibt, hat man nach dem Ewigen gesucht und geforscht. Aber so sehr sie auch suchten, sie vermochten in der äusseren Welt nicht einen Punkt zu finden, dem man hätte Dauer verleihen können. Sie wurden schliesslich auf sich selbst verwiesen. Damit wurden sie diese Frage keinesfalls los, im Gegenteil, je eindeutiger ihnen die Tatsache der Vergänglichkeit aller Dinge zum Bewusstsein kam, um so grösser wurde in ihnen die Sehnsucht nach dem Ewigen.

In der Betrachtung über das Unvergängliche kam den geistig Strebenden schliesslich ein Gedanke, der richtunggebend für ihr weiteres Suchen war. Sie sagten sich, dass sie das Ewige finden müssten, wenn sie immer der Sehnsucht nach dem Ewigen nachgehen würden. Sie wendeten sich nunmehr nach innen, der Richtung zu, aus der die Sehnsucht kam.
Sie übten damit die Methode der Versenkung, des Yoga, der Meditation über das Ewige. Zunächst fanden sie, dass auch der innere Mensch der Stetigkeit und Ruhe ermangelte, nach der er sich sehnte. Hier war ein beständiges Kommen und Gehen von Gedanken und Gefühlen, von Empfindungen und Wünschen.
Das Reich der Seele wurde beherrscht von einer übermächtigen Zauberin, der Phantasie oder Einbildungskraft. Die Schöpfungen dieser Einbildungskraft waren nicht blosse Schattengebilde, wie solche auf einer Leinwand erscheinen und wieder verschwinden, sondern wirkliche Wesenheiten, die ins Riesenhafte wuchsen, je mehr Leben ihnen der Mensch einhauchte und je mehr Aufmerksamkeit er ihnen schenkte. Diese Wesenheiten schieden sich je nach ihrer Natur in gute und böse, in Engel und Dämonen. Es war ein beständiger Kampf zwischen Niederem und Höherem. Auch die Dämonen unter sich lagen in einem beständigen Kampfe. Der Dämon des Zornes kämpfte gegen den Dämon der Sinnlichkeit, der Dämon der Furcht gegen den Dämon des Ehrgeizes usw. Es brodelte in der inneren Welt genauso wie in der äusseren; auch da gab es Unwetter, Sturm, Blitze und Regen. Viele wandten sich zagend und ermattend ab und zogen es vor, lieber in der äusseren Hölle, der Welt der Vergänglichkeit, zu leben als den Kampf mit den Mächten der eigenen Natur aufzunehmen. Sie versuchten, die innere Unruhe durch Vergnügungen aller Art zu betäuben.
Aber einige wenige hielten durch. Sie liessen nicht locker. Ihre Sehnsucht nach dem Ewigen wurde mit jeder Enttäuschung grösser, und ihre Treue wurde belohnt.

Sie machten wichtige Erfahrungen. Sie fanden, dass man die niedere Natur der Gedanken und Gefühle nicht auf einmal und nicht gewaltsam töten kann; das käme dem Anrennen des Kopfes gegen eine feste Wand gleich. Sie versuchten zunächst, ihren Gedanken eine einheitliche Richtung zu geben, z. B. durch Ausrichtung auf ein hohes, unvergängliches Ideal. Dadurch kamen Ordnung und Stetigkeit in den Strom des Denkens und Wollens, denn die Gedankenwesen haben keinen eigenen Willen; sie gehorchen jedem äusseren Impuls, wenn er nur stark genug ist. Durch geduldiges und ausdauerndes Üben gelang es ihnen allmählich, ihre Gedanken und Empfindungen zu beherrschen. Ja, sie vermochten schliesslich den Intellekt ganz zum Schweigen zu bringen, was in unserem intellektuellen Zeitalter unglaublich erscheinen mag.
Damit trat eine Ruhe und Stille ein, von der sich der Durchschnittsmensch, der Tag und Nacht von Gedanken, Gefühlen und Stimmungen hin- und hergeworfen wird, keine Vorstellung machen kann.

Was nun übrigblieb, war das reine "Ich bin", das Bewusstsein des reinen Seins, ein zeitloses, ein übernatürliches Bewusstsein, frei aller Wandelbarkeit.

Dieses Bewusstsein ist das Wesen des unvergänglichen Menschen, der unbeteiligte Zuschauer, der sich stets gleich bleibt, der alle Handlungen und Gedanken überwacht. Zwar mögen sich Ansichten, Gedanken und Überzeugungen des Menschen im Laufe der Jahre ändern, das Bewusstsein des "Ich bin" ändert sich jedoch nicht; es ist als "Greis" noch dasselbe, das es als "Kind" war.
Es wird von der Entwicklung und den Wandlungen der Persönlichkeit nicht berührt, ist aber selbst die Ursache dieser Veränderungen. Zwar scheint dieses Bewusstsein beim Einschlafen verlorenzugehen, doch der Vorgang des Erwachens beweist uns, dass das Bewusstsein des "Ich bin" am Morgen noch genau dasselbe ist, das es am Abend war. Dieses Bewusstsein des "Ich bin" ist das eine wahre Selbst, dasjenige, was der Mensch in Wahrheit selbst ist, wenn er alles abtut, was dem wahren unvergänglichen Selbst nicht angehört.

Dieses wahre Selbst darf jedoch mit dem kleinen beschränkten Ichbewusstsein nicht verwechselt werden, das sich für eine vom Ganzen getrennte Persönlichkeit hält. Denn während dieses über die Grenzen der kleinen Persönlichkeit nicht hinausreicht und mit dieser vergeht, hat jenes sein Reich im Unendlichen und weiss sich mit allem eins. Darum muss das sterbliche Ich überwunden werden, wenn das unsterbliche Selbst sich offenbaren soll.

Nachdem die Sucher nach dem Ewigen auch die letzte einengende Form des Bewusstseins abgestreift hatten, erkannten sie, dass das von jeder Vorstellung befreite Selbst unendlich, selbstleuchtend und eins mit dem grossen Selbst der ganzen Schöpfung (Gott) ist. Von diesem göttlichen Selbst heisst es: "Ich bin in allen Dingen nur ich selbst, doch ging aus meinem Selbst das ganze Al1 als Offenbarung meiner selbst hervor." Es gibt in Wirklichkeit nicht viele Selbste, sondern nur ein Selbst in allen Menschen und Wesen; es gibt nur einen Willen, eine Intelligenz im Weltall. Es ist der Logos, welcher in allen Menschen derselbe ist und im christlichen Sprachgebrauch Christus genannt wird. Christus ist der eine Gottheit-Sohn in der Menschheit. Wer ihn in sich selbst erkannt hat, sieht ihn in jedem Wesen.

Von den Weisen, die nach grossen Kämpfen und Versuchungen das Bewusstsein des Ewigen erlangten, haben einige ihre Erfahrungen niedergeschrieben. Die Veden und Upanishaden, die Bhagavad Gita und viele andere Schriften, wozu auch diejenigen der alten Ägypter und Griechen und der christlichen Mystiker gehören, geben wichtige Hinweise auf dem Wege zum ewigen Selbst. In einem stimmen sie alle überein: sie lehren, dass jeder den Weg zum Ewigen selbst gehen muss. Die ewige Seligkeit kann nicht übertragen werden. Sie wird nur dem zuteil, der die Vorbedingungen dazu geschaffen hat.

Wer alles aus seinem Bewusstsein entfernt, was vergänglich ist, dem kann sich das ewige Selbst öffnen.

Shankara sagt: "Der Weise strengt sich selbst an, mit ganzem Ernst und mit festem Willen frei zu sein von der Knechtschaft der Welt, als ob er von einer Krankheit frei werden wollte. Wer (zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen) unterscheiden kann und Leidenschaftslosigkeit errungen hat, Ruhe und die anderen Tugenden besitzt, der kann den Ewigen finden. Glücklich bist du, du wirst dein Ziel erreichen; dein Geschlecht ist gesegnet in dir, denn du strebst danach, der Ewige zu werden, indem du dich aus den Banden des Irrtums befreist."

Aber nicht nur östliche Denker und Meister, auch solche des Westens, Dichter, Philosophen und Mystiker, haben auf das Ewige hingewiesen.
Thomas von Kempen sagt: "Lass alles Vergängliche fahren und lebe im Ewigen! Die Eigenliebe ist die Ursache aller Übel und muss von Grund aus vertilgt werden, wenn uns daran gelegen ist, dass wahrer Friede und dauernde Ruhe in unsere Seele einziehen."

Schopenhauer hat gefunden: "Je deutlicher einer sich der Hinfälligkeit und traumartigen Beschaffenheit aller Dinge bewusst wird, desto deutlicher wird er sich auch der Ewigkeit seines eigenen inneren Wesens bewusst."

Und der Philosoph Schleiermacher schrieb einmal: "Leicht fliesst dahin mein irdisch Tun im Strom der Zeit; es wandeln sich Vorstellungen und Gefühle, und ich vermag nicht eines festzuhalten; so oft ich aber ins innere Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich im Reiche der Ewigkeit."

Wer sicher auf dem Pfade wandeln will, muss seinen Halt im Ewigen suchen. Er sollte sein Bewusstsein vom Vergänglichen lösen und dem Ewigen zuwenden. Da auch der Körper dem Reiche der Vergänglichkeit angehört, ist es vor allem notwendig, das starke Verhaftetsein des Bewusstseins an den Körper zu überwinden. Der Mensch ist nicht der Körper; dieser ist vielmehr nur eine vergängliche Hülle, ein Werkzeug, das dem wirklichen Menschen vorübergehend zur Behausung dient. Die Identifizierung mit dem Körper ist die stärkste Fessel, die den Menschen an das Vergängliche bindet; sie ist die eigentliche Ursache des Leides. Er sollte versuchen, das Bewusstsein vom Persönlichen ins Unpersönliche zu erheben, das Bewusstsein des Sonderseins im Bewusstsein des Ganzen aufgehen zu lassen. Im Ewigen gibt es kein Ich und Du, sondern nur das eine Sein. Nur dann ist es möglich, im Bewusstsein des Ewigen zu leben, wenn die Vorstellung der Trennung vom ändern überwunden ist.

In der Stimme der Stille heisst es: "Ehe du dich der ersten Pforte (zum Tempel des Ewigen) nähern kannst, musst du lernen, deinen Körper von deinem Geiste zu trennen, den Schatten zu zerstreuen und im Ewigen zu leben. Zu diesem Zwecke musst du in allem leben und atmen, wie auch alles, was du siehst, in dir atmet. Du musst fühlen, dass du in allem wohnst, in allen Dingen, im Selbst."

Eine solche Einstellung erfordert die Hingabe der ganzen Persönlichkeit, die Hingabe des ganzen Menschen. Die Opferung des persönlichen Ichs ist das Lösegeld, das jeder entrichten muss, der in den Tempel der Ewigkeit eintreten will. Wer es nicht entrichten kann, wird am Eingang von dem Lichte, das aus dem Tempel des Ewigen strahlt, geblendet und
zurückgeworfen. Das kleine begrenzte Ich kann nicht mit hineingenommen werden. Mancher klagt, dass es so schwer sei, sich von den Bindungen an die vergängliche Welt frei zu machen. Diese Bindungen haben jedoch ihre Wurzel in dem kleinen vergänglichen Ich.

Meister Ekkehart sagt: "Hast du dein Ich gelassen, hast du die ganze Welt gelassen. Soll die Seele Gottes gewahr werden, so muss sie auch ihr (niederes) Ich vergessen. Denn solange sie sich selber sieht und weiss, solange sieht und gewahrt sie Gott nicht. Wenn sie aber Gottes wegen ihr Ich darangibt und alle Dinge fahren lässt, so findet sie sich wieder in Gott."

Die Opferung des persönlichen Ichs ist kein Verlust, sondern höchster Gewinn. Es ist die Befreiung von einer drückenden Last, eine Erlösung, eine Bereicherung ohnegleichen. Im Ewigen erlangt der Mensch alles, was er im Vergänglichen vergeblich suchte. Wer das Ewige besitzt, hat damit alles. Alle Engel und Götter, alle Meister des Himmels und der Erde sind Diener des Ewigen. Es gibt keinen grösseren Schatz, keinen grösseren Reichtum als das Bewusstsein des Ewigen.

Para-Atma (Gott) ist der Ewige; er umfasst alles und durchdringt alles, ausser ihm ist nichts, alles geht aus ihm hervor, alles kehrt zu ihm zurück. Im Ewigen ist Weisheit, Kraft, Freiheit, Ruhe, Frieden, Freude und höchste Glückseligkeit. Dort gibt es keinen Mangel, keine Unvollkommenheit, kein Leid, keine Krankheit und keine Furcht.

Das Ewige ist der Fels, auf dem man getrost bauen kann. Es gibt dem Menschen unbedingte Gewissheit und feste Überzeugung in die einmal erkannte Wahrheit. Die ewige göttliche Wahrheit ist der Grund des Weltalls und der Ursprung aller Dinge.

Im Bewusstsein des Ewigen ist der Mensch unverwundbar; er könnte die Hölle durchwandern, ohne Schaden zu erleiden. Wer das Ewige einmal besitzt, verliert es nicht wieder. Das Bewusstsein des Ewigen hebt das Gemüt über die kleinen Sorgen, Eitelkeiten und Empfindlichkeiten des täglichen Lebens hinweg. Inwieweit man schon im Ewigen verwurzelt ist, kann man daran ermessen, in welchem Masse man noch auf persönliche Angriffe, Verleumdungen oder übelwollende Kritik reagiert; ob man es ertragen kann, wenn eine Arbeit oder ein Liebesdienst nicht anerkannt oder mit Undank belohnt wird, wenn man beleidigt oder enttäuscht worden ist. Hat der Pilger auf dem Pfade zum Ewigen bereits einen sicheren Halt gefunden, so vermag er solche Kritik ohne Verlust des seelischen Gleichgewichtes zu ertragen.

Der Weise, der im Ewigen verwurzelt ist, fürchtet kein Leid oder Unglück. Denn im Lichte des Ewigen wird das Leid als eine heilsame Arznei erkannt, die überflüssig wird, wenn die seelische Gesundung erreicht ist.
Im Leide reift und weitet sich das Bewusstsein:

"Es ist das Leid ein fein Kristall:
lässt du's vom Schein der Ewigkeit durchfluten,
erwachen wundersam die Farben all,
die vordem nachtgebunden darin ruhten. --
Dann stehst du sinnend vor dem frommen Glanz;
du spürst der Gottheit heilig-tiefes Walten,
und still ergibt sich deine Seele ganz
dem grossen lichtgebärenden Gestalten."
(Bernita-Maria Moebis)

Im Bewusstsein des Ewigen schmelzen Leid und Sorge wie Schnee vor der Sonne.
Wir sind nur insoweit wahre Menschen, als wir das Bewusstsein des Ewigen in uns tragen, denn dieses Bewusstsein erhebt uns über das Tier. Hüten wir es wie einen Schatz, wie das köstlichste Kleinod! Es ist das Geschenk der Gottheit, das der Seele auf ihrer Pilgerreise durch das Reich der vergänglichen Erscheinungen mitgegeben wurde.

Das Ewige ist unsere wahre Heimat, die Quelle unseres Lebens; es sei uns immer gegenwärtig. Und wenn wir das Bewusstsein des Ewigen verloren haben, was im Laufe des Tages oft vorkommen mag, so muss es uns sein -- um mit Meister Ekkehart zu sprechen --, "als sei uns die ewige Seligkeit genommen". Sogleich sollten wir uns wieder auf das Ewige ausrichten.

Halten wir unser Denken und Wollen immer auf das Ewige gerichtet, auch bei der täglichen Arbeit, auch dann, wenn uns die Arbeit nicht zusagt. Auch der unbedeutendsten und unangenehmsten Arbeit liegt ein ewiger Sinn zugrunde.

Wir sollten in allem das Ewige erblicken. Was der Mensch denkt, das wird er. Worauf er sein Denken richtet, in das geht er ein.
"Was in mir Ew'ges denkt, das muss unsterblich sein", sagt Friedrich Rüclcert.

Auch H. P. Blavatsky ruft ihren Schülern zu: "Lebt im Ewigen! Äusserlich sind wir Geschöpfe, die nur einen Tag leben; im Innern sind wir ewig."

Wer so vorbereitet seinen ewigen Grund gefunden hat, ist wahrlich reich gesegnet. Er hat sein wahres Selbst erkannt; er erlebt die Neugeburt des inneren Menschen. Aufrecht steht er im Reiche des Unvergänglichen, und sicher schreitet er auf den Wogen der Zeitlichkeit. Das anfänglich so kleine Kämmerlein seiner Seele weitet sich zum Tempel der Ewigkeit, dessen Mauern sich ins Unendliche erstrecken. Hier stört kein Misston den ewigen Frieden, kein Schatten verdunkelt das ewige Licht. Hier verwirklicht sich die Verheissung:
"Die reinen Herzens sind, werden Gott schauen."
Reine selbstlose Liebe, die Liebe der Gottheit, ist das Licht und das Leben, das im Reiche des Ewigen wirkt. Hier ist die Vollendung im wahrsten Sinne; höchste Weisheit, ewige Freude, ungestörter Friede und wahre Glückseligkeit. Im Ewigen gibt es kein Ich und Du, sondern nur noch das eine ewige Selbst, der das eine Leben in allen Geschöpfen ist.

Ein Mensch mit solcher Erkenntnis entzieht sich nicht den Pflichten und Aufgaben dieser Welt. Er sieht die Dinge anders als der Durchschnittsmensch. Er sieht sie vom Standpunkt des Ewigen aus, wodurch er ihren wahren Wert erkennt. Er ist bestrebt, alle Pflichten im Dienste des Ewigen zu erfüllen. Sein erhabenster Dienst aber ist es, aufklärend für seine noch im Reiche der Vergänglichkeit leidenden Brüder wirken zu dürfen. Er ist ihnen ein verstehender Freund, ein Halt im Strome der Zeit. Mögen die Stürme des vergänglichen Daseins auch ihn umbrausen, er lebt dennoch im Bewusstsein der Ewigkeit.
"Wem Zeit wie, Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit, der ist befreit von allem Leid."

Mag er noch oft auf dieser Erde verkörpert werden und noch oft den Tod seiner irdischen Hülle erleiden, er trägt dennoch die Gewissheit des Ewigen in seinem Herzen. Das ewige Licht strahlt ihm wie ein leuchtender Stern durch alle Verkörperungen. Obwohl er mit seinen Schwestern und Brüdern Schulter an Schulter wirkt und mit ihnen Freud und Leid teilt, steht er dennoch fest in seinem unvergänglichen Selbst. Für alle, die nach einem sicheren Halt im Leben suchen, gilt die Forderung:
"Lebe im Ewigen!
(Aus "Das höhere Leben" 1960, S.108)
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