Der Schüler muss die Seele im Menschen, das Ich, den Urheber des Karma als ein wachsendes Wesen, als eine lebende Individualität erkennen, welche an Weisheit und mentaler Grösse zunimmt, während es Äonen hindurch den Pfad der Entwicklung wandelt; hierbei darf die wesentliche Gleichheit des höheren und des niederen Manas nie ausser acht gelassen werden. Nur aus Gründen der Zweckmässigkeit haben wir zwischen beiden unterschieden, doch dieser Unterschied besteht nur in der Art ihrer Tätigkeit, aber nicht in ihrem Wesen. Der höhere Manas ist der welcher nach der spiritualen Ebene hin im vollen Bewusstsein seiner Vergangenheit wirkt; der niedere Manas ist der welcher verhüllt in astraler Materie, verwebt mit Kama und mit allen seinen Tätigkeiten, beeinflusst und gefärbt durch die Begierdennatur nach der psychischen oder astralen Ebene hin wirkt. Er ist grösstenteils durch die umhüllende Astralmaterie geblendet und besitzt nur einen Teil des ganzen Manasbewusstseins: dieser Teil besteht für die meisten nur aus einer beschränkten Auswahl der gerade in dieser gegenwärtigen Verkörperung gemachten, aufgefallenen Erfahrungen. Für die praktischen Zwecke des Lebens, wie die meisten Menschen es ansehen, ist der niedere Manas das "Ich" und zwar das persönliche Ich, wie wir es nennen; die Stimme des Gewissens, welche in verwirrender Unklarheit als übernatürlich und als Stimme Gottes angesehen wird, ist für sie die einzige Offenbarung des höheren Manas auf der psychischen Ebene, und so sehr sie sich in betreff des Wesens dieses Gewissens irren mögen, so erkennen sie es doch mit Recht als Autorität an. Aber der Schüler muss erkennen, dass der niedere Manas mit dem höheren eins ist, wie der Strahl eins ist mit der Sonne. Der Sonnenmanas scheint immerdar am Himmel der höheren Ebene, während der Strahlenmanas die psychische Ebene durchdringt; nur aus Gründen der Zweckmässigkeit dürfen wir sie in ihrer Tätigkeit voneinander unterscheiden, sonst entsteht hoffnungslose Verwirrung.
Also das "Ich" ist eine wachsende Wesenheit, eine sich vermehrende Grösse. Der herabgesendete Strahl gleicht einer Hand, welche ins Wasser taucht, um einen Gegenstand zu ergreifen und beim Zurückziehen den Gegenstand gefasst hält. Das Anwachsen des Ich hängt von dem Werte der von seiner ausgestreckten Hand gefassten Gegenstände ab, und die Bedeutung seines ganzen Wirkens wird bestimmt und bedingt durch die Erfahrungen, welche während der Tätigkeit des Strahles auf der psychischen Ebene gesammelt werden konnten; wie ein Arbeiter bei Regen und Sonnenschein, bei Kälte und Hitze in schwerer Arbeit auf dem Felde schafft bis an den Abend und dann heimkehrt. Aber der Arbeiter ist auch der Eigentümer und alle Früchte seiner Arbeit bereichern seine eigenen Scheuern und füllen seine eigene Vorratskammer. Jedes persönliche Ich ist der unmittelbar wirkende Teil des dauernden oder individuellen Ichs und vertritt es in der niederen Welt; dieses persönliche Ich ist notwendigerweise mehr oder weniger entwickelt, gemäss dem Standpunkte, welchen das eigentliche Ich in seiner Ganzheit oder als Individualität erreicht hat. Hält man diese Einheit zwischen dem persönlichen und dem dauernden Ich mit Klarheit fest, so wird das Gefühl schwinden, welches von theosophischen Anhängern schwer überwunden wird, dass nämlich dem persönlichen Ich durch seine notgedrungene Übernahme der karmischen Erbschaft ein Unrecht geschehe. Denn dann wird die Erkenntnis klar, dass dasselbe Ich Karma schafft und erntet, dass derselbe Landmann die Saat säet und im Herbste die Garben sammelt, wenn er auch seine Werktagskleider in der Zeit zwischen Saat und Ernte abgetragen und gewechselt hat. Auch die astralen Gewänder des Ichs sind zwischen Saatzeit und Ernte in Stücke zerfallen; in neuer Gewandung schickt sich der Arbeiter zur Ernte an; aber immer ist "er" es, der einst gesäet hat und nun erntet; hat er wenig oder schlechte Saat gesäet, wird er zur Zeit des Herbstes auch nur eine ärmliche Ernte sammeln (Gal VI, 7 und 8).
In den anfänglichen Studien wird das Wachstum des Ichs nur ausserordentlich langsam fortschreiten, 1) denn es wird durch Begierden hin und her gezogen, und es folgt seinen. Trieben auf der psychischen Ebene. Die von ihm erzeugten Mentalbilder werden meistens leidenschaftlicher Art sein und daher seine Astro-Mentalbilder eher heftig und von kurzer Dauer als stark und langwirkend. Je mehr Manaselemente in die Zusammensetzung des Mentalbildes eintreten, von desto längerer Dauer wird das Astro-Mentale Bild sein. Ein fest aufrecht erhaltener Gedanke wird scharf umgrenzte Mentalbilder und folglich starke und dauernde Astro-Mentalbilder gestalten; hierdurch wird ein deutlicher Lebenszweck und ein klar erkanntes Lebensideal geschaffen, auf das die Seele immer wieder zurückkommt, mit welchem sie sich immer wieder geistig beschäftigt. Dieses Mentalbild wird daher einen beherrschenden Einfluss auf das Leben des Manas gewinnen und in hervorragendem Masse den Kräften der Seele die Richtung anweisen.
Wir wollen nun sehen, wie durch das Mentalbild Karma geschaffen wird. Ein Mensch formt in seinem Leben eine unzählbare Menge dieser Mentalbilder; einige sind fest und klar, verstärkt durch stetig wiederholte mentale Antriebe, andere sind schwach, unbestimmt, so schnell vergessen, wie gebildet; im Tode findet sich die Seele von Myriaden dieser Mentalbilder umringt, alle verschieden im Charakter, wie in Stärke und Bestimmtheit. Einige stammen von geistigem Streben, von der Sehnsucht nach dienender Liebe, von Suchen nach Erkenntnis und von Gelübden, sich einem höheren Leben zu weihen, andere sind rein verstandesmässig, Gedankenperlen, Ergebnisse tiefen Studiums; andere empfindungsvoll und leidenschaftlich, Liebe, Zärtlichkeit, Mitleid, Frömmigkeit oder -- Ärger, Ehrgeiz, Stolz, Gier atmend; wieder andere voll leiblicher Triebe, angefacht durch ungezügelte Begierden, durch Gefrässigkeit, Trunkenheit, Sinnlichkeit. Das Bewusstsein jedweder Seele ist mit solchen Mentalbildern, den Folgen seines mentalen Lebens, bevölkert; nicht ein Gedanke, so flüchtig er gewesen sein mag, fehlt in dem Reigen; vielfach mögen die nur wenige Stunden dauernden Astro-Mentalen Bilder längst untergegangen sein, die Mentalbilder bleiben doch unter dem eisernen Bestand der Seele, nicht eins fehlt. Die Seele schleppt eben alle diese Mentalbilder mit sich durch die Todespforte in die astrale Welt hinein.
Kama Loka, 2) oder der Ort der Begierden ist in verschiedene Stufen geteilt, und die Seele findet sich gleich nach dem Tode mit ihrem vollständigen Begierdenleibe oder Kama Rupa belastet; alle durch Kama-Manas geformten Mentalbilder, welche grober und tierischer Art sind, üben ihre Macht auf den niedrigsten Ebenen dieser astralen Welt aus. Eine schwach entwickelte Seele beharrt bei diesen Gedanken und denkt sie immer wieder durch und bereitet sich dadurch vor, sie in ihrem nächstfolgenden Erdenleben physisch auszuführen. Ein Mensch, welcher sinnlichen Gedanken nachgehangen und derartige Mentalbilder geschaffen hat, wird nicht nur zu irdischen, den sinnlichen Begierden fröhnenden Szenen hingezogen, sondern er führt sie sich beständig in Gedanken handelnd immer wieder vor; er verstärkt dadurch immer mehr den Trieb, in Zukunft ähnliche Sünden zu begehen. Ebenso geht es mit anderen Mentalbildern, deren Stoff durch die Begierdennatur geliefert wird und welche anderen Ebenen des Kama Loka angehören. Erhebt sich die Seele von den niederen Ebenen zu den höheren, so verlieren die Mentalbilder, welche aus den Stoffen der niederen Ebenen gebildet sind, diese Elemente und werden dadurch im Bewusstsein "latent" oder "stoffentrückt", wie H. P. Blavatsky sich auszudrücken pflegte: vorhanden, doch nicht materiell aktiv.
Nebenbei bemerkt, sind die Mentalbilder, welche die neuerlich angekommene Seele umringen, die Quelle vielfacher Unruhe während der Anfangsstationen des Lebens nach dem Tode. So quält der Aberglaube in Gestalt von Mentalbildern die Seele mit Schreckensgemälden, welche in deren wirklicher Umgebung gar nicht vorhanden sind. 1)
Die kamarupische Gewandung wird von ihren gröberen Elementen gereinigt, sobald das niedere Ich aufwärts oder einwärts gegen die Region des Devachan gezogen wird; Schale nach Schale wird jede zu ihrer Zeit abgeworfen, bis die letzte abgelegt und der Strahl, von allen astralen Gehäusen befreit, vollständig zurückgezogen worden ist. Kehrt nun das Ich zum Erdenleben zurück, so wirken diese latenten Bilder nach aussen; sie ziehen die ihnen angemessenen kamischen Stoffe zu sich heran und werden durch diese befähigt, sich auf der astralen Ebene zu betätigen; sie eben werden die Neigungen, Leidenschaften und niederen Beweggründe des Begierdenleibes für die neue Wiederverkörperung des Ich. Alle aus den Leidenschaften und Begierden gestalteten Mentalbilder sind dem oben beschriebenen Prozess unterworfen und werden bei der Rückkehr des Ich zum Erdenleben wieder offenbar. So sagt der Verfasser der "Astralebene":
"Die Lipika, die grossen karmischen Gottheiten des Kosmos, wägen die Taten jeder einzelnen Person ab, wenn die end- gültige Scheidung ihrer Grundbestandteile im Kama-Loka stattfindet, und bilden sozusagen die Schablone für das Linga-Sharira (den Ätherkörper), das dem Kanna des Menschen für die Zeit seiner nächsten Verkörperung genau angepasst ist." 2)
Für diesmal von diesen niederen Elementen befreit, schreitet die Seele ins Devachan, wo sie eine Zeit verbringt, die dem Reichtum oder der Armut an denjenigen Mentalbildern entspricht, die in diese Region mit hineingebracht werden können. Hier findet sie jede ihrer besseren Bestrebungen wieder, so kurz und flüchtig sie auch gewesen sein mögen; in diesen ergeht sie sich dann, und es erwachsen ihr aus diesem Material die Kräfte für ihr zukünftiges Leben.
Das Leben im Devachan hat eine assimilierende Wirkung; hier werden die auf Erden gesammelten Erfahrungen in das Gewebe der Seele eingewirkt, und auf diese Weise wächst das Ich. Dessen Entwicklung hängt von der Zahl und Mannigfaltigkeit der während der Erdenzeit gestalteten Mentalbilder ab, welche sie nun iri die ihnen entsprechenden dauernden Charakterzüge verwandelt. Sie sammelt alle Mentalbilder einer bestimmten Art und zieht aus ihnen das Wesentliche, die Essenz; sie ergeht sich in diesen Bildern, stärkt dadurch ihr Organ, den Manas, der deren Essenz in sich aufnimmt.
Zum Beispiel: Jemand, dessen Mentalkräfte nur die eines gewöhnlichen Menschen sind, hat viele Mentalbilder geschaffen durch Streben nach Erkenntnis und durch Anstrengungen im Nachdenken über hohe und erhabene Gedanken; nun wirft er seinen Leib ab; im Devachan wird er sich nun mit all' diesen Mentalbildern beschäftigen und sie zu Fähigkeiten entwickeln. Bei seiner Rückkehr zum Erdenleben wird er höhere Geisteskraft, als zuvor besitzen und sich vermittels seines gestärkten Verstandes an die Lösung geistiger Aufgaben machen können, denen er früher nicht gewachsen war. So verwandeln sich die Mentalbilder derartig, dass sie als Mentalbilder aufhören zu existieren; will die Seele sie in einem künftigen Leben wieder sehen, wie sie waren, so muss sie in der karmischen Chronik suchen, wo sie für immer als Akashabilder aufbewahrt bleiben. Durch diese Umwandlung der von der Seele geschaffenen und bearbeiteten Mentalbilder hören sie auf zu sein und werden zu Kräften der Seele und zu einem Teil ihrer Natur selbst. Will demnach jemand höhere Geisteskräfte erwerben, als er jetzt besitzt, so kann er sich ihrer Entwicklung vergewissern, indem er seine Gedanken eifrig auf sie gerichtet und ihren Erwerb beständig im Auge behält, denn die Wünsche und das Streben in einem Leben werden zu Fähigkeiten in einem anderen, und der Wille zum Vollbringen verwandelt sich in Kraft zum Ausführen. Man muss sich also klar machen, dass die so aufgebaute Fähigkeit genau im Verhältnis zu den dem Baumeister zur Verfügung stehenden Bau- steinen steht. Aus nichts wird nichts; und wenn es die Seele auf Erden versäumt, ihre Kräfte durch die Aussaat von Wunsch und Streben zu üben, so wird sie in Devachan nur eine kärgliche Ernte halten.
Beständig wieder geschaffene Mentalbilder, welche nicht den Charakter des Strebens und der Sehnsucht haben, mehr ausführen zu können, als die schwachen Kräfte der Seele gestatten, werden zu einer bestimmten Gewohnheit im Denken, zu einem Kanal, in welchen die geistige Kraft leicht und hurtig hineinströmt. Daher ist es so wichtig, sich die Seele nicht unter unbedeutenden Gegenständen ziellos umhertreiben und die träge Schöpfung trivialer Mentalbilder sich nicht im Geist einnisten zu lassen. Denn diese werden dort haften und Kanäle zur künftigen Ableitung mentaler Kraft bilden, welche auf diese Weise verleitet wird, sich auf niedrigen Gebieten zu zersplittern und in die gewohnten Pfade zu strömen, auf den Wegen des geringsten Widerstandes.
Wird andrerseits Wille und Wunsch, eine bestimmte Handlung auszuführen, vereitelt, nicht weil die Fähigkeit, sondern die Gelegenheit gemangelt hat, oder weil Umstände die Vollendung gehindert haben, so werden Mentalbilder entstehen, welche, falls jene Handlung hoher und reiner Natur war, auf der devachanischen Ebene in Gedanken wirklich ausgeführt werden und nach der Rückkehr zur Erde sich in Handlungen umsetzen. Lag dem Mentalbild der Wunsch, wohl zu tun, zu Grunde, so wird es zur Ausführung solchen Tuns in Gedanken dort Veranlassung geben, und diese Ausführung -- eine Reflexwirkung des Bildes selbst -- wird in dem Ich ein verstärktes, zur Handlung treibendes Mentalbild zurücklassen, welches auf der physischen Ebene sofort zur physischen Handlung werden wird, sobald eine günstige Gelegenheit den Gedanken zur Tat kristallisieren lässt. Diese physische Handlung geschieht mit Notwendigkeit, wenn das Mentalbild im Devachan die Vorstellung der Handlung hervorgerufen hat. Diesem nämlichen Gesetze unterliegen die aus minder edlen Trieben herrührenden Mentalbilder, welche, obwohl nie im Devachan zugelassen, doch dem beschriebenen Prozesse unterworfen sind und auf dem erdwärts führenden Wege wieder entstehen müssen. Wird z. B. die Begierde der Habsucht gepflegt, so werden die daraus gestalteten Mentalbilder unter geeigneten Umständen sich zu diebischen Handlungen kristallisieren. Das Karma der Ursachen ist reif und die physische Handlung ist seine unausbleibliche Wirkung geworden, sobald das Karma den Punkt erreicht hat auf welchem eine Wiederholung des Mentalbildes stattfindet; dieses geht dann in Handlung über.
Wir müssen beachten, dass die Wiederholung einer Handlung die Neigung hat, eine Handlung automatisch zu machen; und dieses Gesetz wirkt auch auf anderen Ebenen als der physischen. Wird also eine Handlung beständig auf der psychischen Ebene wiederholt, dann wird sie automatisch werden, und sobald sich Gelegenheit bietet, wird sie automatisch auf der physischen Ebene nachgeahmt werden. Wie oft hat es nach einem begangenen Verbrechen geheissen: "Ich habe es getan, ohne nachzudenken," oder: "hätte ich einen Augenblick vorher nachgedacht, so würde ich es nie getan haben." Wer so spricht, ist in seiner Verteidigung ganz im Recht: er war wirklich nicht durch einen bewussten Gedanken zu dem Verbrechen bewogen worden und wusste natürlich nichts von den vorhergehenden Gedanken, der Kette der Ursachen, welche schliesslich zu der unausbleiblichen Wirkung führten. So geht eine übersättigte Lösung in den festen Zustand über, sobald man noch einen einzigen Kristall hineinfallen lässt. Wenn die Ansammlung von Mentalbildern den Punkt dieser Sättigung erreicht hat, wird sie bei der kleinsten Vermehrung zur Tat. Die Tat selbst geschieht mit Notwendigkeit, denn die Wahlfreiheit hat sich bereits erschöpft durch die beständig wiederholte Wahl des Mentalbildes, und der physische Trieb muss dem geistigen gehorchen. Der unbefriedigte Handlungstrieb geht aus einem Erdenleben in das nächstfolgende über; der Wunsch wirkt scheinbar auf die Natur wie ein Befehl, dem sie durch Darbietung der Gelegenheit zur Ausführung nachkommt.
Die Mentalbilder, die das Gedächtnis von den Erfahrungen aufspeichert, die die Seele während ihres Lebens auf der Erde gemacht hat, gleichsam den Bericht über die Wirkungen, die die äussere Welt auf die Seele gehabt hat, muss sie ebenfalls dort durcharbeiten. Durch das Studium derselben, durch Nachdenken über sie, lernt die Seele ihre Beziehungen unter einander zu erkennen und einen Vergleich anzustellen mit dem Wirken des Weltgeistes in der benbarten Natur, kurz: die Seele zieht aus ihnen durch sorgsames Nachdenken jede Belehrung, die sie zu bieten haben. Da erhält sie Aufklärung , über Lust und Leid, sie lernt, dass Lust Leid und dass Leid Lust erzeugt, auch dass es gilt, vor unverletzlichen Gesetzen sich zu beugen. Da lernt sie Erfolg und Misserfolg kennen, Gelingen und Enttäuschung; Befürchtungen, die sich als grundlos, und Hoffnungen, die sich als falsch erwiesen haben; Kraft, die in der Versuchung zusammenknickt, und eingebildete Weisheit, die zur Torheit wird; geduldiges Ausharren, das die drohende Niederlage zum Sieg, wendet, und Sorglosigkeit, welche den lockenden Sieg in Niederlage kehrt. Dies alles erwägt die Seele und verwandelt diese Mischung von Erfahrungen durch ihre eigene Alchemie in Gold der Weisheit, so dass sie als eine weisere Seele einst, auf die Erde zurückkehrt und mit dem Ergebnis der Erfahrungen des alten Erdenlebens den Ereignissen des Neuen entgegengeht. Hier finden wir wieder die Mentalbilder umgewandelt, so dass sie als solche nicht mehr da sind. Nur in der "karmischen Chronik" können sie in ihrer früheren Gestalt wieder aufgefunden werden.
Aus den Mentalbildern der Erfahrungen und besonders aus denen, die darstellen, wie aus Gesetzesunkunde Leiden entspringen, entsteht und entwickelt sich das Gewissen. Die Seele wird während ihrer aufeinanderfolgenden Erdenleben beständig durch die Triebe verleitet, anziehenden Dingen unbesonnen nachzujagen; hierbei prallt sie gegen das Gesetz und kommt blutend und zerschlagen zu Fall. Viele solche Erfahrungen belehren die Seele, dass gesetzwidrige Lust nur die Mutter des Leides ist; will nun im einem neuen Erdenleben der Begierdenleib die Seele in unheilvolle Freuden stürzen, so tritt die Erinnerung vergangener Erfahrungen als Gewissen auf, ruft laut: "Halt!" und fällt den eilenden Rossen der Sinne, welche gedankenlos dem Gegenstande, der Lust nachjagen, in die Zügel. Auf der gegenwärtigen Stufe der Entwicklung haben, bis auf die am meisten zurückgebliebenen Seelen, wohl alle genügende Erfahrungen gemacht, um in rohen Umrissen Recht und Unrecht erkennen zu können, d. h. sie vermögen Harmonie und Disharmonie mit der göttlichen Natur von einander zu unterscheiden; und über diese Hauptfragen der Ethik kann sich die Seele infolge ihrer ausgedehnten Erfahrung klar und deutlich äussern; was aber die höheren und feineren Fragen angeht, welche sich auf den gegenwärtigen Entwicklungsstand und nicht auf die hinter uns liegenden Stufen beziehen, so ist darüber die Erfahrung noch so beschränkt und ungenügend, dass sie noch nicht in das Gewissen hinein verarbeitet sein kann, daher kann die Seele wohl in ihrer Entscheidung irren, wie gut auch der Wille sein mag klar zu sehen und richtig zu handeln. Aber ihr Wille zu gehorchen setzt sie doch mit der göttlichen Natur auf den höheren Ebenen in Verbindung, und ihrem Misserfolg im Finden des rechten Weges auf der niederen Ebene wird für die Zukunft durch das Leid abgeholfen, das sie bei jeder Gesetzesverletzung empfindet. Ja, die Leiden werden der Seele weisen, was sie vorher nicht finden konnte, und ihre kummervollen Erfahrungen verweben sich in ihr Gewissen, um sie vor gleichem Leid in der Zukunft zu bewahren, um ihr die Freude einer reicheren Gotteserkenntnis in der Natur, der selbstbewussten Harmonie mit dem Gesetze des Lebens, der selbstbewussten Mitarbeit am Werke der Entwicklung zu verleihen.
Wir erkennen nunmehr folgende bestimmte Prinzipien der Wirkung des karmischen Gesetzes durch die Mentalbilder als Ursachen:
Anstrengungen und Wünsche werden zu Fähigkeiten.
Wiederholte Gedanken werden zu Neigungen.
Wille zum Handeln wird zu Handlungen.
Erfahrungen werden zu Weisheit.
Schmerzliche Erfahrungen werden zum Gewissen.
Wie das karmische Gesetz mit den Astro-Mentalbildern
wirkt, betrachten wir besser im Kapitel: "Wie das Karma weiter wirkt",
dem wir uns jetzt zuwenden.
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