Wie das Karma im allgemeinen entsteht
 

Nachdem wir im Vorhergehenden die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Elementarreich erkannt haben, sowie die formenden, ja wahrhaft schöpferischen Kräfte des Intellekts, durch welche die oben beschriebenen lebendigen Gebilde in das Dasein gerufen werden, sind wir in der Lage, wenigstens etwas davon zu verstehen, wie das Karma während einer Lebensperiode entsteht und wirkt. "Lebensperiode" sage ich lieber als "Leben'', denn Leben im gewöhnlichen Sinne einer einmaligen Verkörperung ist hier zu wenig, und andererseits im Sinne des ganzen Lebens, das aus vielen in und außer dem irdischen Leben verbrachten Zeitabschnitten besteht, wiederum zu viel. Unter "Lebensperiode" verstehe ich einen kleinen Kreislauf menschlichen Daseins mit seinen physischen, astralen und devachanischen Erfahrungen, sowie seine Rückkehr über die Schwelle physischen Seins, also die vier deutlich voneinander unterschiedenen Zeiträume, welche den von der Seele zu durchmessenden Kreislauf ausmachen. Immer und immer wieder müssen diese vier Stationen auf der Reise des ewigen Wanderers durch die Stufen der Menschheit durchlaufen werden. Die in solcher Periode gemachten Erfahrungen mögen an Zahl und Art voneinander abweichen, immer aber sind es dieselben vier Stationen und keine anderen für die gewöhnlichen Menschenwesen.

Es ist wichtig, zu erkennen, daß das Dasein außerhalb des irdischen Leibes von viel größerer Dauer ist, als innerhalb desselben. Das Wirken des karmischen Gesetzes wird deshalb nur zum kleinsten Teil begriffen, so lange man die Tätigkeit der von den irdischen Verhältnissen befreiten Seele außer Augen läßt. Wir wollen hier an die Worte eines Meisters erinnern, welche das Leben außerhalb des Leibes als das allein wirkliche kennzeichnen. Die Vedantisten erkennen zwei Arten bewußten Daseins an, das irdische und das geistige, sprechen aber nur dem letzteren unzweifelhafte Wirklichkeit zu. Das irdische Leben in seiner Wandelbarkeit und Kürze ist nur ein Trugspiel unserer Sinne. Als unser wahres Leben muß das Leben in geistigen Sphären angesehen werden, weil dort unser endloses, unwandelbares, unsterbliches Ich, das Sutratma, lebt. Daher bezeichnen wir allein das nachirdische Leben als wirklich, aber das erdgebundene mitsamt der irdischen Persönlichkeit als scheinbar 1)

Während des Erdenlebens offenbart sich die Tätigkeit der Seele am klarsten in der Schöpfung der oben beschriebenen Gedankenformen. Um aber das Wirken möglichst genau zu

verfolgen, müssen wir auf den Ausdruck "Gedankenform" näher eingehen und einige Untersuchungen nachholen, welche in der zunächst gebotenen, allgemeinen Darstellung keinen

Platz finden konnten. Die als Intellekt (Manas; Mind) wirkende Seele schafft ein mentales Bild, die ursprüngliche, "Gedankenform", 2) wir wollen den Ausdruck "Mental-Bild" ausschließlich für diese unmittelbare Schöpfung des Intellekts annehmen und seine Anwendung auf diese Anfangsstufe dessen beschränken, was allgemein, unbestimmter ausgedrückt "Gedankenform" genannt wurde. Dieses Mentalbild bleibt seinem Schöpfer nahe und bildet einen Teil seines Bewußtseins-Inhalts; es ist eine lebendige, vibrierende Form aus feinem Stoff, das Wort, das nur gedacht wird, aber noch nicht ausgesprochen ist, das empfangen ist, aber noch nicht Fleisch geworden. Der Leser möge einige Augenblicke seine Gedanken scharf auf dieses Mentalbild konzentrieren und es sich klar vorstellen als ein vereinzeltes Gebilde, ohne Rücksicht auf seine Wirksamkeit auf anderen Daseinsebenen als auf seiner eigenen. Es bildete wie gesagt, einen Teil des Bewußtseins-inhalts seines Schöpfers, einen Teil seines unverlierbaren Eigentums; es kann

von ihm nicht getrennt werden und begleitet ihn während seines irdischen Lebens; der Mensch trägt es durch die Todespforte mit sich hinein in die jenseitigen Regionen, und wenn er durch diese Regionen aufwärts wandelnd in ein Gebiet gelangt, wo dem Mentalbild sozusagen die Luft zu dünn wird, dann läßt er den in dasselbe hineingebauten zu dichten Stoff zurück und nimmt nur die mentale Essenz, die Potentialität, mit; auf seiner Rückkehr zur dichteren Region formt sich, gemäß der beibehaltenen Potentialität, aus der dichteren Materie das entsprechende Mentalbild aufs Neue. Dieses Mentalbild kann während langer Zeit, sozusagen, schlafen, aber es wacht seinerzeit wieder auf und wird wieder lebendig; jeder neue Einfluß seines Schöpfers (des ursprünglichen Gedankens) oder dessen Nachkommenschaft (wovon wir weiter unten reden werden) oder ihm gleichartiger Wesen vermehrt seine Lebenskraft und beeinflußt seine Gestalt.

Es entwickelt sich, wie wir sehen werden, nach bestimmten Gesetzen, und die Gesamtheit dieser Mentalbilder schafft den Charakter des Menschen. Das Äußere spiegelt das Innere wieder, und wie die zum "Gewebe" des Leibes sich vereinigenden Zellen sich bei diesem Vorgange oft verändern, so vereinigen sich diese Mentalbilder zum intellektuellen Charakter und erleiden dabei mannigfache Abänderungen. Je tiefer wir in das Wirken des Karma eindringen, desto mehr werden uns diese Veränderungen klar werden. Viele Dinge mögen bei der Schaffung dieser Mentalbilder durch die schöpferische Kraft der Seele einen Einfluß ausüben: die Begierde (Kama) mag dabei als Triebkraft wirken, und mag das Bild gestalten, je nach Leidenschaft oder Gier; ein edles Vor-

bild oder rein auf das Intellektuelle gerichtete Gedanken mögen ihrerseits die Gestaltung beeinflussen. Ob aber hohen oder niederen Charakters, durch Gedanken oder durch Leiden-

schaften bewegt, dienstwillig oder bösartig, göttlich oder tierisch, immer ist es ein mentales Bild, das Erzeugnis der schöpferischen Seele, und von seinem Dasein hängt das Karma des einzelnen Menschen ab. Ohne diese Mentalbilder kann das einzelne Karma nicht eine Lebensperiode an die andere reihen. Die Bilder müssen mentaler Art sein, damit ein Element

vorhanden ist, an welchem das einzelne Karma haften kann. Weil der Manas in dem Reiche der Steine, der Pflanzen und der Tiere fehlt, kann auch dort individuelles Karma nicht vor-

handen sein, welches durch den Tod hindurch bis zur Wiederverkörperung wirkt.

Wir betrachten nunmehr die ursprüngliche Gedankenform in ihrer Beziehung zur sekundären Gedankenform, die reine und einfache Gedankenform in Beziehung zu der von dieser beseelten "Gedankenform" auf der astralen Ebene, das Mentalbild in Beziehung zum Astro-Mentalbild, oder zur "Gedankenform" im gewöhnlichen Sinne. Wie kommt es zustande und was ist es?

Um das oben gebrauchte Bild zu wiederholen: es kommt zustande, indem das gedachte Wort zum gesprochenen wird; die Seele atmet den Gedanken aus, und der Ton gestaltet in

dem astralen Stoff eine Form, wie die ausgeatmeten Gedanken des Welt-Intellekts zur offenbar gewordenen Welt werden, so werden diese ausgeatmeten Mentalbilder des menschlichen Intellekts zur offenbar gewordenen Welt ihres Schöpfers. Der Mensch bevölkert seine Laufbahn im Raum mit seiner eigenen Welt. Die Schwingungen des Mentalbildes rufen ähnliche Schwingungen in dem dichteren Astralstoffe hervor, und diese verursachen die sekundäre Gedankenform, - welche ich das Astro-Mentalbild genannt habe. Das Mentalbild selbst bleibt, wie schon gesagt, in dem Bewußtsein seines Schöpfers, aber seine Schwingungen treten aus diesem Bewußtsein heraus und gestalten die Form in dem dichteren Stoff der astralen Ebene. Durch diese Formbildung wird ein gewisser Teil elementarer Kraft von dem Ganzen abgesondert und gleichsam verkörpert, solange die Form besteht, während das manasische Element diese beseelt und sie gewissermaßen individualisiert. (Wie wunderbar und lichtspendend sind doch die Analogien in der Natur.) Diese Form ist das tätige Wesen, von welchem der Meister in seiner Beschreibung spricht; sie ist das Astro-Mentalbild, welches die astrale Ebene überragt und doch mit seinem Erzeuger, durch das erwähnte magnetische Band verbunden bleibt, und wirkt sowohl auf seinen Vater, das Mentalbild, zurück, als auch auf andere. Die Länge oder Kürze der Lebensdauer eines Astro-Mentalbildes hängt von verschiedenen Umständen ab, sein Untergang berührt nicht die Fortdauer seines "Vaters". Jeder dem letzteren zuteil werdende frische Impuls wird es veranlassen, sein astrales Gegenstück neu zu erzeugen, wie auch jede Wiederholung eines Wortes eine neue Formbildung hervorruft.

Die Schwingungen des Mentalbildes gehen nicht nur hinunter in die niedrigere astrale Ebene, sondern auch aufwärts in die höhere, die spirituale. Und wie diese Schwingungen ein dichteres Formgebilde in der niedrigeren Ebene verursachen, so erzeugen sie eine weit feinere Form in der höheren, wenn wir hier überhaupt von Form reden dürfen, denn für uns gibt es keine "Form" im Akasha, in dem aus dem Logos selbst fließenden Weltstoff. Akasha ist bekanntlich das Vorratshaus aller Formen, die Schatzkammer, in welche aus dem unermesslichen Reichtume des Weltintellekts die reichen Schätze von Gedanken strömen, welche in einem gegebenen Weltganzen verkörpert werden sollen. Dorthinein gelangen auch die Schwingungen des Weltganzen, der Gedanken aller Denkenden, der Begierden aller kamischen Wesen, der Handlungen, welche von den Gebilden jeder Ebene vollzogen werden 1). Sie alle haben ihre Wirkungen, die uns zwar gestaltlos, aber den feiner organisierten Intelligenzen gestaltet erscheinen; sie sind die Abbilder aller Ereignisse, und diese Akashabilder, wie wir sie fortan nennen wollen, bleiben immerdar, sie sind die treue Urkunde des Karma, das Buch der "Lipika", 2) welches von jedermann gelesen werden kann, der das aufgetane Auge des Dangma besitzt. Durch Schulung der Aufmerksamkeit vermag der Mensch den Wie

derschein dieser Akashabilder zu erkennen, der gleichsam wie das Bild einer Laterna magica auf den Schirm der Astralmaterie geworfen wird, so daß eine längst vergangene Szene in lebendiger Wirklichkeit und in allen Einzelheiten genau wieder durchlebt werden kann. Denn in der Akashachronik ein für alle mal eingetragen, bleibt sie dort aufbewahrt, und jede Seite dieser Chronik kann wie ein flüchtiges lebendes Bild nach Belieben auf der astralen Ebene dramatisiert und von jedem geübten Seher erschaut werden.

Nach dieser unvollkommenen Schilderung vermag sich der aufmerksame Leser eine schwache Vorstellung vom Karma in seiner ursächlichen Wirkung zu machen. Eine Seele schafft

ein von ihr untrennbares Mentalbild, das sich im Akasha widerspiegelt. Dies Mentalbild ruft das Astro-Mentalbild ins Dasein, ein beseeltes, auf der Astralebene tätiges Geschöpf, das seiner seits unzählige "Wirkungen hervorruft, welche alle in Verbindung mit ihm genau widergespiegelt werden. Es kann daher die Spur von diesen auf das Astro-Mentalbild, von diesem wieder auf das Mentalbild und endlich auf dessen Mutter, die Seele, zurückgeführt werden. Wie eine Spinne ihr Gewebe webt, so spinnt das Astro-Mentalbild seine Fäden, und jeder dieser sich miteinander verschlingenden Fäden ist an seiner besonderen Färbung erkennbar und bleibt erkennbar, daher die Möglichkeit, die Spur bis zur Seele zu verfolgen, welche das Mentalbild entstehen ließ. So können wir, mit unserem schwerfälligen, erdgebundenen Denken und unserer armseligen, der Sache nicht gewachsenen Sprache die Spuren des Weges verfolgen, auf welchem die Verantwortlichkeit des einzelnen Menschen mit einem Blicke von den großen Leitern des Karma, den Verwaltern des karmischen Gesetzes, erfaßt wird. Sie erschauen die volle Verantwortlichkeit der menschlichen Seele für das von ihr geschaffene Mentalbild und die entsprechende Verantwortlichkeit für die von diesem Gebilde verursachten, weitreichenden Wirkungen, die größer oder geringer sind, je nachdem andere karmische Fäden als Ursachen mitwirken. Auf diese Weise lernen wir begreifen, warum der Beweggrund eine so vorherrschende Rolle im Wirken des Karma spielt undwarum die Handlungen in ihrer fortwirkenden Kraft verhältnismäßig untergeordnet sind, warum das Karma auf jeder Ebene gemäß der dieser Ebene zukommenden Ursachen wirkt und doch die Ebenen durch seinen fortlaufenden Faden miteinander verbindet.

Wenn die erleuchtenden Gedanken der Weisheitsreligion Ihre Lichtströme über die Welt ergießen, die Dunkelheit zerstreuen und die allwaltende Gerechtigkeit enthüllen, welche allen scheinbaren Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten und Unfällen des Lebens zum Trotz ihre Wirkung übt, ist es da zu verwundern, daß unser Herz in unsagbarer Dankbarkeit aufjauchzt gegen die "Großen" -- gesegnet seien sie! --, welche die Fackel der Wahrheit in dunkler Finsternis emporgehalten und uns von dem Druck befreit haben, unter dem wir zusammenzubrechen drohten, -- von dem uns übermannenden Schmerze beim Anblick all des Unrechts, das unheilbar scheint, von unserem hoffnungslosen Versagen an aller Gerechtigkeit, -- von unserem Verzweifeln an aller Liebe!

"Ihr tragt kein Band! Der Dinge Seele ist süß,

Des Wesens Herz ist himmlische Ruh;

Und mehr als Weh ist Wille, das Gute strebt

Dem Bessern, Besten zu --

Dies das Gesetz, das uns zum Rechten führt,

Das kein Mensch hemmen kann, kein Mensch verhüten;

Gehorcht! Sein Herz ist Lieb', sein Ende ist

Die süßeste Vollendung und der Frieden." l)

Vielleicht trägt es zur Klarheit bei, wenn wir das dreifache Ergebnis der Seelentätigkeit, durch welche das Karma verursacht wird, mehr dem Prinzip nach, als im einzelnen, über-

sichtlich darstellen. Das Folgende bezieht sich auf eine Lebensperiode: (siehe Tabelle "Der Mensch schafft").

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1) Edwin Arnold "The Light of Asien", deutsche Übers. Von Dr. A. Pfungst, Leipzig.
 
 
 

Die Ergebnisse sind: Neigungen, Fähigkeiten, Tätigkeiten, Gelegenheiten, Umgebungen usw., besonders in zukünftigen Lebensperioden, die sich nach bestimmten Gesetzen aus-

gestalten.
 

Tabelle "Der Mensch schafft"
 

Ebene Stoff Ergebnis

 
 
 
 
 
 

Der Mensch 

schafft auf

der spirituellen 

Ebene 
 

------------------ 
 

der niederen 

(Rûpa) 

Manasebene 
 
 
 

der Astralebene

in Akasha 
 
 
 

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Kama- 

niedere Mental- ebene 

------------------- 

Manas 

Astralmaterie

Akashabilder, welche die Akashachronik zusammensetzen 
 

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Mentalbilder, welche im Bewusstsein des sie Schaffenden bleiben 
 
 
 

Astro-Mentalbilder oder Gedankenformen, tätige Wesen auf der psychischen oder Astralebene

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wirkt_allg.txt
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