Die Unwandelbarkeit des Gesetzes

Dass wir in einem Reiche des Gesetzes leben und von Gesetzen umgeben sind, die wir nicht ändern können, ist eine allgemein anerkannte Wahrheit. Wenn wir uns aber in sie hineinleben, sie wirklich als Tatsachen einsehen und ihre Gültigkeit nicht nur in dem physischen, sondern auch in dem mentalen, 1) und sittlichen Gebiete erkannt haben, dann überkommt uns ein gewisses Gefühl der Hilflosigkeit, wie wenn wir von einer mächtigen Gewalt erfasst wären, die uns dahin wirbelt, wohin sie will.

In Wahrheit ist gerade das Gegenteil der Fall, denn die recht begriffene, mächtige Gewalt wird uns gehorsam dahin tragen, wohin wir wollen; alle Naturkräfte sind dem Menschen

Untertan, sobald er sie begriffen hat. "Durch Gehorsam wird die Natur erobert..." und ihre unwiderstehlichen Kräfte stehen uns zu Gebote, sobald wir unserer Erkenntnis gemäss uns mit ihnen verbünden und nicht sie befeinden. Dann vermögen wir aus ihrem unermesslichen Vorrate die Kräfte auszuwählen, die unserm Zweck, dem Kraftaufwand, der Richtung usw. nach am besten dienen und gerade ihre Unveränderlichkeit wird zur Bürgschaft unseres Erfolges.

Auf der Unwandelbarkeit des Gesetzes beruht die Beweiskraft des wissenschaftlichen Experimentes, und die Möglichkeit, ein Resultat zu berechnen und etwas zukünftig Eintreffendes vorauszusagen. Auf sie verlässt sich der Chemiker, sicher, dass die Natur ihm auf die gleichen Fragen stets ganz die gleiche Antwort geben wird. Erhält er ein verändertes Ergebnis, so nimmt er ohne weiteres an, dass bei seinem Verfahren, aber nicht in der Natur, eine Veränderung eingetreten ist. Und so mit allen menschlichen Handlungen; je mehr sie auf Wissen beruhen, desto sicherer können sie vorher berechnet werden. Der "Zufall" ist nur das Ergebnis der Unwissenheit, und wo immer er auftritt, beruht er auf dem Wirken unbekannter oder nicht in Berechnung gezogener Gesetze. So gut wie in der Physischen, können auch in der Mentalen und Moralischen Welt die Ergebnisse vorhergesehen, geplant und berechnet werden. Die Natur betrügt uns nie; nur durch unsere Blindheit werden wir betrogen. Auf allen Gebieten bedeutet wachsende Kenntnis auch wachsende Macht; Allwissenheit und Allmacht sind eins.

Dass das Gesetz in der mentalen und moralischen Welt unveränderlich ist, wie in der Physischen, ist von vorn herein einleuchtend, da ja das Weltall der Ausfluss des Einen ist; was wir Gesetz nennen, ist nur der Ausdruck für die Göttlichkeit der Natur. Wie es nur e i n Leben gibt, aus dem Alles strömt, so gibt es auch nur das eine Gesetz, das Alles erhält; auf diesem Felsen der göttlichen Natur, als auf einem festen, unwandelbaren Grunde, beruhen alle Welten.
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1) Das Wort "mental", welches sich häufig bei Goethe findet, ist zu dem lateinischen Wort mens gehörig (engl. mind). Dieses entspricht dem Sanskritwort Manas, und das deutsche Wort Mensch ist ebenfalls von demselben Stamme gebildet. Es bezeichnet das "Denken" und wird gewöhnlich durch "Geist" wiedergegeben. Da aber dieses Wort zu so sehr vielen Zwecken missbraucht wird, so wird besser von dessen Verwendung als technischer Ausdruck hier Abstand genommen, um Missverständnisse zu vermeiden. Der Übersetzer.
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