Karma bindet uns auf das Rad von Geburt und Tod, treibt uns immer wieder zurück zu neuer Verkörperung. Das gute wie das schlechte Karma zieht uns widerstandslos zurück, und die Kette, die aus unsern Tugenden geschmiedet ist, hält ebenso fest, wie die aus unsern Lastern. Wie denn kann diese Fessel endlich durchbrochen werden, da man denken und fühlen muss, so lange man lebt, und Gedanken und Gefühle immer wieder Karma schaffen? Die Antwort hierauf ist die grosse Lehre der Bhagavad-Gita, die dem Kriegerfürsten gegeben wurde. Sie ist weder einem Eremiten noch einem Schüler, sondern einem Krieger, der um den Sieg ringt, gegeben worden, einem Fürsten, der Pflichten für den Staat auf sich genommen hatte.
Nicht im Handeln selbst, sondern im Wunsche, im Begehren nach seinen Früchten liegt die bindende Kraft des Handelns. Eine Handlung wird vollführt mit dem Wunsche, dessen Frucht zu geniessen, ein Unternehmen begonnen mit dem eigenen Interesse, dessen Erfolge zu gewinnen. Die Seele fordert, und die Natur muss ihr gewähren. Jede Ursache ist eng mit der Wirkung verbunden, jede Handlung mit den Früchten, und der Wunsch ist das Band, das sie zusammenflicht, der Faden, der von einem zum andern läuft. Wenn dieser zerschnitten werden könnte, würde die Verbindung aufhören, und wenn alle Bande des Herzens gelöst werden könnten, wäre die Seele frei. Karma kann sie dann nicht mehr halten und binden, das Rad von Ursache und Wirkung mag sich weiter drehen, doch die Seele ist "Befreites Leben" geworden.
"Drum tue, was dir obliegt,
Ohne eigenes Verlangen;
Denn wer so wirket,
Der erreicht das Höchste."1)
Um diesen Karma-Yoga -- den Yoga des Handelns, wie er genannt wird -- zu üben, muss der Mensch zunächst jede Handlung nur aus Pflichtgefühl tun, alles in Übereinstimmung mit dem Gesetz. Unter Anpassung an das Gesetz auf jeder Ebene des Daseins, auf welcher er arbeitet, bemüht er sich eine Kraft zu werden, die mit dem göttlichen Willen an der Entwicklung arbeitet und strebt nach Gehorsam in jeder Phase seiner Tätigkeit. Alle seine Handlungen werden zu einem Opfer, und er bringt sie dar, um das Rad des Gesetzes in seinem Kreislaufe zu fördern und nicht um etwaiger Früchte willen, die sie ihm bringen könnten; die Handlung geschieht aus Pflicht, ihre Frucht gibt er freudig zum Besten der Menschheit hin; er hat keinen Teil daran, sie gehört dem Gesetz, und dem Gesetz überlässt er die Verteilung.
So lesen wir: 2)
"Wess sämtliches Beginnen frei ist von dem Rat der Leidenschaft,
Wess Arbeit im Erkenntnisfeuer aufging, heisst bei Weisen kundig.
wer nach des Werkes Frucht nicht strebt, befriedigt stets und selbstvertrauend
Der mag wohl Werke tun, er ist gleichwohl von Werken frei.
Wer kein Verlangen hegt, das Denken zügelt, keinen Nutzen sucht,
Nur mit dem Körper Werke tut, den bindet auch nicht eigene Schuld.
Wem, was ihm zufällt, stets genügt, wen weder Schmerz noch Lust bewegt,
Wer gleich bleibt bei Erfolg und Nichterfolg, den bindet keine Tat.
Wer vom Verlangen ganz entwöhnt, gefestigt in Erkenntnis steht
Und seine Werke opfert, dessen Wirken schwindet ganz
dahin."
Sein Körper und sein Manas (sein Intellekt)
wirken
in voller Kraft; mit dem Körper führt er jede
körperliche
Handlung aus, mit dem Intellekt jede Gedankenarbeit; doch das Selbst
bleibt
ruhig, unbeirrt; sein unsterbliches Ich hilft nicht die Ketten der Zeit
zu schmieden. Nie ist er müde zu handeln, sondern zuverlässig
und tätig bis zur Ausnutzung aller seiner Kräfte, eifrig und
gewissenhaft, ohne auf den Lohn für sein Tun zu hoffen.
"Wie voll Begierde die Unweisen handeln also handle du!
Begierdelos erstrebe nur die Förderung des Geschlechts der Menschheit!
Verwirre nicht den Sinn der Unverständigen Begehrenden!
Wirke im Einklang mit der Weisheit mache andrer
Wirken
reizvoll!" 1)
Der Mensch, der diese Stufe des "nicht wirkenden Tätigseins" erreicht, kennt das Geheimnis des Erlöschens des Karma; durch Erkenntnis vernichtet er die Folgen seiner Handlungen in der Vergangenheit, durch Hingebung in der Gegenwart. Dann hat er den Zustand erreicht, von dem Johannes in der Offenbarung sagt, dass ein solcher Mensch "nicht mehr aus dem Tempel heraus geht". Denn die Seele geht viele, viele Male aus dem "Tempel in die Gefilde des Lebens hinaus, doch die Zeit nahet, da sie ein Pfeiler wird, "ein Pfeiler in dem Tempel meines Gottes" 2).
Dieser Tempel ist die Welt der befreiten Seelen, und nur, die durch keine Sorgen für sich selbst gebunden sind, können für jeden ändern sorgen im Namen des Einen Lebens.
Diese Fessel der persönlichen Wünsche, nicht Wünsche der Individualität, muss gebrochen werden. Wir können sehen, wie dieser Bruch seinen Anfang nimmt; und hierbei entsteht leicht ein Irrtum, in den der Schüler wohl verfällt, ein Missverständnis, dass so natürlich und leicht ist, dass es leicht entsteht. Wir brechen nicht "die Bande des Herzens" indem wir das Herz zu töten versuchen. Wir brechen nicht die Fesseln der Wünsche, indem wir uns hart und gefühllos machen "wie Stein oder Erz". Im Gegenteil, der Schüler wird sensitiver, nicht gefühlloser, wenn er sich seiner Befreiung nähert; er wird weichherziger, nicht härter, denn der vollkommene "Schüler, der dem Meister gleicht" hört auf jeden Schrei, der durch das All zittert, empfindet alles, hört alles, fühlt mit jedem Wesen, und gerade, weil er nichts für sich wünscht, ist er imstande, alles für alle zu geben. Solch ein Mensch kann nicht durch Karma gebunden werden und schmiedet , keine Fessel, die die Seele binden könnte. Wie der Schüler immer mehr und mehr ein Kanal des göttlichen Lebens für die Welt wird, so verlangt er auch nichts mehr, als ein solcher Kanal mit immer weiterem Strombette zu sein, durch welches das grosse Leben dahinfliessen kann; sein einziger Wunsch ist, ein immer grösseres Gefäss zu werden, mit immer geringerer Hemmnis in ihm selbst, die das ausströmende Leben hindern könnte; sein Arbeiten ist allein Dienen; -- so ist das Leben des Schülers, der die bindenden Fesseln gesprengt hat.
Doch es gibt ein Band, das nie zerreisst, das Band jener wahren Einheit, das keine Fessel ist; denn das Band, dass das Eine mit dem All, den Schüler mit dem Meister, den Meister mit dem Schüler vereint, das göttliche Leben, das uns immer weiter aufwärts zieht, aber uns nicht auf das Rad von Geburt und Tod bindet, kann nicht als trennend betrachtet werden. Wir werden zur Erde zurückgezogen -- zuerst durch das Verlangen nach dem, was uns hier Lust bereitet, dann durch höheres und höheres Verlangen, für welches noch immer die Erde die Region der Erfüllung ist -- nach spirituellem Wissen, spirituellem Wachsen, spiritueller Hingebung. Was denn zieht die Meister immer noch zur Erde, zu den Menschen, nachdem sie alle Fesseln, die sie binden könnten, abgestreift? Nichts, was die Welt ihnen bieten könnte. Es gibt kein Wissen auf Erden, das sie nicht hätten, keine Macht auf Erden, die sie nicht ausübten, keine Erfahrung mehr, die ihr Leben bereichern könnte, nichts, das die Welt ihnen geben, das sie zurück zur Geburt ziehen könnte. Und doch kommen sie, nicht durch Wünsche irgend welcher Art veranlasst, sondern weil ein göttlicher Antrieb, der in ihnen und nicht von aussen wirkt, sie zur Erde zurück führt, die sie sonst für immer verlassen würden -- um ihren Brüdern zu helfen, um Jahrhundert auf Jahrhundert, Jahrtausend auf Jahrtausend für sie zu arbeiten und um ihnen zu dienen; und diese dienende Liebe gewährt ihnen unaussprechliches Glück und Frieden! Kann doch die Erde ihnen nichts mehr geben, als die Freude, zu sehen, wie andere Seelen sich entwickeln, ihnen selbst ähnlicher werden und so anfangen, teilzunehmen an dem bewussten Leben Gottes.