Das Kollektiv-Karma

Aus dem sich Zusammenschließen der Seelen in Gruppen entstehen Familien, Stände, Völker, Rassen, und dadurch treten neue Elemente der Verwicklung in die karmischen Wirkungen ein; und hier ist Raum für die sogenannten "unglücklichen Zufälle", wie für die Ausgleichungen, die unablässig von den Leitern des Karma vorgenommen werden. Es scheint, da doch nichts einem Menschen zustoßen kann, das nicht in seinem individuellen Karma liegt, daß ihm Gelegenheit gegeben wird, bei einer nationalen oder Erdbebenkatastrophe einen Teil seines Karma abzutragen, das sonst nicht gerade in diese Lebenszeit fallen würde. Es scheint, -- ich kann nur meine Vermutung aussprechen, weil ich über diesen Punkt nicht genaue Kenntnis besitze, -- als ob plötzlicher Tod nicht einen Menschen seines Körpers berauben könnte, wenn er dem Gesetz nicht solchen Tod schuldete, gleichgültig, was für eine Katastrophe ihn hinwegrafft; er würde sonst, wie man zu sagen pflegt, "wunderbar verschont" bleiben inmitten von, Tod und Ruin, die seine Nachbarn betreffen, und aus Sturm und Not ganz unverletzt hervorgehen. Doch schuldete er einen solchen Tod, und wäre er dann durch sein nationales oder Familienkarma in den Bereich solcher Zerstörung hineingezogen, dann würde, obgleich plötzlicher Tod für dieses spezielle Leben nicht in seinen ätherischen Körper hinein verwebt war, nichts zu seiner wunderbaren Errettung geschehen können; besondere Sorgfalt würde ihm aber nachher gewidmet werden, damit er durch sein plötzliches Scheiden aus dem Leben nicht ungebührend leidet. Es wäre ihm so bei dem Eintreten eines solchen Ereignisses durch die weit reichendeWirkung des Gesetzes möglich gemacht worden, in solchem" . Kollektiv-Karma seine Schuld zu bezahlen.

Ähnlich mögen ihm Wohltaten durch diese indirekte Wirkung des Gesetzes zu Teil werden, wenn er einer Nation angehört, die die Frucht eines guten nationalen Karma geniesst; und ihm kann so eine Schuld von der Natur zurückbezahlt werden, ein Lohn, der ihm sonst, wenn es sich nur im sein individuelles Karma handelte, in diesem gegenwärtigen eben nicht zugefallen wäre !

Eines Menschen Geburt in einer besonderen Nation ist durch gewisse allgemeine Prinzipien der Evolution sowohl, wie durch seine augenblicklichen Eigentümlichkeiten bedingt. Die Seele hat während ihrer langsamen Entwicklung nicht nur die sieben Wurzelrassen (ich habe es hier mit der normalen Evolution der Menschheit zu tun), sondern auch die Unterrassen durchzumachen. Diese Notwendigkeit hat gewisse Bedingungen zur Folge, welchen das individuelle Karma sich anzupassen hat; es wird die Nation gewählt, durch welche die Seele zu gehen hat, eine Unterrasse, die die Umgebung aufweist, in welcher die meisten notwendigen Bedingungen vorhanden sind. Wo lange Reihen von Wiederverkörperungen verfolgt werden konnten, hat man gefunden, daß einige Individualitäten von Unterrasse zu Unterrasse sehr regelmäßig fortschritten, wohingegen andere mehr umherirrten und sich wiederholt in einer Unterrasse verkörperten. Innerhalb der Grenzen der Unterrasse ziehen die charakteristischen Eigenschaften eines Menschen ihn zu der einen oder ändern Nation; auch können wir vorherrschende nationale Eigenschaften nach ;einem normalen Zeitraum von 1500 Jahren auf der historischen Bühne en bloc auftauchen sehen. So inkarnierten sich eine Menge Römer als Engländer, und die unternehmenden, kolonisierenden, erobernden Weltherrschaftstriebe erscheinen wieder als nationale Eigenschaften. Ein Mensch, in dem solche nationale Eigenschaften sehr stark hervortraten, und dessen Zeit zur Wiederverkörperung gekommen war, mußte durch sein Karma in die englische Nation getrieben werden, und das nationale Schicksal, gutes wie schlechtes, teilen, so weit es das Geschick der einzelnen Individualität berührte. Das Familienband ist natürlich von mehr persönlichem Charakter, als das der Nation; und die, welche Bande großer Zuneigung in einem Leben knüpften, haben die Tendenz, wieder Mitglieder derselben Familie in einem anderen Leben zu werden. Oftmals werden diese Bande sehr beständig Leben auf Leben wieder geschmiedet; und die Geschicke zweier Individualitäten sind dann sehr innig in aufeinanderfolgenden Leben verwoben. Manchmal werden Mitglieder einer Familie -- infolge verschiedener Zeitdauer ihres Devachanlebens, die durch die Verschiedenheit der geistigen oder intellektuellen Betätigung während des Zusammenlebens auf Erden hervorgerufen wurde -- auseinander gerissen, um erst nach verschiedenen Verkörperungen wieder zusammen geführt zu werden.

Im allgemeinen gilt, je enger das Band in den höheren Regionen des Lebens, desto größer die Wahrscheinlichkeit, in einer Familie wieder geboren zu werden. Hier ist wieder das Karma der Individualität durch das verschlungene Karma seiner Familie beeinflußt; und er mag durch sie in einer Weise, die nicht seinem eigenen diesmaligen Lebenskarma zugehört, glücklich sein oder leiden, er erhält oder zahlt so karmische Schuld, nur nicht am Fälligkeitstermin, könnte man sagen. Soweit die Persönlichkeit in Betracht kommt, scheint ein Ausgleich in Karma-Loka und Devachan stattzufinden, damit selbst der vorübergehenden Persönlichkeit vollkommene Gerechtigkeit zuteil werde.

Die Wirksamkeit des Kollektiv-Karma im einzelnen auszuführen, würde uns weit über die Grenzen solch eines Elementarbuches, wie dieses, hinausführen und weit über die Kenntnis des Verfassers gehen. Nur diese kurzen Hinweise können für jetzt dem Schüler gegeben werden; denn für ein .eingehendes Verständnis wäre ein langes Studium individueller Fälle nötig, und diese müßten durch viele tausende von Jahren verfolgt werden. Spekulationen darüber zu machen ist nutzlos, es sind geduldige Beobachtungen dazu nötig.

Doch auch noch über eine andere Seite des Kollektiv-Karma kann etwas gesagt werden: über die Beziehungen der menschlichen Gedanken und Handlungen zu der Darstellung der äußeren Natur. Über dieses dunkle Gebiet sagt Madame Blavatsky: "Aristoteles erklärt, hierin Plato's Ansicht teilend, daß unter dem Ausdruck Stoicheia (Elemente) nur die unkörperlichen Prinzipien zu verstehen seien, die über jede der vier großen Abteilungen unserer kosmischen Welt gesetzt sind, sie zu beaufsichtigen. Die Heiden beten ebensowenig, wie die Christen, die Elemente und die (imaginären) Weltgegenden an, sondern die verschiedenen Götter, die über sie herrschen. Für die Kirche gibt es zwei Arten himmlischer Wesen, Engel und Teufel. Für die Kabbalisten und Okkultisten existiert nur eine Klasse; und weder Okkultisten noch Kabbalisten machen einen Unterschied zwischen den Herren des Lichts (Rectors of light) und den Herren der Finsternis (Rectores Tenebrarum oder Cosmocratores), die die römische Kirche in den Herren des Lichts (Rectors of light) wittert, sobald einer derselben mit einem anderen Namen bezeichnet wird als dem, mit welchem sie ihn anredet. Nicht der Rector oder Maharadjah straft oder belohnt mit oder ohne "Gottes" Zustimmung öder Gebot, sondern der Mensch selbst -- seine Taten, oder sein Karma, dies individuelle und kollektive (wie manchmal dasjenige ganzer Nationen) führen alle Arten Übel und Kalamitäten herbei. Wir schaffen Ursachen, und diese erwecken die entsprechenden Kräfte in der astralen Welt, die magnetisch sind und widerstandslos zu denen hingezogen werden -- und auf diejenigen wirken --, die solche Ursachen hervorrufen, mögen sie nun handelnde Übeltäter sein oder nur in Gedanken Unheil brüten. Denn Gedanke ist Materie, lehrt uns die moderne Wissenschaft; "in jedem Teilchen der Materie findet sich alles aufgezeichnet, was sich zugetragen hat," sagen die Herren J e v o n s und Babbage in ihren "Principles of Science" ("Prinzipien der Wissenschaft"). Die moderne Wissenschaft wird mehr und mehr, freilich unbewußt, doch sehr merkbar, in den Wirbelstrom des Okkultismus hineingezogen. -- "Gedanke ist Materie" natürlich nicht in dem Sinne des deutschen Materialisten Moleschott, der uns versichert, daß der Gedanke eine Bewegung der "Materie" "ist, eine Behauptung von bisher nicht dagewesener Absurdität. Mentale Zustände und körperliche sind als solche äußerst verschieden. Doch das ändert nichts an der Tatsache, daß jeder Gedanke, zugleich mit seiner physischen Begleiterscheinung (der Gehirnbewegung) einen objektiven Vorgang -- wenn auch einen für uns übersinnlich objektiven -- auf der Astralebene hervorruft." 1)

Es scheint, daß, wenn Menschen eine Menge böser Gedankenformen zerstörender Art schaffen, und wenn diese sich in großen Massen in der Astralebene zusammenfinden, deren Energie heftig auf die physische Ebene wirkt, Kriege, Revolutionen, soziale Unruhen und Störungen jeder Art anschürt und dann als Kollektiv-Karma auf ihre Urheber zurückfällt und weithin Elend verbreitet. So ist auch kollektiv der Mensch der Herr seines Geschickes, und seine Welt wird durch seine schöpferischen Taten gestaltet.

Epidemisch auftretende Verbrechen und Krankheiten, lange Reihen von Unfällen haben eine ähnliche Erklärung. Gedankenformen des Zornes stiften zur Verübung von Morden an; diese Elementarformen werden durch solche Verbrechen genährt, und die Folgen solcher Verbrechen -- die haßerfüllten und rachedurstigen Gedanken derer, die das Opfer liebten, der wilde Groll des Verbrechers, seine machtlose Wut, wenn er dann plötzlich ums Leben gebracht wird --, diese mehren noch weiter das Heer solcher Gedanken um manche böswillige Formen; diese wieder treiben von der Astralebene aus einen übelwollenden Menschen zu neuem Verbrechen. Dadurch wird wieder ein Kreislauf neuer Antriebe erschlossen, und wir sehen eine Epidemie von Gewalttaten entstehen. Krankheiten verbreiten sich und die Gedanken der Furcht, die deren Fortschreiten begleiten, wirken direkt fördernd auf die Stärke der Krankheit ein; magnetische Störungen werden hervorgerufen und fortgepflanzt und wirken auf die magnetische Sphäre der Bevölkerung ein, die innerhalb des betroffenen Umkreises lebt. Nach jeder Richtung und auf unzählige Arten richten die üblen Gedanken der Menschen Schaden und Elend an, und er, der ein göttlicher Mitarbeiter im Weltall sein sollte, gebraucht hier seine schöpferischen Kräfte zum Zerstören.

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1) Geheimlehre I, 148, 149.
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