Ein Mensch, der sich nun mit Überlegung daran macht, seineZukunft selbst zu gestalten, wird bei zunehmender Erkenntnis gewahr werden, daß er mehr tun kann, als nur seinen eigenen Charakter bilden, und so seine Zukunft bestimmen. Es wird ihm klar, daß er im wahren Sinne im Mittelpunkt - einer Welt steht, daß er ein lebendes, tätiges, selbstbestimmendes Wesen ist, das auf Umstände wie auf sich selbst einwirken kann. Er hat sich lange gewöhnt, den großen ethischen Gesetzen nachzuleben, die die göttlichen Lehrer, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert geboren werden, zur Lebensführung der Menschheit niedergelegt haben, und er erfaßt nun die Tatsache, daß diese Gesetze in Grundprinzipien der Natur wurzeln, und daß Moralität eine Wissenschaft der Lebensführung ist. Er erkennt, daß er in seinem täglichen Leben die üblen Resultate, die irgend einer schlechten Handlung entspringen, ausgleichen kann, indem er auf denselben Punkt eine gleich starke entsprechende Kraft zum Guten ausübt. Ein Mensch hegt gegen ihn einen böswilligen Gedanken; er erwidert diesen mit einem ändern seinerseits; diese zwei Gedankenformen strömen gleich Wassertropfen zusammen, eine durch die andere verstärkt und gekräftigt, doch der Eine, gegen welchen der üble Gedanke gerichtet war, ist ein Kenner des Karma und begegnet der übelwollenden Form mit der Kraft des Mitleids und zerstört sie. Die zerstörte Form kann nun nicht mehr von elementarem Leben beseelt werden; das Leben kehrt zu sich selbst zurück, die Form löst sich auf; die Kraft, des Bösen ist so durch Mitleid zerstört und "Haß durch Liebe besiegt". Trügerische Formen der Falschheit gehen in die astrale Welt, der Wissende stellt ihnen Formen der Wahrheit entgegen; Reinheit zerstört das Unreine, und Mildtätigkeit selbstische Gier. Bei zunehmendem Wissen wird diese Tätigkeit entschiedener und vorsätzlicher; der Gedanke wird mit bestimmter Absicht gefaßt und durch starken Willen getragen. So wird dem bösen Karma gleich zu Anfang Einhalt getan, und nichts bleibt übrig, was ein karmisches Band herstellen konnte, zwischen dem, der einen Teil von böser Absicht aus gesandt, und dem, der ihn durch Vergebung verbrannt hat.
Die göttlichen Lehrer, die als Autoritäten über die Pflicht sprachen, das Böse durch das Gute zu überwinden, stützten ihre Gebote auf die Kenntnis des Gesetzes; ihre Nachfolger, welche gehorchen, ohne völlig den weisen Grund des Gebotes zu erkennen, vermindern das schwere Karma, das geschaffen wurde, als Haß dem Hasse begegnete. Aber der Erkennende zerstört bewußtermaßen die üblen Formen, er kennt die Grundlage, auf welcher die Lehren der Meister gegründet sind, und er erstickt die Saat des Übels, beugt der Ernte zukünftigen Leides vor.
Auf einer Entwicklungsstufe, die vergleichsweise vorgeschritten genannt werden kann, gegenüber der nur langsam dahin treibenden Durchschnittsmenschheit, wird ein Mensch nicht nur seinen eigenen Charakter bilden und mit Umsicht auf die Gedankenformen, die ihm zufließen, einwirken, er wird auch die Vergangenheit zu überschauen beginnen, und auf solche Weise sicherer gegenwärtige Wirkungen auf ihre karmischen Ursachen zurückführen können. Er wird imstande sein, die Zukunft umzugestalten, indem er bewußt Kräfte in Bewegung setzt, um ändern, bereits tätigen, entgegen zu wirken. Die Erkenntnis setzt ihn in den Stand, Gesetze mit derselben Gewißheit anzuwenden, wie die Männer der Wissenschaft es auf jedem Gebiete der Natur tun.
Lassen Sie uns einen Augenblick anhalten, um die Gesetze der Bewegung zu betrachten. Ein Körper ist in Bewegung gesetzt worden und, bewegt sich nun längs einer bestimmten Linie weiter; wenn eine Kraft veranlaßt wird, auf ihn in abweichender Richtung von der zu wirken, aus welcher der erste Impuls kam, dann wird sich der Körper längs einer anderen Linie bewegen -- einer Linie, die sich aus den zwei Antriebsrichtungen ergibt. Es wird keine Kraft dabei verloren gehen, aber ein Teil der Kraft, welche den ersten Impuls gab, wird dazu verbraucht werden, teilweise der neuen entgegen zu arbeiten und die Linie, längs welcher sich der Körper nun bewegen wird, ist weder die der ersten, noch der zweiten Kraft, sondern liegt zwischen beiden. Ein Physiker kann genau berechnen, in welchem Winkel er einen sich bewegenden Körper treffen muß, damit er sich nach einer gewünschten Richtung bewege, und obgleich der Körper selbst außerhalb seines unmittelbaren Bereiches ist, kann er ihm doch eine Kraft von berechneter Stärke nachsenden, um ihn in einem bestimmten Winkel zu treffen, ihn so von seinem anfänglichen Laufe abzulenken und ihn in eine neue Richtung zu treiben. Darin liegt keine Verletzung des Gesetzes, kein Auflehnen gegen das Gesetz; nur eine Nutzbarmachung des Gesetzes durch Wissen, das Zwingen der Naturkräfte, die Absichten des menschlichen Willens auszuführen. Wenn wir dieses Gesetz auf das Gestalten des Karma anwenden, werden wir bald gewahr werden -- ganz abgesehen davon, daß das Gesetz unverletzlich ist --, daß das nicht ein "Auflehnen gegen Karma" bedeutet, wenn wir seine Aktion durch Wissen umändern. Wir verwenden karmische Kräfte, um karmische Resultate zu erzielen, und auch in diesem Fall besiegen wir die Natur durch Gehorsam.
Lassen Sie uns annehmen, daß ein weiter entwickelter Schüler, wenn er auf die Vergangenheit zurückblickt, die Linien des vergangenen Karma zu einem Punkte kommen sieht, der ihm eine Handlung unerwünschter Art zeigt; er kann nun diesen zusammenwirkenden Energien eine neue Kraft hinzufügen und das erwartete Ereignis so verändern, daß es nun die Resultate aller betreffenden Kräfte wird, die an seiner, Erzeugung und an seiner Ausgestaltung beteiligt waren. Solche Leistung erfordert Wissen -- nicht nur das Vermögen, die Vergangenheit zu sehen und ihre Spuren bis zur Gegenwart zu verfolgen, sondern auch genau den Einfluß zu berechnen, den jene hinzugefügte Kraft auf die zu verändernde Sachlage ausüben wird, und ferner die Wirkungen, die, aus diesem Ergebnis als Ursache betrachtet, hervorgehen werden. Auf diese Weise kann er die Folgen übler Handlungen, die er in seiner Vergangenheit vollführt hat, durch die guten Kräfte, die er in seinen karmischen Strom fließen läßt zerstören oder schwächen; er kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, sie nicht vernichten aber sofern die Wirkungen noch der Zukunft vorbehalten sind, kann er sie verändern oder aufheben durch neue Kräfte, die er als Ursachen zu ihrer Umgestaltung in Bewegung setzt. Bei alle dem macht er einfach Gebrauch von dem Gesetz und arbeitet dabei mit der Sicherheit des Mannes der Wissenschaft, der eine Kraft durch die andere ausgleicht; er ist zwar unfähig, eine Energieeinheit zu verrichten, aber er kann doch durch Berechnung der Winkel und Kraftwirkungen einen Körper sich nach seinem Willen bewegen lassen. Ähnlich kann Karma zurückgehalten oder beschleunigt werden, und durch den Einfluß der Umgebung, in welcher es wirkt, eine Änderung erfahren.
Lassen Sie uns dies Gebiet noch von einer ändern Seite betrachten, denn es zu begreifen, ist so wichtig, wie nützlich. Wenn die Erkenntnis wächst, wird es immer leichter von dem Karma der Vergangenheit frei zu werden.
Insoweit die Ursachen, welche sich zu Wirkungen gestalten, zur Kenntnis der sich ihrer Befreiung nähernden Seele gelangen, wenn sie auf vergangene Leben zurückschaut und die lange Reihe der Jahrhunderte überblickt, durch die hindurch sie sich langsam entwickelt hat, ist sie auch imstande zu sehen, wie ihre Fesseln geschmiedet wurden, und die Ursachen, welche sie hervorriefen, zu erkennen; sie ist imstande zu sehen, wie viele dieser Ursachen ausgewirkt haben und erschöpft sind, wie viele von ihnen noch in Wirksamkeit sind. Sie ist nicht nur in der Lage rückwärts zu schauen, sondern auch vorwärts und die Wirkungen zu sehen, die diese Ursachen hervorbringen werden; so daß sie vorausschauend die Wirkungen sieht und zurückblickend die sie hervorrufenden Ursachen erkennt. Es ist nicht schwerer sich vorzustellen, daß eine entwickelte Seele auf der höheren Ebene die karmischen Ursachen zu verfolgen und die karmischen Wirkungen, die sie in Zukunft schaffen werden, vorauszusehen imstande ist, als es möglich ist, in der physischen Natur Resultate vorauszusagen, wenn man die Gesetze kennt, nach denen sie hervorgebracht werden. Mit solcher Kenntnis der Ursachen und einer Voraussicht ihrer Wirkungen ist es möglich, neue Ursachen einzuführen, um die Wirkung zu neutralisieren; und bei Anwendung des Gesetzes, auf dessen Unwandelbarkeit man bauen kann, und bei sorgfältiger Berechnung der in Bewegung gesetzten Kräfte kann man die Wirkung, die wir in Zukunft wünschen, hervorbringen. Es ist eine einfache Sache der Berechnung. Nehmen wir an, wir hätten Schwingungen des Hasses in der Vergangenheit erregt, so könnten wir diesen Schwingungen der Liebe entgegen wirken lassen, und so deren Wirksamkeit in Gegenwart und Zukunft unschädlich machen. Gerade wie wir eine Tonwelle hervorbringen können und dann eine zweite und diese beiden gleich nacheinander anstimmen, so daß die Luftverdichtung des einen Tones mit der Verdünnung des ändern zusammen fällt, und so durch Interferenz die Töne sich gegenseitig aufheben; so ist es in der höheren Region möglich, Schwingungen der Liebe und des Hasses durch Wissen und durch Ausübung des Willens zu beherrschen, um karmische Ursachen aufzuheben, und so zum Gleichgewicht zu gelangen, ein anderer Ausdruck für Befreiung. Dieses Wissen steht außerhalb des Bereiches fast der großen, weiten Menge der Menschheit. Was die Mehrzahl tun kann, wenn sie wünscht, die Wissenschaft der Seele nutzbar zu machen, ist dies: Sie mag die Beweise der Erforscher dieser Dinge auf sich wirken lassen, sie mag die Moralvorschriften der großen Religionslehrer annehmen und im Gehorsam gegen diese Geböte leben, die ihr inneres Gefühl befriedigen, und obgleich sie nicht die Art ihres Wirkens versteht, kann sie durch die einfache Tat das erreichen, was durch bestimmtes und überdachtes Wissen ebenfalls erzielt wird. So mag Hingebung und Gehorsam gegen einen Lehrer ebenso zur Befreiung führen, wie Wissen auf einem ändern Weg zum Ziele leitet.
In dem der Schüler diese Grundsätze in jeder Richtung durchführt, wird er erkennen, ein wie großes Hindernis die Unwissenheit für den Menschen ist, und welch große Rolle das Wissen in der menschlichen Entwicklung spielt. Die Menschen taumeln planlos einher, weil sie nicht wissen; sin dhilflos, weil sie blind sind; der Mensch, der seinen Lauf schneller als die große Menge beenden will, der die trage Menge hinter sich läßt, "wie der edle Renner den Mietsgaul", braucht Weisheit sowohl als Liebe, Wissen wie Hingebung. Er braucht nicht die Glieder seiner Fesseln langsam abzunutzen, die vor so langer Zeit schon geschmiedet wurden, er, kann sie mutig durchfeilen und ihrer ebenso gründlich ledig werden, als wenn sie allmählich verrosteten und abfielen.