THEOSOPHIESCHE BAUSTEINE

zur

Förderung der theosophischen Kultur

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Die deutschen Märchen als Zeugen einer uralten Religion


Von Hermann Rudolph

Leipzig Blumengasse 12

Verlag der „Theosophischen Kultur"

1919



Es gibt nur Eine Religion: die selbstlose Liebe, welche unter Vergessen der eigenen Persönlichkeit nichts anderes will, als dass es allen Wesen wohlgehe. Die Liebe fühlt intuitiv die Einheit des Wesens in allen Geschöpfen der Natur. Diese Eine Religion ist so alt wie die Menschheit. Einst war sie allgemein verbreitet, als sich die Menschheit unseres Planeten noch auf der Kindheitsstufe befand und die im Herzen verborgene ewige Wahrheit als das Göttliche in sich selbst und in der ganzen Natur fühlte. Damals gab es keine gott- und seelenlosen Menschen. Die Menschen der Urzeit waren mehr Götter als Menschen. Es war nicht nötig, ihnen das Dasein Gottes wissenschaftlich zu beweisen, was ja auch heute noch bei unsern Kindern überflüssig ist.
Ehemals war auch die religiöse Kultur äusserst einfach. Es gab auch in dieser Beziehung nur Eine Religion auf unserer Erde: die Verehrung der Sonne als des vollkommensten und edelsten Symbols der Gottheit. Damals war die Menschheit noch nicht in religiöse Parteien und Sekten gespalten, die sich gegenseitig bekämpfen und verfolgen, wie sie dies im gegenwärtigen schwarzen Zeitalter tun, da ihnen die Liebe und das Gefühl der Allgegenwart Gottes abhanden gekommen ist.
Auch die Religionslehre war vor dem Untergang von Atlantis (vor ca. 4 Millionen Jahren) auf der ganzen Erde eine einzige. Die Geheimlehre war der gemeinsame Glaube aller früheren Menschenrassen auf Erden. Es war ehemals nicht nötig, die tieferen religiösen Wahrheiten vor der profanen Menge geheim zu halten, weil ein Missbrauch der Kenntnisse und Kräfte nicht zu befürchten war.
Als dann aber nach dem Falle in die schwarze Magie und dem durch dieselbe bewirkten Untergang von Atlantis nach der grossen Flut das geistige Gefühl für die ewige Wahrheit immer mehr schwand, da der zergliedernde Verstand seine Herrschaft auf der Erde antrat, war es für die grossen Lehrer der Menschheit nötig, einen Schleier über die höheren Geheimnisse der Religion zu breiten, so dass sie nur noch für Initiierte und das reine Gemüt erkennbar blieben. Die Weisen der früheren Menschheit kleideten die ewigen Wahrheiten in Gleichnisse und schufen die noch heute geltenden religiösen Kulte und Symbole als äussere Darstellungen jener geheimen Vorgänge, die in der Seele der Welt und des Menschen geschehen sind und noch heute sich zutragen. So sind die verschiedenen religiösen Kulte und heiligen Schriften der Menschheit entstanden zur Belehrung der unwissenden Menschheit und zur Entwicklung, Erhaltung und Pflege des religiösen Lebens.
Den gleichen Ursprung und Zweck haben auch die religiösen Mythen, Sagen und Märchen, welche wir bei allen Völkern auf Erden antreffen. Die religiöse Tendenz ist namentlich bei den älteren deutschen Märchen erkennbar. Sie sind so alt wie das deutsche Volk. Einst hatten sie dieselbe Bedeutung wie heutzutage die Erzählungen des Neuen Testamentes. Die Mehrzahl der Märchen haben auch heute noch denselben religiösen Wert für die Jugend, wie ehemals für das ganze Volk.
Wir besitzen in den deutschen Märchen religiöse Urkunden aus uralter Zeit. Sie sind Zeugen einer uralten Religion: der Einen, unvergänglichen Religion, welche das Wesen einer jeden wahren Religion ausmacht und dem Christentum wie jeder anderen Religion der Menschheit zu Grunde liegtt.
Die Märchen sind Gleichnisse und lehren Geschichte: die Geschichte der menschlichen Seele und der Menschheit, ihren Fall in die Sünde und ihre Erlösung aus den Fesseln des materiellen Daseins. Dieser Inhalt ist bei allen derselbe. Nur werden von den einzelnen Märchen einzelne Vorgänge weggelassen oder nur kurz ausgeführt, während andere eine ausführlichere Darstellung erfahren. Infolgedessen ergänzen die Märchen einander.
Was lehren nun die Märchen?
Die in den Märchen vorgeführten Personen sind Kräfte der menschlichen Seele und die geschilderten Vorgänge Ereignisse, Zustände und Stufen im Leben der Seele. Jede Person ist die Verkörperung von Seelenkräften. Wohl sind in jedem Menschen alle kosmischen Kräfte enthalten, doch sind sie nur in wenigen Menschen unseres Planeten bereits vollkommen entfaltet, deshalb repräsentiert jede Person eine bestimmte Kraft und Stufe: eines der sieben Prinzipien der menschlichen Konstitution. Das Märchen ist eine dramatische Darstellung des Seelenlebens.
In der Hauptperson der Märchen erkennen wir die menschliche Seele. Aschenbrödel, Rotkäppchen, Schneewittchen, Dornröschen, Brüderchen und Schwesterchen usw., sie alle stellen den Menschen dar. In Wahrheit ist ja jeder Mensch ein himmlisches Wesen, ein Engel oder Gott (Buddhi-Manas), welcher im Anfang seines planetarischen Lebens aus dem Schosse der Gottheit (Parabrahm) austrat und im Verlauf einer Jahrmillionen umfassenden Entwicklung in die niederen, materiellen Ebenen des Kosmos zur Verkörperung hinabstieg, um in der Schule des Daseins auf dem Wege der Enttäuschung und der Pflicht die nötigen Erfahrungen zu sammeln, welche den Menschen belehren, dass er ein Bewohner der himmlischen Welten ist und er in der Welt der vergänglichen Erscheinungen keine Freiheit, Unsterblichkeit und Seligkeit finden kann.
Die menschliche Seele ist in der Tat eine Prinzessin, wie die Märchen fast übereinstimmend erzählen. Ihr Vater ist der göttliche Geist (Atma) und ihre Mutter die Weltseele (Buddhi), welche beide die Welt regieren, indem sie in jedem Wesen des Kosmos gegenwärtig sind und alle Vorgänge leiten.
Bei der Geburt der menschlichen Seele (Aschenbrödel) in die irdische "Welt stirbt die Mutter, die selbstlose Liebe: die Seele verliert ihr geistiges Bewusstsein, da sie ihren Willen auf die Welt der Erscheinungen richtet. Beide, die menschliche und die göttliche Seele, bilden im Menschen eine Einheit: wenn die eine tätig ist, bleibt die andere untätig (unoffenbar). Beide sind in Wahrheit dieselbe Kraft. Wenn diese auf der niederen, materiellen Ebene wirkt, ist sie auf der höheren Ebene gelähmt. Die höheren Kräfte erwachen erst dann in der Seele, wenn der Wille (Manas) von den niederen Formen sich frei macht und auf der höheren Ebene sich betätigt. Die menschliche Seele ist im Wesen eins mit der Weltseele (Atma-Buddhi); sie ist dieselbe Kraft auf einer niederen Stufe der Offenbarung.
In jedem Märchen erleidet die Seele (Aschenbrödel) von seiten ihrer Stiefmutter, welche eine Hexe ist, Verfolgungen. Die Stiefmutter ist die Selbstsucht (Kama), die Eigenliebe. Sie ist nicht nur die Ursache des Daseins überhaupt, sondern auch der Verkörperung der Seele, ihrer Gefangenschaft und ihrer Leiden. In der Tat ist jeder menschliche Körper ein Zauberschloss, in welchem eine Prinzessin gefangen sitzt. Die Leidenschaften und Begierden halten sie gefangen und bereiten ihr unermessliche Qualen. Physisch betrachtet ist der Mensch ein Tier, aber die Persönlichkeit ist weiter nichts als eine Maske des himmlischen Menschen, weshalb man mit Recht von einer Verzauberung und Behexung des Menschen spricht.
In allen Märchen wird die Seele als gut geschildert. In Wirklichkeit ist jeder Mensch gut, insofern er nur das will, was er als gut erkannt hat. Doch ist er noch nicht weise, d. h. er erkennt das wirklich (absolut) Gute (Gott) noch nicht und kann das Wahre vom Falschen nicht unterscheiden. Es gibt in Wahrheit nichts absolut Böses in der Welt: die Ursache aller Verbrechen sind Unwissenheit und Irrtum. Diese Seite findet besonders im Märchen von Schneewittchen eine eingehende Schilderung. Infolge ihrer Unwissenheit und Harmlosigkeit wird. Schneewittchen immer wieder von der Hexe überlistet. Der gute, aber unwissende Mensch ist immer geneigt, alle anderen Menschen für gut zu halten, obgleich das innere Gefühl ihn warnt, doch die Begierde unterdrückt die warnende Stimme. Wir können täglich beobachten, wie gute, aber unerfahrene Menschen von anderen, die weniger gewissenhaft sind, ausgenutzt werden.
Die Seele hat bei ihrer Wanderung durch die Welt viele Prüfungen zu bestehen, nur wenn sie diese besteht, kann sie erlöst werden. Die verschiedenen Prüfungen werden in den Märchen ausführlich geschildert. Mit Geduld erträgt Aschenbrödel alle Drangsale und Lästerungen von Seiten ihrer Stiefschwestern, der Begierde und Leidenschaft. Die Märchen geben uns eine treffliche Anleitung, wie wir die Selbstsucht überwinden können. Es ist nicht ratsam, gegen dieselbe zu eifern oder sie zu bekämpfen. Sie wird am besten dadurch überwunden, dass wir unsere Pflicht erfüllen. Das, was die Seele zu lernen hat, ist das Dienen. Wer irgend einem Geschöpfe dient, indem er seine Persönlichkeit vergisst, ist auf dem Wege zu Gott. Gott dient jedem Wesen, ist er doch das Leben in ihm. Die Liebe zur Mutter gibt Aschenbrödel die Kraft, die Prüfungen zu bestehen. Die selbstlose Liebe erduldet alles und widerspricht und rechtfertigt sich nicht. ,
Die Märchen beschreiben den Erlösungspfad der Seele. Sie schildern, wie der Mensch seine Freiheit und Unsterblichkeit erlangen kann. Alle lehren übereinstimmend die Erlösung durch einen Erlöser. Fast immer ist der Erlöser ein Königssohn. Auch dies ist eine theosophische Lehre. Der Königssohn ist die höhere Natur des Menschen. In der Vereinigung mit dem Geiste besteht die Erlösung. Die Kräfte der göttlichen Natur neigen sich beständig zum Menschen hinab, wie die Strahlen der Sonne überallhin scheinen, wenn nicht dunkle Wolken ihre Ausbreitung verhindern, aber die menschliche Seele muss rein und empfänglich sein für die Aufnahme des Königssohnes. Dies wird ausführlich im Märchen von Dornröschen geschildert. Erst wenn die Schuld (Karma) des Menschen erschöpft ist, kann der Prinz die Dornenhecke der Selbstsucht durchdringen und ist die Seele fähig, ihr wahres, höheres Selbst zu erkennen.
Der Erlöser wartet nicht, bis die Selbstsucht vernichtet ist, er kommt vielmehr, um diese zu töten und die Seele aus der Gefangenschaft zu befreien. Die Seele kann sich nicht selbst von der Selbstsucht und dem Selbstwahn erlösen. Die Finsternis wird nur durch das Licht, die Lüge durch die Wahrheit, der Wahn durch Erkenntnis überwunden. Solange aber der Mensch mit der Selbstsucht sich verbindet, kann der Erlöser nicht helfen. Der Mensch hat darum nichts weiter zu tun, als gegen die Wahrheit keine Partei zu nehmen; die Wahrheit im Menschen besiegt durch sich selbst die Lüge und Selbstsucht, sie hat die Mitwirkung des Menschen nur insofern nötig, als dieser nicht gegen die Wahrheit Partei ergreifen darf. Die Wahrheit übt keine Gewalt, sie hypnotisiert und suggeriert nicht, der Mensch muss selbst lernen und freiwillig der Wahrheit folgen. Durch die Vereinigung mit der Wahrheit verliert die Seele nicht ihre Verantwortlichkeit und ihren freien Willen, sie wird vielmehr selbst der höhere freie Wille und fühlt sich in demselben Masse verantwortlich, als sie die Wahrheit erkennt.
Erst nachdem die Vereinigung der Seele mit dem Geiste der Selbsterkenntnis vollzogen ist, findet die Selbstsucht (die Stiefmutter) mit ihren Kindern, der Leidenschaft und Begierde, ihren Tod. Im Märchen von Aschenbrödel heisst es: „Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehalten werden, kamen die falschen Schwestern und wollten sich einschmeicheln und Teil an seinem Glücke nehmen. Als die Brautleute nun zur Kirche gingen, war die älteste Schwester zur rechten, die jüngste zur linken Seite: da pickten die Tauben einer jeden das eine Auge aus. Hernach als sie herausgingen, war die älteste zur linken, und die jüngste zur rechten: da pickten die Tauben einer jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blindheit auf ihr Lebtag bestraft." So werden die Selbstsucht und der Selbstwahn durch die Liebe und die Erkenntnis vernichtet.


Wer ist der Prinz?


Unter dem Prinzen verstehen wir das göttliche Ego, von dem das persönliche Ego ein Strahl ist. Es ist die Bestimmung des Menschen, mit seinem Vater im Himmel, dem Höheren Selbst (Atma-Buddhi-Manas), eins zu werden. Es gibt keinen äusseren Erlöser; das erlösende Prinzip ist die Weltseele (Buddhi), deren Söhne die Scharen der Engel und Erzengel (Dhyan-Chohans) sind. Das Selbst ist der Geist der Selbsterkenntnis (Christus), das Leben und die Liebe. Die Kraft des Selbst wohnt in allen Wesen, kommt aber zum Selbstbewusstsein nur in der reinen Seele, welche frei von jeglicher Form (Vorstellung und Begierde) ist.
Die Vereinigung wird mit Recht als Ehe bezeichnet. Der Geist (Atma) ist das männliche Prinzip im Weltall, die Seele (Buddhi) das weibliche oder der Wille. Der Geist ist die erste Ausstrahlung aus dem Absoluten, die Weltseele die Ausstrahlung aus dem Geist. Beide, Geist und Liebe, bilden eine vollkommene Einheit. Der Geist bedarf des Willens, um sich zu offenbaren, und der Wille ist tot ohne den Geist. Vollkommenheit besteht dann, wenn Geist und Wille eins sind. Es ist die Ursache des menschlichen Leidens, dass der Mensch mehr will als er kann und nicht tut, was er soll und will. Auf der geistigen Ebene des Planeten sind Geist und Wille in voller Harmonie. Was der Geist will, das geschieht augenblicklich, und der Wille will nichts anderes als die Verwirklichung seiner höheren Natur: der Liebe. Die Trennung des männlichen und weiblichen Prinzips im Menschen bedeutet den Fall in die Sünde, das Sondersein, wodurch beide, Mann und Weib, entarten. Der Verstand ohne die Liebe ist tot, und die Liebe, welche sich nicht von der Vernunft leiten lässt, verfällt in Aberglauben und wird zur Begierde. Also besteht in der Hochzeit zwischen Seele und Geist, Liebe und Erkenntnis, die Vollkommenheit und Erlösung, wie dies in fast allen Märchen anschaulich beschrieben wird.
Wir können den Prinzen noch von einer anderen Seite betrachten. Der Königssohn bringt der Seele (Aschenbrödel) zum Bewusstsein, dass sie selbst eine Prinzessin ist, sie erkennt damit ihre eigene höhere Natur und Abstammung. Das Erwachen der Erkenntnis der Wahrheit geschieht nun nicht von selbst ohne einen äusseren Helfer. Die Geburtshelfer des geistigen Lebens sind die Meister des Weisheit, die Weltheilande, die älteren Brüder der Menschheit. H. P. Blavatsky sagt, dass in unserem Zeitalter der Finsternis, in welchem es besonders schwer ist, die Selbsterkenntnis zu erlangen, von tausend Menschen kaum einer durch sich selbst ohne Hilfe eines Meisters in das geistige Leben eintreten kann. Wir erblicken daher in dem Prinzen, welcher die schlafende Seele aus ihrem Schlaf erweckt, den Meister und Initiator, der die Seele in die göttlichen Geheimnisse einweiht. Und die Verbindung zwischen Meister und Jünger ist dieselbe wie zwischen Bräutigam und Braut. Nur wenn der Jünger mit dem Meister völlig eins geworden ist, kann ihm der Meister seine Erkenntnis und seinen Frieden geben. Es gibt kein innigeres und heiligeres Band, als dasjenige ist, das den Jünger mit seinem Meister verbindet. Dasselbe ist so innig, dass der Meister für alle Fehler und Unterlassungen seines Schülers die Verantwortung trägt.
Also haben wir in den Märchen eine einfache, schlichte Darstellung der Einweihungsriten, wie sie in früherer Zeit gebräuchlich waren, gleich den Erzählungen im Neuen Testament. Geistig betrachtet haben die Märchen für die Menschheit einen grossen Wert, und sie gewinnen an Wert, je mehr wir uns in ihren geheimnisvollen Sinn vertiefen. Das Verständnis ihres Sinnes wird uns durch die Kenntnis der theosophischen Lehre von den sieben Prinzipien des Menschen erschlossen, darum ist das Studium derselben von ausserordentlicher Wichtigkeit.


Können die Märchen noch heute zur religiösen Belehrung dienen?


Wir finden, dass die Kinder die Märchen mit grossem Interesse lesen und dies vielleicht nicht nur deshalb, weil die Märchen anschaulich erzählen, es ist vielmehr wahrscheinlich, dass die Seele des Kindes die dem Märchen zu Grunde liegende geistige Wahrheit innerlich schaut und empfindet und sich ihrer eigenen Vergangenheit erinnert. Beschreibt doch das Märchen das Schicksal der Seele! Zum Verständnis der religiösen Wahrheiten ist nicht ein gelehrter Verstand notwendig, sondern das Gefühl für die Wahrheit, und dieses ist bei den Kindern bei weitem grösser als bei vielen Erwachsenen, deren Intuition in der Schule durch die Menge des unverstandenen Stoffes erstickt wurde.
Über den Wert der Märchen schreibt Franz Hartmann: „Es gibt Eltern, welche so töricht sind, ihren Kindern das Lesen von Kindermärchen zu verbieten, weil sie meinen, dass solche Erzählungen nicht wahr seien, und doch sind gerade diese am meisten geeignet, in dem Kinde das Gefühl für das Wahre, Edle und Schöne zu erwecken. In einem Märchen, welches Dinge erzählt, die dem Buchstaben nach unmöglich sind, ist oft vielmehr Wahrheit enthalten als in einer wissenschaftlichen Abhandlung, die sich mit äusserlich beobachteten Ereignissen befasst. Gelangt ein Kind zum eigenen Nachdenken, so glaubt es an den äusseren Sinn der Märchen nicht mehr, aber es behält den Sinn für das Gute, der durch den Geist des Märchens in ihm erweckt worden ist."1)
Wenn wir die deutschen Märchen im Lichte der Theosophie betrachten, dann sind sie in ihrer Gesamtheit ein Lehrbuch der Philosophie und Religion und bieten mehr Wissenschaft als die meisten wissenschaftlichen Abhandlungen unserer Tage, welche nur auf Spekulation beruhen und durch fortschreitende Erkenntnis in kurzer Zeit als falsch erkannt werden.
Doch erscheint es als ausgeschlossen, das die Märchen ihre alte Bedeutung für die Menschheit wieder erlangen können. Die Formen wechseln, und jedes neue Zeitalter schafft sich neue Formen. Allerdings wird gesagt, das auch die neuen Formen früher bereits dagewesen seien. Aber die gegenwärtige Menschheit hat das unmittelbare Gefühl für die Wahrheit verloren, darum wünscht sie eine verstandesmässige Darstellung der religiösen Lehren. Gleichnis und Symbol sind für die heutige Menschheit schwer verständlich. Der Weg zur Erkenntnis der Wahrheit geht heutzutage durch den Verstand, aber erst, wenn Herz und Kopf sich vereinigen, kann die Wahrheit (Theosophie) geboren werden.
Unsere Darstellung des religiösen Inhaltes der Märchen konnte nichts anderes als ein kurzer Hinweis sein. Möge jeder selbst weiter darüber nachdenken im Geiste der Liebe und Wahrheit, dann wird die Wahrheit ihn erleuchten, und er wird die in den Märchen geschilderten Vorgänge in seiner eigenen Seele erleben und im Spiegel der Märchen sein eigenes vergangenes und zukünftiges Leben erschauen.
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1) Franz Hartmann, Weisse und schwarze Magie, 2.Aufl. S. 307. 10

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