Der Antichrist

 

Der Antichrist ist der Feind der Menschheit.


In der Geschichte der christlichen, insbesondere derr katholischen Kirche spielt der Antichrist eine grosse Rolle, insofern als jeder, der in der Vergangenheit etwas anderes lehrte, als die Kirche vorschrieb, von ihren Vertretern als Antichrist und Feind des Christentums bezeichnet und verfolgt wurde. Die Kirche hat von dem ersten Tag ihrer Herrschaft an das Christentum in Pacht genommen. Wer nicht Mitglied der Kirche war und das vorgeschriebene Glaubensbekenntnis nicht ablegte und anerkannte, war nach den Behauptungen der Priester auch kein Christ und verdiente nicht die Duldung der Kirche, ohne Rücksicht auf seine Gesinnung und Lebensführung. Diese Anschauung hat die katholische Kirche bis zum heutigen Tage vertreten und wird sie niemals aufgeben, bis sie untergeht.


Es ist nicht unsere Absicht, gegen die Kirche zu polemisieren. Auch sie wird vom Weltgesetz der Gerechtigkeit beherrscht und ist nur ein Werkzeug dieses Gesetzes und wird so lange als solches gebraucht, als die Zeit und Entwicklung der Menschheit es erfordert. Jedes Ding, auch die Kirche, existiert auf Grund seines Karma, d. i. durch Verdienst und Schuld. Wenn die angehäufte Schuld grösser ist als das angesammelte Verdienst, dann geht die betreffende Form, der Träger von Schuld und Verdienst, zugrunde. Solange also eine Form existiert, ist es die Folge des Verdienstes. Es ist eine Torheit, sich gegen das Weltgesetz der Gerechtigkeit aufzulehnen und sich zum Werkzeug der Zerstörung zu machen. Darum bekämpft die Theosophische Verbrüderung nichts und niemand. Wohl aber müssen wir uns Klarheit über die Gesetze des Daseins verschaffen, denn nur der Wissende kann das Gesetz bewusst erfüllen, was ja seine Bestimmung ist.


In der katholischen Kirche sind Prophezeiungen verbreitet, die das Kommen des Antichrist vorhersagen, der die Kirche zerstören wird. Wir können daher die Besorgnis der Kirche verstehen. Die Zeit, zu welcher der Antichrist kommen wird, ist natürlich in den Prophezeiungen nicht angegeben; doch glaubt man, dass es gegen Ende dieses Jahrhunderts geschehen wird. Auch Frau H. P. Blavatsky spricht davon, dass die katholische Kirche im zwanzigsten Jahrhundert das Karma, d. i. die Folgen ihrer begangenen Verbrechen, ernten werde, was nicht im Widerspruch mit einer anderen Prophezeiung steht, die besagt, dass die katholische Kirche in nächster Zeit durch einen katholischen Regenten einen grossen Aufschwung nehmen werde; sollen doch Deutschland, England und Russland katholisch werden. Natürlich ist auf Prophezeiungen im allgemeinen kein Verlass. Darum lassen wir uns von ihnen nicht beeinflussen, sondern stellen uns über die Ereignisse und bleiben Zuschauer bei allem, was in der Welt geschieht. Wir beklagen es nicht, wenn eine veraltete Form zerstört wird, wenn sie nicht mehr Träger der Entwicklung sein kann. Auch Religionen und Kirchen unterliegen dem Gesetz der Entwicklung. Im kommenden Zeitalter werden neue Religionen und Kirchen als Träger und Werkzeuge der Entwicklung entstehen.

Der Lehre vom Antichrist liegt eine esoterische Bedeutung zugrunde, die allein für uns Interesse hat.

Wir können die Natur des Antichrist nur verstehen, wenn uns das Wesen und die Natur des Christus bekannt ist.


Das Wort Christus hat eine mehrfache Bedeutung. Im höchsten Sinne des Wortes bezeichnet man «damit den höchsten Geist der Menschheit (Atma), der allen Menschen als deren Wesen zugrunde liegt, alle umfasst und durchdringt, belebt und bewegt, der sich aber auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe der Menschheit nur in wenigen Menschen in seiner Grösse und wahren Natur erkennt. In diesem Sinne ist Christus das wahre, göttliche Selbst eines jeden Menschen, und die göttliche Selbsterkenntnis (Theosophie) das Christusbewusstsein oder die Selbsterkenntnis Christi im Menschen.


Es gibt nur Einen Christus (Atma-Buddhi-Manas), die Menschen sind seine Träger, Gefässe und Werkzeuge. Es ist Zweck und Ziel des menschlichen Daseins, dass Christus, der Geist der Menschheit, in jedem Menschen zur Selbsterkenntnis seiner Grösse, Allmacht und Weisheit gelange. Wenn der Geist Christi im Menschen geboren wird, d. i. zum Selbstbewusstsein erwacht, dann wird der Mensch ein Christ, ein Schüler Christi, und wenn das Christusbewusstsein die Selbstsucht ausgetrieben hat, und der Christ ein Heiliger geworden ist, ist er ein Jünger seines Meisters, dessen unmittelbarer Nachfolger.

Wenn der niedere Strahl (Kama-Manas), das Persönlichkeitsbewusstsein, vollkommen gereinigt ist und mit dem höheren Strahl (Buddhi-Manas), dem Engel im Menschen, wieder eins geworden ist, wie am Anfange dieses Weltentages bei seiner Herausströmung aus der Weltseele, dann ist der Mensch ein Adept, ein Christus, geworden, wie in den alten Mysterien diese Stufe der seelischen Entwicklung bezeichnet wurde. Der Form nach gibt es viele Christusse, im Wesen natürlich nur Einen. Es wird gesagt, dass der Prophet von Nazareth die Christusstufe erreicht habe und in Ägypten in die Mysterien eingeweiht worden sei, weshalb er Jesus Christus genannt wird.


Er lebt noch gegenwärtig in den inneren Reichen des Planeten als Mitglied der Grossen Brüderschaft und wirkt für die Entwicklung der Menschheit.


Auf dem Wege der Nachfolge wird einst jeder Mensch nicht nur ein Schüler und Jünger Christi, sondern selbst ein Christus werden. Die gegenwärtigen Christen haben diesen Glauben verloren, weshalb ihnen ihr Leben und ihr Glaube so wenig Befriedigung gewährt, und sie auf den Kreuzestod eines äusseren Heilandes ihre ganze Hoffnung setzen. Doch kann niemand erlöst werden, der nicht selbst ein Christus geworden und vom göttlichen Licht der Selbsterkenntnis durchdrungen und erfüllt ist

Wie der Name sagt, ist der Antichrist der Gegner und Feind des Christus. Da Christus der Geist der Menschheit ist, so ist offenbar, dass der Antichrist nicht ein Wesen ausserhalb des Menschen ist, sondern in diesem selbst wohnt oder doch von ihm geschaffen ist.

 

Der Antichrist ist die niedere, vergängliche Natur des Menschen.

 Um dies zu verstehen, muss man die dreiteilige bez. siebenfältig zusammengesetzte Natur des Menschen kennen.

 

Jeder Mensch besteht aus einer tierischen, menschlichen und göttlichen Natur (Organisation). Während der irdischen Verkörperung ist die mittlere, menschliche Natur geteilt. Der höhere Teil (Buddhi-Manas), der mit dem universalen Geist (Atma-Buddhi) unzertrennlich verbunden ist, bewohnt während des ganzen Planetenlebens die Tugend- oder Kausalebene, die höchste Ebene des Planeten; dagegen hat der niedere, vergängliche Teil des Menschen (Kama-Manas) seinen Sitz in den niederen Erscheinungswelten des Planeten. Bei jeder Verkörperung sendet der höhere Teil der menschlichen Seele, den man das Ich (Ego, Engel) nennt, und der in Verbindung mit dem göttlichen Teile die Individualität des Menschen bildet, in die niederen Welten des Planeten einen Strahl hinab, der aus den Neigungen des Ego, seiner Sympathie und Antipathie, besteht und eine Tätigkeitsform des Eigenwillens ist. Das Ego schickt seine Neigungen und Wünsche hinab, weil es die Formen, Dinge und Wesen der niederen Reiche für Wirklichkeiten hält und sie begehrt oder verabscheut, da es sich selbst mit einer seiner Vorstellungen identifiziert und sich deshalb für ein individuelles Wesen hält, das in Gegensatz und Widerstreit zu den übrigen Formen und Wesen der Umgebung steht.

 

Es ist offenbar, dass das Ego in einer grossen Täuschung befangen ist. Es ist ein Wahn des Ego, zu glauben, dass die von ihm angenommene Form eine Wirklichkeit sei. Dieser Ich wähn lässt dem Ego die ganze Welt als eine Vielheit erscheinen. In dem Wahn des Sonderseins erkennt es nicht die Einheit des Wesens in allem und weiss nichts von Christus, dem universalen Selbst, dem Gott des Weltalls (Atma). Der Ichwahn verdunkelt sein Bewusstsein, dass es das Licht der Wahrheit nicht zu erkennen vermag.

 

Aus dem Ichwahn' entspringt der Kampf ums Dasein, das Verlangen nach Besitz, das Begehren der sympathischen Formen und die Abneigung gegen unsympathische, Liebe und Hass. Indem das Ego seine Neigungen hinab in die niederen Welten, die Welt der Gedanken, Wünsche und irdischen Erscheinungen, sendet, bleibt es an den niederen Strahl gebunden, wie ein Mensch, der seinen Arm in das Wasser streckt, um einen Gegenstand zu ergreifen, in seinem Bewusstsein und seinem Willen auf den Gegenstand seines Verlangens beschränkt ist. Die Vorstellungen, die sich das Ego von den äusseren Gegenständen macht, fesseln, beschränken und verdunkeln sein Bewusstsein und seinen Willen, sodass es, während es verkörpert ist, von den inneren Reichen nichts weiss.

Der niedere Manasstrahl baut bei jeder Verkörperung die Persönlichkeit, erhält sie und wirkt durch sie. Und durch den niederen Strahl wirkt der höhere, sodass in Wahrheit nicht der niedere, sondern der höhere Strahl der Handelnde und darum der Verantwortliche ist.

 

In der Tat ist das Ego für alles, was die Persönlichkeit tut, verantwortlich, und deshalb wird es für alle Sünden bestraft; denn die Persönlichkeit ist ja das Geschöpf des Ego; sie besitzt keinen freien Willen, in ihr und durch sie wirkt das Ego, ihr Vater.

 

Solange das Ego, der himmlische Mensch, vom Ichwahn und der Selbstsucht erfüllt ist, kann Christus, das universale Selbst, nicht durch den Menschen unmittelbar wirken und in ihm bewusst werden. Mittelbar wirkt Atma allerdings in allen seinen Geschöpfen, auch im Menschen; aber es ist der Zweck des Daseins, dass der Mensch auf dem Wege der Entwicklung ein unmittelbares Werkzeug Atmas, ein bewusster Diener des göttlichen Willens werde.

Es ist nun klar, dass der niedere Manas-Strahl bez. das verantwortliche Ego der Antichrist ist, wenn die Selbstsucht im Menschen die Herrschaft hat. Das Ego wird beständig von zwei Seiten beeinflusst: von oben sucht das (buddhische) Licht des Geistes (Atma) in das Ego einzudringen, was aber nur in geringem Grade, als Vernunft und Gewissen, möglich ist, wenn das Ego von unten, von seinem niederen Strahl, dem Verstand und der Selbstsucht, gefangen gehalten und zu deren Sklaven gemacht wird. Jeder Wunsch fesselt die Seele an das Dasein und verdunkelt ihr Bewusstsein, sodass das universale Licht des Geistes der Seele nicht zum Bewusstsein kommt.

Im persönlichen Menschen unterscheiden wir zwei Grade: der niedere Teil ist rein tierisch und selbstsüchtig und sein Bewusstsein der Verstand; der höhere Teil dagegen ist selbstlos und gut und wird in seinem Bewusstsein von der Vernunft erleuchtet. Der selbstlose Teil ist ein Teil des menschlichen Gemütes, des Trägers der Tugenden, er strebt nach dem Geist. Der niedere, selbstsüchtige Teil dagegen klammert sich an das materielle Dasein, dessen Kind er ist, und strebt nach Genuss des irdischen Lebens.

 

Die selbstsüchtige Persönlichkeit, der menschliche Verstand (Intellekt), ist der Gegenpol des Geistes, des Christus, und kann mit Recht der Antichrist genannt werden.

 

Wir müssen die Natur des Antichrist noch näher betrachten.

Der Verstandesmensch ist das gerade Gegenteil vom Christus.

Der Verstand sieht nur die Vielheit der Erscheinungen und erkennt nicht die Einheit des Wesens in allem. Er besitzt keine Unterscheidung von dem, was wahr, gut und schön ist. Sein Rechtsbewusstsein ist ein anderes als das des Menschen von Gemüt. Der Verstand lässt sich nur von der Selbstsucht leiten. Er hält alle Menschen für selbstsüchtig, weil er von der Selbstlosigkeit nichts weiss. Er predigt, dass man seine Selbstsucht erweitern und veredeln soll, und hält Selbstlosigkeit für Schwärmerei.

Der Verstand strebt nicht nach Liebe und Weisheit, sondern allein nach Wissen und Macht.

Er besitzt darum oft ein riesiges Wissen, und manche Verstandesmenschen haben auch grosse astrale Kräfte entwickelt. Je grösser aber ihr Verstand ist, desto geringer ist ihre Weisheit, desto mehr ist die Seele verdunkelt.

Darum wird der Verstand der Mörder des Geistes genannt, was er in der Tat auch ist.

 

Der Verstand ist der natürliche Feind des Christus, sowohl in der Seele des Menschen wie auch in der Aussenwelt, im äusseren Leben der Menschheit.

Als das Christuskind geboren wurde, so erzählt das biblische Gleichnis, trachtete ihm Herodes nach dem Leben; da musste es fliehen und kehrte erst zurück, als Herodes gestorben war. So ist es in der Tat.

Dieser Vorgang vollzieht sich in jedem Menschen, wenn das Licht des Geistes in der Seele geboren wird.

Der Verstand kämpft um seine Macht, um die Herrschaft, um sein Leben. Er will nicht dienen.

 

Zwischen dem niederen und dem höheren Teile der Seele herrscht ein beständiger Kampf. Ihre Naturen sind so verschieden, wie Feuer und Wasser. Das eine vernichtet das andere; zwischen beiden gibt es keinen Frieden. Der Kampf zwischen beiden dauert so lange, bis der eine Kämpfer den anderen besiegt hat.

 

Denselben Kampf führt der Verstand auch in der äusseren Welt!

Er will überall herrschen und ist der instinktive Feind aller selbstlosen Menschen und ihrer Bestrebungen, insbesondere aber der Erleuchteten und Wissenden, der Heilande der Menschheit, deren Mission es ist, allen guten Menschen in ihrem Kampf gegen ihren inneren Feind beizustehen. Dies weiss der Verstand; darum hasst er die Vertreter der Liebe und sucht sie zu morden. Er schafft in der Welt die mächtigen Hierarchien, um die Menschen und Völker zu beherrschen, und hetzt die Menschen gegen die Heilande, dass sie diese umbringen.

 

Wir haben im Leben der Menschheit denselben Kampf wie im Inneren der Seele. Es gibt zweierlei Organisationen: die einen werden vom Verstande, dem Antichrist, geleitet und die anderen von den höheren Kräften der Seele. Jene betrachten die letzteren als ihre Konkurrenten und bekämpfen sie.

 

Das Charakteristische in diesem Kampfe ist, dass sich der Antichrist für die Wahrheit ausgibt und den Kampf im Namen Christi führt, als dessen Vertreter auf Erden er sich bezeichnet. Dies ist zu allen Zeiten so gewesen: wer nicht von der Wahrheit ist, der muss sich den Mantel der Wahrheit umhängen, damit er als die Wahrheit erscheine und in seiner Unwahrheit nicht erkannt werde.

Doch kann die Wahrheit nicht dauernd unterdrückt werden, und nicht alle Menschen lassen sich von der Lüge betören.

Der Antichrist spielt namentlich im religiösen Leben der Völker eine grosse Rolle.

Da der Verstand die Wahrheit nicht erkennen kann, legt er die Wahrheit in eine Lehre und macht diese zum Dogma, indem er die Lehre als Gottes Wort und Offenbarung ausgibt. Und wehe dem, der dem Dogma nicht glaubt, weil er unmittelbar von der Wahrheit erleuchtet ist! Er wird vom Antichrist als Gotteslästerer und Ketzer beschimpft und verfolgt, während doch der Verstand, der ein Werkzeug Christi lästert, der wahre Gotteslästerer ist.

Durch die Verfolgung des anderen im Namen Christi gibt sich der Antichrist den Schein des Rechtes und der Wahrheit. In Wirklichkeit ist jeder gute Mensch ein Werkzeug Christi; denn alle Menschen sind seine Kinder, wenn auch ein grosser Teil ihre Herkunft vergessen hat.

Wer einen einzigen Menschen hasst, verfolgt und verdammt, ist ein Knecht des Verstandes, des Antichrist, der auf der gegenwärtigen Stufe der Entwicklung die Herrschaft in der Menschheit führt.

Der Verstand stellt nicht nur Dogmen auf, die er als Wahrheit ausgibt, sondern heiligt sie durch göttliche Autorität. Er macht sich selbst zur Autorität, damit seine Blindheit und Dummheit nicht erkannt werde; er stellt sich gern unter eine höhere Autorität, damit unter deren Schutz seine eigene anerkannt und geheiligt werde.

Der Verstand behauptet und sucht der unwissenden Menge zu beweisen, dass ein Staat ohne Dogma und Autorität nicht bestehen könne. Der Verstand ist nie um Gründe verlegen. Er hat seine eigene Logik, die er gern durch Anwendung von Gewalt unterstützt.

Nichts hat die Entwicklung der Menschheit im vergangenen Zeitalter mehr zurückgehalten, als derDogmen-und Autoritätszwang.

 

Die Dogmen bilden um die Seele eine Kruste, die das Eindringen des Lichtes der Wahrheit verhindert, wie ja auch der Schmutz einer Pfütze die Reinheit des Wassers nicht erkennen lässt.

 

Durch den Dogmen- und Autoritätszwang hält der Antichrist die Völker in ihrer Entwicklung zurück, um zu verhindern, dass sie selbständig denken lernen,damit sie sich nicht seiner Herrschaft entziehen.

 

Der Verstand ist bei allem, was er tut, um seine Macht besorgt. Er lässt sich nur von der Selbstsucht leiten.

Der Verstand ist selbstsüchtig aus Instinkt wie das Tier. Er hat ein feines Gefühl für alles, was seiner Macht schädlich ist. Der Haupttrieb, der ihn beseelt, ist der Trieb der Selbsterhaltung. Er strebt nach Geld, weil ihm der Reichtum äussere Macht gibt. Während der selbstlose Mensch die geistigen Güter als das Höchste schätzt und bereit ist, sein Leben für seine Ehre und sein Ideal zu opfern, kennt der Verstand kein höheres Gut, als sein eigenes Leben, weil er instinktiv weiss, dass es für ihn kein ewiges Leben gibt, und dass er nach dem Tode des Körpers im Jenseits nur ein leidvolles Leben zu erwarten hat.

 

Der Verstand kennt ein Gewissen als autonomes Gesetz nicht an.

Er lehrt, dass das Gewissen nur die Summe der in früheren Leben gemachten Erfahrungen und deshalb nicht unfehlbar sei und von äusseren Autoritäten korrigiert werden müsse. Die Forderung der Gewissensfreiheit verdammt er als Ketzerei; denn die Gewissensfreiheit ist die Bedingung, unter der allein eine höhere Entwicklung der Menschheit möglich ist. Die Völker, die dem Gewissen folgen, entziehen sich der Herrschaft des Antichrist, und das darf dieser nicht dulden, wenn er seine Herrschaft über die Völker behalten will.

Der Verstand weiss seine Machtgelüste fein zu verbergen. Er gibt sich gern öffentlich als Vertreter des Friedens aus; aber heimlich fördert er Streit und Zwiespalt, indem er die Menschheit in Parteien trennt.

Der Verstand brüstet sich gern mit seiner Frömmigkeit, um die unwissende Menge zu täuschen, dass sie seine Gefühle des Hasses und der Feindschaft nicht merke.

 

Typische Beispiele des Antichrist waren die Priester und Schriftgelehrten zu Jesu Zeit. Jesus verzieh in seiner Milde und Güte den Sündern und Zöllnern, die aus Unwissenheit und Schwäche sündigten; nur gegen die heuchlerischen Gelehrten und Verstandesmenschen eiferte er, deren Seele mit Bosheit erfüllt war.

 

Verstärkt wird seine Feindschaft gegen das Licht der Wahrheit, wenn der Verstand mit magischen Kräften ausgerüstet ist. Er weiss, dass er seine Macht und seinen Einfluss hundertfach steigern kann, wenn er magische Kräfte erlangt. Da aber der Verstand nur eine astrale Kraft ist, kann er sich höhere als astrale Kräfte nicht aneignen. Aber für ihn sind die astralen Kräfte des Hellsehens und die Fähigkeit, den physischen Körper mit Bewusstsein zu verlassen, höhere Fähigkeiten, obgleich sich jeder Verbrecher diese erwerben kann, und jedes höhere Tier astralsehend ist. Mit Recht nennt man die Magie des Verstandes und der Selbstsucht schwarze Kunst, weil sie der dunklen Sphäre unseres Planeten angehört und die Seele des Menschen derart verdunkelt, dass keine höheren Lichtstrahlen sie zu erhellen vermögen.

 

Wir sehen, dass in der Gegenwart sich der Verstand mit Eifer dem Okkultismus zuwendet, und da er es aus Selbstsucht tut, wird im kommenden Zeitalter die schwarze Magie wieder stark überhandnehmen, wenn es nicht die Lichtkräfte verhindern.

 

Die Vertreter der schwarzen Magie sind alle eifrige Jünger des Antichrist. Mit dem Namen Antichrist werden alle dunklen Mächte und Kräfte zusammengefasst.

 

Sie leben in der astralen Finsternis und sind Feinde des geistigen Lichtes und des Fortschrittes. Zu ihnen gehören alle seelenlosen Menschen, deren Seele entweder entflohen ist oder schläft. Das Volk nennt sie gewissenlos. Wir finden sie in allen Kreisen des Volkes, vor allem unter den intellektuell gebildeten Männern und Frauen. Die meisten Schüler besitzt der Antichrist in gewissen religiösen Orden, die den Verstand schulen (trainieren).

 

Wie schützt man sich vor diesem Schicksal? Und wie wird der Antichrist in der Seele und der Menschheit überwunden?

Der Verstand ist an die Selbstsucht gebunden. Wird die Selbstsucht überwunden, so stirbt auch der Verstand, indem das Bewusstsein auf höhere, ideale Dinge gerichtet wird.

 

Die Selbstsucht kann nur durch selbstlose Liebe vernichtet werden.

 

 Wenn die Liebe in der Seele gestorben ist, d. i. sich von ihr getrennt hat, ist eine Überwindung der Selbstsucht nicht mehr möglich. Die Liebe ist das Wesen und die höhere Natur eines jeden Geschöpfes, und solange die Liebe, wenn auch in einem geringen Grade, noch nicht völlig verdunkelt ist, kann sie durch Betätigung zum Wachstum gebracht werden, bis sie endlich so stark ist, dass sie die Selbstsucht überwindet. Solange ein Mensch einen anderen selbstlos liebt, besteht keine Gefahr, dass er seelenlos werden könnte. Aber die Liebe muss sich am Ende auf alle Geschöpfe erstrecken. Wer nicht jeden anderen Menschen so wie sich selbst liebt, in dem ist die göttliche Liebe noch nicht erwacht. Der Verstand hat in der Astral weit viele selbstsüchtige Formen (Geister) geschaffen, welche die Persönlichkeit bilden und den Willen beständig beeinflussen. Es gilt, sich von den selbstsüchtigen Geistern zu befreien, was nur dadurch möglich ist, dass man sie in helfende und dienende Kräfte umwandelt, indem man sie in beständigem Gebet anhält, der Menschheit zu dienen und alle Wesen zu lieben. Unwissende, welche die Natur der niederen Geister nicht kennen, machen den Fehler, dass sie die Geister bekämpfen, was diese zum Widerstand reizt. Die Umwandlung ist leichter und mit weniger Gefahren verbunden. Von den veredelten Kräften ihrer niederen Natur kann sich die Seele ohne grosse Schwierigkeit durch das abstrakte Gebet befreien. Mit der Selbstsucht stirbt auch der Verstand, und mit der Liebe steigert sich die Vernunft. Und die Vernunft ist der einzige Führer in das Reich der Wahrheit, in dem Christus, das höhere Selbst, wohnt. Die Veredlung der Persönlichkeit ist also das Mittel, durch das der Verstand, der Antichrist, in der Seele überwunden wird.

Und wie kann die Menschheit von der Herrschaft des Antichrist befreit werden?

Dies ist ein schwieriges Unternehmen. Wahrscheinlich ist dies in vollem Umfange erst am Ende des schwarzen Zeitalters möglich. Solange die Menschen nicht den Verstand in sich überwunden haben, werden sie sich der Herrschaft des Verstandes in der Außenwelt unterwerfen, weil sie ihren Feind nicht erkennen und die Sklaverei, in der sie leben, nicht empfinden. Nur wird die Form, in welcher der Antichrist die Völker beherrscht, wechseln.

 

Da die Menschheit einem lichteren Zeitalter entgegengeht, in dem die selbstlosen Kräfte zahlreich und mächtig sein werden, so ist zu erwarten, dass die Macht des Antichrist im neuen Zeitalter durch die Leitung der Menschheit eingeschränkt werden wird. Dazu aber kann jeder beitragen, wenn er durch Veredlung seiner Persönlichkeit den Verstand besiegt und sich durch Gelöbnis, Studium und Meditation zu einem Werkzeug und Diener jener lichten Kräfte macht, welche die Menschheit als Diener Christi unsichtbar leiten.

Schwere religiöse Kämpfe stehen der Menschheit noch bevor.

Ein Schutz gegen die Angriffe des Antichrist ist der Zusammenschluss aller Menschen, die guten Willens sind. Die “Internationale Theosophische Verbrüderung” ist ein Versuch, einen solchen Zusammenschluss herbeizuführen. Möge der Geist der Wahrheit alle Menschen erleuchten!

Heil und Segen allen, die guten Willens sind!

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