DER WAHRE GOTT




Die gegenwärtige Kulturmenschheit lebt Im Zustande der Gottlosigkeit. Die Mehrzahl der Menschen glaubt weder an einen Gott, noch an eine Seele und deshalb auch an kein Leben nach dem Tode und an keine Wiederverkörperung, sowie auch an keine sittliche und geistige Entwicklung des einzelnen Menschen und der Menschheit. Sie leben wie die Tiere nur zur Befriedigung ihrer sinnlichen Triebe und Bedürfnisse und arbeiten nur deshalb, um sich die Mittel zu deren Befriedigung zu verschaffen. Und selbst ihre Liebe zur Familie und zu den Partei- und Volksgenossen ist tierischer Natur, denn diese beschränkte Liebe besitzen auch die Tiere.
Und warum kann ein grosser Teil der heutigen Menschheit nicht an einen Gott glauben? Dies hat verschiedene Gründe. Der Hauptgrund ist, dass sie sich in ihrer Jugend eine verkehrte Vorstellung von Gott gebildet haben, weil ihnen in der Schule und der Kirche ein beschränkter Gott gelehrt worden ist, an den zu glauben ihre Vernunft sich weigert. Und dann sehen sie wohl auch, dass gerade die Christen, die sich ihrer Frömmigkeit und Gottgläubigkeit rühmen, nicht nach den sittlichen Vorschriften ihrer Religion leben. Durch die materialistische Schule ist der Verstand einseitig entwickelt worden, der die göttliche Natur im
Menschen nicht empfinden und wahrnehmen kann und deshalb an dem Dasein des Göttlichen zweifelt und eine Menge Fragen in bezug auf die Ursache und den Zweck des Daseins stellt, die ihm die Vertreter der Kirche nicht oder nur unvollkommen beantworten können. Der letzte Grund der gegenwärtigen Glaubenslosigkeit der Menschheit liegt im Gesetz der zyklischen Entwicklung. Das Pendel der Entwicklung schwingt zwischen den Polen des Unglaubens und des Aberglaubens hin und her, bis der Mensch in der göttlichen Weisheit und Selbsterkenntnis seine Ruhe gefunden hat. Gegenwärtig hat das Pendel den Pol des Unglaubens erreicht und schwingt nunmehr zurück zu dem entgegengesetzten Pole.
Seit dem Weltkriege zeigt sich bei allen Völkern ein grösseres Interesse für Religion und Sittlichkeit, vor allem für deie Esoterik. Und gerade der letzte Umstand macht es notwendig, das Wesen und die Natur Gottes zu erörtern. Das Streben nach Macht führt ohne die göttliche Selbsterkenntnis mit Sicherheit zum Verbrechen und ins Verderben: zur bewussten und dauernden Gottlosigkeit.

GIBT ES EINEN GOTT?



Die Frage in bezug auf das Dasein Gottes ist für den gläubigen Menschen, der Gott in sich empfindet, müssig.. Er weiss intuitiv, dass es einen Gott gibt, über den er vielleicht keine Auskunft geben kann, und von dem er sich eine verkehrte Vorstellung macht. Und doch muss man über Gott auch vom Standpunkte der Vernunft aus reden können; denn Gott ist die reine Vernunft und die menschliche Vernunft eine Ausstrahlung der göttlichen. In der Vernunft des Menschen liegt also der unmittelbare Beweis des Daseins eines Gottes. Allerdings können die meisten Menschen Vernunft und Verstand nicht voneinander unterscheiden. Dem Verstande, der nur die Vielheit der Erscheinungen sieht und diese für wahr und wirklich hält, lässt sich das Dasein Gottes nicht beweisen.
Das Wort "Gott" setzt voraus, dass es eine höhere Entwicklung des Menschen und der Menschheit gibt. Und doch glaubt die christliche Welt nicht daran.
In seiner höchsten Bedeutung bezeichnet das Wort "Gott" die Wahrheit und Wirklichkeit, die Wesenheit aller Dinge. Der wahre Gott ist die Wahrheit. Aber selbst der Glaube an die Wahrheit ist der Menschheit verloren gegangen. Der Verstand hält die beständig wechselnden Erscheinungen der Welt für wahr und wirklich und weiss nicht, dass wahr nur das ist, was dauert und nicht vergeht. Wie kann etwas, das keinen Bestand hat, weil es beständig wechselt, wahr sein! Wie sich der menschliche Körper mit jedem Atemzug verändert, so unterliegt jedes Geschöpf vom Atom bis zum Weltall dem ewigen Wechsel. Was keinen Bestand hat, ist Schein; darum ist das ganze Weltall mit seinen zahllosen Geschöpfen nur eine Erscheinung oder Tätigkeitsform von etwas, das ihm zugrunde liegt, wie den Wellen das Wasser, und das nicht dem Wechsel unterworfen Ist. Wir nennen das Wechsellose die Substanz. Die Substanz ist die wandellose Wahrheit, Gott. Jede Form ist nur Schein. Der Schein setzt die Wahrheit voraus, wie die Welle das Wasser. Ohne das Wasser wäre die Welle nicht und ohne Gott nicht die Welt. Gott und Welt sind nicht ein und dasselbe; Gott ist nicht die Welt und die Welt nicht Gott; denn Gott ist das Wesen der Welt und die Welt eine Tätigkeitsform Gottes. Gott ist auch ohne die Welt, aber unoffenbar. Die Welt muss zugrunde gehen, weil sie einen Anfang hat. Alles, was begrenzt ist, muss vergehen. Wenn die Welt untergeht, kehren alle Dinge in den Raum zurück, aus dem sie am Anfange emporgestiegen sind gleich dem Regentropfen, der im Ozean versinkt, aus dem er einst als Dunstbläschen emporstieg. Der Raum ist die absolute Wahrheit, die Eine Wirklichkeit, die Wesenheit aller Dinge. Die Mystiker nennen den Raum die Gottheit, die Philosophen das Absolute. In der östlichen Philosophie wird die Gottheit das Parabrahm genannt, weil es über Brahma, der geoffenbarten Wahrheit, hinausliegt. Die Gottheit ist die Fülle, weil in ihr alle Wesen und Welten unoffenbar enthalten sind, wie die Regentropfen im Ozean. Die zahllosen Welten sind eine vorübergehende Offenbarung aus dem Urgrund, dem Raum. Es gibt so viele Wesen und Welten wie Regentropfen im Meer. Jeden Augenblick gehen irgendwo im endlosen Räume Welten unter und entstehen neue.
Der Wechsel ist ewig wie die Substanz, die den Urgrund erfüllt.
Wer zweifelt, dass es den Raum gibt? Nur der Narr und der Verstand. Allerdings kann man sich von dem Raum keine Vorstellung machen, weil er formlos ist. Alle Wesen schwimmen im Raum wie die Fische im Wasser; aber der beschränkte Verstand kann das Unbeschränkte nicht fassen. Die Gottheit ist namenlos , weil jeder Name eine Eigenschaft bezeichnet, und Eigenschaften Begrenzungen sind. Niemand kann sagen, was die Gottheit ihrem Wesen nach ist; alle Namen können die Wirklichkeit nicht treffen.
Der Raum, die Gottheit, ist die Quelle alles Daseins, die Ursache von allem, aber selbst ohne Ursache - und wird deshalb auch die ursachlose Ursache, die wurzellose Wurzel genannt.
Der Raum ist von einem unendlich feinen Stoff, dem Urstoff, erfüllt, in dem alle Wesen als Ideen oder Keime - diese Bezeichnung Ist philosophisch nicht ganz richtig, doch fehlt hierfür das Wort- unoffenbar (virtuell) enthalten sind, und aus dem sie durch Verdichtung am Anfang des Weltalls entstehen, wie ein Eisberg im Ozean. Die zahllosen Wesen und Welten liegen im Schösse der Gottheit wie die Butter in der Milch, und wie sich die Butter durch Bewegung und Erschütterung der Milch zusammenballt, so entsteht ein Weltall durch Bewegung der Urmaterie, hervorgerufen durch das Aus- und Einatmen des kosmischen Geistes, der ersten Ursache, Brahma oder Atma genannt. Im Schösse des Raumes, der Weltenmutter, ruhen während der Weltnacht zahllose Söhne Gottes (Logoi), die in ihrer Zusammenfassung den Einen universalen Logos bilden, der die Einheit des Universums ist. Jede der zahllosen Atomkräfte oder Ideen, die im Schösse der Weltenmutter noch unoffenbar ruhen oder in den zahllosen Welten offenbar sind, ist der Same eines künftigen Sonnengottes (Logos) und der Keim eines Weltalls. Auch die menschliche Individualität ist eine zum Selbstbewusstsein gelangte Atom-Kraft, die auf dem Wege der Entwicklung einst die Stufe eines Logos erreichen wird. So birgt der Schoss der Gottheit eine unendliche Fülle .keimender Wesen und Welten auf den verschiedenen Stufen des Daseins.
Diese höchste Bedeutung des Wortes "Gott" im Sinne des ewigen, allgegenwärtigen Raumes ist den orthodoxen Vertretern der christlichen Kirche, die keine Unterscheidung von Wesen und Form,, Wahrheit und Schein besitzen, verloren gegangen; nur die Mystik im Christentum wie in allen Religionen kennt die wahre, ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Gott" und ist dafür zu allen Zeiten von jenen beschränkten öffentlichen Vertretern der Religion, in deren Händen die Macht ruhte, gelästert und verfolgt worden, was auch gegenwärtig noch geschieht und immer geschehen wird, so lange der tierische Verstand in Verbindung mit dem Egoismus die Herrschaft in der Welt führt.
Mit dem Wort "Gott" wird ferner die Erste Ursache alles Daseins bezeichnet. Wir nennen sie den Geist oder Atma; in der griechischen Philosophie wird sie der Sohn Gottes oder das Wort (Logos) genannt. Wie der Mensch und jedes andere Wesen in seinem Bewusstsein eine Einheit ist, so auch ein ganzes Weltall. Die Einheit eines Weltalls ist der wahre Gott jeder exoterischen Religion, die aus der Einen Urreligion hervorgegangen ist. In Wirklichkeit ist das ganze Weltall mit seinen zahllosen Wesen und Gestaltungen eine absolute Einheit. Wie alte denkbaren Zahlen auf der Zahl "eins" beruhen, deren Potenz sie sind, so haben alle Geschöpfe eines Weltalls ihr Dasein in Gott der höchsten Einheit, der sie aus dem unoffenbaren Zustand in das Dasein gerufen hat, sie erhalt und auf dem Wege der Entwicklung zu sich emporzieht. Atma ist der wahre Gott, die geoffenbarte Wahrheit, während die Gottheit, der Raum, ewig unoffenbar ist, ER ist das Wesen aller Geschöpfe und wohnt im Herzen aller Dinge. ER allein IST, auss er Ihm ist nichts (wirklich). In Seinem Wesen ist ER eins mit der Gottheit, an sich formlos, aber in Seiner Tätigkeit auf ein Wetall beschränkt. Alle Geschöpfe sind die Tätigkeitsformen oder Gedanken des Einen Gottes. Wenn Atma denkt, so entsteht die Welt, und wenn Er aufhört zu denken, so vergeht sie wieder.
Atma lässt sich nach drei Seiten betrachten: als Bewusstsein, Kraft und Stoff. Darum offenbart er sich in jedem Geschöpf nach diesen drei Seiten. Jedes Wesen ist eine Form von Bewusstsein und. Kraft auf seiner Daseinsstufe. Atma offenbart Sein Bewusstsein und Seine Kraft, d. i. Seinen Willen, auf sieben Stufen des Daseins oder in sieben Welten; darum spricht man von einer siebenfältigen Natur eines jeden Wesens. Der Zweck des Weltdaseins ist, die in jedem Geschöpf schlummernden Kräfte auf dem Wege der Entwicklung zur Offenbarung zu bringen. Dies ist auch der Zweck des Menschen. In ihm drängen die göttlichen Kräfte, die göttlichen Tugenden, nach Offenbarung. Die sichtbare Ausströmung aus der Einheit ist das kosmische Licht, das Urlicht (Buddhi), die Weltseele, in der die Ideen ruhen wie die Funken in der Flamme. Alle Geschöpfe sind Verdichtungen des Urlichtes. Aus „Feuer" ist alles entstanden, und in das „Feuer" kehrt am Ende alles Dasein zurück. Selbst der Stein ist in seiner innersten Natur Feuer. Die Atom-Kräfte sind Ausströmungen aus dem kosmischen Licht. Der Geist steigt, bildlich gesprochen, sieben Stufen hinab bis zur irdischen Materie und (wieder sieben Stufen hinauf zum Ursprung zurück. So macht das ganze Weltall und mit ihm jedes Wesen einen Kreislauf: von Gott - zu Gott zurück.
Gott ist das Licht, die Liebe und das Leben in jedem Geschöpf des Weltalls. Die wahre Natur aller Wesen ist Liebe; nur ist der Grad der Liebe in den Wesen verschieden je nach der Stufe ihrer Entwicklung. Alle Entwicklung ist Erweiterung der Liebe, bis die Liebe auf der höchsten Stufe alle Wesen umfasst. Die Liebe ist der Wille der Einheit; in ihr gibt es keine Zweiheit. Alle Wesen sind Formen der Liebe; ausser der Liebe ist nichts, sebst der Hass ist Liebe, aber Liebe ohne Erkenntnis. In Gott gibt es keinen Gegensatz, keine Feindschaft, da ausser Ihm nichts ist. Kampf und Streit herrschen nur unter jenen Wesen, die sich ihrer göttlichen Natur nicht bewusst sind und nur den Schein erblicken und diesen für die Wahrheit halten.
Der Wille Gottes in der Natur ist unveränderliches Gesetz, das Gesetz der Kausalität, nach dem jede Tat einerseits Wirkung und anderseits Ursache ist. Jedes Geschöpf ist Ursache und Wirkung zugleich. In der Ursache ist die Wirkung unoffenbar enthalten. Darum ist das ganze Weltall die Offenbarung der in der Ersten Ursache verborgen liegenden Wirkungen, die ihrerseits wieder zu Ursachen werden. Dasselbe gilt auch in bezug auf den Menschen. Er ist in seiner Form das Endglied einer vergangenen endlosen Entwicklungsreihe und jeden Augenblick der Anfang einer zukünftigen Entwicklung ohne Ende. In der Welt der Erscheinungen herrscht keine Freiheit im Sinne von Willkür; alles Dasein wird von dem göttlichen Willen geleitet, auch das Schicksal des einzelnen Menschen und der Völker. Darum ist es töricht, irgend etwas zu beklagen. Töricht aber wäre es auch, auf der jeweiligen Stufe stehen zu bleiben. Alle Wesen des Raumes werden von einem dunklen Drang vorwärts und aufwärts getrieben; wer zurückbleibt, erhält die Peitsche, das Leid. Alle Entwicklung beruht auf dem Gesetz der Kausalität. Dasselbe ist ein Aspekt des Absoluten, selbst Atma unterliegt diesem Gesetz, Sein Wille i st das Gesetz; es wirkt in und durch Atma. Es ist richtig, wenn der Fromme sagt, dass Gott den Menschen erlöst, aber ebenso richtig ist es zu sagen, dass das Gesetz ihn erlöst; denn Wesen und Gesetz sind ein und dasselbe.
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