Ist das Schicksal gerecht?

Albert Wüst


Wer Karmas Knechtschaft
sich entwinden will,
der schwing sich
aus dem Schatten auf zum Licht
und suche seine Heimat
in den Lüften, und höher dann
zum Äther muss er streben.
Mabel Collins


Wie schon so oft in der Geschichte bewiesen, geht die Menschheit auch heute wieder durch eine neue und zudem sehr ernste Krise; eine Krise, die nicht örtlich begrenzt, sondern von weltweitem Ausmass ist. Riesige Kräfte der Zerstörung sind am Werke und scheinen, für den Augenblick jedenfalls, das Übergewicht zu haben. Wohin wir unseren Blick wenden, sehen wir Krieg, Zerstörung, Unruhen, Unterdrückung, Terror, persönliche Unfreiheit und starke soziale Spannungen. Grosse Naturkatastrophen und Verkehrsunglücke, bei denen oft viele Menschen das Leben verlieren oder zu Schaden kommen, runden dieses Bild ab.
Angesichts einer solchen Situation drängt sich die Frage nach einer gerechten Ordnung in der Welt immer wieder auf. Die Menschen verspüren in den sie treffenden Schicksalsschlägen das Walten ihnen unbekannter Kräfte, denen sie allem Anschein nach hilf- und schutzlos ausgeliefert sind. Und so erscheint es verständlich, wenn manche von ihnen im Hinblick auf -- wie sie glauben -- unverschuldetes persönliches Leid an der Gerechtigkeit in der Welt zweifeln und das Walten eines göttlichen Willens in der Natur ableugnen.
Ist das Schicksal gerecht? Diese Frage mit all den tausend "Warum", die in ihr enthalten sind, ist für den Menschen eine so zwingende, dass er sie als das denkende und vernunftbegabte Wesen in der Natur immer wieder stellen wird, dies um so mehr, als sie letzten Endes auch die Frage nach unserem Dasein und nach dem Sinn des Lebens ist. Aber wer kann auf diese so brennende Frage eine Antwort geben, eine Antwort, die das Herz und die Vernunft gleichermassen befriedigt.
Philosophen, Religionswissenschaftler und die Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften mühen sich seit eh und je darum, den Menschen einen Weg zu weisen; doch mit welchem praktischen Ergebnis?
Es liegt uns fern, den Wert eines philosophischen Systems oder das ehrliche Bemühen der Kirchenvertreter in dieser Frage in Zweifel zu ziehen oder anzutasten. Ausschlaggebend bei dieser Fragestellung ist im Zusammenhang mit dem heutigen Thema allein die Frage nach dem praktischen Wert ihrer Definitionen und danach, ob sie geeignet sind, einem Verzweifelten oder Verzagten eine brauchbare Stütze in seinen seelischen Nöten zu bieten.
Ist den Menschen in ihren Gewissennöten, mit dem Studium Komplizierter philosophischer Systeme geholfen?
Oder ist es etwa für einen vom Schicksal hart getroffenen Menschen ein Trost, wenn ihm sein Seelsorger sagt: Weil Gott dich liebt, darum schickt er dir diese Prüfung! Mit Theorien und Bibeltexten, wobei die letzteren in ihrer Symbolik zumeist gar nicht verstanden werden, kann man Menschen, die das Schicksal in seiner ganzen Härte am eigenen Leibe verspürt haben, weder trösten noch helfen.
Wie aber sollen wir das Schicksal verstehen, das da oft so unbarmherzig zuschlägt? Ja, die Sprache des Schicksals ist schwer zu verstehen, und ohne die Kenntnis gewisser Zusammenhänge in der Natur ist es nach unserer Auffassung wohl kaum möglich. Infolge des Fehlens dieser Kenntnisse setzen die Menschen sich auch ganz unterschiedlich mit dieser Frage auseinander.
Ergeben und stumpf nimmt der Fatalist alles hin, was ihn trifft. Ein anderer lehnt sich in blinder Wut gegen sein Schicksal auf, er nennt es ungerecht und hadert mit Gott und der Welt. Wieder andere suchen durch tatkräftigen Zusammenschluss in Parteien und Organisationen auf sozialer oder gesellschaftspolitischer Ebene, wenn möglich sogar mit Gewalt, die äusseren Verhältnisse zu ändern.
Religiös Veranlagte dagegen haben wiederum ein dunkles Gefühl dafür, dass alles, was ihnen zustösst, gerecht sein muss, weil sie blind an die Gerechtigkeit Gottes glauben.
Wer von ihnen handelt nun richtig? Wir sind der Ansicht, dass ein jeder richtig handelt, da er das glaubt und tut, was er auf Grund seiner Erfahrungen glauben und tun muss.
Wenden wir uns jetzt dem eigentlichen Thema zu, so sehen wir über ihm ein grosses Fragezeichen. Es ist die so oft gestellte Frage nach dem Warum unseres Daseins und nach dem Sinn unseres Lebens, des Lebens, das vielen Menschen so sinnlos erscheint. Auf diese Frage kann es nach unserer Auffassung nur eine Antwort geben: Der Sinn unseres Daseins kann nur darin bestehen, den Eigenwillen mit dem Schöpferwillen in Harmonie zu bringen, in dem wir die Gesetze des Lebens auf dem Wege der Erfahrung und Entwicklung durch Erweiterung unseres Bewusstseins vollkommen erkennen.
Unsere Vernunft lehrt uns, dass die Welt, in der wir leben, eine Welt der Ordnung und Gesetzesmässigkeit sein muss, weil sich in ihr alles, so weit wir es zu erfassen vermögen, nach ganz bestimmten Gesetzen abwickelt. Unsere Vernunft sagt uns weiter: Wo Gesetze walten und zwar natürliche, nicht von Menschen gemachte, kann es nicht zufällig zugehen, kann es keine Willkür und auch keine Ungerechtigkeit geben. Willkür und Ungerechtigkeit sind Folgen von Gesetzlosigkeit.
Welches sind nun die Gesetze, denen alles Geschehen in der Welt unterworfen ist? Es ist das Gesetz der Gesetze, das Gesetz von der Notwendigkeit. Alle anderen Naturgesetze sind nur seine verschiedenen Ausdrudksformen.
Wir wollen nun drei Seiten dieses Gesetzes behandeln:
1. Das Gesetz von der Einheit in allen Dingen,
2. Das Gesetz von der Ursache und Wirkung,
3. Das Gesetz von der periodischen Wiederkehr aller Dinge.
Die Kenntnis dieser drei Seiten des Universalgesetzes gibt uns die Möglichkeit, Zusammenhänge zu erfassen, die uns bisher unverständlich waren. Das Wirken des Universalgesetzes in seinen verschiedenen Ausdrucksformen bestimmt nicht nur unser persönliches Schicksal, sondern das gesamte Geschehen in der Welt.
Nach den in allen wesentlichen Punkten übereinstimmenden Lehren aller grossen Religionen ist das gesamte Weltall eine Einheit. Diese Einheit erscheint uns in einer unendlichen Vielfalt von Arten und deren Abwandlungen. Jedem Wesen im All liegt diese Einheit zugrunde, und in jedem offenbart sie sich nach drei Seiten: Als Bewusstsein, Kraft und Stoff, und zwar in einem ganz bestimmten Grade, je nach dem Naturreich, dem es angehört, und nach der Entwicklungsstufe, auf der es sich befindet. Der Ausgangspunkt für unsere weiteren Betrachtungen ist die Annahme von der Einheit in allen Dingen.
Es gibt nur das "Eine". Alles das, was wir gewahr werden, was wir mit unseren Sinnesorganen irgendwie erfassen können, ist nur die Vielheit des Einen, es ist die Welt der Erscheinungen.
Die zweite Seite des Universalgesetzes ist das Gesetz von Ursache und Wirkung, auch Kausalgesetz oder Karma genannt. Karma ist ein Sanskritwort und bedeutet soviel wie Handlung. Alle Handlungen sind Wirkungen aus vorangegangenen Ursachen. Da jede Wirkung wieder zur Ursache zukünftiger Wirkungen wird, so ergibt sich zwangsläufig eine dauernde Verursachung, eine Kausalitätskette.
Alles im All ist ursächlich, auch unser Planet, er ist die Folge eines frühere Planeten und jedes Wesen auf ihm seiner seelischen Natur nach das Glied einer Kette, deren Anfang und Ende sich für uns im Unendlichen verliert.
Auch der Mensch ist Ursache und Wirkung. Das, was er gegenwärtig nach Körper, Seele und Geist darstellt, was ihn innerlich bewegt und was ihn äusserlich trifft, ist sein Schicksal, es ist die Schickung dessen, was er in der Vergangenheit war oder tat. Auf dem Gesetz von Ursache und Wirkung beruht die periodische Wiederkehr aller Dinge. Und damit kommen wir zur Behandlung der dritten Seite des Gesetzes.
Die periodische Wiederkehr aller Dinge ist es, die uns eine der Vernunft eingehende Erklärung für alle mit dem Karma des Menschen zusammenhängenden Fragen gibt. In ihr vollzieht sich auch die Wiederverkörperung aller Seelen. Durch die periodische Wiederkehr der Seele in verschiedenen getrennten Erdenleben, die durch Zeiten der Ruhe in anderen Sphären unterbrochen sind, ist der Seele allein die Möglichkeit einer Entwicklung gegeben. Vielleicht wird dieser oder jener die Frage stellen, ob das soeben Gesagte nicht eine sehr kühne Behauptung wäre. Was wissen wir schon von früheren Erdenleben?
Wo finden wir Beweise dafür? Wenn es wirklich verschiedene Erdenleben gäbe, dann müsste man sich doch erinnern können. Es sind dies durchaus berechtigte Einwände. Wir müssen zugeben, dass diese Behauptung nicht im Sinne eines physikalischen oder chemischen Experimentes bewiesen werden kann. Es ist vorläufig nur eine Hypothese. Aber es sprechen so viele Argumente dafür, dass die Vernunft, auch die eines Skeptikers, nicht umhin kann, ihr eine gewisse Wahrscheinlichkeit zuzusprechen.
Wenn wir die Ungleichheiten des Lebens in den Schicksalen der einzelnen Menschen beobachten, und dabei annehmen, dass ein jedes physische Dasein das einzige Erdenleben einer Seele ist, so müsste man mit Recht von einer Ungerechtigkeit sprechen. Not, Elend, schwere Krankheiten und anderes Leid auf der einen Seite, Wohlstand, materielles Glück und äussere Ehren auf der anderen Seite, dazwischen unendlich verschiedene Abwandlungen der persönlichen Verhältnisse können unmöglich im Jenseits in der so oft angenommenen Weise ausgeglichen werden.
Wenn es so wäre, dass die Armen und Elenden, wie es ihnen in Aussicht gestellt wird, in einen besseren Himmel kämen als die Glücklichen dieser Welt, dann würde aus der Daseinseinsebene, auf der die grösste Gerechtigkeit herrschen sollte, nämlich im Himmel, die grösste Ungerechtigkeit herrschen. Dann würden diejenigen die Betrogenen sein, die ohne ihr Dazutun um den Preis vergänglicher Illusionen ihrer ewigen Seligkeit verlustig gingen. Wenn die irdische Existenz des Menschen nur eine einmal zu machende Erfahrung in seiner Laufbahn darstellte, auf die als unvermeidliche Folge nach dem Tode entweder die ewige Glückseligkeit oder die ewige Verdammnis folgte, könnte man das Leben allerdings gar nicht anders als vom Standpunkt eines krassen Pessimisten auffassen. Dann wäre das Leben wirklich ohne Sinn.
Ziehen wir dagegen eine lange Reihe von Erdenleben, aus denen die Individualität des Menschen nach unserer Ansicht besteht, in Erwägung, können wir in den verschiedenen Schicksalen der Menschen das sinnvolle Walten einer gesetzmässigen göttlichen Gerechtigkeit erkennen.
Mit der Annahme der Lehre von der Wiederverkörperung können alle Phänomene im menschlichen Leben zufriedenstellend erklärt werden, während ohne sie alles rätselhaft erscheinen würde. Ohne die auf dieser Lehre beruhenden Erklärungen wären die in der Welt herrschenden ungleichen Zustände das Werk eines willkürlichen und ungerechten Schöpfers, und nicht das Resultat der Weisheit und Güte. Wir können auf diese Weise Phänomene erklären, für die die Wissenschaft bis heute noch keine befriedigenden Erklärungen hat. Nach dieser Lehre wissen wir, warum dieser ein Genie und jener ein Schwachkopf sein kann. Wir finden unter anderem eine Erklärung für die interessante Frage, warum sich eine Rasse noch auf der Stufe des Kannibalentums befindet, während sich die Angehörigen einer anderen Rasse bereits zu den höchsten Höhen menschlichen Wissens und sittlicher Reife emporgeschwungen haben.
Zum Unterschied von allen anderen Arten in der Natur finden wir beim Menschen, bei gleicher Physis, die grösste geistige und moralische Verschiedenheit. Die Vernunft sagt uns wieder, dass eine solche Verschiedenheit nicht im Willen eines weisen und gerechten Schöpfungsaktes liegen könne. Dem auf der untersten Entwicklungsstufe Stehenden nicht irgend eine Chance zu geben, einmal den Stand des geistig und moralisch hochentwickelte Menschen zu erreichen, würde eines gerechten Schöpfers, dessen Ebenbild der Mensch ist, unwürdig sein.
Hat die Wissenschaft eine befriedigende Erklärung für die Frühreife von Kindern, den sogenannten Wunderkindern?
Wir wagen das zu bezweifeln Wie kommt es, dass ein Mozart bereits mit 4 Jahren ein Wissen offenbarte, das ihn niemand gelehrt hatte, das ihn befähigte, seine musikalischen Gedanken in Kompositionen auszudrücken, die sich in vollkommener Übereinstimmung mit den Gesetzen der Harmonie befanden. Gesetze, deren Beherrschung sich andere Musiker erst in jahrelangen Studien erarbeiten müssen. Wie erklärt man sich die alles überragenden Fähigkeiten anderer Kinder, der Rechen-, Mal- und Sprachenwunder, der kindlichen Dirigenten grosser Orchester, die in der Lage sind, ganze Symphonien auswendig zu dirigieren?
Sie alle waren auf ihren Gebieten bereits Meister, als andere gleichaltrige Kinder mit Mühe die Anfangsgründe ihrer Muttersprache in sich aufnahmen. Damit, dass wir feststellen, dass ein Kind ein Genie ist, lösen wir die Frage nicht. Frühreife ist nach unserem Dafürhalten nur eine Erscheinungsart des Genies, das Genie selbst bedarf der Erklärung, ihm müssen wir auf anderen Wegen nachspüren. Woher kommen sie, die grossen Geister, die überragenden Persönlichkeiten auf den verschiedensten Wissensgebieten?
Sie sind zumeist die Abkömmlinge mittel mässig begabter Eltern und zugleich auch die ersten und letzten, die einzigen Genies in einer langen Geschlechterreihe. Niemand kann mit Hilfe des Gesetzes der Vererbung dieses Phänomen erklären, schon gar nicht die Geburt der grossen moralischen Genien, die in der Person eines Laotse, eines Buddha oder Christus dazu berufen waren, den Menschen ein höheres Wissen zu übermitteln, das ihnen den Weg weisen sollte aus ihrer geistigen Not. Woher kam die von ihnen gelehrte Weisheit, woher ihre grosse geistige Erkenntnis? Von der Wissenschaft bekommen wir auf alle diese Fragen keine befriedigende Antwort. Wenn auf dem Wege der Vererbung ein moralisches Genie hervorgebracht werden kann, dann müssen wir unserer Verwunderung Ausdruck geben, dass dieser Fall so selten eintritt. Es liessen sich noch viele Beispiele für die Berechtigung der Hypothese von der Wiederverkörperung anführen.
In der Lehre von der Wiederverkörperung finden wir jedenfalls einleuchtende und auch die Vernunftbefriedigende Erklärungen für alle Probleme im Leben des Menschen. Obgleich sich die Mehrzahl der Menschen auf ihrer jetzigen Entwicklungsstufe früherer Erdenleben nicht erinnern kann, gibt es doch einige, geistig über die dem Durchschnittsmenschen gezogenen Grenzen hinaus entwickelte Wesen, die sich nicht etwa unbestimmt oder ungenau, sondern sehr klar und deutlich auf frühere Verkörperungen besinnen können.
In diesem Zusammenhang dürfte es von Interesse sein, zu wissen, dass sich zu jeder Zeit die hervorragendsten Geister zu dieser Lehre bekannten. Plato, Empedokles, Plotinius, Parazelsus, Giordano Bruno, Jakob Böhme, Herder, Lessing, Fichte, Leibniz, Hegel, Schopenhauer, Richard Wagner und nicht zuletzt unsere Dichtergrössen Schiller und Goethe, sind uns allen vertraute Namen. Alle diese Männer erblickten in der Reinkarnationslehre die Lösung für die anders nicht lösbaren Rätsel in der Natur.
Und sehr ernst zu nehmende Forscher der neueren parapsychologischen Wissenschaft geben heute auf Grund ihrer experimentellen Forschungsergebnisse bereits zu, dass unser Leben nicht nur in der physischen Welt, sondern auch in anderen Welten existent sein muss.
Es erheben sich die Fragen: Wie sollen die durch Krankheit und Alter verbrauchten Körper wiedergeboren werden? Und warum wissen wir nichts von unseren früheren Existenzen? Nicht der zu Staub gewordene Körper wird wieder auferstehen, sondern der im Menschen wirkende Geist sucht sich, wenn er den verbrauchten Körper verlassen hat, wieder einen Körper mit Hilfe der physischen Eltern. Der Geist des Menschen stirbt nicht, er kehrt wieder und drückt dem neuen Körper seine charakteristischen Merkmale auf. So sagt auch die Bibel: "Komm wieder Menschenkind"; aber nicht, wie fälschlich übersetzt, als eine Auferstehung des Fleisches, sondern: eine Auferstehung im Fleische.
So wird auch die Reinkarnationslehre verständlich. Und warum können wir uns nicht an die früheren Verkörperungen erinnern? Wir hörten, dass sich unser physischer Körper aus dem vergangenen Leben aufgelöst hat, und dass wir nun einen neuen Körper bezogen haben. Erst, wenn wir die Fähigkeit erlangt haben werden, uns in unser höheres Ich, welches unsterblich ist, erheben zu können, dann wissen wir auch von unseren vergangenen Verkörperungen, denn die Erlebnisse der Vergangenheit sind dort als unser dauernder Besitz aufbewahrt. Das, was wir einst erlebten, kommt uns jetzt als Vernunft und Gewissen zum Bewusstsein.
So sagte auch Mabel Collins:
Das Gewissen ist unser Unbewusstes Wissen. Erst, wenn wir uns zu unserem höheren, göttlichen Wesen erheben können, erkennen wir unsere Vergangenheiten. Noch aber sind wir allzu fest mit dem jetzigen physischen Körper verbunden. Soviel über die Lehre von der Wiederverkörperung.
Wir konnten in dieses so wichtige und interessante Gebiet nur einen kleinen Einblick nehmen, und zwar nur insoweit, als dies zum Verstehen von Karma unerlässlich ist. Um Karma in seinem Wirken richtig zu verstehen, müssen wir ausser dem Verständnis für das Vorhergesagte auch über gewisse zugrundeliegende Prinzipien ganz klare Vorstellungen haben. Haben wir diese Vorstellungen nicht, so bleiben wir dauernd im Unklaren und es ergeben sich immer wieder die bekannten Fragen nach dem Warum für dieses und jenes. Das zugrundeliegende Prinzip, auf welchem alles Verstehen für Karma beruht, ist, dass das Karma-Gesetz ewig, unabänderlich und wandellos ist! Ein Gesetz, das weder übertreten noch gebrochen werden kann. Und darin liegt der wesentlichste Unterschied zwischen ihm und dem künstlichen, von Menschen gemachten Gesetz. Ein künstliches Gesetz ist eine von einer Autorität -- im allgemeinen einer gesetzgebenden Körperschaft -- erlassene Verordnung, die man als zu recht erlassen ansieht. Derartige Gesetze werden zum Schutze der Gesellschaft, zur Regelung des Wirtschaftslebens, eben überall da erlassen, wo das Wohl einer grösseren Gemeinschaft dieses erfordert. Das künstliche Gesetz kann jederzeit abgeändert, ergänzt oder auch wieder aufgehoben werden, zudem ist es örtlich gebunden. Auf Grund des künstlichen Gesetzes können Strafen verhängt werden, wenn der Staatsbürger sich in irgend einer Weise gegen die bestehende Ordnung vergangen hat. Alle diese Merkmale treffen bei dem Naturgesetz nicht zu; vor allem straft es nicht. Wer ein Naturgesetz nicht beachtet, straft sich selbst. Was ist nun ein Naturgesetz? Die Anrwort hierauf ist gar nicht so schwieg, wie es zunächst den Anschein hat. Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Feststellen von Bedingungen. Es ist eine Folge von Zuständen und Verhältnissen. Unter bestimmten Voraussetzungen folgen unfehlbar diese und jene Zustände.
Ein Naturgesetz können wir nicht brechen, aber wo es wirkt, da können wir uns einmischen, d. h. soweit wir das vermögen. Die Schwerkraft ist z. B. eine Bedingung, mit der wir rechnen müssen. Es steht aber einem jeden von uns frei, jeder Unbequemlichkeit oder Beschwer, die sie uns bereiten könnte, aus dem Wege zu gehen, und zwar dadurch, dass wir ihr eine andere Kraft entgegensetzen.
In der gesamten Bautechnik stützt man durch Pfeiler ab, was unter der Einwirkung des Gesetzes von der Schwerkraft zusammenbrechen würde. Wir setzen unentwegt die Kraft unserer Muskeln, und zwar ganz unbewusst ein, um das Gesetz der Schwerkraft zu überwinden, beim Ersteigen von Treppen, dem Heben von Lasten usw. Es ist eine Tatsache, dass das Berühren ungesicherter Leitungen für uns unfehlbar mit schädlichen Folgen verbunden ist, die wir aber vermeiden können, wenn wir unseren Körper in einer geeigneten Weise isolieren. Wir haben dann die nach dem Gesetz von der Elektrizität auftretenden uns schädlichen Energien vorübergehend gebunden.
Verstossen wir nun gegen die Naturgesetze, brechen wir sie oder heben wir sie gar auf.? Nein, nichts von alledem. Wir wenden nur unsere Intelligenz an, um für uns unbequeme oder schädliche Wirkungen aufzuheben, wir umgehen sie. Was folgt daraus? Wir ziehen daraus die Lehre, dass wir Kenntnisse besitzen müssen, dass wir unsere Intelligenz entwickeln und unser Wissen erweitern müssen, um die Bedingungen herauszufinden, unter denen ein Naturgesetz wirkt. Wissen wir das, so ist es nicht schwer, mit den auftretenden Problemen fertig zu werden. Letzten Endes ist unser heutiger hoher Zivilisationsstand ja nichts weiter als eine Folge der Kenntnis von den in der Natur waltenden Ursachen und ihren Wirkungen.
Das Gesetz ist unverletzlich, aber diese Unverletzlichkeit bindet uns nicht, sondern sie macht uns frei. Sie macht die Wissenschaft erst möglich und macht menschliche Anstrengungen und Bemühungen zu einer Angelegenheit der Logik und Vernunft. Wasserstoff und Sauerstoff ergeben in einem bestimmten Verhältnis zueinander nicht heute Wasser und morgen etwas anderes, sondern stets Wasser, und Feuer brennt uns nicht heute, und morgen macht es uns frieren. Und wenn Wasser zu einer Zeit flüssig und zu anderer Zeit fest oder in einer anderen Form in Erscheinung tritt, so liegt diese Veränderung an den umgebenden Verhältnissen. Werden die ursprünglichen Verhältnisse wieder hergestellt, so tritt damit auch der alte Zustand wieder ein. In einem gesetzlosen Weltall wären alle Bemühungen überflüssig und die Vernunft nutzlos. Der moderne Wissenschaftler bewegt sich heute in seinem Laboratorium absolut sicher, weil er die Wirkungsweise der Naturkräfte genau kennt.
In der Entfaltung unserer Intelligenz und in der Bereicherung unseres Wissens haben wir den Schlüssel zur Beherrschung der Natur. In dem Masse, wie wir diese Fähigkeiten weiter entwickeln, werden wir uns die Materie Untertan machen, nicht sie wird uns, sondern wir werden sie beherrschen. Wir werden dann erkennen, dass die Natur nicht gegen, sondern mit uns arbeitet, dass sie unsere grösste Helferin, unsere Dienerin im Kampf um unser Dasein ist. Jede neue Erfahrung über die Naturgesetze hinsichtlich ihres Wirkens bedeutet für den Menschen keine Einschränkung, sie ist vielmehr eine neue Macht in seiner Hand. Alle Energieformen der Natur werden zu Kräften, welche der Mensch für sich ausnutzen kann, sofern er sie in ihrer Wirkungsweise begreift.
Wissen ist Macht! Der Unwissende wird im Kampf gegen unabänderliche Gesetze hilflos umhertaumeln und straucheln, während der Wissende unbeirrt und unverwandt voranschreitet. Nur eines dürfen wir nicht ausser acht lassen, wenn wir in unseren Erkenntnissen nicht zu falschen Schlüssen kommen wollen, nämlich zu unterscheiden, wo eine wirkliche Beziehung zwischen zwei Zuständen, also echte Kausalität besteht und wo nicht. Die Aufeinanderfolge von Tag und Nacht ist z. B. nicht ursächlich. Der Tag ist keine Wirkung der Nacht und auch umgekehrt nicht. Sie folgen nur aufeinander, ihrer beider Ursache liegt in dem Verhältnis von der Erde zur Sonne begründet. Diese Unterscheidung bzw. das Erkennen echter Beziehungen ist überaus wichtig, besonders auf einem Gebiete, das wir gleich behandeln werden, der moralischen Ebene.
Was hat nun die etwas eingehende Erläuterung des Begriffes des Naturgesetze mit der Frage zu tun, ob das Schicksal gerecht ist? Inwieweit das Wissen um das Eine mit dem Verstehen um das Andere notwendig ist, werden wir jetzt sehen. Das, was wir eben eingehend besprochen haben, das Walten und Wirken der Naturgesetze auf der physischen Ebene, hat genau so Geltung auf den geistigen Ebenen, in den inneren Welten, der moralischen und der gedanklichen oder mentalen Ebene.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung hat überall da Geltung, wo Ursachen geschaffen werden und wo Ursachen auftreten, da folgen -- wie wir wissen -- konsequent auch Wirkungen. Der grosse Irrtum, in dem viele Menschen befangen sind, ist der, dass sie das Kausalgesetz in der physischen Welt wohl gelten lassen, auf Grund dieses Gesetzes sogar Vorausberechnungen und Spekulationen anstellen, sein Wirken auf anderen Ebenen dagegen entweder nicht erkennen oder, was noch schlimmer ist, gar in Abrede stellen. Und gerade darin, dass die Menschen nicht erkennen, dass das Gesetz auf allen Daseinsebenen wirksam ist, liegt die Ursache dafür, dass die Menschen oft so hilflos dem ihnen unverständlichen Walten der Schicksalsmächte gegenüberstehen und die Sprache des Schicksals nicht verstehen. Auch in den inneren Welten schaffen wir dauernd Ursachen, und die Wirkungen sind entsprechend den Ursachen, die wir gelegt haben, gut oder schlecht, genau wie in der physischen Welt. Es ist jetzt unschwer erkennbar, dass das Gesetz von Karma auf drei an sich verschiedenen, wenn auch ineinander verwobenen Ebenen wirkt.
Auf der mentalen oder Denkebene befinden sich die eigentlichen Schöpfer unseres Karmas, unsere Gedanken. Unsere Gedanken sind das Primäre, was ihnen folgt, die Wünsche und Taten, sind Sekundärerscheinungen. Sind die Gedanken gut, müssen es auch die folgenden Wünsche und Taten sein und genau umgekehrt. Wie die Ursache, so die Wirkung. Mit seiner eigenen Gedankenwelt, mit den Gebilden seiner Launen, Wünsche, Triebe und Leidenschaften bevölkert der Mensch, wo er geht und steht, den Raum.
Es lebt der Mensch normalerweise -- wie schon gesagt -- in drei Welten: in der physischen, der Gefühlswelt oder Astralwelt und in der Mentalwelt oder Gedankenwelt. Er kommt mit jeder in Berührung durch einen entsprechenden Körper dieser Ebenen. Dadurch schafft er in jeder Welt Folgen, und diese fallen in den Bereich des alles umfassenden Gesetzes von Karma. Wir haben 3 Faktoren im Geiste und 3 entsprechende Eigenschaften der Materie, um Karma zu schaffen: den Gedanken, den Wunsch und die Tat. Wir können unsere Wünsche ändern, wenn wir uns der Gedanken dienen, und so wird letzten Endes die Tat durch den Gedanken in Bewegung gesetzt. Die Tat, die Handlung ist das äussere Zeichen des unsichtbaren Gedankens und Wunsches, und seine Ausführung selbst gebiert neue Gedanken, neue Wünsche. Die 3 bilden einen Kreis, den man beständig wieder geht.
In der Vergangenheit bildeten wir den Charakter, mit welchem wir geboren worden sind; jetzt bilden wir den Charakter, mit dem wir sterben und mit dem wir wiederkehren werden. Das ist Karma.
Jeder wird mit einem Charakter geboren, und dieser Charakter ist der wichtigste Teil von Karma. Des Menschen Schicksal hängt in der Hauptsache von seinem Charakter ab. Ein starker Charakter kann die ungünstigsten Verhältnisse überwinden. Ein schwacher Charakter wird von den Umständen erdrückt und versagt gegenüber den geringsten Widerständen. Man wird mit einem gegebenen Charakter geboren, aber man kann ihn lernen, indem man seine Schwächen ausmerzt, seine Fehler ausrottet, seine guten Eigenschaften stärkt und seine Fähigkeiten vergrössert. Das Wissen, wie wir ihn ändern können, wird uns geboten, und jeder ist für sich selbst dieses Wissen ins Praktische umzusetzen. Zwei Teile von Karma bringen wir mit: unsere Gedankennatur und unsere Wunschnatur; die Keimneigungen haben wir in längst verflossener Vergangenheit geschaffen. In dem dritten Teil von Karma werden wir geboren, es ist der, welcher unsere Kraft, sich selbst zu äussern, begrenzt und uns einengt; unsere vergangenen Taten in Bezug auf die äussere ist wirken auf uns zurück als die Summe unserer Begrenzungen, unserer Umgebung, einschliesslich unseres physischen Körpers. Ererbte oder angeborene Krankheiten sind die Rückwirkung begangenen Fehler aus dem Vorleben. Es ist kein Zufall, wenn ein Trinker aus einem früheren Leben in eine Milieu geboren wird, in der Trunksucht, Nervenkrankheiten hinterlassen hat, Epilepsie und ähnliches. Der Ausschweifende kann in eine Familie geboren werden, die mit Krankheiten befleckt ist, welche sexuellen Lastern entspringen. Eine schlechte Vererbung ist die Rückwirkung unrechter Handlungen in der Vergangenheit. Die Nation und die Familie, in die ein Mensch geboren wird, gewähren ihm das an- und zugemessene Feld zur Entfaltung der Fähigkeiten, deren er bedarf, oder zum Ausüben von Fähigkeiten, die er erworben hat und die jetzt nötig sind, um an den Platz und zu dieser Zeit anderen zu helfen. Es ist daher wesentlich, sich darüber klar zu werden, dass Gedanken lebendige, wirkende Kräfte sind. Eine unserer wichtigsten Aufgaben sollte es daher sein, die Gedanken zu überwachen, nicht allein deshalb, weil sie die Väter unserer Wünsche und Taten sind, sondern vor allem auch deshalb, weil die von uns gezeugten Gedankenformen auf andere überströmen und sie beeinflussen.
Und insoweit tragen wir gegenüber unseren Mitmenschen eine hohe Verantwortung. Wie gross die daraus erwachsende Verantwortung sein kann, das sehen wir am Beispiel des Schriftstellers oder der Arbeit politischer Führer, deren Wirken eine ungeheuere Breitenwirkung zur Folge hat.
Goethe sagt in poetischer Form hierzu folgendes:
Auch deine heimlichen Gedanken seien rein,
Sie sind voll Kraft und wirken im Verein,
Dass Wort und Schicksal sich nach ihnen formen:
So wunderbar sind Gottes Normen. Und in den heiligen Schriften der Inder wird gesagt: Der Mensch ist ein Geschöpf des Nachdenkens; worüber er in diesem Leben nachdenkt, das wird er im nächsten Leben sein. Es ist irrig anzunehmen, dass ein nicht in die Tat umgesetzter Gedanke sich in ein Nichts auflöst. Jeder Gedanke wirkt sich zu einer Zeit aus. Gedanken sind tätige Wesen, und bestimmte Gedanken haben das Bestreben, immer wieder zu dem zurückzukehren, der sie erzeugt und ausgesandt hat. Hierdurch tritt eine Verdichtung der Gedanken ein, sie komprimieren sich, und zwar in einem Masse, dass sie endlich über das Ventil der Wünsche zur Tat drängen. Wird also eine bestimmte Handlung in Gedanken beständig wiederholt, dann wird sie schliesslich auf der physischen Ebene automatisch nachgeahmt. Aus allem, was wir denken, wollen und tun, bleibt ein Extrakt zurück der sich in seinen feinsten Elementen unserer Individualität einverleibt. Unsere irdischen Erfahrungen werden zur inneren Stimme, die wir leider so oft überhören. Um unser Gedankenleben zu ordnen, bedarf es allerdings erheblicher Anstrengungen; das ist nicht so leicht, wie man oft glaubt. Der Wunsch allein hierzu genügt nicht. Wir müssen daran arbeiten und uns immer wieder bemühen, unsere Gedanken rein zu halten. Wenn wir dieses Ziel beharrlich verfolgen, wird der Lohn für unsere Mühen auch nicht ausbleiben; was wir anstreben, werden wir erreichen. Und nun zum Karma selbst. Wir unterscheiden verschiedene Arten von Karma:
Das reife, alte Karma,
das unreife, alte Karma,
das neue Karma,
das kollektive Karma.
Das reife Karma ist das Ergebnis all der Ursachen, die wir in verflossenen Erdenleben gelegt haben, es ist reif zur Ernte. Es ist unvermeidlich, ihm können wir nicht entgehen, und wir müssen uns mit ihm als mit einer unabänderlichen Tatsache abfinden. Von dem Mass an Verstehen, Einsicht und Geduld, das wir ihm gegenüber aufbringen, wird es abhängen, wann wir es abgetragen haben, wann wir von ihm erlöst werden.
Das unreife Karma, was noch der Auswirkung harrt, erkennen wir in unserem Charakter. Von dem Gesamtkarma, das ein Mensch zu tragen hat, kann innerhalb eines Erdenlebens nur immer ein gewisser Teil abgetragen werden. Die unterschiedlichen karmischen Verpflichtungen, die wir haben, können nicht in einem physischen Körper erschöpft werden, dazu bedarf es verschiedener Körpertypen.
Es gibt ein Karma, das uns Verpflichtungen gegenüber anderen Seelen auferlegt, die oft nicht zur gleichen Zeit mit uns verkörpert sind.
Dann wieder gibt es Karma, das nur in bestimmten Rassen oder Nationen ausgetilgt werden kann. In einem Leben kann also immer nur ein bestimmter Teil seinen karmischen Ausgleich finden. Hieraus ergibt sich für die Vernunft die Folgerung, dass es auch eine Möglichkeit geben müsse diesen Ausgleich herbeizuführen. Diese Möglichkeit haben wir dann gefunden, wenn wir die Wiederverkörperungslehre der Seele als Realität gelten lassen.
Das neue Karma ist das, welches wir durch unser gegenwärtiges Denken, Fühlen und Handeln hervorrufen. Es sind die Ursachen für künftige Folgen.
Karma schreibt die Handlungen, die jemand begehen soll, nicht vor. Von dem Gesetz werden nur die Bedingungen gegeben, unter denen das Wirken des Menschen stattfindet. Dem Menschen ist vollkommen freie Hand gelassen, ob er sich dem Gesetz fügen will oder nicht. Fügt er sich nicht, so muss er die Folgen der Gesetzesübertretung tragen und insoweit hat der Mensch gegenüber Karma einen freien Willen. Dasselbe gilt auch für den entgegengesetzten Fall, wo einem Menschen die günstigsten äusseren Verhältnisse beschieden sind. Auch hier hängt es davon ab, welchen Gebrauch er von den ihm gebotenen Möglichkeiten macht. Die glücklichen Umstände können seine Entwicklung fördern und insoweit hat er es leichter. Es kann aber auch sein, dass ihn das materielle Glück übermütig macht, dass es schlechten Neigungen Vorschub leistet und seine Entwicklung rückläufig wird.
Zwischen diesen beiden Extremen, die ich hier anführte, liegen nun alle Kombinationen von Notwendigkeit und freiem Willen, die die inneren Kämpfe bilden, deren wir uns so oft bei Gewissensentscheidungen bewusst werden. Wir belohnen oder bestrafen uns selbst, sagte H. P. Blavatsky, je nachdem wir entweder mit, mittels und gemäss der Natur wirken, indem wir den Gesetzen, von denen die Harmonie abhängt, gehorchen oder sie brechen.
Als letzte Art von Karma gibt es das Kollektivkarma. Unter Kollektivkarma verstehen wir das Karma, welches auch auf Gemeinschaften zutrifft. Jede Gemeinschaft wie Familie, Volk und die Menschheit als Ganzes hat ihr Karma. Darum ist jeder verantwortlich für die Gemeinschaft, in der er lebt und wirkt. Wenn wir uns zu der Lehre von der Einheit in allen Dingen bekennen, wird uns auch die Vorstellung von einer Gruppe, als einem grösseren Individuum nicht schwer fallen. Die Grösse der Gruppe ist dabei unerheblich. Solche grossen Individuen oder Gruppenwesen erzeugen genauso Karma wie der Einzelne. Das von ihnen gelegte Karma muss sich auch nach ähnlichen Richtlinien auswirken, wie das beim Einzelwesen der Fall ist. Wer Karma in seinem Walten und Wirken richtig versteht, bekommt eine andere Einstellung zu der Frage von der Gerechtigkeit im Schicksal des Menschen. Er muss erkennen, dass er an dem, was ihn trifft, selbst die Schuld trägt, genauso, wie er auch weiss, dass gute Taten ihren Lohn finden. Das geschieht unabhängig davon, ob das einzelne Geschehen im Gegenwärtigen oder in einem früheren Leben verursacht wurde.
Jetzt wird auch der tiefere Sinn der Schlussworte des Propheten Moses verständlich, die er im Anschluss an die Verkündigung der 10 Gebote an das jüdische Volk richtete, als er sagte:
"Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied." Die Väter, von denen Moses sprach, sind wir selbst in unseren früheren Verkörperungen, und heute büssen wir als unsere eigenen Kinder das, was wir einst verursacht haben.
Was bindet uns nun an Karma? Das Begehren! Das Begehren, die Folge unserer Gedanken, ist das bindende Element im Karma. Sobald die Persönlichkeit aufgehört hat, etwas zu begehren, was ihr die Erde oder der Himmel bieten kann, zerreisst auch das Band, das sie zur Wiederverkörperung zwingt. Wir erkennen nunmehr, dass die schöpferische Tätigkeit des Menschen im Denken liegt, insoweit ist der Mensch der Schöpfer seines Schicksals; es trifft ihn nichts, was er nicht selbst verursacht hätte, und darum ist das Schicksal gerecht. Wir können uns zwar von den Folgen der von uns in der Vergangenheit gezeugten Ursachen nicht befreien, weil das Gesetz der Wiedervergeltung von keinem umgangen werden kann, aber wir können unser zukünftiges Schicksal -- und das ist das Tröstliche und Versöhnende -- weitgehend beeinflussen und gestalten, indem wir das Böse meiden und das Gute tun, geduldig im Unglück und nicht übermütig im Glück sind, indem wir den Moralgesetzen unserer grossen Religionsführer nachleben und das Gesetz der Liebe erfüllen.
Die Menschen leiden aus Unwissenheit und Nichterkenntnis. Solange sie nicht erkannt haben, dass sie die Ursachen all ihres Leidens und Elends nicht in anderen Menschen, in Verhältnissen oder Umgebungen, sondern bei sich selbst suchen müssen, werden sie auch nicht frei werden.
Nicht durch Geburt wird man ein Sklave, nicht durch Geburt wird man ein Heiliger, sondern allein durch Lebensführung.
Gewissen und Vernunft sind die einzigen Führer auf dem Wege zur Freiheit, sie sind die Offenbarungen des göttlichen Willens in uns, denen wir willig folgen sollten. Wir müssen erstreben, Karma in uns als einen Bewußtseinszustand zu empfinden, nur so können wir zur Erlösung kommen. Wer sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen hat, wandelt auf dem rechten Pfad, dem Pfad, auf dem die suchende Seele zurücksendet zu Gott, dem Vater aller Dinge.
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