Was uns in der I. T. V. und deren engeren Kreisen und
Gemeinschaften, besonders auch in den Studienklassen, miteinander
verbindet, ist Bruderschaft. Bruderschaft ist das gemeinsame Band, das
alle Mitglieder der I. T. V. innerlich wie äußerlich, sowohl physisch
wie auch seelisch und geistig miteinander zu einer Einheit verbindet
und vereinigt.
Dazu, dass den Mitgliedern die Einheit ihres Bundes immer mehr
bewusst werde, mögen folgende Ausführungen dienen:
Was ist Bruderschaft?
Bruderschaft ist, wie der Name sagt, die gemeinsame Natur der
Geschöpfe auf Grund ihrer gemeinsamen Abstammung.
Dies gilt in bezug auf alle Wesen des Weltalls. Alle haben eine
gemeinsame Natur und einen gemeinsamen Ursprung. Also ist
Bruderschaft die wahre Natur des Alls.
Der gemeinsame Ursprung aller Geschöpfe ist der allgegenwärtige
Kaum, die Gottheit (das Parabrahm, die Mulaprakrifi). Der Raum ist
der Mutterschoss aller Wesen, das Lebensmeer, der Ozean alles
Lebens. Der Raum ist beides: Vater und Mutter in Einem.
Parabrahm kann als der Vater des Weltalls bezeichnet werden, obgleich
diese Bezeichnung ihn einschränkt. Mulaprakrifi, die stoffliche Natur
des Raumes, ist die gemeinsame Mutter aller Geschöpfe und zugleich
deren gemeinsame Natur, die Allmutter oder Allseele, welche alle ihre
Kinder umschlingt, bildlich gesprochen, in ihren Armen hält und
ernährt.
Das Weltall ist daher, geistig betrachtet, Bruderschaft.
*
Wenn wir die Wesen befrachten, die zu einer Einheit verbunden sind,
sprechen wir von einer Brüderschaft. Wir können mit Recht das All
eine Brüderschaft nennen, wenn auch den untermenschlichen Wesen
die Bruderschaft nicht zum Bewusstsein kommt.
Die »Brüderschaff des Alls« umfasst alle Geschöpfe auf den sieben
Stufen des Daseins vom Atom bis zu den Sonnengöttern.
Am Anfang der Schöpfung stiegen alle Geschöpfe als göttliche Strahlen
(Ideen, Monaden) aus dem Schoss der Gottheit, ihrer göttlichen Mutter,
der Tiefe und Finsternis des Raumes, in welchem sie während der
Weltnacht (Pralaya) geruht hatten, in das Licht empor (bildlich
gesprochen) unter der Leitung des obersten Strahles (Atma), der sie aus
dem Ruhezustand (Chaos) erweckte, in dem sie Billionen Jahre
zugebracht hatten.
Jeder dieser Licht- oder Urstrahlen ist ein Gott, daher ist das Weltall
eine Summe von Göttern auf den sieben Stufen des Daseins. Sie alle
haben die Aufgabe, das Weltall auf dem Weg der Entwicklung vom
Atom bis zu den Sonnen- und Milchstrassensystemen aufzubauen und
zu leiten. Also ist das AU eine Gemein-
schaff oder Brüderschaft von Göttern unter der Leitung des obersten
Gottes (Atma), der sie mit seinem Geist umfasst, durchdringt und
belebt.
Die Götter sind in sieben Gruppen eingeteilt, die Schöpferhierarchien
genannt werden, von denen Jede unter der Leitung ihres obersten
Gottes steht.
Jede der sieben Schöpferhierarchien bildet für sich eine Brüderschaft,
denn sie haben eine gemeinsame Natur, einen gemeinsamer! Geist und
einen gemeinsamen Ursprung.
*
Eine (die vierte) der Schöpferhierarchien bilden die Menschen. Jeder
Mensch ist ein verkörperter Gott, der während seiner Verkörperung an
das Kreuz seiner Persönlichkeit gefesselt ist. Die Menschengötter
waren anfangs, gleich den anderen Götterhierarchien, Bewohner auf der
geistigen Ebene des Weifenraumes, der sich zwischen den Planeten
ausbreitet. Infolge ihrer Selbstsucht und ihres Selbstwahnes wurden sie
auf die Erde herabgeschleudert (bildlich gesprochen), um sich auf dem
Wege des Leides und der Entwicklung vom Selbstwahn und der
Selbstsucht zu befreien und das Dienen zu lernen, um bewusste
Mitarbeiter der Weltschöpfung, Welterhaltung und Weitregierung zu
werden.
Die Menschengötter bilden auch auf Erden eine solidarische
Gemeinschaff oder Brüderschaft, von der sich keiner willkürlich
trennen kann, bevor er nicht die Vollendung erlangt hat.
•
Die Menschheit ist aber für die göttlichen Strahlen auch nur ein
Durchgang, eine Brücke, eine Stufe in ihrer Entwicklung.
Vor ihrem Eintritt in das Menschenreich belebten die Strahlen die
niederen Naturreiche, und nach ihrer Vollendung als Gottmenschen
werden sie ihre Entwicklung auf höheren Stufen in höheren
Naturreichen, als Planeten- und Sonnengötter fortsetzen.
Es ist notwendig, dass die Menschen wissen, dass sie Brüder und
Götter sind, und dass es ihre Aufgabe ist, die Bruderschaft ihrer Natur
zu erkennen und in ihrem Leben, in ihrem Denken und Handeln, zu
verwirklichen.
Die gemeinsame Natur aller Menschen nennen wir das Menschentum.
Nunmehr wird es uns leicht sein, die sechsfache Natur der Bruderschaff
zu verstehen. Wir wollen sie kurz befrachten.
1. Bruderschaft ist bewusstes Menschentum.
Die gemeinsame Natur aller Menschen ist der Träger des Geistes, der
die Menschheit umfasst, durchdringt und belebt. Der Geist der
Menschheit ist der Gott der höheren Einheit, der leitende Gott aller
Menschensöhne, der Gott mit dem alle Menschen eins werden müssen,
indem sie die Stufe Seiner Entwicklung, Seines Willens und Seiner
Macht erreichen.
Der gemeinsame Geist der Menschheit ist der Eine Gott, den jeder
Mensch anbeten soll. Aber er darf ihn nicht äußerlich, nicht objektiv
verehren, indem er sich von ihm äussere oder innere Bilder macht,
sondern er muss ihn in seiner Seele anbeten als reinen Geist, als den
Geist der Liebe und Harmonie, der im Herzen eines jeden Menschen
und jeden Wesens wohnt.
Die Bruderschaft der Menschheit, das bewusste Menschentum, ist die
nächste Stufe, die jeder Mensch auf seinem Weg durch den unendlichen
Raum erreichen muss.
Der zweite Aspekt der Bruderschaft ist Liebe. 2. Bruderschaft ist Liebe.
Das Bruderschaftsbewusstsein ist nicht nur die Erkenntnis der höheren
Einheit, sondern zugleich der Wille der höheren Einheit; denn
Erkenntnis und Wille sind nur die beiden Seiten einer Einheit. Und den
Willen der Einheit nennen wir Liebe. Daher ist Bruderschaft Liebe.
Und die Entwicklung der Bruderschaft besteht in der Erweiterung der
Liebe. Die Bruderschaft der Menschheit ist allgemeine Menschenliebe,
die Liebe zur Gattung Mensch, nicht die beschränkte Liebe der
Persönlichkeit zu einer anderen.
Der dritte Aspekt der Bruderschaft ist Religion. 3. Bruderschaft ist
Religion.
Religion ist der auf die Vereinigung mit der höheren Einheit gerichtete
Wille. Und dieser höhere Wille im Menschen ist eine Offenbarung
seines Menschentums. Ohne das Menschentum im Menschen gäbe es
keine Religion, und ohne Religion gibt es für den Menschen keinen
Aufstieg zum Göttlichen, dem Geiste der Menschheit. Religion ist der
Wille zur der Bruderschaff, der nach Vollendung strebt. Eine Religion
ohne Bruderschaft gibt es nicht, sondern ist Einbildung, Schwärmerei
und Verbrechen.
Religion. Bruderschaft und Liebe sind nur die Aspekte derselben
Einheit. Aspekte des bewussten Menschentums.
Das Menschentum entwickelt sich nach diesen drei Aspekten. Mit der
Erweiterung der Liebe steigert sich das Bruderschaftsbewusstsein und
entwickelt sich die Religion, die Vereinigung mit dem Geist der
Menschheit.
*
Wir können die Bruderschaft auch noch nach anderen Gesichtspunkten
betrachten.
4. Bruderschaft ist das Gesetz der Menschennatur. Bruderschaft ist
nicht eine zufällige und wechselnde Eigenschaff des Menschentums,
sondern diesem wesentlich, also das Gesetz der Menschennatur
oder deren Wille.
*
5. Bruderschaft ist Sittlichkeit.
Sittlichkeit bezeichnet das gegenseitige Verhältnis zwischen Mensch zu
Mensch, die Stellung, die ein Mensch zu seinen Mitmenschen
einnimmt. Die Natur der Sittlichkeit ist Liebe und zwar die persönliche
Liebe, d. i. die Liebe auf der persönlichen Lebensstufe, auf den vier
niederen Stufen ihrer Entwicklung.
Auf den Stufen der All-Liebe spricht man nicht von Sittlichkeit. Die
All-Liebe schliesst alle Tugenden ein, steht also über den Tugenden,
jenseits von gut und böse.
Auf den unteren Stufen des Menschentums, den vier Stufen des
persönlichen Lebens, ist Bruderschaft Sittlichkeit. Sittlichkeit ist
Gesinnung, nicht eine äussere Handlung oder Gesittung. Sie wirkt sich
als Tugend aus. Die sieben Tugenden (Barmherzigkeit usw.) sind die
Formen der Sittlichkeit oder allgemeinen Menschenliebe und zugleich
notwendige Stufen in der Entwicklung der Menschheit (Sattwa-stufe,
Edelmenschentum). Sie bilden die Sprossen der Himmelsleiter, ohne
welche die geistige Welt, das Reich der göttlichen Selbsterkenntnis,
nicht erreicht werden kann.
6. Bruderschaft ist Gebet ohne Unterlass.
Wer sich seiner Bruderschaft mit den Mitmenschen bewusst ist und
seine Mitmenschen als Brüder betrachtet, bejaht damit die höhere
Einheit, die gemeinsame Natur, den Geist der Menschheit, das Gesetz
der Harmonie und Liebe. Diese höhere, geistige und sittliche
Einstellung des Menschen ist nichts anderes ais Gebet. Das Gebet ist
nicht ein Verlangen und Betteln, wodurch der Geist in die
Persönlichkeit herabgezogen wird, sondern die Erhebung des Willens
zur Einheit des Menschentums und des Alls.
Und Bruderschaft soll und darf nicht ein vorübergehender Zustand sein
und bleiben, sondern muss den ganzen Menschen, die ganze
Persönlichkeit durchdringen und zur Grundlage des Lebens, des
Denkens und Handelns werden. Dann ist Bruderschaft Gebet ohne
Unterlass.
In kurzen Worten ist dargelegt worden, dass die Bruderschaft das
gemeinsame Band ist. das alle Mitglieder der I. T. V. miteinander
physisch, seelisch und geistig verbindet. Ferner wurde gesagt:
Das All ist eine Brüderschaft geistiger Wesen auf den verschiedenen
Stufen des Daseins.
Die Menschheit ist eine Brüderschaff der göttlichen Strahlen auf der
Stufe des Menschentums.
Es ist die Aufgabe des in der menschlichen Persönlichkeit gekreuzigten
Gottes, das Gesetz; der Bruderschaft in seinem Willen und durch sein
Leben zu verwirklichen, indem er für die Verbrüderung der Menschheit
ohne Unterlass wirkt.
Die Bruderschaft kann also nach sechs verschiedenen Aspekten
betrachtet werden. Sie hat eine sechsfache Natur:
Bruderschaft ist bewusstes Menschentum. Bruderschaft ist allgemeine
Menschenliebe. Bruderschaft ist die Eine Religion. Bruderschaft ist das
Gesetz der Menschennatur. Beuderschaft ist Sittlichkeit. Bruderschaft
ist Gebet ohne Unterlass.
Bruderschaft hat ais solche nichts zu tun mit einem Glaubensbekenntnis
und dem Glauben an ein Leben nach dem Tode und an Götter, mit
Okkultismus und anderen Lehren, sondern ist die höchste
Lebenspraxis.*)
Die Mitgliedschaff im Weltbunde der I. T. V. ist frei von jeder
Bindung. Sie hebt die persönlichen Lebensverhältnisse wie Rasse und
Nationalität, Stand und Beruf. Konfession und Geschlecht nicht auf,
sondern adelt und heiligt sie und stellt sie in den Dienst der Menschheit,
des höchsten Ideals.
Das Bewusstsein der Bruderschaft ist das wichtigste Erziehungsmittel
der Menschheit.*)
*
Möge in jedem Mitglied der Verbrüderung das Bewusstsein und der
Wille der Bruderschaft immer lebendiger und bewusster werden, dass
es immer mehr Kraft gewinne, mitzuarbeiten an dem grossen Werke
der Menschheitsverbrüderung und der Erlösung seiner Brüder vom
Joche des Daseins, auf dass alle einst die Stufe des freien Menschen,
eines freien Gottes, das Gottmenschentum erreichen !
Weihnachten, die Geburt der Selbsterkenntnis, ist die erste Stufe zur
Freiheit.
Erleuchtung und Friede allen Brüdern!
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*) Weitere Aufklärung eben die Schriften von Hermann Rudolph: Das
Menschentum, seine Natur und Erziehung -- Derselbe, Religion ist
Bruderschaft.
**) Sympathie-Erklärungen versendet kostenfrei die Geschäftsstelle in
Leipzig, Königstrasse 12.