INTERNATIONALE THEOSOPHISCHE VERBR
ÜDERUNG (ITV)

Hauptquartier: LEIPZIG, Königstrasse 12
(1927)


Was ist Bruderschaft?

Von Hermann Rudolph



Was uns in der I. T. V. und deren engeren Kreisen und Gemeinschaften, besonders auch in den Studienklassen, miteinander verbindet, ist Bruderschaft. Bruderschaft ist das gemeinsame Band, das alle Mitglieder der I. T. V. innerlich wie
äußerlich, sowohl physisch wie auch seelisch und geistig miteinander zu einer Einheit verbindet und vereinigt.
Dazu, dass den Mitgliedern die Einheit ihres Bundes immer mehr bewusst werde, m
ögen folgende Ausführungen dienen:
Was ist Bruderschaft?

Bruderschaft ist, wie der Name sagt, die gemeinsame Natur der Gesch
öpfe auf Grund ihrer gemeinsamen Abstammung.
Dies gilt in bezug auf alle Wesen des Weltalls. Alle haben eine gemeinsame Natur und einen gemeinsamen Ursprung. Also ist Bruderschaft die wahre Natur des Alls.

Der gemeinsame Ursprung aller Gesch
öpfe ist der allgegenwärtige Kaum, die Gottheit (das Parabrahm, die Mulaprakrifi). Der Raum ist der Mutterschoss aller Wesen, das Lebensmeer, der Ozean alles Lebens. Der Raum ist beides: Vater und Mutter in Einem.
Parabrahm kann als der Vater des Weltalls bezeichnet werden, obgleich diese Bezeichnung ihn einschr
änkt. Mulaprakrifi, die stoffliche Natur des Raumes, ist die gemeinsame Mutter aller Geschöpfe und zugleich deren gemeinsame Natur, die Allmutter oder Allseele, welche alle ihre Kinder umschlingt, bildlich gesprochen, in ihren Armen hält und ernährt.
Das Weltall ist daher, geistig betrachtet, Bruderschaft.

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Wenn wir die Wesen befrachten, die zu einer Einheit verbunden sind, sprechen wir von einer Br
üderschaft. Wir können mit Recht das All eine Brüderschaft nennen, wenn auch den untermenschlichen Wesen die Bruderschaft nicht zum Bewusstsein kommt.
Die »Br
üderschaff des Alls« umfasst alle Geschöpfe auf den sieben Stufen des Daseins vom Atom bis zu den Sonnengöttern.
Am Anfang der Sch
öpfung stiegen alle Geschöpfe als göttliche Strahlen (Ideen, Monaden) aus dem Schoss der Gottheit, ihrer göttlichen Mutter, der Tiefe und Finsternis des Raumes, in welchem sie während der Weltnacht (Pralaya) geruht hatten, in das Licht empor (bildlich gesprochen) unter der Leitung des obersten Strahles (Atma), der sie aus dem Ruhezustand (Chaos) erweckte, in dem sie Billionen Jahre zugebracht hatten.
Jeder dieser Licht- oder Urstrahlen ist ein Gott, daher ist das Weltall eine Summe von G
öttern auf den sieben Stufen des Daseins. Sie alle haben die Aufgabe, das Weltall auf dem Weg der Entwicklung vom Atom bis zu den Sonnen- und Milchstrassensystemen aufzubauen und zu leiten. Also ist das AU eine Gemein-
schaff oder Br
üderschaft von Göttern unter der Leitung des obersten Gottes (Atma), der sie mit seinem Geist umfasst, durchdringt und belebt.
Die G
ötter sind in sieben Gruppen eingeteilt, die Schöpferhierarchien genannt werden, von denen Jede unter der Leitung ihres obersten Gottes steht.
Jede der sieben Sch
öpferhierarchien bildet für sich eine Brüderschaft, denn sie haben eine gemeinsame Natur, einen gemeinsamer! Geist und einen gemeinsamen Ursprung.
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Eine (die vierte) der Sch
öpferhierarchien bilden die Menschen. Jeder Mensch ist ein verkörperter Gott, der während seiner Verkörperung an das Kreuz seiner Persönlichkeit gefesselt ist. Die Menschengötter waren anfangs, gleich den anderen Götterhierarchien, Bewohner auf der geistigen Ebene des Weifenraumes, der sich zwischen den Planeten ausbreitet. Infolge ihrer Selbstsucht und ihres Selbstwahnes wurden sie auf die Erde herabgeschleudert (bildlich gesprochen), um sich auf dem Wege des Leides und der Entwicklung vom Selbstwahn und der Selbstsucht zu befreien und das Dienen zu lernen, um bewusste Mitarbeiter der Weltschöpfung, Welterhaltung und Weitregierung zu werden.
Die Menscheng
ötter bilden auch auf Erden eine solidarische Gemeinschaff oder Brüderschaft, von der sich keiner willkürlich trennen kann, bevor er nicht die Vollendung erlangt hat.

Die Menschheit ist aber f
ür die göttlichen Strahlen auch nur ein Durchgang, eine Brücke, eine Stufe in ihrer Entwicklung.
Vor ihrem Eintritt in das Menschenreich belebten die Strahlen die niederen Naturreiche, und nach ihrer Vollendung als Gottmenschen werden sie ihre Entwicklung auf h
öheren Stufen in höheren Naturreichen, als Planeten- und Sonnengötter fortsetzen.
Es ist notwendig, dass die Menschen wissen, dass sie Br
üder und Götter sind, und dass es ihre Aufgabe ist, die Bruderschaft ihrer Natur zu erkennen und in ihrem Leben, in ihrem Denken und Handeln, zu verwirklichen.
Die gemeinsame Natur aller Menschen nennen wir das Menschentum.

Nunmehr wird es uns leicht sein, die sechsfache Natur der Bruderschaff zu verstehen. Wir wollen sie kurz befrachten.

1. Bruderschaft ist bewusstes Menschentum.

Die gemeinsame Natur aller Menschen ist der Tr
äger des Geistes, der die Menschheit umfasst, durchdringt und belebt. Der Geist der Menschheit ist der Gott der höheren Einheit, der leitende Gott aller Menschensöhne, der Gott mit dem alle Menschen eins werden müssen, indem sie die Stufe Seiner Entwicklung, Seines Willens und Seiner Macht erreichen.
Der gemeinsame Geist der Menschheit ist der Eine Gott, den jeder Mensch anbeten soll. Aber er darf ihn nicht
äußerlich, nicht objektiv verehren, indem er sich von ihm äussere oder innere Bilder macht, sondern er muss ihn in seiner Seele anbeten als reinen Geist, als den Geist der Liebe und Harmonie, der im Herzen eines jeden Menschen und jeden Wesens wohnt.
Die Bruderschaft der Menschheit, das bewusste Menschentum, ist die n
ächste Stufe, die jeder Mensch auf seinem Weg durch den unendlichen Raum erreichen muss.
Der zweite Aspekt der Bruderschaft ist Liebe. 2. Bruderschaft ist Liebe.

Das Bruderschaftsbewusstsein ist nicht nur die Erkenntnis der h
öheren Einheit, sondern zugleich der Wille der höheren Einheit; denn Erkenntnis und Wille sind nur die beiden Seiten einer Einheit. Und den Willen der Einheit nennen wir Liebe. Daher ist Bruderschaft Liebe. Und die Entwicklung der Bruderschaft besteht in der Erweiterung der Liebe. Die Bruderschaft der Menschheit ist allgemeine Menschenliebe, die Liebe zur Gattung Mensch, nicht die beschränkte Liebe der Persönlichkeit zu einer anderen.

Der dritte Aspekt der Bruderschaft ist Religion. 3. Bruderschaft ist Religion.

Religion ist der auf die Vereinigung mit der h
öheren Einheit gerichtete Wille. Und dieser höhere Wille im Menschen ist eine Offenbarung seines Menschentums. Ohne das Menschentum im Menschen gäbe es keine Religion, und ohne Religion gibt es für den Menschen keinen Aufstieg zum Göttlichen, dem Geiste der Menschheit. Religion ist der Wille zur der Bruderschaff, der nach Vollendung strebt. Eine Religion ohne Bruderschaft gibt es nicht, sondern ist Einbildung, Schwärmerei und Verbrechen.
Religion. Bruderschaft und Liebe sind nur die Aspekte derselben Einheit. Aspekte des bewussten Menschentums.

Das Menschentum entwickelt sich nach diesen drei Aspekten. Mit der Erweiterung der Liebe steigert sich das Bruderschaftsbewusstsein und entwickelt sich die Religion, die Vereinigung mit dem Geist der Menschheit.

*

Wir k
önnen die Bruderschaft auch noch nach anderen Gesichtspunkten betrachten.
4. Bruderschaft ist das Gesetz der Menschennatur. Bruderschaft ist nicht eine zuf
ällige und wechselnde Eigenschaff des Menschentums, sondern diesem wesentlich, also das Gesetz der Menschennatur oder deren Wille.
*

5. Bruderschaft ist Sittlichkeit.

Sittlichkeit bezeichnet das gegenseitige Verh
ältnis zwischen Mensch zu Mensch, die Stellung, die ein Mensch zu seinen Mitmenschen einnimmt. Die Natur der Sittlichkeit ist Liebe und zwar die persönliche Liebe, d. i. die Liebe auf der persönlichen Lebensstufe, auf den vier niederen Stufen ihrer Entwicklung.
Auf den Stufen der All-Liebe spricht man nicht von Sittlichkeit. Die All-Liebe schliesst alle Tugenden ein, steht also
über den Tugenden, jenseits von gut und böse.
Auf den unteren Stufen des Menschentums, den vier Stufen des pers
önlichen Lebens, ist Bruderschaft Sittlichkeit. Sittlichkeit ist Gesinnung, nicht eine äussere Handlung oder Gesittung. Sie wirkt sich als Tugend aus. Die sieben Tugenden (Barmherzigkeit usw.) sind die Formen der Sittlichkeit oder allgemeinen Menschenliebe und zugleich notwendige Stufen in der Entwicklung der Menschheit (Sattwa-stufe, Edelmenschentum). Sie bilden die Sprossen der Himmelsleiter, ohne welche die geistige Welt, das Reich der göttlichen Selbsterkenntnis, nicht erreicht werden kann.
6. Bruderschaft ist Gebet ohne Unterlass.

Wer sich seiner Bruderschaft mit den Mitmenschen bewusst ist und seine Mitmenschen als Br
üder betrachtet, bejaht damit die höhere Einheit, die gemeinsame Natur, den Geist der Menschheit, das Gesetz der Harmonie und Liebe. Diese höhere, geistige und sittliche Einstellung des Menschen ist nichts anderes ais Gebet. Das Gebet ist nicht ein Verlangen und Betteln, wodurch der Geist in die Persönlichkeit herabgezogen wird, sondern die Erhebung des Willens zur Einheit des Menschentums und des Alls.
Und Bruderschaft soll und darf nicht ein vor
übergehender Zustand sein und bleiben, sondern muss den ganzen Menschen, die ganze Persönlichkeit durchdringen und zur Grundlage des Lebens, des Denkens und Handelns werden. Dann ist Bruderschaft Gebet ohne Unterlass.
In kurzen Worten ist dargelegt worden, dass die Bruderschaft das gemeinsame Band ist. das alle Mitglieder der I. T. V. miteinander physisch, seelisch und geistig verbindet. Ferner wurde gesagt:

Das All ist eine Br
üderschaft geistiger Wesen auf den verschiedenen Stufen des Daseins.
Die Menschheit ist eine Br
üderschaff der göttlichen Strahlen auf der Stufe des Menschentums.
Es ist die Aufgabe des in der menschlichen Pers
önlichkeit gekreuzigten Gottes, das Gesetz; der Bruderschaft in seinem Willen und durch sein Leben zu verwirklichen, indem er für die Verbrüderung der Menschheit ohne Unterlass wirkt.
Die Bruderschaft kann also nach sechs verschiedenen Aspekten betrachtet werden. Sie hat eine sechsfache Natur:

Bruderschaft ist bewusstes Menschentum. Bruderschaft ist allgemeine Menschenliebe. Bruderschaft ist die Eine Religion. Bruderschaft ist das Gesetz der Menschennatur. Beuderschaft ist Sittlichkeit. Bruderschaft ist Gebet ohne Unterlass.

Bruderschaft hat ais solche nichts zu tun mit einem Glaubensbekenntnis und dem Glauben an ein Leben nach dem Tode und an G
ötter, mit Okkultismus und anderen Lehren, sondern ist die höchste Lebenspraxis.*)
Die Mitgliedschaff im Weltbunde der I. T. V. ist frei von jeder Bindung. Sie hebt die pers
önlichen Lebensverhältnisse wie Rasse und Nationalität, Stand und Beruf. Konfession und Geschlecht nicht auf, sondern adelt und heiligt sie und stellt sie in den Dienst der Menschheit, des höchsten Ideals.
Das Bewusstsein der Bruderschaft ist das wichtigste Erziehungsmittel der Menschheit.*)

*

M
öge in jedem Mitglied der Verbrüderung das Bewusstsein und der Wille der Bruderschaft immer lebendiger und bewusster werden, dass es immer mehr Kraft gewinne, mitzuarbeiten an dem grossen Werke der Menschheitsverbrüderung und der Erlösung seiner Brüder vom Joche des Daseins, auf dass alle einst die Stufe des freien Menschen, eines freien Gottes, das Gottmenschentum erreichen !
Weihnachten, die Geburt der Selbsterkenntnis, ist die erste Stufe zur Freiheit.

Erleuchtung und Friede allen Br
üdern!
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*) Weitere Aufkl
ärung eben die Schriften von Hermann Rudolph: Das Menschentum, seine Natur und Erziehung -- Derselbe, Religion ist Bruderschaft.
**) Sympathie-Erkl
ärungen versendet kostenfrei die Geschäftsstelle in Leipzig, Königstrasse 12.

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