3. Ihre soziale Tat
 

Ebenso groß und bedeutend wie H. P. B.'s Schrifttum war ihre organisatorische Tat. Die "Wenigen" in allen Ländern, die die hohe geistige Kraft in ihren Werken spürten und die darin befindliche Wahrheit erkannten, schlössen sich in allen Erdteilen zur "Theosophischen Gesellschaft und universalen Bruderschaft" zusammen. Von den ersten Hauptquartieren in New York, Adyar und London flammten in kurzer Zeit allerorten kleine Lichter auf, neue theosophische Gesellschaften, die nur wenige Mitarbeiter H. P. B.'s durch eine begeisterte Vortragstätigkeit gründeten. Wie aufnahmebereit die Menschen dafür sind, zeigt das rasche Anwachsen der theosophischen Gesellschaften: 1878 gab es eine Zweiggesellschaft, 1879 2, 1880 10, 1884 107, 1889 206 und 1894 bestand die T. G. aus 394 Logen mit etwa einer Viertelmillion Mitglieder. Seitdem ist die theosophische Weltanschauung von verschiedenen Organisationen in die fernsten Länder und Städte getragen worden. Es mögen jetzt schätzungsweise etwa 1500 öffentliche Gruppen mit über eine Million eingetragenen Mitgliedern bestehen.

Die Theosophische Gesellschaft ist gegründet worden zum Zwecke der Ausbreitung theosophischer Lehren und zur Förderung theosophischen Lebens. Welches ist nun der Inhalt dieser Lehren? H. P. B. verkündete Theosophie nicht als eine goße Lehre, nicht als ein neues Religions- oder Philosophiesystem, noch als eine Hypothese, sondern als eine in unserem Leben lebendig wirkende Kraft, als das Erleben Gottes im Menschen. Diese göttliche Weisheit ist die Weisheitsreligion der Alten, die immer eine und dieselbe war und ist, da "sie das letzte Wort alles menschlichen Erkennens darstellt". Alle Weltreligionen sind auf die gleiche Wahrheit gegründet; sie zeugen für das Bestehen einer ihnen zugrunde liegenden Theosophie.

"Theosophie ist darum so alt wie die Welt, und ihre Lehren sind, wenn auch nicht ihr Name, die verbreitetste und allgemeinste Ansicht von allen." Sie bewirkt eine Vereinigung

von Wissenschaft und Ethik, ein Zurückbinden (Religion) zum gemeinsamen Ursprung der Wahrheit. In ihrem Lichte ergeben sich für denjenigen, der in dieser Gottverbundenheit lebt, aus einer höheren Gesetzmäßigkeit die Folgerungen für das äußere Leben. Diese Gesetze aus einer abstrakten Welt für die konkrete sind die theosophischen Lehren, die ewige Prinzipien offenbaren. H. P. B., die die Aufgabe hatte, einiges aus der großen Weisheitsreligion für die jetzt reif befundene Menschheit zu entschleiern, teilte die folgenden Gesetze in ihrem theosophischen Lehramte mit:
 

a) Parabrahm -- der unoffenbare Raum: Alle Wesen und Erscheinungen gingen aus einer ursachlosen Ursache, aus einem Urgrund hervor, der unerkennbar der geheime Schoß

alles Lebens ist.

b) Die Einheit des Wesens in allem; Das Weltall mit seinen zahllosen Erscheinungen ist eine vergängliche Vielheit, eine Tätigkeitsform des göttlichen Geistes, der sich in allen

Lebensformen erkennen und erleben will, um in immer feiner werdenden Hüllen aufzusteigen, durch Selbsterkenntnis von des Daseins Kreislauf erlöst.

c) Das Gesetz der ausgleichenden Gerechtigkeit:

Das Gesetz von Ursache und Wirkung, das im Reiche der physikalischen Vorgänge lückenlos anerkannt wird, gilt gleicherweise für die gesamte Natur und das Menschenleben. Des Menschen Denken, Wollen und Tun verursacht Wirkungen, die sein Schicksal für die Zukunft gestalten. Er selbst -- nicht ein außerweltlicher Gott -- ist der Schöpfer seines Schicksals. Eng damit verbunden.

d) Die periodische Wiederkehr: Alle Wesen und Formen entwickeln sich im zyklischen Umlauf, auf den Menschen angewendet: in wiederholten Verkörperungen auf Erden. Jeder Mensch entstammt dem Einen göttlichen Urgrund, ist also geistig-seelisch unser Bruder. Er wird, dem vorgenannten Gesetze entsprechend, gemäß seiner inneren Natur gerade dort verkörpert, wo die Ernte von Schuld und Verdienst seiner harrt und ihm die neue Lebensaufgabe formt, deren Erfüllung ihn die nächst höhere Stufe zur Weisheit erklimmen läßt.

e) Das Gesetz der Entwicklung: Alle Wesen des Weltalls müssen werden und reifen, aus der Unbewußtheit zum Bewußtsein erwachen. Allen liegt ein zu entwickelndes höheres

Leben, eine geistige Idee zugrunde wie der Eichbaum der Eichel. In jedem Menschen schlummert Christus, der Gottmensch, und seine Herausgestaltung bedeutet unsere Vollkommenheit. Sie ist das Ziel menschlicher Entwicklung in diesem Planetenzyklus.
 

Mit den hier nur in Kürze gebrachten Lehren gibt H. P. B. eine wissenschaftliche Begründung des uralten religiösen Glaubens der Völker und wird damit eine neue Wissenschaft, eine höhere Religion und Ethik für die Zukunft aufbauen.

Als Pflegstätte der Wahrheiten, die durch die großen Eingeweihten in geschichtlichen und vorgeschichtlichen Zeiten geoffenbart worden sind, wurde die Theosophische Gesellschaft gegründet, als ein sichtbarer Widerschein der Ausstrahlungen der Theosophie. Sie will den Menschen deutlich machen, daß es "Theosophie" gibt, und ihnen dazu verhelfen, zu ihr zu kommen durch das Studium und die Aufnahme ihrer ewigen Wahrheiten.

Die Theosophische Gesellschaft ist und will sein ein von Dogmen und Autoritäten freier Bund wohlwollender und einsichtsvoller Menschen. Sie umfaßt alle diejenigen, die über ein beschaulich-bürgerliches Dasein mit egoistischen Sonderinteressen hinausdenken, die das Wohl der Menschheit wollen, ihre Aufklärung und Veredlung, ihre geistige Verbrüderung, um so den Meistern der Weisheit vorbereitende Dienste zu leisten.

Dieses Wirken aber setzt eine Vertiefung des eigenen Innern voraus. Damit hat H. P. B. als ein Werkzeug, eine Sendbotin der Großen Liebe, Hunderttausende von Menschen ihrem eigenen höheren Selbst näher geführt Durch ihr Werk sind in Hunderttausenden von Seelen geistige Erkenntnisse und innere Kräfte geweckt worden, so daß sie eine Wiedergeburt ihres geistigen Lebens und Strebens erlebten. Sie verdanken H. P. B. die Erlösung aus den Banden des religiösen Aberglaubens, des blinden Materialismus, und sie fanden wieder das Ideal, das sie bewußt oder unbewußt gesucht hatten.

Der Zusammenschluß aller dieser Menschen, die nicht mehr blind ihr Dasein in materiellen Geleisen dahinvegetieren, sondern mit wachem Bewußtsein an der Verinnerlichung, Veredlung und Durchgeistigung ihres Wesens arbeiten, hat die Theosophische Gesellschaft zu einer Sammelstätte der Elite des Herzens werden lassen, zu einem Bunde all derer, die "guten Willens" sind. Sie ist damit ein Kulturfaktor im geistigen Leben aller Völker geworden, von dem die Denker, Dichter und Künstler ihre geistigen Anregungen empfangen. H. P. B.'s Werk hat den schöpferischen Geist aufgerufen, der nun auf jedem Gebiete wirksam ist. Ist diese Arbeit am inneren Menschen nicht die größte soziale Tat, die ein Mensch wirken kann?

Betrachten wir ihre große Kulturarbeit am Einzelnen, so erkennen wir ihre hohe Mission für die Menschheit. Noch sind erst 40 Jahre seit dem Ableben H. P. B.'s verstrichen, aber wir ahnen bereits, daß die kommende Kultur sich auf ihrem Werke aufbauen wird. Sie hat in der Welt des Denkens eine Revolution hervorgebracht, wie kaum irgend jemand zuvor. Immer fühlbarer wird der Einfluß ihres Wirkens auf den Gebieten der Religion, Philosophie und Wissenschaft, namentlich in Europa, Asien und Amerika.

Er ruft eine Änderung in vielen Zweigen des öffentlichen Lebens hervor. Sie, der Apostel der Aufklärung, hat eine Flamme in der ganzen Welt entzündet, die brennt und brennt und überall den gedanklichen Unrat aus Jahrhunderten zu verzehren sucht, damit ein reineres, lichteres Zeitalter erstehen kann. Sie war eine Sendbotin der Meister, der uralten Brüderschaft der Liebe, die die Menschheit leitet und aufwärts führt. Durch ihr Werk, ein Werk der Wahrheit, war sie und wird sie sein die geistige Mutter der erwachenden Menschheit. Das Brot des Lebens war ihr von ihren großen Lehrern gereicht worden. Sie brach es für die Menschheit und sättigte sie, und siehe: "es waren mehr Körbe mit Brocken übrig geblieben", denn sie vorher hatte. Das wahre Brot des Lebens kann nie aufgezehrt werden, es vervielfältigt sich ins Ungemessene, wie auch die Fackel der Wahrheit alles stoffgebundene Licht, das ihr nahe kommt, entzündet. Und so können wir beim Gedächtnis ihres 100. Geburtstages auf sie das Bibelwort anwenden: "Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll." (6. Joh.)

Möge das Wirken und Schaffen der grossen Seele unser eigenes Streben erneut hinlenken auf die erhabene Sache, die des Leides Befreiung und aller Wesen Erlösung bedeutet. Möge jeder die Quelle der grossen ewigen Wahrheit, der Theosophie oder Selbsterkenntnis Gottes im Menschen, in seiner eigenen Seele suchen und finden! Möge er andere durstende Seelen hinführen, bis dass schliesslich die ganze Menschheit aus dem Meer der Theosophie, ihrem göttlichen Selbst, schöpfe und aus diesem Lebensquell Kraft gewinne, ihrer göttlich-menschlichen Vollendung entgegenzureifen!

Das ist der Wunsch H. P. Blavatskys für ihre Mitbrüder.

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Es wird nicht von Euch erwartet, eine allgemeine Mengschenverbrüderung zu verwirklichen, sondern nur einen Kern zu bilden; denn nur wenn der Kern geformt ist, kann der Anfang zum Aufbau des Korpers, den wir geplant haben, gemacht werden, mag auch die Zeit der Vollendung desselben in noch so ferner Zukunft liegen.

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Nur diejenigen, welche sich von jedem Vorurteil befreit und ihre menschliche Einbildung und Selbstsucht überwunden haben, sind bereit, alle und jede Wahrheit anzunehmen -- wenn letztere einmal unbestreitbar und Ihnen bewiesen worden ist -- diese allein, sage ich, dürfen hoffen, zu der letzten Erkenntnis der Dinge vorzudringen.

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Wir säen unsere Saat, und etwas fällt an die Seite des Weges auf taube Ohren; einiges fällt auf steinigen Grund, wo es in einem Anfall von Gefühlenthusiasmus aufspringt; doch weil es nicht genug eingewurzelt ist, stirbt uud verdorrt es. In anderen Fällen ersticken es die Dornen, die Leidenschaften der Welt. Nur In wenigen findet die Saat der Theosophie guten Boden und bringt hnderfältige Frucht.

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Die ethische Seite der Theosophie ist wichtiger als irgendwelche Entdeckungen psychischer Gesetze und Tatsachen. Die letzteren gehören nur dem materiellen und vergänglichen Teile des siebenfältigen Menschen an; doch die Ethik dringt durch bis zum wahren Menschen, bis zum sich wiederverkörpernden Ego. Äusserlich sind wir Geschöpfe, die nur einen Tag leben, im Inneren sind wir ewig.
H. P. Blavatsky.

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