H. P. B. war eine geborene Schriftstellerin, jedoch schrieb sie ihre erste Arbeit erst in ihrem 43. Lebensjahre. Fortan war Journalistik ihr Broterwerb; sie schrieb ungezählte Aufsätze und sensationelle Zugartikel unter Pseudonym (für Russland: Radha-Bai) in amerikanischen, russischen, englischen, französischen und indischen Zeitungen. Ihre gesamte theosophische Arbeit als Schriftstellerin, Rednerin und Lehrerin leistete sie ohne Entgelt 1)
Ihr erstes Werk war "Isis entschleiert". Es erschien nach zweijähriger Arbeit 1877. Es ist ein Buch von wunderbarer Gelehrsamkeit, ein Sammelband loser Abhandlungen über Wissenschaft, alte Glaubensformen und die Geheimnisse uralter Gesellschaften, eine Verteidigungsschrift für die Anerkennung der hermetischen Philosophie, der ehemals allgemeinen Weisheitsreligion, ein Aufruf an die Christen, an die Gelehrten, Freisinnigen, Literaten und Autoritäten jeden Schlages, um den Irrtum, den Vorurteil und menschliche Kleinheit in der Welt auftürmten, zu überwältigen und den Triumph der Wahrheit zu feiern. Von diesem Buche wies der amerikanische Gelehrte Coleman nach, dass es 2100 Zitate aus 1400 Büchern enthalte. Diesem ersten Bande folgte bald der zweite Band, der sich mit der Theologie auseinandersetzt.
Als Urheber dieser Werke nennt H. P. B. ihre Lehrer, die Meister der Weisheit. Sie schreibt darüber: "Mit Ausnahme der direkten Zitate, Druckfehler, 2) Fehler und irrigen Zitate und dem äusseren Aufbau, rührt jedes in diesem Werke oder in meinen späteren Schriften vorgefundene Wort von den Lehren unserer orientalischen Meister her; und mancher Satz in diesen Werken ist unter ihrem Diktat von mir geschrieben worden."
Und H. S. Olcott, ihr Mitarbeiter, beschreibt die wunderbare Entstehung der "Isis entschleiert" wie folgt: "Das Entstehen dieses Buches war wunderbar genug, um mich ein für allemal davon zu überzeugen, dass H. P. B. psychische Gaben der höchsten Art besass. Aber es kamen noch stärkere Beweise. Sehr oft, wenn wir beide allein bis spät in die Nacht hinein zusammen arbeiteten, illustrierte sie ihre Beschreibung der im Menschen und in der Natur vorhandenen okkulten Kräfte durch Wunder aus dem Stegreif. 3)
Ihr zweites grosses Werk ist die dreibändige "Geheimlehre", die Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie. Sie schrieb daran von 1885--1888. Dieses wahrhaft monumentale Werk stellt eine ausgewählte Anzahl von Fragmenten der Fundamentallehrsätze aller Religionssysteme, eine Essenz aus dem Buche Dzyan dar, einem der ältesten, vieltausendjährigen Manuskripte, das von den Meistern der Weisheit bewahrt wird, deren unmittelbare Schülerin, "Eingeweihte" oder "Initiierte" H. P. B. war. Mit diesem Werke hatte sie die Absicht, der westlichen Gelehrtenwelt aufzuzeigen, "dass die Natur nicht ein zufälliges Zusammentreffen von Atomen ist." Sie wollte darin dem Menschen seinen richtigen Platz im Weltenplan zuweisen und die uralten Wahrheiten aus ihrer Erniedrigung durch die Konfessionen befreien, um die fundamentale Einheit, aus der alle Religionen entstanden sind, aufzudecken. 4).
Der erste Band, die Kosmogenesis, schildert das grosse Nichts, das anfangs alles war, die Entwicklung des Gewordenen, die Entstehung und Entwicklung von Sonnensystemen
und bringt Auseinandersetzungen mit den Naturwissenschaften, deren Gesetzen und Theorien.
Der zweite Band, die Anthropogenesis, gibt die Geschichte der Menschheit aus einer Vorzeit, von der auch die kühnsten Denker noch nicht gesprochen haben, und schildert die Entwicklung der Menschenrassen. Er behandelt die physische, psychische und geistige Abstammung des Menschen. Er bringt "die archaische Symbolik der Weltreligionen", alte und neue Zeitrechnungen, bekannte und unverstandene Sprachen und viele
anthropologische und geologische Auseinandersetzungen.
Der dritte Band, die Esoterik, folgte erst nach dem Tode der Schreiberin und enthält fast alle ihre nachgelassenen Arbeiten über Mysterien, geistige Entwicklung, okkulte Chemie und magische Kräfte.
Auch diese "Geheimlehre" schrieb H. P. B. auf psychographische Weise. Vermöge ihres hochentwickelten Hellsehens las sie in der geistigen Ebene unseres Weltalls, dem "Gedächtnis des Planeten, die Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und verarbeitete nun ihre Schauungen mit den Belehrungen ihrer geistigen Lehrer. "Ich bin sehr beschäftigt mit der "Geheimlehre", schreibt sie diesbezüglich, "das, was damals sich in New York begeben hatte, wiederholt sich jetzt unvergleichlich klarer und besser! Ich sehe vor mir Bilder, Panoramas, Szenen und vorsintflutliche Dramen. Schöneres habe
ich nie gesehen noch gehört."5)
So sind ihre Werke aus höchster geistiger Wahrnehmungsfähigkeit und Intuition geschrieben worden. Sie enthalten ein Wissensmaterial, das erst von kommenden Generationen voll verstanden und erkannt werden wird.
Ausser diesem genannten 3475 Seiten umfassenden Elementarwerk und den schon erwähnten ungezählten Zeitungsartikeln kamen aus H. P. B.'s Feder in den letzten 16 Jahren ihres Lebens noch einige kleinere Werke und eine grosse Zahl von Abhandlungen, die sie für englische, amerikanische, indische und französische theosophische Zeitschriften schrieb. Das bedeutendste Werk davon ist "Die Stimme der Stille", ein Buch aus den tiefsten Quellen des Geistes, von hoher Schönheit, Klarheit und Kraft. Es enthält Auszüge aus dem "Buche der goldenen Lehren", welches das Handbuch für die Schüler der Mystik des Ostens ist. Sie widmete es darum den "wenigen wirklichen Mystikern der Theosophischen Gesellschaft", die willens sind, mit hohem Ernst den Weg zur Selbsterkenntnis zu beschreiten.
Ein anderes wertvolles Werk heisst "Der Schlüssel zur Theosophie" (1889). Dieses macht es sich zur Aufgabe, unbekannte Begriffe der östlichen Philosophie zu klären und über Aufgabe und Ziel der Theosophischen Gesellschaft zu sprechen.
Zwei weitere Werke "In den Höhlen und Dschungeln Hindostans" und "Rätselhafte Volksstämme": enthalten interessante Reisebeschreibungen und erzählen von dem Leben
mancher Sekten und ihren Kulten und den Sitten des alten Wunderlandes Indien.
In dem Büchlein "Edelsteine des Ostens" sammelte H. P. B. Aphorismen aus östlichen Lehren über die geistige Entwicklung des Menschen.
H. P. B.'s Schriftwerke fanden zuerst Verständnis -- ausser in Indien -- in Amerika. Sie hatte Posaunenrufe an die Gebildeten der ganzen Welt gerichtet, und in der Tat wurden
allerorten (anfangs nur in allen englisch sprechenden Ländern) Stimmen laut, die Antwort gaben. Es waren verhältnismässig nur wenige, die tiefsten Dank und freie Gefolgschaft ihr und ihrem Werke aussprachen, und sehr viele, die mit Spottgelächter und übelster Verfolgung antworteten. Es erhob sich eine ungeheure Flut von Feinden wider die von ihr -- einer Frau -- verkündeten Lehren: kurzsichtige Gelehrte, denen die westliche Schulwissenschaft das einzige und höchste Endergebnis menschlichen Denkens darstellt, Geistliche, die nur innerhalb der eingepflanzten Pfähle des Kirchenguts Religion und Wahrheit wissen wollen oder die, um ihre eigene kleine Existenz bange, den Siegeszug der Wahrheit mit allen Mitteln zu verhindern suchten, und viele andere mehr, denen es schwindlig
wird, wenn sie auf ungebahnten Steilpfaden in das Licht der Selbsterkenntnis schreiten sollen. Trotz alledem verbreiteten sich ihre Werke rasch in der ganzen Welt; sie fanden teils auch verständnisvolle Besprechungen in der Presse* und wurden sogar von einigen mutigen amerikanischen Universitätsprofessoren als Grundlage für ihre philosophischen Vorlesungen genommen.
In Deutschland führte sie Wilhelm Hübbe-Schleiden ein, ein Vorkämpfer deutscher Kolonialbestrebungen in Afrika, der von 1886-1897 die deutsche Zeitschrift "Die Sphynx herausgab.
Jedoch gelang es erst Dr. Franz Hartmann, die theosophischen Ideen in weite Kreise des deutschen Volkes zu tragen. Er war aus Amerika 1883 als stellvertretender Vorsitzender an das Hauptquartier der T. G. nach Adyar berufen worden. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland verbreitete er die theosophische Weltanschauung in seiner 21 bändigen Monatsschrift "Lotusblüten" (1893-1912).
H. P. B. beanspruchte keinen literarischen Ruhm aus ihrem Schriftwerke. "Was ich darin als mein Eigentum beanspruche, ist nur die Frucht meines Lernens und meiner Studien auf
einem Gebiete, welches bis jetzt von der Wissenschaft unberührt und der europäischen Welt beinahe unbekannt geblieben war ... Ich habe alles so einfach wiedergegeben, wie ich unterwiesen wurde, oder wie ich in der "Geheimlehre" nach Montaigne zitierte: "Ich habe hier einfach einen Strauss ausgesuchter (östlicher) Blumen gebunden und habe nichts aus mir selbst dazu gefügt als das Band, das sie zusammen hält."
Sie wollte nichts anderes als die Enthüllerin
eines
Teiles der grossen Weltgeschichte sein, über die lange Zeit ein
Schleier
für die dem Materialismus verfallene Menschheit gebreitet war, den
sie für die am Beginne eines neuen Zeitalters stehende Menschheit
zu lüften den Auftrag hatte. Die Weltreligionen der alten
Völker
und auch das Christentum entstammen denselben urewigen Quellen. Ihre
Gründer
waren ebenfalls nur die Überlieferer der ewigen Wahrheit und
Weisheit,
wovon sich nur noch Bruchstücke in den heute bestehenden
Religionsformen
bewahrt haben.
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1) Aus einem Briefe: "Natürlich nehme ich für solche Unterweisung keinen Heller. "Dein Silber wird dir zum Verderben ausschlagen, denn du vermeintest, die Gaben Gottes für Geld erwerben zu können", antworte ich denen, welche sich einbilden, dass uralte göttliche Weisheitslehren für Pfundbanknoten und Schillinge feil seien."
2) Sie schreibt in einem Aufsatz "Meine Bücher"
vom
27. April 1891.
folgendes über die "Isis entschleiert": "Von allen
Büchern, die ich mit meinem Namen unterschrieben habe, ist gerade
dieses in seiner literarischen Bearbeitung das schlimmste und
verworrenste",
und sie begründete dies damit: "hatte Englisch in meiner Jugend
nur
durch den Umgang gelernt... hatte keinen Begriff von seinen
literarischen
Regeln ... da die Druckplatten stereotypiert wurden und Eigentum der
Verleger
waren, auch ich kein Geld hatte, um die Kosten zu bestreiten, mussten
die
schreienden Druckfehler des Werkes stehen bleiben .."
4) Henry Steel Olcott "Alte Tagebuchblätter,
engl.
1895, 2 Bände.
5) Aus einem Briefe an Sinnett.
6) Besprechungen aus Zeitungen nach Erscheinen der
"Isis
entschleiert":
"Man muss gestehen, dass dies eine bedeutende Frau ist,
welche mehr gelesen, gesehen und gedacht hat als die meisten Weisen ...
der wissenschaftliche Gehalt ist staunenswert... dieses Werk ist die
Frucht
eines bedeutenden Lehrganges und bestätigt ihr Anrecht auf den
Namen
einer in die Geheimwissenschaften Eingeweihten, und auf den Rang einer
Priesterin und Auslegerin der mystischen Lehren ... es ist eine der
bemerkenswertesten
Schöpfungen des Jahrhunderts ... es kann kein
grösseres
Phänomen geben, als das Erscheinen eines solchen Werkes aus der
Feder
einer Frau..."
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