(Aus dem Vorwort der "Geheimlehre" von Frau Blavatsky)
Nachdem Alfred Percy Sinnet "den Esoterischen Buddhismus" herausgebracht hatte, und Frau Blavatsky die Knappheit der Erklärungen in bezug auf die Geschichte der Erde und des Menschen sah, sah sie sich gezwungen, ein Neues umfangreiches Werk herauszugeben, welche sie "Geheimlehre" nannte. Zu Beginn dieses Werkes, im Vorwort, machte sie klar, daß das Werk ein Kommentar sei; ein Kommentar des Buches Dzyan. Das Dzyan stellt in Aphorismen-Form die Geschichte der Erde und des Menschen dar. Da dieses sehr alt ist, kann es ohne einen "esoterischen Schlüssel" nicht entziffert werden. Die gegebenen Erklärungen beziehen sich nur auf die Erdperiode (Zeitalter, Epoche, Runde); was zurückliegt ist selbst den höchsten Initiierten unbekannt.
Im Folgenden seien die drei Fundamentalen Sätze der Geheimlehre gebracht, so wie sie sie niedergeschrieben hat, gebracht:
"Der Leser soll bedenken, daß die gegebenen Kommentare über die Strophen (des Buches Dzyan) nur die Kosmogonie unseres eigenen Planetensystems und dessen, was rund um dasselbe sichtbar ist, nach einem solaren Pralaya, behandeln. Die Geheime Lehre in bezug auf die Evolution des gesamten Kosmos können nicht gegeben werden, da sie selbst, von den höchsten Initiierten dieses Zeitalters nicht verstanden werden könnten, und es scheinen nur sehr wenige, selbst unter den Größten, zu sein, denen es erlaubt ist, über diesen Gegenstand zu spekulieren. Vielmehr sagen die Lehren offen, daß nicht einmal die höchsten Dhyani-Chohans jemals die Geheimnisse jenseits jener Grenze, welche die Milliarden von Sonnensystemen von der "Zentralsonne", wie sie genannt wird, trennen, sie durchdrungen haben. Daher bezieht sich das Veröffentlichte (Die Geheimlehre), nur auf unseren sichtbaren Kosmos, nach einer "Nacht des Brahma".
Bevor der Leser zur Betrachtung der Strophen aus dem Buche des Dzyan übergeht, welches die Grundlage des vorliegenden Werkes bilden, ist es absolut notwendig, daß er mit den wenigen fundamentalen Begriffen, welche dem ganzen Gedankensystem, zu dessen Beachtung er eingeladen ist, zu Grunde liegen und dasselbe durchdringen, bekannt gemacht wird. Diese Grundideen sind nur wenige an der Zahl, aber von ihrem klaren Erfassen hängt das Verständnis von allem Folgenden ab ; es ist daher keine Entschuldigung nötig, wenn wir den Leser bitten, sich vorerst mit ihnen vertraut zu machen, bevor er an die Durcharbeitung des Werkes selbst geht.
Die Geheimlehre stellt drei fundamentale Sätze
auf:
I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und
unveränderliche PRINZIP, über das gar keine Spekulation möglich
ist, da es die Kraft menschlicher Vorstellung übersteigt und durch
irgend welche menschliche Ausdrucksweise oder Vergleich nur erniedrigt
werden könnte. Es ist jenseits von Raum und Reichen des Gedankens
- mit den Worten der Mândûkya "undenkbar und unaussprechlich".
Um sich diese Ideen klarer zu machen, möge der gewöhnliche
Leser von dem Postulate ausgehen, daß es eine absolute Realität
ist, welche allem offenbarten, bedingten Sein vorangeht. Diese unendliche
und ewige Ursache - unklar formuliert als das "Unbewußte" und "Unerkennbare"
der üblichen europäischen Philosophie - ist die wurzellose Wurzel
von "allem was war, ist, oder jemals sein wird" . Sie ermangelt selbstverständlich
aller Attribute und ist ihrer Wesenheit nach ohne irgendwelche Beziehung
zu geoffenbartem endlichen Sein. Sie ist "Seinheit" vielmehr als Sein,
im Sanskrit; Sat, und ist jenseits allen Denkens oder Spekulierens.
Diese Seinheit wird in der Geheimlehre unter zwei Aspekten
symbolisiert. Einerseits als absoluter abstrakter Raum, zur Darstellung
reiner Subjektivität, als das eine Ding, das kein menschliches Gemüt
weder aus irgend einer Vorstellung ausschließen, noch sich durch
sich selbst vorstellen kann; anderseits als absolute abstrakte Bewegung
zur Darstellung unbedingten Bewußtseins. Selbst unsere westlichen
Denker haben gezeigt, daß Bewußtsein frei von Veränderung
für uns unbegreiflich ist, und daß Bewegung das zutreffendeste
Symbol für Veränderung ist; welches ja ihr wesentliches Merkmal
bildet.
Dieser letztere Aspekt der Einen Realität wird auch
durch den Ausdruck "der große Atem" symbolisiert, ein hinlänglich
anschauliches Sinnbild, als daß es noch weiterer Erläuterung
bedürfte. So ist denn der erste fundamentale Satz der Geheimlehre
diese metaphysische EINE ABSOLUTE SEINHEIT - von endlicher Intelligenz
als sie die theologische Dreieinigkeit symbolisiert.
Es mag jedoch dem Schüler von Nutzen sein, wenn
einige weiteren Erklärungen hier gegeben werden.
Herbert Spencer hat neuerdings seinen Agnostizismus so
weit modifiziert,,daß er die Ansicht ausspricht, daß die Natur
die "erste Ursache" 1), die der Esoteriker mit größerer Logik
von der ursachlosen Ursache, dem "Ewigen "und dem "Unerkennbaren" ableitet,
im wesentlichen dieselbe sein möge wie die des Bewußtseins,
welches in uns aufwogt; kurz, daß die den Kosmos durchdringende unpersönliche
Realität der Gedanken ein reines Ding an sich sei.
Dieser Fortschritt seinerseits bringt ihn sehr nahe der
esoterischen und vedantistischen Lehre. 2)
Parabrahman, die eine Realität, das Absolute, ist
das Feld des absoluten Bewußtseins, das ist die Wesenheit, welche
außer aller Beziehung zu bedingtem Dasein steht, und von der bewußten
Existenz ein bedingtes Symbol ist. Sobald wir aber in Gedanken von dieser
(für uns) absoluten Negation fortschreiten, taucht Dualität auf
in dem Gegensatze von Geist (oder Bewußtsein) und Materie, von Subjekt
und Objekt.
Geist (oder Bewußtsein) und Materie dürfen
jedoch nicht als unabhängige Wirklichkeiten betrachtet werden, sondern
als die zwei Symbole oder Aspekte des Absoluten, Parabrahman, welche die
Grundlage des bedingten Seins, sei es subjektiv, sei es objektiv, abgeben.
Betrachten wir diese metaphysische Dreiheit als die Wurzel,
aus der alle Offenbarung hervorkommt, so nimmt der große Atem den
Charakter präkosmischer Ideenbildung an. Er ist der fons et origo
von Kraft und allem individuellen Bewußtsein, und bietet die leitende
Intelligenz in dem weiten Plane kosmischer Evolution. Anderseits ist präkosmische
Wurzelsubstanz (Mûlaprakriti) der Aspekt des Absoluten, welcher allen
objektiven Ebenen der Natur zu Grunde liegt.
Gerade so wie präkosmische Ideenbildung die Wurzel
alles individuellen Bewußtseins ist, so ist präkosmische Substanz
die Grundlage des Stoffes in seinen verschiedenen Graden von Differentiation.
Es wird somit klar, daß der Gegensatz dieser zwei Anschauungsweisen des Unbedingten wesentlich für das Dasein des geoffenbarten Weltalls ist. Getrennt von kosmischer Substanz könnte sich kosmische Ideenbildung nicht als individuelles Bewußtsein offenbaren, da dieses Bewußtsein bloß mit Hilfe eines materiellen Vehikels (upâdhi) als "Ich bin Ich" hervorgeht, indem eine physische Basis notwendig ist, um einen Strahl des Universalgemütes bei einer gewissen Stufe von Zusammen Gesetztheit zu fokussieren. Hinwiederum würde kosmische Substanz getrennt von kosmischer Ideation eine leere Abstraktion bleiben, und kein Auftauchen von Bewußtsein könnte sich ergeben.
Das geoffenbarte Weltall ist daher von Dualität durchdrungen,
die gewissermaßen das wahre Wesen seiner Existenz als ,,Offenbarung"
ist. Aber gerade so, wie die einander entgegengesetzten Pole, Subjekt und
Objekt, Geist und Materie, bloß Aspekte der Einen Einheit sind, in
der sie ihre Synthese finden, so ist es im geoffenbarten Universum " tat",
welches Geist mit Stoff, Subjekt mit Objekt, verknüpft.
Dieses Etwas, das gegenwärtig der westlichen Spekulation
unbekannt ist, nennen die Esoteriker Fohat. Es ist die "Brücke", mittelst
derer die in göttlichen Gedanken existierenden Ideen der kosmischen
Substanz als die Naturgesetze eingeprägt werden. Fohat ist somit die
dynamische Energie der kosmischen Ideation; oder, von der andern Seite
betrachtet, ist es das intelligente Medium, die lenkende Kraft in jeder
Offenbarung, der durch die Dhyan Chohans, 3) die Bildner der sichtbaren
Welt, übertragenn und geoffenbarten göttlichen Gedanken.
So kommt vom Geiste oder der kosmischen Ideation unser
Bewußtsein; von der kosmischen Substanz kommen die verschiedenen
Vehikeln, in welchen dieses Bewußtsein individualisiert wird und
zum Selbst- oder reflexiven Bewußtsein gelangt; während Fohat
in seinen verschiedenartigen Manifestationen, das geheimnisvolle Band zwischen
Geist und Stf bildet - das jedes Atom zum Leben elektrisierende beseelende
Prinzip.
Die folgende Übersicht wird dem Leser eine klarere
Idee geben.
l. Das ABSOLUTE: das Parabrahman der Vedantisten oder
die eine Realität, SAT, welche, wie Hegel sagt, zugleich absolutes
Sein und Nichtsein ist.
2. Der erste Logos : der unpersönliche, und, in
der Philosophie, ungeoffenbarte Logos, der Vorläufer des geoffenbarten.
Dies ist die "erste Ursache", das ,,Unbewußte" der europäischen
Pantheisten.
3. Der zweite Logos : Geist-Stoff, Leben ; der "Geist
des Weltalls", Purusha und Prakriti.
4. Der dritte Logos: Kosmische Ideation, Mahat oder Intelligenz,
die universale Weltseele; das kosmische Noumenon der Materie, die Grundlage
der intelligenten Wirkungen in und seitens der Natur, auch Maha-Buddhi
genannt. Die EINE REALITÄT; ihre dualen Aspekte in dem bedingten Universum.
Ferner behauptet die Geheimlehre:
II. Die Ewigkeit des Weltalls in toto als einer grenzenlosen
Ebene, die periodisch "der Spielplatz ist von zahllosen unaufhörlich
erscheinenden und verschwindenden Universen", den sogenannten "manifestierenden
Sternen" und "den Funken der Ewigkeit". Die Ewigkeit des Pilgers 4) ist
wie ein Augenblinzeln von Selbstexistenz," wie das Buch des Dzyan sich
ausdrückt. "Das Erscheinen und Verschwinden von Welten ist wie regelmäßige
Gezeiten von Ebbe und Flut".
Die zweite Behauptung der Geheimlehre ist also die absolute Universalität jenes Gesetzes der Periodizität, der Gezeiten, der Ebbe und Flut, welches die Naturwissenschaft auf allen Gebieten der Natur beobachtet und bestätigt hat. Ein Wechsel wie der von Tag und Nacht, Leben und Tod, Schlafen und Wachen, ist eine so allgemeine, so vollkommen universale und ausnahmslose Tatsache, daß es leicht zu verstehen ist, daß wir darin eines der absolut fundamentalen Gesetze des Weltalls sehen.
Ferner lehrt die Geheimlehre:
III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit
der universellen Oberseele, welche letztere selbst ein Aspekt der unbekannten
Wurzel ist; und die Verpflichtung für jede Seele - einen Funken der
vorgenannten -, den Zyklus von Inkarnation, oder "Notwendigkeit", in Übereinstimmung
mit zyklischem und karmischen Gesetz während seiner ganzen Dauer zu
durchwandern. Mit anderen Worten, keine rein geistige Buddhi (göttliche
Seele) kann eine unabhängige , bewußte Existenz haben, ehe der
Funke, welcher aus der reinen Essenz des universellen sechsten Prinzipes
- oder der OBERSEELE - entsprang, (a) jede elementare Form der phänomenalen
Welt dieses Manvantara durchlaufen hat, und (b) Individualität erlangt
hat, anfangs durch natürlichen Trieb, später durch selbstherbeigeführte
und selbsterdachte Anstrengungen, dabei von seinem Karma zurückgehalten,
und so durch alle Grade der Intelligenz, vom niedersten bis zum höchsten
Manas , von Mineral und Pflanze bis hinauf zum heiligsten Erzengel (Dhyani-Buddha)
emporgestiegen ist. Die Grundlehre der esoterischen Philosophie gibt keine
Privilegien und besondere Gaben im Menschen zu, außer jenen, welche
sein eigenes Ego durch persönliche Anstrengung und Verdienst während
einer langen Reihe von Metempsychosen und Reinkarnationen gewonnen hat.
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1) Das Erste setzt notwendigerweise etwas voraus, daß das "zuerst Hervorgebrachte - und daher endlich und bedingt ist. Das Erste kann nicht das Absolute sein, denn es ist eine Offenbarung. Daher nennt der östliche Esoterik das abstrakte All die "Eine ursachlosen Ursache", die "wurzellose Wurzel" und beschränkt die "erste Ursache" auf dem Logos in der Bedeutung, die Plato diesem Ausdruck gibt."
2) Siebe J. Subha Row's vier treffliche Vorlesungen über die Bhagavad Gîtâ im Theosophist" Februar 1887.
3) von der christlichen Theologie; Erzengel, Seraphim, usw., genannt.
4) "Pilger" heißt unsere Monade (die Zwei in einem) während ihres Zyklus von Inkarnationen. Sie ist das einzige unsterbliche und ewige Prinzip in uns, als ein unteilbarer Teil des vollständigen Ganzen - des Universalgeistes aus dem sie emaniere, und in welchem sie am Ende des Zyklus absorbiert wird. Wenn es heißt, sie emanieren aus dem Einen Geiste, so ist dies ein unbeholfener und inkorrekter Ausdruck, mangels geeigneter Worte in unserer Sprache. Die Vedantisten nennen sie Sutrâtmâ (Fadenseele), aber auch ihre Erklärung unterscheidet sich in etwas von der Esoterikern; diesen Unterschied zu rechtfertigen sei jedoch den Vedantisten selbst überlassen!
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