Theosophie
und Okkultismus

Die nachstehenden Ausführungen über Theosophie, Okkultismus, Esoterik und Pseudo-Okkultismus sind aus der theosophischen Literatur entnommen.

Theosophie und Okkultismus lassen sich nicht voneinander trennen, sie bedingen einander wie Wärme und Sonnenlicht. Theosophie ist dasjenige, wonach im Grunde jeder denkende Mensch strebt: nämlich die geistig-göttliche Erkenntnis, die Selbsterkenntnis des Ewigen, der Einen Wesenheit, aus der die unendliche Vielheit der Formen unserer sichtbaren Erscheinungswelt hervorgeht.Theosophie ist kein Produkt des Verstandes noch der Phantasie, ebensowenig eine Sache nur des Gefühls, sondern sie ist Sache des Bewusstseins, d.h. eine geistige Erkenntnis, die nur durch das Erwachen der Seele zum wahren, höheren Selbstbewusstsein erlangt werden kann. Theosophie ist nur im geistigen (inneren) Erlebnis erfassbar. Theosopie ist die Kraft der göttlichen Liebe. Nicht nur von aussen kommen wir zur Theosophie, - etwa durch äussere Mittel und Mittler. Sie wird vielmehr im geläuterten Menschen lebendig, der beständig an sich arbeitet. Damit wir zur Theosophie gelangen, muss das Gottesbewusstsein in uns aufleuchten. Das geschieht in der Liebe und im Dienen.

Was man heute Okkultismus nennt, ist ähnlich wie die Psychologie weithin ein Tappen im Dunkeln. Man sucht die Ursache gewisser Erscheinungen aus diesen selbst zu erklären, ohne ihr Wesen zu erkennen. Die Wissenschaft des Geistes kann nur von geistig wachen Menschen erfasst werden. Wird das Wesen des Geists erkannt, erklären sich die psychischen Phänomene von selbst. Das gilt auch für alle okkulten Praktiken. Ein mechanisches Wiederholen etwa der von Kerning angegebenen Worte, von Mantren okkulter Lehrer nützt keinem. Auch die Übung des Ich bin hat nur Wert, wenn dabei der Sinn auf das Göttliche gerichtet ist und wenn das ICH BIN nicht vom Ich, sondern vom göttlichen Selbst gesprochen wird. Auch durch noch so viele esoterische Schulungen wird niemand zum Adepten. Schon die Absicht, die solchem Streben zugrunde liegt, fördert nur den Eigendünkel und verhindert die Selbst-Erkenntnis.

Nützlicher als all das ist das Trachten, soviel wie möglich Gutes zu tun - nicht um des eigenen Ichs, sondern um des Guten willen. Keiner kann einen anderen einweihen und ihm die Wahrheit offenbaren, wie keiner für den anderen sehen oder essen kann.

Okkultismus ist die Wissenschaft der Dinge, die die gewöhnlichen Kräfte der Beobachtung überragt und daher aussergewöhnliche und feinere Fähigkeiten verlangt. Diese Wissenschaft gibt Aufschluss über die Natur der geistigen Einflüsse. Sie wird auch hermetische oder esoterische Wissenschaft genannt. Ein Okkultist ist jemand, der diese Wissenschaft beherrscht, der also ein Adept, ein Eingeweihter ist. Er hat höhere geistige Kräfte und Wahrnehmungsfähigkeiten in sich entwickelt und verwendet sie zum Besten der Menschheit.

Okkultismus ist das Wissen von der Seele, der Glaube an das Höhere, Geistige und übersinnliche, die Erforschung des Unbewussten und seiner Auswirkung; er ist seinem höchsten Sinne nach Weisheit.

Die Weisen bezeichnen das Weltall als ein Meer von Kräften, die dem Menschen nur zum Teil erschlossen sind. Die der menschlichen Erkenntnis noch nicht zugänglichen Kräfte und noch unerforschten Gebiete sind okkult, d.h. verborgen. Das Okkulte in der Schöpfung kann nur durch das Ewige, nämlich den Geist der göttlichen Weisheit, erkannt werden. Ein Okkultist ist nur derjenige, in dem das unsterbliche Leben, das Göttliche, zum Selbstbewusstsein gekommen ist, der dann alle Krfte seines Menschentums in seiner Macht hat und sie richtig gebraucht.

Darum hat der Okkultismus seine Grundlage in der Theosophie, der göttlichen Selbsterkenntnis. Er besteht einzig und allein in der allseitigen und harmonischen, also naturgemässen Entwicklung aller Sinne und Kräfte des inneren und äusseren Menschen. Er ist das Leben, Ringen und Kämpfen um das höchste Ideal. Er ist die Erforschung, Ausbildung und Anwendung der geistig-göttlichen Kräfte. Er betätigt die Liebe und Weisheit schöpferisch zum Wohle des Ganzen. Auf die vier Seiten der menschlichen Betätigung übertragen, bedeutet er: höchste Wissenschaft (Erkenntnis der Wahrheit), reinste Kunst (schöpferisches Schaffen), wirkliche Philosophie (Weisheit), wahre Religion (Vereinigung mit Gott).

Ein wahrer Okkultist wird nur der Edelmensch, der seine inneren Seelen- und Geisteskräfte durch ein Tugendleben entfaltet hat. In selbstloser Liebe und Weisheit arbeitet er unter Einsatz aller Kräfte und Fähigkeiten an der aufbauenden Entwicklung und Vervollkommnung des Menschen. Dieser Okkultismus wird nie zur pseudo-okkulten Sektiererei. Er hat mit Dogmatismus nichts zu tun und ist absolute Glaubens- und Gewissensfreiheit. Er strebt auch nicht nach Anerkennung, verketzert nichts und niemand, ist über Parteigeist und Unduldsamkeit erhaben. Der wahre Okkultist behält stets das Ziel im Auge, dem er trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse mit Beharrlichkeit entgegenschreitet. Anstelle des wahren Okkultismus macht sich allenthalben der Pseudo-Okkultismus breit. Auch der Pseudo-Okkultist beschäftigt sich mit den okkulten Erscheinungen des Lebens, ohne aber in sein wahres Wesen einzudringen. Mit Selbstsucht erfüllt und vom Eigenwillen getrieben, strebt er gewaltsam und auf Umwegen nach dem Reich des Verborgenen. Vielleicht ohne es zu ahnen, macht er sich zum Werkzeug niederer, zerstörender Kräfte des Kosmos. In deren Diensten erniedrigt er sich selbst.

Alle pseudo-okkulten Künste: das umfangreiche Gebiet der Wahrsagerei, Suggestion, Autosuggestion, Automatismus, Hypnotismus, Gedankenübertragung, Gedankenlesen, Vampirismus, Astralsehen sowie die vielen seelischen Experimente der wissenschaftlichen Grenzgebiete führen zum Pseudo-Okkultismus und bilden eine grosse Gefahr und ein Hindernis in der Entwicklung des Menschen. Hingegen führt der wahre Okkultismus als Auswirkung des theosophischen Lebens zur Entfaltung der höheren Menschennatur. Die Theosophie ist die Voraussetzung des wahren Okkultismus, und dieser die Vollendung und Krönung der Selbsterkenntnis. Der erste Schritt zu beiden ist das Sich-Erheben über Selbstsucht und Eigennutz, über Eigenliebe und Eigenwahn, über Ruhmsucht und Herrschsucht, über Spekulation, über das ganze Wechselreich der Vielheit und Gegensätze - in das Reich der Einheit, Wahrheit und Liebe.

Literaturempfehlung: Erhard Bäzner, Hypnotismus, Okkultismus und Pseudo-Okkultismus, Ulrich-Verlag, Calw.