Hilfsbereitschaft -
Was muss bei ihr beachtet werden?

Eine der wichtigsten ethischen Eigenschaften ist Mitgefühl, Menschenliebe, Hilfsbereitschaft. Nun stellt sich die Frage: Was muss dabei beachtet werden?

Am sinnvollsten kann man helfen, wenn man fähig ist, seine eigenen Probleme zu bewältigen, wenn man eine gewisse Erfahrung hat, wo Hilfe am Platze ist und wo sie mehr schaden als nützen kann.

Es ist nicht zu leugnen, dass die materielle Hilfe in erster Linie not tut. Man muss aber mit klarer Einsicht erkennen, dass die geistige Not, d.h. die Unwissenheit, am grössten und am gefährlichsten ist, denn sie ist die Wurzel und Ursache aller materiellen Nöte. Diese Unwissenheit, dieser Mangel an wahrem Wissen, an Weisheit, ist das Grundübel, die erste Ursache, welche die Menschen zum falschen Denken und zur falschen Gesinnung und zur falschen Lebensweise geführt hat. Solange dieses Grundübel nicht beseitigt worden ist, werden alle äusseren Bemühungen, Hilfen und Opfer auf lange Sicht gesehen ohne Nutzen sein.

Die Rettung der Menschheit hängt also von der Umwandlung ihres falschen Denkens ab. Alle materiellen Unterstützungen sind nur flüchtige Nothilfe und ihre Wirkung kann nur von kurzer Dauer sein. Die geistige Hilfe allein ist dauerhaft und radikal.

Bei der Hilfe müssen wir uns vor ÜÜbertreibungen hüten, denn alle guten Dinge verwandeln sich in Böses, wenn sie übertrieben, d.h. zu wenig oder zu viel gebraucht werden. Wenn zu wenig oder zu viel Hilfe gegeben wird, führt dies zum Unheil. So ist es auch mit Rücksicht, Barmherzigkeit, Geduld usw., die, wenn sie zu wenig oder zu viel gegeben werden, zum Unglück führen können. Auch die materiellen Dinge und Güter der Welt können durch den Missbrauch und die Übertreibung Unheil stiften, wie der Missbrauch aller Errungenschaften der Technik, der Wissenschaft, der Industrie usw.. Hilfe muss also mit Unterscheidungskraft, d.h. mit Rücksicht auf die Folgen, gegeben werden, damit sie sich weder als vergeblich, noch als schädlich erweist. Ein Opfer, das sinnlos und zwecklos und ohne Vernunft und die Liebe gebracht wird, geschieht ohne die Kraft der Unterscheidung.

Selbstaufopferung kann nur in den Fällen bejaht werden, wenn durch das Opfer des Einzelnen vielen ein Nutzen erwiesen werden kann. Sonst ist zu beachten, da man sich durch Hilfe nicht selbst schadet. Aber es ist die Pflicht des Menschen, seine eigene Bequemlichkeit zu opfern und zu helfen, wo es am Platze ist. Auch hier hilft uns die leise Stimme des Gewissens. Auf jeden Fall dürfen wir bei der Hilfe anderen Menschen gegenüber die Pflichten unserer Familie gegenüber nicht vernachlässigen.

Es ist zu überlegen, ob es wert hat, Geld durch die Hände anderer Menschen oder Organisationen zu geben. Man kann dem Geld eine viel grössere Kraft und Wirkung geben durch den persönlichen Kontakt und das persönliche Mitgefühl für Menschen, die es brauchen. Zudem ist es sogar notwendiger, den Hunger der Seele zu lindern als die Leere des Magens.

Das sinnvolle Gespräch kann Hilfe zur Selbsthilfe bedeuten und zu tieferen Erkenntnissen führen, was die Voraussetzung zum richtigen Handeln ist, denn wir können den Menschen nie auf Dauer helfen, wenn wir für sie tun, was sie selber für sich tun können und sollen.

Hilfe zur Selbsthilfe kann nur derjenige bekommen, der für eigene Veränderung im Denken und Verhalten reif ist, so da auch bei dieser Hilfe folgendes zu beachten ist: Wir müssen uns die verschiedenen Stufen oder Grade der seelisch-geistigen Entwicklung der Hilfsbedürftigen vor Augen halten und feststellen, zu welcher Gruppe ein Mensch, dem wir helfen wollen, gehrt. Es gibt Menschen, die man so lange schlafen lassen muss wie sie es brauchen und wünschen.

Der Schriftsteller Iranschähr sagt: Wir dürfen den geistig Hungernden weder die Wahrheit vorenthalten, noch sie damit in blindem Eifer überernähren und belasten und tiefere Erkenntnisse denen nicht darbieten, die nicht selbst danach verlangen. Wir dürfen also weder übereifrig, bekehrungssüchtig und fanatisch sein, noch teilnahmslos, gleichgültig und kalt bleiben.

Das Gespräch mit verständnisvollen Freunden oder Bekannten ist eine der besten Möglichkeiten, Schwierigkeiten zu beseitigen. Reinhard Tausch nennt in seinem Artikel Jemanden zum Reden haben folgende Merkmale hilfreicher Personen, die sich als besonders wirksam erwiesen haben (Psychologie heute, 1/98):

- Achtung, Respekt, Ernstnehmen, positive emotionale Zuwendung, Wärme

- Aktiv, hilfsbereit, bemüht, nicht-passiv

- Aufmerksam zuhörend, mitfühlend

- Zurückhaltung beim Reden, wenig Lenkung-Dirigierung des Gesprächs, keine Anweisungen

- Nicht verletzend, nicht kritisierend

- Schwächen und Ungünstiges beim Belasteten nicht bewertend, als Realität akzeptierend

- Sensible Einfühlung, verstehend, was der Belastete auszudrücken sucht

- Ruhig, entspannt (ohne Distanzierung), im Sprechen beruhigend wirkend, weitgehend angstfrei gegenüber leidvollen Erfahrungen des Belasteten

- Neue Sichtweisen ermöglichend, Anregungen gebend. Mitteilung wichtiger Informationen.
 

Prof. Tausch sagt weiter: Diese Merkmale hilfreicher Personen stimmen weitgehend mit den Merkmalen der Gesprächspsychotherapie überein: Achtung - Respekt - Wärme - Sorgen - Akzeptierung, genaue sensible Einfühlung in die vom Klienten geäusserten Gefühle, keine Dirigierung sowie Aufrichtigkeit, kein Routinegehabe.

Wer in Krisensituationen einen hilfreichen Gesprächspartner gefunden hat, fühlt sich geachtet, ernst genommen, vom anderen verstanden, wird zuversichtlicher, sieht seine Lage klarer und gewinnt neue Perspektiven. Und er macht die Erfahrung, dass Änderungen eintreten, allein durch das Reden über das Problem. Indem der andere aufmerksam zuhört, ohne zu bewerten oder zu steuern, kommt es beim Sprechenden zu einer grösseren Selbstöffnung. Schon das Aussprechen von Belastungen führt unter diesen Bedingungen zu einer Angstminderung und Klärung (Ende Zitat Tausch).