Der einseitig praktische Verstandesmensch kann ein grosses
intellektuelles Genie sein und ein umfangreiches Wissen auf vielen Gebieten
des Lebens besitzen und dadurch zu Reichtum, Macht und Ansehen gelangen.
Aber auf geistigem Gebiete (innere seelisch-geistige Einstellung) bleibt
er ein kümmerlicher Zwerg, wenn er nicht auch die Entwicklung der
anderen Seite seines Wesens pflegt. Geist in dem genannten Sinn darf weder
mit Verstand noch mit Intellekt verwechselt werden.
Manche berühmten Wissenschaftler, Forscher und Techniker
gehören in diese Klasse. Wahre Weisheit und geistige Erkenntnis besitzen
diese Art Menschen nicht. Solche erfolgreichen Verstandesmenschen mögen,
von aussen gesehen, glücklich erscheinen, aber in Wahrheit sind sie
es nicht. Wirkliches Glück hängt nicht vom Besitz irgendwelcher
gewünschten Dinge und Kenntnisse ab, sondern vom Charakter, der sich
im täglichen Leben durch Menschenliebe auswirkt.
Andererseits kann ein Mensch intellektuell schwach begabt
sein und zeitlebens im äusseren wenig erfolgreich bleiben; dabei kann
er aber ein Mensch von tiefer innerer Erkenntnis sein, dass er vieles,
insbesondere das Wirken der göttlichen Weisheit in der Natur, unmittelbar
aus seiner gotterfüllten Seele erkennt. Auf ihn kann man das Wort
beziehen: "Was der Verstand der Verständigen nicht sieht, das übet
in Einfalt ein kindlich Gemüt." Solche Menschen erscheinen der Aussenwelt,
die nur nach dem materiellen Besitz und wissenschaftlichen Errungenschaften
urteilt, wenig glücklich zu sein, sie selber aber finden in sich ein
weit grösseres Glück, das dauernd und unverlierbar ist, weil
es auf einem glücklicher veranlagten Charakter beruht, als es dem
äusserlich Erfolgreichen beschieden ist, denn dessen Glück ist
allzu oft von kurzer Dauer. Ausserdem rufen äussere Erfolge niemals
restlose Zufriedenheit hervor, weil ein äusserlicher Erfolg nach kurzer
Zeit vorübergehender Befriedigung immer wieder die Gier nach weiteren
Erfolgen anstachelt, denen er dann auch wieder nachjagt, sodass er niemals
zur Ruhe kommt.
Im harmonischen Menschen müssen beide Eigenschaften
Intellekt und geistige Entwicklung zur Vollkommenheit gelangen und jeder
Art der ihr zukommende Platz angewiesen werden. Der praktische Gehirnverstand
ist notwendig auf seiner Ebene, das heisst in den Angelegenheiten und Bedürfnissen
des äusserlichen Lebens, denen auch der Weise gerecht werden muss,
solange er noch in der materiellen Welt zu wirken hat. Darum muss auch
der natürliche Verstand gebt sein; aber er ist nur der Diener des
Menschen und muss es bleiben. Er darf sich niemals zum Herrn aufschwingen,
denn das Niedere muss immer dem Höheren dienen. Wenn dem höheren
(geistigen) Menschen der praktische Verstand mangelt, so kommt er in die
Gefahr, ein Schwärmer und Phantast zu werden und auf die Hilfe Anderer
angewiesen zu sein. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit gehren
aber zu den notwendigen Eigenschaften, die ein nach Vollkommenheit Strebender
besitzen muss.
Der Mensch muss sich einer sehr scharfen Selbstprüfung
unterziehen, um darüber klar zu werden, aus welchen Motiven sein Denken
und Tun hervorgehen, ob er falsch oder richtig denkt. Denkt er falsch,
so entsteht Leid, denkt er richtig, so erwächst ihm daraus Freude.
Leid und Freude sind das Doppelgespann, das ihn auf seinem Entwicklungswege
vorwärts bringt. Von beiden ist das Leiden der wertvollere Teil, denn
es bringt den Wanderer schneller zur Erkenntnis als die Freuden. Letztere
halten ihn auf und verleiten ihn zu längerem Verweilen, dass sie angenehm
sind. Die Leiden dagegen beflügeln seine Schritte, dass sie schmerzlich
sind und ihn antreiben, rascher weiterzugehen.
Am meisten ist der Mensch der Belehrung durch Leiden bedürftig,
der kritiklos nach allem greift, was seine Begehrlichkeit erregt. Ein solcher
Mensch kann nur durch schlimme und schmerzliche Erfahrungen vorwärts
gebracht und zum Nachdenken gezwungen werden, bis er merkt, was ihm gut
tut und was nicht. Ist er zu dieser Unterscheidung gelangt, dann ist er
reif, die nächste Stufe zu betreten.
Der Mensch, welcher nach Genuss und Befriedigung seiner
sinnlichen Begierden strebt, wird neben den Freuden, die ihm daraus erwachsen,
aber auch die Erfahrung machen, dass diese Freuden meist nur von sehr kurzer
Dauer sind und immer auch wieder Enttäuschungen und Leiden im Gefolge
haben. Er wird zu tieferem Nachdenken darüber angeregt, warum mit
den Freuden auch immer Leiden verbunden sind. Dabei wird er schliesslich
zu der Erkenntnis kommen, dass die Freuden, die er in der Befriedigung
seiner sinnlichen Begierden sucht, keine echten Freuden, sondern nur scheinbare
Freuden sind. Diese fortwährenden Enttäuschungen bringen ihn
schliesslich dazu, nach anderen Wegen zu suchen, die ihm dauerhafte und
wirkliche Freuden bringen. Es wird in ihm hierbei das Bewusstsein aufdämmern,
dass er nach höheren Zielen streben muss, als blosss nach Befriedigung
seiner persönlichen Wünsche und Interessen. Infolgedessen wird
er seine Gedanken auf Dinge richten, die ausserhalb seiner beschränkten
persönlichen Ich-heit liegen.
Er wird erkennen, dass neben ihm auch noch andere Wesen vorhanden sind, die auch irren und leiden und auf die er Rücksicht nehmen muss, dass nicht bloss sein eigenes Wohl in Frage kommt, sondern auch Wohl der Gesamtheit. Hierdurch wird er an die Schwelle zur nächsten Stufe geführt. Er wird anfangen, nicht mehr nur aus persönlichem Egoismus, sondern aus Selbstlosigkeit zu handeln. Die Reste seiner niederen Natur, die noch in ihm vorhanden sind, werden immer mehr verschwinden.
Wir sollen dem, dem wir helfen wollen, keine Handlungen
vorschreiben und auf seinen Willen keinen Zwang ausüben, sei derselbe
auch noch so gut gemeint. Wir sollen ihm nur helfende Kräfte zusenden.
Wie er diese ihm zufliessenden Gedankenströme in sein Gedankenleben
einordnen und verwerten will, muss er selbst entscheiden. Er selbst muss
durch eigene Willensanstrengungen sein Schicksal gestalten. Wir sollen
ihm dabei nur helfen, aber nicht sein Schicksal nach unserer Meinung zurecht
kneten wollen.
Wichtig ist also die Fähigkeit, das Dauernde vom Vergänglichen zu unterscheiden, dann die Leidenschaftslosigkeit und Erhabenheit über alle Begierden nach selbstsüchtigem Genuss, dann die Ruhe und der Wille nach Freiheit.
Das Streben nach Freiheit besteht in der Sehnsucht, die Wahrheit vom Irrtum zu unterscheiden und die Selbstsucht und die Sinnlichkeit zu überwinden.
Wenn Leidenschaftslosigkeit und der Wille zur Freiheit
stark geworden sind, dann werden die Ruhe und die anderen Tugenden Früchte
tragen.
Machen sich feindliche und schädliche Einflüsse
bemerkbar, so begegnet man solchen mit sofortiger Ablehnung und gewährt
ihnen keinen Eintritt in sein Gemüt, sondern stellt ihnen im Augenblick
der Wahrnehmung gleich den ihm entgegengesetzten guten Gedanken mit der
grösstmöglichen Intensität entgegen. So wird das Böse
überwunden und das Gute gefördert.
Einer der grössten Denkfehler ist es, wenn der Mensch die Schuld an seinen Leiden, Unannehmlichkeiten und Sorgen auerhalb von sich selbst, das heisst bei seinen Mitmenschen und in ungünstigen Verhältnissen sucht. Niemand anderes als
jeder selbst ist schuld, wenn er in schlechten Verhältnissen, Kummer und Sorgen dahinleben muss, wenn ihm vieles misslingt, seine Wünsche oft missachtet werden und sich ihm auf seinem Wege Hindernisse vielerlei Art entgegenstellen. Niemand anders ist schuld als er selbst. Ein Mensch, der die Schuld immer bei anderen sucht, seien es Personen oder Verhältnisse, hat ganz besonders triftigen Grund, in sich selbst Einkehr zu halten und sein eigenes Verhalten einer aufrichtigen und schonungslosen Selbstkritik zu unterwerfen. Er soll nicht immer nach Rechtfertigungsgründen und Entschuldigungen und Ausreden suchen.
Nach seinen eigenen Fehlern sollte er forschen, dann findet er den wahrhaft Schuldigen, sich selber.
Da die Fehler nicht immer im jetzigen Leben gemacht wurden, ist die Kenntnis vom Gesetz über Ursache und Wirkung (Karma-Gesetz) sowie von der Wiederverkörperungslehre (Reinkarnation) notwendig.
