Geduld:
Geduld kann nur der Mensch üben, der erkannt hat,
dass bestimmte negative Erscheinungen in unserem Leben, seien es Krankheiten,
unerträgliche Berufsverhältnisse, eine unglückliche Ehe
oder andere schmerzliche Beziehungen zu den Mitmenschen, manchmal nur durch
Geduld in Verbindung mit Hoffnung ohne Schaden bewältigt werden können.
Geduld ist also die Fähigkeit, in einer misslichen Lage auszuharren
und sich über den Zustand des Leidens zu beruhigen. Dies gelingt uns
in dem Bewußtsein, dass uns nichts geschickt wird, was wir nicht
irgendwann verursacht haben und was wir nicht bewältigen können,
wenn wir uns darum bemühen. Es ist im Einklang mit dem Karmagesetz,
dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Zudem kann sich der Mensch bei der
Bewältigung schwerer Schicksalsschläge am besten höher entwickeln.
Es handelt sich also bei der Geduld nicht um ein Hinwegschreiten über Hindernisse, sondern ein Bewältigen durch ergebenes Dulden. Geduldig sollte man nicht nur in sich selbst, sondern auch in Anderen dasjenige ertragen, was man nicht ändern kann. Manchen Menschen scheint Geduld als Stillhalten im Leiden, als ein passiver Zustand. Er ist aber in Wirklichkeit eine höchst aktive Kraft. Sie ist mit der Hoffnung auf Besserung der Lage verbunden und zwar nicht nur augenblicklich, sondern ununterbrochen und wird durch die Hoffnung zu einer immerwährenden Seelenkraft. Im Leiden erkennen wir, dass es nicht so geht, wie wir wollen. Das Versagen unseres persönlichen Willens macht uns zunächst mutlos, verzweifelt und hoffnungslos. Aber wir müssen uns dem Schicksal beugen und willig unsere Leiden auf uns nehmen, wenn wir nicht blindwütend gegen unsere Schicksalsschläge rennen wollen und dann daran zerbrechen. Wer vielmehr in geistiger Besinnung in sich zur Ruhe und Geduld in positivem Sinn gelangt, der allein löst sein ihm kausal zugeordnetes Schicksal nach und nach auf. Es kann Jahre dauern. Es ist der einzige Weg, um eine uns noch unbekannte, jedoch in vergangenen Zeiten gespeicherte Schuld abzutragen, nur so mindert sich die Bürde des menschlichen Karmas.
Im Zusammenhang mit unserer geistigen Höherentwicklung
müssen wir auch Geduld mit uns selbst haben. Nachdem heute viele Menschen
versuchen, sich durch gewisse Praktiken schnell geistig hoher zu entwickeln
ohne sich zu bemühen, ethische Grunderfordernisse im täglichen
Leben zu verwirklichen, muss auch hier Geduld geübt werden. Der Mensch
kann sich nur von Stufe zu Stufe höher entwickeln und keine Sprünge
machen, denn es muss alles im Alltag verwirklicht und praktiziert werden,
sonst gibt es keinen geistigen Fortschritt. Gewisse Praktiken können
ohne Beachtung der Grunderfordernisse im täglichen Leben in die schwarze
Magie führen.
Duldsamkeit
Eng verwandt mit dem Begriff Geduld ist die Duldsamkeit. Auch sie ist ein wesentlicher Faktor für das harmonische Miteinander.
Wir sollten in jedem Menschen den göttlichen Funken bejahen. Alles, was wir an Wertvollem haben, Anderen bieten, doch niemals es ihnen gegen ihren Willen aufzwingen wollen. Was wir für wahr halten, vor Augen stellen, aber keinen Ärger, keinen Groll, keinen Unwillen aufkommen lassen, wenn es für sie nicht auch wahr ist. Es gibt für niemand eine Wahrheit, bevor er sie selbst einsieht und sie sich angeeignet hat. Wir sind so veranlagt, dass wir die Wahrheit in dem Augenblick, dass wir sie einsehen, auch annehmen. Denn nicht Beweisgründe, sondern Erkennen leiten den Menschen zur Wahrheit. Duldsamkeit bedeutet also, am Eigenen festhalten, bereit sein, es mit Anderen zu teilen, aber niemals sich dazu verleiten lassen, es aufzuzwingen oder Andere zu bekämpfen.
Wenn man bei der Überwindung von Fehlern Anderen gegenüber behilflich ist, muss man zwischen der Person und den ihr anhaftenden Mängeln unterscheiden. Man muss duldsam gegen die Person aber unduldsam gegen ihre Fehler sein, denn wer duldsam gegen das Böse ist, der ist unduldsam gegen das Gute, weil das Gute nicht zum Vorschein gelangen kann solange das Böse begünstigt wird.
Dr. Franz Hartmann sagt: Wenn wir gegen die Torheiten
eines Anderen unduldsam sind, so sind wir nicht unduldsam gegen ihn selbst,
sondern nehmen vielmehr für ihn gegen seine Torheiten, die ihn belästigen,
Partei. Alle Übel entspringen der Nichterkenntnis des Wahren. Auf
niemand lastet diese Nichterkenntnis als auf demjenigen der sie besitzt,
und der Besitzer derselben verdient somit unser Mitleid und unsere Hilfe,
nicht aber Verachtung und Hass. Wenn sich auch für uns die Folgen
seiner Torheit schmerzlich fühlbar machen, so gibt es dagegen kein
besseres Mittel als ihn aufzuklären und von seiner Last zu befreien.
Stillschweigende Duldsamkeit ist nur dann am Platze, wenn wiederholte Versuche,
ihn zur Ablegung seiner Fehler zu bewegen, vergebens sind und er keiner
Belehrung zugänglich ist.
Toleranz
Duldsamkeit beinhaltet auch Toleranz. Dieser Begriff wird
oft falsch verstanden. Unter Toleranz versteht man im allgemeinen das Recht
der individuellen Entwicklung. Jeder gehorche seiner eigenen Vernunft und
seinem eigenen Gewissen. Der Tolerante respektiert die freie Entwicklung
eines Jeden und hat keinen anderen Wunsch, als dass ein Jeder seiner eigenen
Vernunft und seinem eigenen Gewissen gehorcht. Die äussert sich als
Milde, Neidlosigkeit, Geduld und Rücksichtnahme. Toleranz ist ein
Teil der Grundlage jeder Weltreligion im ursprünglichen Sinne.
Wie weit geht nun diese Toleranz? Der Tolerante wird seinem Mitmenschen nicht die Entwicklungs-Freiheit des Denkens durch Aufstellung von Dogmen und Autoritäten einchränken; er wird niemandem eine Ansicht aufzuzwingen suchen, wohl aber bereit sein, jeden nach Kräften aufzuklären, soweit der Betreffende es wünscht. Jedem wird er es selbst überlassen, von dem ihm Mitgeteilten das für sich auszuwählen, was seiner Vernunft einleuchtet. Falsche Toleranz ist es, wenn man aus Stumpfheit, Nachlässigkeit, Kurzsichtigkeit, Bequemlichkeit und Schwäche in sich und anderen etwas zuässlt, was offensichtlich den ethischen und moralischen Gesetzen widerspricht, wenn psychische oder physische Schäden verursacht werden und wir damit konfrontiert werden, auch wenn Mißhandlungen von Mensch und Tier geschehen.
Wer aus egoistischer Berechnung, Erwartung von Gegenleistungen oder aus Furcht etwas toleriert, handelt falsch. Der Mensch sollte sich auch nicht als Objekt dem Anderen zum Ausleben schlechter Eigenschaften hingeben, sonst macht er sich mitschuldig.
Zum Abschluß erwähne ich einige Aussagen von dem Schriftsteller Erhard Bäzner:
Wenn sich Menschen auseinandersetzen, so deshalb, weil sie manchmal nicht fähig oder nicht willens sind, den Standpunkt ihrer jeweiligen Partner zu verstehen. Dieses Verstehen erfordert aber eine Erhebung über die gegensätzlichen Standpunkte, also auch in gewissen Fällen einen Verzicht auf den eigenen. Die vielen Religionskriege beweisen, wie sehr Gegensätze zu Feindschaften werden können, wenn nicht eine Erhebung in eine höhere Einheit gelingt. Die meisten Menschen fürchten, ihren eigenen Glauben zu verraten, wenn sie sich bemühen, die Überzeugungen eines Anderen von dessen Standpunkt aus zu verstehen! Und doch ist diese Toleranz von uns Menschen gefordert! Wir müssen einsehen, dass das, was geglaubt werden kann, jenseits des Denkens liegt, sich also nicht mehr aussprechen oder in Glaubensbekenntnisse pressen lässt!
Das Bewußtsein der Einheit alles Seins, in dem sich alle Gegensätze lösen und aufheben, kann immer nur im Bewußtsein des einzelnen Menschen erwachen. Der Zusammenschluß mit Gleichstrebenden ist jedoch dabei - wie auf allen Gebieten - eine Hilfe, ja für die Verwirklichung der Einheit alles Seins ist die Bruderschaft der Menschen eine Vorstufe.