Das Ergebnis der üblichen Erziehung, der Ausbildung in Schulen und auf wissenschaftlichem Gebiet entspricht leider bei weitem nicht dem Idealbild einer Lebensweise auf der Grundlage materieller, biologischer und seelisch geistiger Gesetzmässigkeit. Eine Erziehung ohne Charakterbildung, eine Wissenschaft ohne Menschlichkeit und ein Wirtschaftsleben ohne Moral begünstigt gefährliche Entwicklungen. Eine Reform unseres gesamten Bildungswesens von der Volksschule bis zur Universität ist in der heutigen Lage nötig.
Die Erziehung sollte ein intensives und umfassendes Wissen über die wahre Natur des Menschen und der menschlichen Gesellschaft vermitteln. Durch eine Ausbildung, die nur auf das irdische Wohlergehen und das Materielle beschränkt ist, kann sich das Seelisch-Geistige nicht entfalten.
Deshalb sollte in der Erziehung privat, in Schulen und Universitäten auch die geistige Entwicklung des Menschen mit einbezogen werden, also Erziehung zur Selbsterziehung und zur freien Entscheidung für das Wohl aller Menschen, damit beim jungen Menschen Verantwortung geweckt wird.
Nur wenn der Einzelne das Gefühl seiner persönlichen Verantwortung für das, was er lernt und lehrt wiedergewinnt, kann die Entfremdung des Lernens vom Leben überwunden werden.
Wahrhafte Erziehung bedingt das Vorbild des Erziehers und sein Beispiel.
Erzieherisch wirksam auf Andere, Grosse und Kleine, ist nicht das, was wir sagen und befehlen oder erbitten, sondern nur das, was wir vorleben, also unsere Selbsterziehung. Dann können wir auch einem Anderen helfen, sich selbst zu erziehen. Letztlich ist jede Schule gerade so gut, wie der Lehrer das Leben verstanden hat und mit seinen Schülern lebt.
In der Erziehung ist das Ausschlaggebende. dass zwischen Eltern und Kind. zwischen Lehrer und Kind, Erzieher und Kind eine Verbindung des Vertrauens, der Liebe, besteht. Wichtig ist auch, dass das Kind möglichst früh lernt, sich selbst zu entscheiden, denn nur in der eigenen Entscheidung können seine Kräfte entwickelt werden. Das Gegenteil von Erziehung ist Manipulation, bei welcher der Erwachsene nicht an die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes glaubt und überzeugt ist, dass das Kind nur dann zu einem ordentlichen Menschen wird, wenn er ihm das, was er für wünschenswert hält. einprägt und alles unterdrückt, was ihm nicht wünschenswert scheint.
Der Schriftsteller Joseph Neffe sagt in seinem Artikel. "Ein Weg aus dem Schul Dilemma": "Die wahre Schule des Menschen liegt in ihm selbst. Wir müssen wieder mit den eigenen Augen sehen lernen. Wir sollten statt des Angelernten unseren eigenen Verstand gebrauchen."
Und Shaw Desmond sagt: .'Die beste geistige Schule, die ein Mensch finden kann, ist die Schule des Lebens, die ihn immer genau die Erfahrungen machen lässt, die seiner Reifestufe gemäss sind. Das meiste, was für uns wirklichen Wert hat, haben wir ausserhalb der Schule im unmittelbaren Kontakt mit dem Leben gelernt bzw. uns selber angeeignet.
Dass ein Jugendlicher oder ein Erwachsener auf dem Weg akademischen Unterrichts sich das Wissen und die Bildung erwerben könne, auf die es im Leben einzig und allein ankommt, ist ein Aberglaube.'' "Eine blosse Anhäufung von nüchternen Tatsachen ist wertlos, solange keine Verbindung zum wahren Leben hergestellt werden kann. Gewiss, die Studenten werden mitTatsachen vertraut gemacht, aber Weisheit wird ihnen nicht vermittelt, da diese höchst wahrscheinlich nicht gelehrt werden kann. Aber die Voraussetzungen zu schaffen, auf denen sich die Weisheit entfalten könnte, wäre durchaus möglich."
Alles wirkliche Lehren und Bilden besteht deshalb in der Kunst des Hervorrufens, des Erweckens. Wissenshaft, Religion und Philosophie sind nicht drei gesonderte Dinge, noch stellen sie drei ihrem Wesen nach getrennte Gesetze des Kosmos dar, sondern sie sind lediglich drei Erscheinungsformen des menschlichen Bewusstseins. Wenn nicht jede von ihnen die anderen beiden stützt, dann stimmt irgendwo etwas nicht, sagt Purucker.
Der deutsche Physiker Peter Dürr erwähnt in dem Buch "Neues Bewusstsein, neues Leben, Bausteine für eine menschlichere Welt":
"Wissenschaft und Technik haben dem Menschen - und dies wird uns heute immer mehr bewusst - die Fähigkeit verliehen, sich selbst und seine ganze Umwelt, in die er eingebettet ist, zu zerstören. Es ist deshalb in unserem Zeitalter der Wissenschafts- und Technik-Euphorie dringend nötig, auf die prinzipiellen Grenzen der Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft und der aus ihren Erkenntnissen entwickelten Technik hinzuweisen. Dies ist nicht wissenschaftsfeindlich."
Schon in der Jugend ist die Bewusstmachung eines hohen Lebens-Ideals als Wegweiser für die innere und äussere Lebensgestaltung wichtig. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sich der Mensch immer wieder aufs Neue um tiefe Erkenntnisse bemühen, um sie im täglichen Leben zu verwirklichen.
Es leuchtet ein, dass eine Änderung auf dem Gebiet der Erziehung nicht möglich ist, solange die Voraussetzungen dazu bei der Mehrzahl der Verantwortlichen und Betroffenen nicht gegeben sind. Und diese Voraussetzungen sind eine Sache der geistigen Reife, die, wie gesagt, von der Entwicklung und Entfaltung des Menschen abhängig ist.
Aber die Bewusstmachung der Mängel und wahren Aufgabe der Erziehung kann beim aufgeschlossenen, verantwortlichen Einzelmenschen, der ein gewisses Stadium der geistigen Entwicklung erreicht har, eine Lebensweise hervorrufen oder vertiefen, durch die ein Mangel in der üblichen Ausbildung ausgeglichen bzw. behoben werden kann.