Bescheidenheit und Demut

Die Tugend der Bescheidenheit hat nichts mit äußerlichem Schein und äußerer Erscheinung zu tun. Sie zeigt sich in der Gesinnung. Diese bestimmt das Motiv für das Denken und Handeln des Menschen. Je selbstloser seine Gesinnung ist, je mehr er weitsichtig ein höheres Ziel erkennt, das dem Fortschritt einer Idee, Gemeinschaft, eines Volkes oder der Menschheit dient, umso höher liegt die Entwicklungsreife einer Menschenseele. Bescheidenheit ist keine kleinbürgerliche Haltung des Menschen. Sie ist eine religiöse Tugend und zeigt sich in ethischen Eigenschaften und nicht in Unterwürfigkeit.

Bescheidenheit bedeutet, sich zu bescheiden, d.h. zu wissen, wo die Grenzen des eigenen Menschseins liegen, sie zu achten und sich innerhalb ihrer zu halten. Jede Verletzung der Grenzen drängt den Menschen aus seiner inneren Ausgewogenheit, aus seiner Mitte heraus. Es drängt ihn nach der einen Seite zu Schwäche, Ängstlichkeit und Unsicherheit, also zur sogenannten "falschen Bescheidenheit" und nach der anderen Seite hin zu Angeberei, Großsprechertum, Einbildung und gar Hochmut. Die Bescheidenheit ist achtsam auf guten Rat und für jede Wahrheit empfänglich. Gemeint ist also niemals bloße Unscheinbarkeit der äußeren Erscheinung und ein mattes, artiges Verhalten zum Mitmenschen. Gemeint ist die volle Bescheidenheit im tiefreligiösen Sinne, die kraftvolle innere Sicherheit einer echten Selbstbescheidung, die sich wohl des Eigenwertes bewußt ist aber kein Sonderstreben und keinen Sonderwahn hat, die bedingungslos die unserem Dasein gesetzten Schranken anerkennt, die in allem die Mitte wahrt. Diese schöne Tugend der Bescheidenheit erkennen wir an allen großen Menschen. In ihrem Umgang mit anderen und in ihrer Bewertung der Lebensvorgänge bleiben sie selbst im Ruhm bescheiden, weil ihr Blick auf Größeres als dasjenige gerichtet ist, was ihr persönlicher Erfolg darstellt. Demütig sein heißt auch freiwillig auf etwas verzichten, das wir uns leisten könnten. Der religiöse Pfad ist ein Wandeln unter Verzichten. So sind Demut und Bescheidenheit nicht Tugenden der Schwäche, sondern der Stärke. Mehr als irdischen Mut muß jene Tapferkeit aufbringen, welche die höchste ist, nämlich sich vom Irdischen und Endlichen zu befreien, um die Frucht der Selbsterkenntnis zu empfangen. Welchen Namen ihr auch der Mensch geben mag, ob Gott, Gottheit, Christus, Wahrheit, Ewigkeit, er empfindet sie als höchste Erfüllung. Vor ihrem " Angesicht'' wird er demütig, sieht sein Nichts in der Form und sein Ein und Alles in dieser höchsten Kraft. Die wahre Demut finden wir in unserem "Lande ohne Demut" immer noch in der selbstverständlichen gläubigen Wirksamkeit großer Menschen, die täglich das Beispiel hingebender Arbeit und auf irgend einem Felde des Lebens Pflichterfüllung geben. Wir finden sie noch immer in den echten Gottsuchern, den stillen, heiteren und erhabenen Unbekannten, die großem zustreben.

(zum Teil aus "Lob der Demut und Bescheidenheit" von Gertrud Bäzner).

Nie sollten wir uns als besonders begünstigt und einzigartig betrachten, denn niemand erhält mehr oder weniger als das, was er in irgend einer Phase seiner langen Reise durch die Zeit verdient hat oder in einer gegenwärtigen Phase braucht.