Zinsverbot im AT - Zinsen beuten aus
(Aus: Kirchenbote für den Kanton Zürich, 10 Januar 2003, Postfach, CH-8030 Zürich)
Geld (3) - Man spricht nicht gern davon, und trotzdem geht es nicht ohne Geld.
Die Bibel ist da viel direkter. Das alttestamentliche Zinsverbot will die Armen vor
verhängnisvollen Abhängigkeiten schützen und die Reichen vor ihrer Besitzgier.
VON CHRISTOPH WEBER-BERG 1)
Schon in den ersten Tagen des neuen Jahres flattern die Bankauszüge ins Haus. Wegen
der tiefen Zinsen fallen die Kontoerträge gering aus. Umso mehr freuen sich Hausbesitzer, die für ihre Schulden weniger zu zahlen haben. In jedem Fall gehören Zinsen als
normaler Bestandteil zu unserem Wirtschaftssystem. Das war nicht immer so.
Wer sich in alttestamentlicher
Zeit verschulden musste, tat dies nicht, um ein Haus bauen, eine Firma gründen oder ein Auto kaufen zu können. In aller Regel mussten Menschen in einer Notlage
fremdes Geld aufnehmen. Um über die Runden zu kommen, verpfändeten sie Land, Kinder oder sogar ihre eigene Arbeitskraft. Eine Verhängnisvolle Spirale setzte ein: Wer seine Arbeitskraft verpfändete, konnte weniger für den Eigenbedarf arbeiten, und seine wirtschaftliche Kraft wurde zusätzlich geschwächt. Zinsen verschärften die Problematik zusätzlich: Geschwächte Menschen mussten viel mehr zurückgeben, als sie sich je geborgt hatten. Nicht nur die Propheten prangerten die dadurch entstehenden Ausbeutungsmechanismen an, auch die mosaische Gesetzgebung reagierte unter anderem mit dem Zins verbot.
«Du sollst von deinem Volksgenossen keinen Zins nehmen, weder Zins für Geld noch Zins für Speise noch Zins für irgendetwas, was man leihen kann» (5.Mose23,19).
Irritierend wirkt jedoch der Anfang des nächsten Verses:
«Vom Ausländer magst du Zins nehmen, von deinem Bruder aber sollst du nicht
Zins nehmen.»
Eine unheilvolle Trennlinie unterscheidet Leute des eigenen Volkes von Fremden. Historische Folge dieser Bestimmung war, dass Christen das Geldgeschäft den Juden
überliessen. So grenzte das Zinsgeschäft die einen von den anderen ab und trug zu gegenseitigem Misstrauen, zu Stigmatisierung, zu Hass und Tod bei.
Heute wissen wir, dass dies mit dem Zinsverbot nicht gemeint sein konnte. Für das
Verständnis wichtig ist der zweite Teil des Verses 20: «Auf dass Gott dich segne im
Lande, dahin du ziehen wirst.»
Hier wird betont, dass das Volk Israel in der Wüste auf das Land hofft, in dem kein
Mangel herrscht und alle von Gott gesegnet sein werden. Umgekehrt verstanden, meint
der Vers: «Wenn du Zins nimmst von deinen Volksgenossen, dann wird Gott dich in
jenem Land nicht segnen.» Das Zinsnehmen steht dem Segen Gottes, der geistlichen
Lebensfülle entgegen. Triebkräfte des Zinsnehmens sind letztlich Gier und die Angst vor Knappheit. -
Auf diesem Hintergrund haben die Zinsbestimmungen im Alten Testament zwei Stossrichtungen. Zum einen wollen sie die Armen vor verhängnisvollen Abhängigkeiten
schützen. Zum anderen soll das Zinsverbot helfen, die Besitzgier und die Angst vor dem Zu-kurz-Kommen zu überwinden. Denn nur so kann der Gottessegen erhalten bleiben.
Verhängnisvolle Abhängigkeiten entstehen heute, wenn ganze Länder in Notlagen Kredite benötigen. Sind diese Kredite ausbeuterisch, verstärken sie Abhängigkeiten und halten sie Menschen die bescheidenste materielle «Lebensfülle» vor, dann stehen sie dem Geist des Zinsverbots entgegen. Denn solche Kredite sind kein Ausweg.
Das Zinsverbot prangert aber auch an, wenn; unsere Wirtschaft die Besitzgier schürt und den Reichen ermöglicht, ihre verborgenen Ängste vor dem Zu-kurz-Kommen auf Kosten der Ärmsten dieser Welt zu kompensieren. Aus biblischer Sicht schadet wirtschaftliche Ausbeutung allen: sogar denen, die vermeintlich davon profitieren. Das will uns das
alttestamentliche Zinsverbot zu bedenken geben, auch wenn dieses Gesetz in seiner
wörtlichen Bedeutung heute kaum mehr als eine angemessene Reaktion auf Ausbeutung und Gier taugt.
1) Christoph Weber-Berg ist Leiter der Fachstelle Kirche und Wirtschaft (k + w) der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.
(Aus: Kirchenbote für den Kanton Zürich, 10 Januar 2003, Postfach, CH-8030 Zürich)
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Kommentar zu "Zinsen beuten aus"
Die Kirche befindet sich noch heute in der „Phase des Überlegens", dass heisst, man hat immer noch nicht die verheerende Folgen des Zinses erkannt. Es ist bequem, um die Problematik an andere zu schieben. Im Mittelalter den Juden, heute den Parteien. Wenn aber die Parteien, um den § 218 (Schwangerschaftsabbruch unter Strafe) diskutieren, machen die Kirchenleute alle Diözese, Pfarreien, Helfershelfers, mobil. Für eine private Angelegenheit wie das § 218, stecken die Kirchenleute enorm viel Energie und Engagement, für eine öffentlich-rechtliche, für Arme und Habenichtse, lebenentscheidend, „überlegt man", ob überhaupt es noch sinnvoll sei, hier aktiv zu werden. Vorher kommt diese Interesselosigkeit, Verantwortungslosigkeit gegenüber den Armen, fragt man sich - mit Recht.
Wenn man sich fragt, woher diese Interesselosigkeit kommt, entdecken wir Opportunismus
Die Kirchen haben keine Interesse das Problem der Zinses anzupacken, nicht weil, sie die Verheerende Wirkung des Zinses nicht erkannt haben - aus dem vorhergehenden Artikel ist dies deutlich zu erkennen - sondern weil sie selbst Kapitalisten und Besitzer halber Landteile, Schlösser, Kongresszentren, Paläste und Banken sind. Es ist naheliegend, dass es bei der Abschaffung des Zinses, ein Dorn im Auge wäre.
Opportunismus und Egoismus sind die wahren Ursachen der Weigerung der Kirche, das Problem des Zinses sich anzunehmen.
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