(Aus: Der 3.Weg Juni 2000)
Hans Eisenkolb

Das zentrale Anliegen Silvio Gesells - Gedanken über eine Minimalreform
- Zur zeitgemäßen Umsetzung einer Geldumlaufsicherung -

Gesell wollte eines. Er wollte die Menschen aus der Übermacht des Kapitals befreien und er fand den Weg dazu durch die Gleichstellung des Geldes zur Arbeit und den Früchten der Arbeit. Das ist alles !

Diese Gleichstellung sah er darin dass er Geld durch eine direkt auf Geld wirkende Gebühr demselben Angebotszwang aussetzte in dem Arbeit und Ware naturgemäß stehen. Das ist alles!

Er wollte nicht die Früchte der Arbeit, die Waren, dem Geld überlegen machen durch Inflationierung des Geldes oder durch überhöhte Steuern wie Irving Fisher vorschlug, denn er wusste genau, dass dann das Geld seinen Dienst als Tauschmittel genau so wenig erfüllen kann wie bei Deflation. Er wollte eine Gebühr in genau dem Ausmaß als notwendig war, um das Gleichgewicht herzustellen. Nicht mehr und nicht weniger!

Diese Gebühr ist aber eine unbedingte Notwendigkeit. Es gibt keinen Ersatz dafür durch leichte Inflation. Inflation kann die Vormacht des Geldes nicht brechen! Ist sie in einem Ausmaß von etwa 3%, was im Durchschnitt das Ausmaß des Vorteiles des Dauergeldes gegenüber den Waren ist, verlangt das Geld einen Ausgleich. Die Inflationsprämie auf dem Zins.

Ist die Inflation zu stark, versagt es überhaupt als Tauschmittel. Dass es beim Gegenteil der Inflation, der Deflation mit sinkenden Preisen, Arbeitslosigkeit und Absatzschwierigkeiten das auch tut, sollte wohl jedem klarsein. Nun kann aber ohne diese Gebühr, die den Vorteil des Geldes ausgleichen soll, das Geld nicht stetig umlaufen und wenn es das nicht tut, wird es immer wieder zu Arbeitslosigkeit, Krisen und Kriegen kommen. Sie ist also eine unabdingbare Notwendigkeit und der zentrale Punkt der Reformen Gesells.

Alles andere, wie Indexsteuerung, Bodenreform, Staatsabbau Freihandel usw sind dagegen von untergeordneter Bedeutung. Ohne ein ebenes Feld zwischen Kapital und Arbeit durch die Umlaufgebühr, sind solche Reformen alle nicht von Dauer, wenn sie überhaupt durchführt werden können.

Leider wird dieser zentrale Punkt auch von vielen Anhängern Gesells nichtrichtig erkannt. und wenn schon sie sich in Nebensächlichkeiten verlieren. wie soll man dann von Hochschulprofessoren erwarten, dass sie zugeben sollen, dass das, was sie ihr Leben lang vertreten haben, falsch sein soll Ihr ganzes Prestige wäre da ja zerstört. Selbst Irving Fisher und John Maynard Keynes haben Gesell nur mit Vorbehalten anerkannt und heute scheint es überhaupt keine Nationalökonomen mehr zu geben, die diesen Männern auch nur das Wasser reichen könnten.

Gesell selbst hat in seinem Hauptwerk, wenn man es nur sorgfaltig genug liest, schon alle Einwände beantwortet und es überrascht einen immer wieder, wie weit dieser inspirierte Mann seiner Zeitvoraus war. Nun sind schon über 100 Jahre vergangen, seit er sein Werk begann; er selbst ist schon fast 70 Jahre tot und noch immer hat sich kein würdiger Nachfolger gefunden. Hoffentlich findet sich einer, denn es wäre doch die größte Ironie der Geschichte, wenn die Lösung uralter Menschheitsprobleme erkannt ist und niemand setzt sie in die Praxis um und diese Zivilisation geht unter wie viele zuvor.

Gedanken über Minimalreform als Anfang
Es muss uns klar sein, dass die Reformen, die Gesell vorschlägt, kaum jemals alle auf einmal durchgeführt werden können. Wir sollten uns daher ernstlich überlegen, welche Reformen für den Anfang unabdingbar sind und welche warten können. Einige der Reformen sind davon abhängig, dass andere schon durchgeführt sind und andere bedingen sich gegenseitig und es hat sich kaum jemand Gedanken gemacht, wo man in der Praxis mit welchen Reformen anfangen kann und welche eventuell allein durchführbar sind.

Das ganze Gedankengebäude Gesells ist in sich logisch und für den Kenner wie ein Traum einer besseren Zukunft. Der Weg nach Utopia oder in das Reich Gottes auf Erden. Wir leben aber hier und jetzt und müssen nach kleinen Schritten auf dem richtigen Weg suchen.

Vielleicht sollten wir zuerst einmal die Reformen beiseite lassen, für die es kaum Aussicht auf Durchführung ohne absolute Mehrheit in einem Staat gibt. Das ist zuallererst die Bodenreform. Das römische Bodenrecht ist vorläufig außerhalb unserer Macht und wir können zwar aufzeigen, was daran gegen das Gemeinwohl verstößt, können eine spätere Lösung aber ruhig kommenden Generationen überlassen. Grundrente und Kapitalzins sind ohnehin gegenseitig in einer Abhängigkeit und wenn bei sinkendem Kapitalzins Grundpreise ins Unermessliche steigen, wird man Lösungen finden müssen.

Es bleiben also Freigeld und Festwährung und da sollen wir uns überlegen, ob wir das nicht notfalls auch in kleinem Rahmen so wie damals in Wörgl machen können und da werden wir gleich bemerken, dass diese beiden Reformen sich gegenseitig bedingen. Eines ohne das andere geht auf die Dauer nicht.

Wir könnten wohl. wie in Wörgl oder wie es im Mittelalter bei den Brakteaten war, ein umlaufgesichertes Geld herausgeben, aber genau so wie im Mittelalter die Brakteaten eine Teuerung (Inflation) hervorriefen. würde es das umlaufgesichertes Geld tun, wenn die Ausgabe nicht strikt kontrolliert würde und es ein größeres Ausmaß als in Wörgl annehmen würde. In Wörgl kam nur deshalb dieses Resultat nicht zum Tragen weil die Summe des umlaufgesicherten Geldes geringfügig war und der Zeitraum zu kurz. Außerdem ersetzte das Wörgler Geld nur das nicht umlaufende Geld des Staates.

Wenn wir also eine Situation haben, wo das staatliche Geld wegen Deflationierung seinen Dienst als Tauschmittel nicht ausübt, ist es leicht es durch alternative Tauschmittel zu ersetzen. Das Problem ergibt sich erst, wenn das alternative Tauschmittel einen merkbaren Anteil am Geldumlauf erreicht. Dann ist eventuell selbst für das langsamer umlaufende staatliche Dauergeld nicht mehr genug Ware übrig und zu wenig Ware für zu viel Geld ist Inflation. Bei Inflation strömt aber auch das stillgelegte Geld auf den Sparkonten wieder auf den Markt und auch die Girokonten geraten in schnellere Bewegung.

Deshalb muß die Ausgabe des alternativen Geldes nach einen Index so gesteuert werden, dass es seinen Wert behält. Dazu muss es einen Wechselkurs zum Staatsgeld haben, wo das zum Ausdruck kommt. Das alternative Tauschmittel übt, wie wir gezeigt haben einen inflationären Druck auf das Staatsgeld aus, es würde aber ohne Indexsteuerung demselben Druck auch ausgesetzt sein, weil ja bei den Tauschmitteln nur ein Warenangebot gegenüber steht.

In Wörgl hat es sich gezeigt, dass umlaufgesichertes Geld 20 mal schneller umlief als das nicht so gesicherte Geld. Das bedeutet, dass 5% umlaufgesichertes Bargeld genau so viel Waren bewegen kann wie 100% normales Geld Es verdrängt deshalb normales Geld vom Markt.

Spätestens zu dem Zeitpunkt wird aber der Staat eingreifen müssen, wenn er den Wert seines Geldes erhalten will. Wenn das die schwerfällige unbeliebte Bürokratie in Brüssel sein sollte und alternatives Geld in Sizilien umlaufen wird, sehe ich schwarz für Brüssel und was hat der Staat schon dem alternativen Geld entgegenzusetzen? Deflationiertes Geld verschwindet schneller vom Markt als man es herausgeben kann, und man will es ja nicht in inflationären Ausmaß herausgeben.

Wird das Geld aber wieder ausgegeben, läuft da das kaufkraftbeständige alternative Geld um und bleibt auch durch die Umlaufgebühr im Umlauf. Das Dauergeld müßte wesentlich mehr als 5% inflationiert werden, um das auszugleichen und dann werden die Gläubiger auf die Rückzahlung der Riesenschulden drängen, um das Geld in sicherere Werte oder ins Ausland zu transferieren oder gar in alternatives Geld gehen, weil das ja nur 5% im Jahr verliert, selbst wenn man es unter der Matratze liegen lässt.

Die einzig sichere Methode, die der Staat hätte, wenn er nicht Gewalt anwenden will und alle Benützer alternativen Geldes einsperren lässt, bestünde darin. dass er sein Geld auch mit einer Umlaufsicherung ausstattet und einen festen Wert garantiert. Tut er das, lässt sich alternatives Geld nicht mehr lange halten, weil es dann keinen Vorteil mehr bietet. Die Herausgeber des alternativen Geldes werden ihm aber keine Träne nachweinen. Sie haben ja erreicht, was sie wollten.

Die exakte technische Durchführung einer lokalen Zweitwährung ist vielleicht bisher zu wenig behandelt worden, weil ja die praktischen Versuche mit der Wära und in Wörgl mit dem Markengeld anstandslos funktioniert haben. Wenn jemand dann nach einer noch genaueren Gebrauchsanweisung sucht, liegt der Verdacht nahe, dass er eher die Sache zerreden will. Trotzdem möchte ich hier eine Idee für alternatives Geld vorstellen, die angelehnt an die ebenfalls erfolgreich umlaufenden Brakteaten des Mittelalters die etwas umständliche Markenkleberei der anderen Versuche überflüssig macht. Sie ist so einfach, dass man sie in einem Satz sagen kann: "Gebt Geld mit Ablaufdatum heraus!" Das war auch bei den Brakteaten so. Da wurde das Geld lange Zeit einmal im Jahr gegen neues ausgetauscht. Der "Schlagschatz" wie man damals die Umlaufsicherung nannte (wobei es ihnen nicht einmal klar war, dass es eine Umlaufsicherung war) betrug allerdings 20 bis 25%. Wir wissen heute, dass auch 3 bis 5% genügen würden.

Das ist alles! Die Ablaufdaten sollten so gestaffelt sein, dass der Umtausch (oder die Anbringung eines neuen Ablaufdatums) sich so auf die 12 Monate verteilt, dass immer 11 Zwölftel der Geldmenge davon nicht berührt werden und so keine Stockung auftreten kann. Die Umtauschgebühr von 5% ist somit die Umlaufsicherung, welche das Geld den Waren gleich stellt. Einfach problemlos und sofort durchzuführen, wenn man nur will. Damit ist allerdings Geld als Wertaufbewahrungsmittel nicht mehr so gut geeignet wie jetzt. Es verliert in jedem Fall 5%. obwohl seine Wertbeständigkeit und somit seine Eigenschaft als Wertmaßstab erst jetzt garantiert werden kann.

Jetzt verliert Geld durch Inflation oft viel mehr als 5%. seine Eignung als Wertaufbewahrungsmittel ist also mehr als fraglich und die Leute benützen es bei Inflation auch kaum mehr dafür. Warum existiert also diese absolute Gegnerschaft gegen eine so einleuchtende und einfache Reform? Sollten da Machtinteressen gefährdet sein?
(Aus: Der 3.Weg Juni 2000)