KREISLAUFWIRTSCHAFT
Kreisläufe in der Natur - Kreisläufe in der Wirtschaft?
Ansätze für eine ökonomische Ökologie
von Eckhard Grimmel
(aus:DER DRITTE WEG Mai 1996)

Vortrag in der Neuen Gesellschaft, Vereinigung für politische Bildung e.V., am 18.1.1996 in Hamburg:

2. Teil

Professor Eckhard Grimmel schloss den 1. Teil seiner Ausführungen (siehe DDW 4/96, S. 7 ff.) mit dem Hinweis auf die eigentlichen Ursachen für:

- Umweltverbrauch und -Zerstörung;
- Inflation und Deflation;
- Arbeitslosigkeit und Armut;
- Privat- und Staatsbankrott;
- Individual- und Gruppenterror;
- Klein- und Grosskriege.

In dieser Ausgabe wird Prof. Grimmel das Problembewusstsein für systembedingte Störungen schärfen, die sowohl in der Wissenschaft als auch in der breiten Öffentlichkeit nicht hinreichend beachtet werden:

Die Störungen im Geldkreislauf
Doch diese Stufe des Problembewusstseins haben nach Aussage des Schwei-
zer Wirtschaftswissenschaftlers Hans-Christoph Binswanger 99% der Menschen noch nicht erreicht. Denn 99% glauben irrtümlicherweise immer noch, dass Geld wahlweise als Wertmassstab, Tauschmittel, Zahlungsmittel, Kreditmittel, Wertaufbewahrungs- und sogar als Wertvermehrungsmittel genutzt werden darf. Sie erkennen nicht, dass sich diese Funktionen des Geldes teilweise gegenseitig behindern, vor allem die Tauschfunktion auf der einen und die Wertvermehrungsfunktion auf der anderen Seite, mit verhängisvollen Wirkungen.
Geld kann nämlich gegen Zinsen ausgeliehen werden, und zwar deshalb, weil jeder Geldbesitzer das "Recht" hat, das öffentliche Tauschmittel Geld solange privat zurückzuhalten, bis die hieraus resultierende Knappheit des Geldes den Zinssatz in eine Höhe getrieben hat, die es dem Besitzer profitabel erscheinen lässt, sein vorübergehend gehortetes Geld wieder in den Geldkreislauf einfliessen zu lassen.

Das Zinseszinssystem setzt aber eine Automatik in Gang, die dem mathematischen Gesetz des exponentiellen Wachstums gehorcht. Dabei bilden sich in Abhängigkeit vom jeweiligen Prozentsatz (Zinssatz), für den das Geld verliehen wird. Verdopplungszeiten der ausgeliehenen Geldmengen. Als Faustregel gilt: 70 geteilt durch Zinssatz gleich Verdopplungszeit.

Exponentielles Wachstum der Geldvermögen
Das Gesetz des exponentiellen Wachstums treibt also den Geldverleihern exponentiell wachsende Geldmengen zu. Wenn nach beispielsweise sieben Jahren, bei einem zehnprozentigen Zinssatz, aus tausend Mark zweitausend werden, dann werden nach weiteren sieben Jahren daraus viertausend.
Nach 21 Jahren sind es 8000, nach 28 Jahren 16.000, nach 35 Jahren 32.000 Mark usw.

Aber damit noch nicht genug. Entscheidend für die arbeitsfreie Bereicherungschance ist auch die Grundzahl, mit der ein Geldverleiher ins Geschäft einsteigt. Wir hatten soeben gesehen, dass man es mit einer Grundsumme von 1000 DM nach 35 Jahren auf 32.000 Mark bringen kann. Steigt man jedoch mit 100.000 Mark ein, hat man nach 35 Jahren bereits 3,2 Millionen Mark. Und wer mit einer Million einsteigt, der hat nach 35 Jahren sogar 32 Millionen. Der Geldverleiher, der mit tausend Mark startet, müsste dagegen fast 105 Jahre warten, bis auch er 32 Millionen Mark hat.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass es entscheidend darauf ankommt, an welcher Stelle der anfangs noch flach verlaufenden, aber dann immer steiler werdenden Zinseszinskurve die "Traumreise" des Geldverleihers, des "Kapitalisten", beginnt. Es wird vor allem deutlich, dass die kleinen Geldverleiher ("Kleinanleger") in der Konkurrenz den grossen Geldverleihern ("Grossanleger") aussichtslos unterlegen sind.

Bildlich gesprochen ist die "Saugkraft" des Geldes nämlich um so stärker, je
grösser seine Menge ist. Projiziert man diesen Mechanismus in die Zukunft, so muss am Ende alles Geld in einer Hand landen.

Hieran erkennt man, dass es sich bei dem herrschenden Geldsystem zwar um ein absolut groteskes System handelt; doch tritt es anfangs nicht so grotesk in Erscheinung, wie es wirklich ist. Denn in der Anfangsphase, etwa nach einem Krieg oder einem Staatsbankrott, schreitet die Geldanhäufung (Kapitalakkumulation) nur langsam voran, und das Geld ist noch relativ lange relativ gleichmässig verteilt.

Die Faszination der Geldillusion
In dieser Phase leben die meisten Geldanleger in der Illusion, irgendwann zum Millionär aufsteigen zu können, wenn sie ihr Geld nur geschickt genug anlegen würden. Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber Wirklichkeit kann dieser arbeitsfreie Traum nur für wenige Anleger werden, denn diese wenigen Aufsteiger brauchen ja viele andere Menschen, denen sie Geld abziehen können.

Ähnlich wie bei der Lotterie gibt es also einige Gewinner und viele Verlierer. Mit dem Ziel zu gewinnen steigen also Menschen in das "Geldspiel" ein und verhalten sich so im täglichen Leben:

Exponentielle Vermehrungangelegtes Geldes beim Zinseszinssystem
(Beispiel: Zinssatz 10 Prozent
= Verdopplung in etwa 7 Jahren;
a: Startanlage 100.000DM
b: Startanlage 1.000.000 DM

Durch den Zinseszinseftekt "vermehrt sich" das Geld von Geldverleihern exponentiell, auf Kosten der arbeitenden Menschen.

Der monetäre Teufelskreis (nach Creutz 1993)
Die "Zinseszinsautomatik" sorgt dafür, dass auf der einen Seite die Geldvermögen im selben Masse exponentiell wachsen wie auf der anderen Seite die Verschuldung. Creutz bezeichnet diesen Vorgang zutreffend als .monetären Teufelskreis", entsprechend, weil ihre Chancen um so grösser werden, je schneller und je mehr Geld sie anhäufen. Dabei sorgt dann der Zinseszinseffekt dafür, dass auf der einen Seite das Geldvermögen im selben Masse wächst wie auf der anderen Seite die Verschuldung. Diesen Vorgang bezeichnet der Aachener Geldsystemkritiker Helmut Creutz zutreffend als .monetären Teufelskreislauf (Mob. 11).

Zinsverbote nützen nichts
Aber nicht durch ein moralisches oder gesetzliches Verbot des Zinsnehmens lassen sich die Störungen im Geldkreislauf beseitigen, sondern durch eine gesetzliche Einengung der bisherigen Doppelfunktion des Geldes (Tausch, Selbstvermehrung) auf die Tauschfunktion allein. Der Tauschfunktion kann das Geld aber nur dann nachkommen, wenn es ebenso wie Waren und Dienstleistungen permanent am Wirtschaftsgeschehen teilnimmt und nicht zurückgehalten werden kann, um Zinsen zu erpressen.

Diese permanente Teilnahme am Wirtschaftsgeschehen kann und muss durch
eine gesetzliche Regelung herbeigeführt werden, in der das Geld zum eigentlich selbstverständlichen Äquivalent von Waren und Dienstleistungen gemacht wird. Waren verderben, nutzen sich ab oder verwittern; Dienstleistungen können nur im arbeitsfähigen Altererbracht werden. Waren und Dienstleistungen müssen deshalb permanent angeboten und nachgefragt werden, damit sie nicht an Wert verlieren oder ganz verfallen.
Für einen zügigen und reibungslosen Tausch von Waren und Dienstleistungen wird aber eben das Tauschmittel Geldbenötigt. Es kann allerdings nur dann,
wenn es auch unter demselben Angebotszwang wie die Waren und Dienstleistungen steht, seine Tauschfunktion optimal erfüllen.

Geld muss also der Wirtschaft permanent zur Verfügung stehen, damit alle erforderlichen oder erwünschten Tauschschäfte auch tatsächlich abgewickelt werden können. Dann wäre auch die Zinseszinsautomatik "abgeschaltet", die dafür sorgt, dass das Geld mit zunehmender Geschwindigkeit von der Arbeit zum Kapital umgeleitet wird.

Erst in einer solchen Marktwirtschaft wäre die Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit erfüllt: Geld könnte nicht mehr durch Geld erworben werden, sondern nur noch durch Arbeit: durch Herstellung und konkurrierendes Angebot von Waren und Dienstleistungen, an denen andere Menschen interessiert sind und für die sie den Preis zu zahlen bereit sind, der sich aus dem Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage ergibt.

Störungsfreier Geldkreislauf Voraussetzung für störungsfreie Kreislaufwirtschaft
Erst auf der Basis eines störungsfreien Geldkreislaufs lässt sich auch eine störungsfreie Kreislaufwirtschaft etablieren, in der nicht mehr das destruktive, Prinzip des exponentiellen Wachstums, sondern das konstruktive Prinzip des dynamischen Gleichgewichts gilt. Jeder kann sich leicht ausrechnen, was ein jährliches dreiprozentiges Wirt schaftswachstum, jeweils bezogen auf den Vorjahreswert, bedeutet. Eben wie beim Zinseszinswachstum haben« es mit einer exponentiell ansteigend Kurve zu tun, an deren Ende ebenfalls nur ein Zusammenbruch stehen kann dem wir uns immer schneller nähern.

Folgen des exponentiellen Wirtschaftswachstums
Das exponentielle Wirtschaftswachstum zieht nämlich einen exponentiellen Verbrauch an Grundflächen, Rohstoffen und Arbeit nach sich, denn die Geldbesitzer legen ihr Geld selbstverständlich nur dort an, wo viel produziert wird und hohe Gewinne erwirtschaftet werden, damit sie hohe Zinsbeträge bekommen können.

Das ist der wesentliche Grund dafür, dass die Wirtschaftsbetriebe "auf Teufel komm raus" alles produzieren, was sich verkaufen lässt, vom Bonbon bis zur Bombe. Ausserdem stehen sie in einer ruinösen Konkurrenz miteinander. Wer nicht wächst, wird verdrängt. Nur wenige produzieren in "ökologischen Nischen", die andere Produzenten nicht entdeckt oder an denen sie kein Interesse haben.

Die meisten Betriebe jedoch gehen im sogenannten wirtschaftlichen Konzentrationsprozess unter, zuerst die Kleinen, dann die Mittleren, dann die Grossen, bis zum Schluss nur noch wenige Giganten (Konzerne) übrig sind. Auf dieser Ebene findet häufig keine Konkurrenz mehr statt. Denn Konzerne können sich leicht über die Preise einigen, mit denen sie auf dem Markt, der keiner mehr ist, erscheinen wollen. So müssen die Verbraucher fast jeden Preis akzeptieren, weil sie kein nennenswertes Konkurrenzangebot mehr finden.

Doch ebenso wie die ökologische Stabilität von Naturräumen abnimmt, wenn die Zahl konkurrierender Tier- und Pflanzenarten reduziert wird, so nimmt auch die ökonomische Stabilität von Wirtschaftsräumen ab, wenn die Zahl konkurrierender Betriebe zurückgeht. Das vorher ausgewogene vielfältige Wechselspiel von Angebot und Nachfrage entartet zum monopolistischen und monokulturellen Konsum- und Preisdiktat der Anbieter ohne Auswahl- und Ausweichmöglichkeit der Nachfrager.

Der deutsche Kaufmann S//MO Gesell (1862 - 1930) erkannte als erster die Notwendigkeit einer .Umlaufsicherung' des Geldes. Die weitreichenden Folgen einer fehlenden Umlaufsicherung bzw. Kreislaufstabilisierung des Geldes beschreibt Gesell im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs (1918) in einem offenen Brief an die Berliner Zeitung am Mittag:

"Trotz des heiligen Versprechens der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz des Rufes der Millionen: "Nie wieder Krieg", entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muss ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft, beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, dass es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen".

Wo stehen die Staaten dieser Erde heute? Heute ist immer noch Zwischenkriegszeit. Der Unterschied zwischen damals und heute besteht lediglich darin, dass das Zerstörungspotential exponentiell gewachsen ist.
Inzwischen gibt es eine umfangreiche Literatur zur Kreislaufstabilisierung des Geldes.

"Doch 99 Prozent der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als nichtexistent. Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine ökologische Wende möglich", stellt zutreffend der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans-Christoph Binswanger fest. Man fragt sich, warum die meisten anderen Ökonomen noch nicht zu dieser elementaren Erkenntnis gelangt sind, um die Politiker angemessen beraten zu können.

Grundgesetz und Bundesbankgesetz erweitern
Dabei reduziert sich das "Geldproblem", die "Zinswirtschaft", auf einen einfachen Nenner. Zinsen können wie gesagt nur dann erpresst werden, wenn man das Recht hat, das öffentliche Tauschmittel Geld beliebig lange privat zurückzuhalten. Denn schliesslich wird derjenige, der Geld, etwa für Investitionen, dringend braucht, bereit sein, die Leihgebühr, also den Zins, an den Geldverleiher zu zahlen. Es kommt also darauf an, ein Gesetz zu schaffen, welches die Geldhortung unattraktiv macht, damit das Geld permanent im Kreislauf bleibt.

Den Ansatz für die erforderliche Geldrechtsreform liefert bereits das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland:

Artikel 88 [Bundesbank]:
"Der Bund errichtet eine Währung und Notenbank als Bundesbank. Ihre Aufgaben und Befugnisse können im Rahmen der Europäischen Union der Europäischen Zentralbank übertragen werden, die unabhängig ist und dem vorrangigen Ziel der Sicherung der Preisstabilität verpflichtet" Der Bundestag könnte etwa folgende Ergänzung beschliessen:

2. Die Bundesbank ist verpflichtet, den durchschnittlichen Preisstand auf Dauer festzuhalten, in- dem sie die umlaufende Geldmenge vermehrt oder vermindert, je nachdem der Grosshandelsindex Neigung zum Sinken oder zum Steigen zeigt.

3. Der stetige Umlauf des Geldes ist durch geeignete technische Mittel zu sichern.

4. Die Bundesbank steht unter der Aufsicht des Staates.
 

Die Bundesbank könnte dann etwa folgende Ausführungsbestimmungen erlassen:

1. Auf Bargeld und Giralgeld wird monatlich eine Geldhortungsgebühr von je 1% erhoben.

2. Im Fall des Bargeldes wird öffentlich an jedem ersten Samstag im Monat eine von 12 Zahlen ausgelost, die einer Notengrösse entspricht.

3. Um jeden Monat 1/12 der Geldmenge und in 12 Monaten die gesamte Geldmenge mit der Geldhortungsgebühr belasten zu können, ist die gesamte Geldmenge in 12 Notengrössen mit je 1/12 der Gesamt-Geldmenge zu stückeln: z. B. 5,-; 10,-; 20,-; 50,-; 100,-; 200,.; 500,-; 1.000,-; 2.000,-; 5.000,-; 10.000,-; 20.000,-DM.

4. Die ausgeloste Notengrösse wird am Ende des Monats ungültig und kann bis dann bei den Geschäftsbanken gegen neue Noten umgetauscht werden.

5. Beim Notenumtausch wird eine Geldhortungsgebühr von 1% erhoben, die an die Bundesbank weiterzuleiten und von dieser In neuen Noten an die Staatskasse auszuzahlen ist.

6. Die Geldhortungsgebühr wird auf alle Noten, einschliesslich der von den Geschäftsbanken gehaltenen, erhoben.

7. Im Fall des Giralgeldes wird öffentlich an jedem letzten Samstag im Monat ein Stichtag des Monats rückwirkend ausgelost.

8. An diesem Stichtag werden alle Girokonten mit 1% des ausgewiesenen Kontostandes durch eine Geldhortungsgebühr belastet.

9. Die Spargeldkonten bei den Geschäftsbanken werden nicht belastet, aber auch nicht verzinst.

10. Die Spargelder werden von den Geschäftsbanken als Kreditgelder verliehen.

11. Die Geschäftsbanken sind berechtigt, ihre Betriebskosten von den Kreditnehmern bis zu einer Höhe von 3% des Kreditbetrags pro Jahr finanzieren zu lassen.

12. Die Geschäftsbanken stehen unter der Aufsicht der Bundesbank.
 

Damit der Geldkreislauf auch wirklich funktioniert, muss die Geldrechtsreform durch eine gleichzeitige Grundflächen- und Rohstoff-Rechtsreform abgesichert werden.
Denn arbeitende Menschen benötigen erstens natürliche Grundflächen und zweitens natürliche Rohstoffe, um wirtschaftliche Güter produzieren zu können. Auch diese elementare Erkenntnis geht auf Silvio Gesell zurück, die er im Titel seines genialen Werkes "Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" im Jahre 1916 auf einen einfachen Nenner brachte.

Aber wem gehören heute die Grundflächen und Rohstoffe? Selbstverständlich denen, die sie besitzen bzw. besetzt haben und als ihr Privateigentum betrachten. Bezeichnenderweise bedeutet das Wort 'privat' ursprünglich 'geraubt' (von lat. privare = rauben). Grundflächen- und Rohstoff-Besitzer bzw. -Besetzer sind, aus ökologischer Sicht betrachtet, prinzipiell nichts anderes als Tiere, die ein bestimmtes Territorium besetzt und andere Tiere daraus vertrieben haben.

Aber im Gegensatz zu Tieren, deren Territorium nur so gross ist, wie es zu ihrer individuellen oder familiären Ernährung erforderlich ist, können Menschen Süchte entwickeln, die sie dazu anspornen, ihr Territorium grenzenlos auszuweiten. Dabei werden die anderen Menschen, auch Tiere und Pflanzen, entweder getötet, vertrieben, versklavt oder tributpflichtig gemacht. Die Geschichte liefert zahllose Beispiele für den Einsatz dieser Instrumentarien, um in den gewaltsamen Besitz von Grundflächen und Rohstoffen, Produkten und Produzierenden zu gelangen.

Aber im Gegensatz zu den Tieren verfügen Menschen in ihrem genetischen Repertoire auch über moralische Bremsen, die sie daran hindern, ihre Artgenossen nur als biologische Konkurrenten zu betrachten. Menschen besitzen darüber hinaus ein geistiges Potential, das es ihnen erlaubt, verantwortungsvoll zu handeln, was vom Sozialdarwinismus und der Soziobiologie gerne übersehen wird. Ausdruck dieser Tatsachen sind menschliche Gesetze, die Schwächere vor Stärkeren schützen sollen. Das gelingt aber nur teilweise und zeitweise; denn nicht alle Menschen sind bereit, das "Rechtspiel" mitzuspielen. Und in "schlechten" Zeiten, die nur durch Störungen im Geldkreislauf bedingt sind, wird der tierische Selbsterhaltungstrieb auch gutmütiger Menschen oft stärker als deren ethisches Mitleid mit anderen.

Prinzip Gerechtigkeit, vorhanden aber verkümmert
Ein weiterer Gegensatz zu den Tieren besteht darin, dass Menschen normalerweise einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit haben. Aber eigenartigerweise merken die meisten Menschen nicht, dass die bestehenden Gesetze nicht dafür sorgen, dass die Grundflächen und Rohstoffe der Erde den arbeitswilligen Menschen uneingeschränkt zur wirtschaftlichen Inwertsetzung zur Verfügung stehen. Sie akzeptieren es gedankenlos, dass bestimmte Menschen arbeitsunwillig auf Grundflächen oder Rohstoffvorkommen sitzen und diese der Inwertsetzung durch arbeitswillige Menschen solange vorenthalten, bis die Arbeitswilligen den Arbeitsunwilligen hohe Pacht- oder Kaufpreise für die Grundflächen oder Rohstoffe bzw. Rohstoffgewinnungslizenzen zahlen.

Es ist dieselbe "Prozedur" wie mit dem Geld, welches die Geldbesitzer ebenfalls nur dann herausrücken, wenn sie genügend hohe Zinsen erpressen können, ohne selbst arbeiten zu müssen. Auch diesen Missstand akzeptieren die meisten Menschen und lassen sich gedankenlos zu Verlierern des "Geldspiels" machen; und das sind gegenwärtig schon etwa 90% der Menschen. Und es werden immer mehr, infolge der Wirkung der Zinseszinsautomatik. Monopolisten leiten Zusammenbruch ein

Je grösser die Geldmengen oder Grudflächen, oder je seltener die Rohstoffe sind, desto grösser werden die Chancen ihrer Besitzer, die Preise in immer grössere Höhen zu treiben. Im Extrem werden sie zu regionalen oder gar globalen Monopolisten. Geld-, Grundflächen- und Rohstoff-Monopolsystem haben jedoch die Möglichkeit, die wirtschaftlichen Stoff- und Geldkreisläufe zu behindern oder gar zu blockieren und auf diese Weise die Wirtschaft zum Zusammenbruch zu bringen.

Ein Rechtssystem, das solche Missstände toleriert, ist de facto ein Unrechtssystem. Denn es fördert die ungerechte Polarisierung der Menschen in viele arbeitswillige, aber ohnmächtige Arme auf der einen Seite und wenige arbeitsunwillige, aber mächtige Reiche auf der anderen. Es schafft die Voraussetzung für kriegerische Auseinandersetzungen, für die Rückkehr der Menschen zum tierischen Kampf um Räume und Rohstoffe.

Halten wir also fest: Sowohl das Geldrecht als auch das Grandflächenrecht als auch das Rohstoffrecht bedürfen einer Reform, durch welche die bestehenden Monopole abzubauen und deren Wiederaufbau unmöglich zu machen sind, damit die bisherigen Störungen der ökonomischen Stoff- und Geldkreisläufe verschwinden und die marktwirtschaftlichen Regulationsmechanismen wieder funktionieren können.

Ebenso wie beim Geldrecht ist auch beim Grundflächen- und Rohstoffrecht die Reform im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland bereits deutlich vorgezeichnet:

Artikel 15 [Sozialisierung:]
"Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das An und Ausmass der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden."

Eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel darf allerdings nicht angestrebt werden. Denn bei den Produktionsmitteln handelt es sich nicht um die natürlichen Grundlagen der Produktion (Grundflächen, Rohstoffe), sondern bereits um Produkte, die durch arbeitende Menschen hergestellt worden sind. Eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel wäre also eine zumindest prinzipiell ungerechte Enteignung arbeitender Menschen. Sie würde deren Leistungsbereitschaft untergraben und zu unproduktiven und unfreien Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnissen führen, wie die "kommunistischen" Erfahrungen gelehrt haben. Arbeitserzeugnisse stehen also nur den Menschen zu, die sie hergestellt haben. Die Naturgrundlagen dagegen gehören allen Menschen; sie sollten in Gemeineigentum überführt werden, das dann vom Staat zu verwalten und zu verpachten wäre.

Wie könnte man das Privateigentum an Grundflächen und Rohstoffen nun in Gemeineigentum überführen?

1. Das bisherige private Eigentumsrecht müsste in ein privates Nutzungsrecht umgewandelt und mit staatlichen Pachtabgaben belastet werden.

2. Die Pachtabgaben könnten auf der Basis des Verkehrswertes ermittelt werden, etwa 3% des Verkehrswertes als Pacht pro Jahr. Eine Grundfläche mit einem Verkehrswert von 100.000,- DM würde also jedes Jahr 3.000,00 DM Pacht für die Staatskasse liefern.

3. Zur Entschädigung könnte man die bisherigen Grundflächen - und Rohstoffeigentümer - wenn man einmal annimmt, die sie oder ihre Vorfahren das Eigentum rechtmässig erworben haben - etwa 33 Jahre lang von Pachtabgaben freistellen. Das heisst, nach 10 Jahren sind 30 %, nach 20 Jahren 60 % und nach 331/3 Jahren 100 % des privaten Eigentumsrechts an die Gemeinschaft übergegangen.

4. Zwischenzeitlich können die Privateigentümer, wenn sie wollen, ihre restlichen Verkehrswerte an die Gemeinschaft verkaufen. Nach 33 1/3 Jahren beginnt aber ihre Pachtzahlungspflicht.

5. Das private Nutzungsrecht kann nicht entzogen werden, solange das Pachtgeld gezahlt wird. Es ist von einer Generation auf die nächste übertragbar.

Eine gleichzeitige Durchführung der drei Teilreformen ist deshalb unverzichtbar, weil die eine oder andere Teilreform allein nicht in der Lage ist, die Erreichung des angestrebten Zieles zu gewährleisten. Im Gegenteil, eine Teilreform würde chaotische Umstiegsaktionen innerhalb der drei Teilbereiche (Geld, Grundflächen, Rohstoffe) auslösen, gefolgt von sozialen 'Unruhen' und schliesslich flächendeckendem Krieg, für den man dann einfach 'die Reformer" verantwortlich machen würde. Und damit wäre die Gesamtreform mit Sicherheit gescheitert und für lange Zeiten indiskutabel.

Eine erfolgreich durchgeführte Reform dagegen würde auch für die Friedenssicherung eine völlig neue Perspektive schaffen. Denn Menschen, die arbeitsgerecht produzieren und konsumieren, sind normalerweise zufrieden und friedlich zugleich. Die Geld/Grundflächen/Rohstoff-Rechtsreform würde also "nebenbei" das aufschlussreichste historische Experiment über Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Friedensfähigkeit darstellen.

Bevor dieses Experiment jedoch gestartet werden kann, bedarf es einer weiten Verbreitung der soeben skizzierten natur- und wirtschaftskundlichen Kenntnisse, nicht zuletzt bei den Bundestagsmitgliedern. Denn sonst werden die erforderlichen Gesetze nicht beschlossen, und alles bleibt beim alten, das heisst, die Kriegsprognose von Silvio Gesell aus dem Jahre 1918 wird wahrscheinlich zum zweiten Mal Wirklichkeit werden, und auch Konrad Lorenz wird mit seiner Endzeit-Prognose von 1983 vielleicht sogar Recht bekommen.

Literatur
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(aus: DER DRITTE WEG Mai 1996)
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