Das Geld muss verstaatlicht werden
Anmerkungen zum Freigeld Silvio Gesells
Schon sehr früh hat Silvio Gesell (1862- 1930) erkannt, dass das Geld wesen nur dann gesellschaftsverträglich funktionieren kann. wenn es vom Staat vervaltet wird: Bereits im Jahre 1892 veröffentlichte er in Buenos Aires im Selbstverlag eine Abhandlung mit dem bezeichnenden Titel "Die Verstaatlichung des Geldes" (Gesell. Bd.1). Mit der ihm eigenen gedanklichen und sprachlichen Präzision fasste er die Essenz seiner Abhandlung auf der Titelseite in einem einzigen Satz zusammen:
"Das Geld soll wie die Eisenbahn sein, weiter nichts als eine staatliche Einrichtung, um den Warenaustausch zu vermitteln; wer sie benutzt, soll Fracht zahlen."
Am Ende dieser Abhandlung findet man folgende Kernaussage:
"Sodann verfertigt der Staat Geld aus Papier und erklärt
dieses Geld als staatliche Verkehrseinrichtung, für deren Benutzung
er Fracht erhebt, d h. für Benutzung des Geldes erhebt er täglich
in Form der Wertabnahme des Geldes eine Abgabe. Dieses Geld bringt der
Staat in Umlauf, erstens indem er als Käufer für das als gewöhnliche
Ware erklärte Gold auftritt, zweitens indem er grofe staatliche Bauten
unternimmt, drittens durch Zahlung der Beamtengehälter" (S. 257)
Dieses später von ihm so genannte "Freigeld" hat Gesell im vierten Teil seines klassischen Werkes "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" (NWO) (Gesell Bd. 11 ) unter den Punkten 2 ("Wie der Staat das Freigeld in Umlauf setzt") und 3 (Wie das Freigeld verwaltet wird" ) folgendermassen beschrieben:
"Mit der Einführung des Freigeldes wird der Reichsbank das Recht der Notenausgabe entzogen, und an die Stelle der Reichsbank tritt das Reichswährungsamt, dem die Aufgabe zufällt, die tägliche Nachfrage nach Geld zu befriedigen.
Das Reichswährungsamt betreibt keine Bankgeschäfte. Das Reichswährungsamt gibt Geld aus, wenn solches im Lande fehlt, und es zieht Geld ein, wenn im Lande sich ein Überschuss zeigt. ...
Um das Freigeld in Umlauf zu setzen, werden alle Staatskassen angewiesen, das bisherige Metallgeld und die Reichskassenscheine zum freiwilligen Umtausch anzunehmen... (S. 246/247)
"Nachdem das Freigeld in Umlauf gesetzt ..ist, wird es sich für das Reichswährungsamt nur mehr darum handeln, das Tauschverhältnis des Geldes zu den Waren (allgemeiner Preisstand der Waren) zu beobachten und durch Vermehrung oder Verminderung des Geldumlaufs den Kurs des Geldes fest auf ein genau bestimmtes Ziel, die Festigkeit des allgemeinen Preisstandes der Waren, zu lenken. Als Richtschnur dient dem Reichsgeldamt (Anm:= Reichswährungsamt) die Statistik für die Ermittlung des Durchschnittspreises aller Waren. Je nach den Ergebnissen dieser Ermittelung, je nachdem der Durchschnittspreis Neigung nach oben oder nach unten zeigt, wird der Geldumlauf eingeschränkt oder erweitert.
Um die Geldausgabe zu vergrössern, übergibt das Reichswährungsamt dem Finanzminister neues Geld, der es durch einen entsprechenden Abschlag von allen Steuern verausgabt. Betragen die einzuziehenden Steuern 1000 Millionen und sind 100 Millionen neues Geld in Umlauf zu setzen, so wird von allen Steuerzetteln ein Abzug von 10% gemacht" (S. 248).
"Das Reichswährungsamt beherrscht also mit dem Freigeld das Angebot von Tauschmitteln in unbeschränkter Weise. Es ist Alleinherrscher, sowohl über die Geldherstellung, wie über das Geldangebot.
Unter dem Reichswährungsamt brauchen wir uns nicht ein grossartiges Gebäude mit Hunderten von Beamten vorzustellen, wie etwa die Reichsbank. Das Reichswährungsamt betreibt kein Bankgeschäfte Es hat keinerlei Schalter, nicht einmal einen Geldschrank. Das Geld wird in der Reichsdruckerei gedruckt: Ausgabe und Um tausch geschehen durch die Staatskassen: die Preisermittelung findet im Statistischen Amt statt. Es ist also nur ein Mann nötig, der das Geld von der Reichsdruckerei aus an die Staatskassen abführt, und der das für währungstechnische Zwecke von den Steuerämtern eingezogene Geld verbrennt. Das ist die ganze Einrichtung. Eine Presse und ein Ofen. Einfach, billig, wirksam" (S. 248/249).
Wer diesen ebenso genialen wie klar und teilweise ironisch formulierten Gedanken Gesells folgt. der erkennt unschwer, woran das Geldwesen damals schon krankte und heute immer noch krankt.
Um das Wesentliche noch einmal zu betonen: Gesell hat zweifelsfrei die Verstaatlichung des Geldwesens gefordert, ebenso wie er im zweiten Teil seiner NWO die Verstaatlichung des Landes (=Grundflächen + Rohstoffquellen) gefordert hat. Anders ausgedrückt: Geldschöpfung. Geldmengenregulierung und Geldumlaufsicherung sind Staatsaufgaben. Dazu gehört selbstverständlich auch die Konsequenz, dass das vom staatlichen Währungsamt herzustellende Geld nicht über private Geschäftsbanken, sondern nur über die Regierung des Staates in den Geldkreislauf eingespeist werden darf.
Ob das nur in der Weise geschieht, wie es Gesell skizziert hat, also durch Finanzierung von Staatsaufgaben, der auch durch Auszahlung von Kopfgeld. oder durch Ausgabe von zinsfreiem, aber gebührenpflichtigem Leihgeld ("Kredit'') an Produzenten und Konsumenten, darüber kann selbstverständlich neu nachgedacht werden. Wichtig ist dabei auf jeden Fall dass das Währungsamt die umlaufgesicherte Geldmenge so reguliert, dass der Preisindex konstant bleibt, dass das Währungsamt also weder zu wenig noch zu viel Geld in Umlauf bringt.
Ob man Gesells Reichswährungsamt heutzutage "Bundeswährungsamt" oder "Bundesfinanzamt" oder "Bundeszentralbank" oder "Bundesbank" usw nennt. ist letztlich egal Entscheidend ist, dass es sich um eine staatliche Behörde (=Amt) handeln muss, die allen Bürgern des Staates dient, nicht jedoch, wie die heutige Deutsche Bundesbank und andere Zentralbanken. ausschliesslich den privaten Geschäftsbanken, welche das Geld nur gegen Zins und Zinseszins an Produzenten, Konsumenten und Staat (!) verleihen und absurderweise insgesamt mehr Geld zurückverlangen, als sie jemals ausgeliehen haben (vgl. Lietaer 1999, S. 134/135).
Dass die Aufgabe eines Währungsamtes gesetzlich präzise gefasst werden müssen, ist selbstverständlich, denn sonst wäre dieses Amt eventuellen freigeldwidrigen Anweisungen der einen oder anderen Bundesregierung ausgesetzt.
Um keine Missverständnissen aufkommen zu lassen, sei abschliessend zur Verdeutlichung hervorgehoben, dass die Gesell´chen Forderung eine Verstaatlichung von Geld und Land auf keinen Fall Kommunismus- oder totalitarismusverdächtig ist. Ganz im Gegenteil: Das heutige leistungslose Einkommen aus Geld- und Landbesitz ist für die fortschreitende Polarisierung der Gesellschaft in wenige Reiche (=Herrscher) und viele Arme (=Beherrschte) verantwortlich!
Erst eine Verstaatlichung, d. h. Vergemeinschaftung von
Land und Geld würde die unverzichtbare Grundlage für eine freie
und soziale Marktwirtschaft liefern und das " magische Sechseck" der Ökonomie
stabilisieren.
(Aus : Der 3. Weg Mai 2000)