Geld aus dem Nichts?
- Das Gespenst der Buchgeldschöpfung und seine Vertreibung
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Stellen wir uns einen Gemüseladen vor: ständig kommen Kunden und tragen Obst und Gemüse fort. und dennoch sind die Regale am nächsten Tag wieder gut gefüllt. Naive Gemüter könnten an Zauberei, an eine "Gemüseschöpfung aus dem Nichts" glauben. denn die nie versiegende Nachschubquelle bleibt unsichtbar. Erst bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Waren vom weit entfernten Grossmarkt kommen und durch den Hintereingang angeliefert werden.
Genauso verhält es sich im Geldbereich. Auch hier sollen die Geschäftsbanken das höchst einträgliche Kunststück beherrschen. Geld mit einem Federstrich bzw. Mausklick quasi aus dem Nichts zu schaffen. Prof. Eckhard Grimmel zitiert im DDW 5/99. S. 25 Fischers Wirtschaftslexikon: "Die Schöpfung von Giralgeld lässt sich vereinfacht wie folgt beschreiben:
"Durch die Entgegennahme einer Einlage entsteht im Banksystem ein Kreditspielraum, der ein Mehrfaches der ursprünglichen Einlage beträgt, da regelmässig nur über einen Teil der Einlage in bar verfügt wird".
Dass die Bank das Geld auf dem Girokonto eines Kunden bis auf eine bestimmte Mindestreserve weiterverleiht, geht ja noch mit rechten Dingen zu. Aber witzig wird es aber, wenn der Bank bzw. den Banken die Fähigkeit zugeschrieben wird, ein Mehrfaches der ursprünglichen Einlage des Kunden weiter zu verleihen und damit "Geld zu schöpfen".
Das soll so gehen: Auf Bank A geht eine Überweisung auf das Girokonto eines Kunden von 2000 DM ein. Beträgt die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve (die notwendig ist, falls ein Teil der Kunden von ihren Girokonten Bargeld abheben wollen) ein Viertel, dann kann die Bank den Rest von 1500 DM weiterverleihen.
Der Kunde, der diesen Kredit bekommen hat. überweist dieses Geld an die Bank B, die das gleiche wie Bank A macht. nämlich 75% des neuen Guthabens (1.125 DM) zu verleihen.
Passiert das nur viermal, dann ist auf diese Weise schon zusätzlich zu den 2000 DM ein Kredit von 2.101,56 DM entstanden. so dass sich die umlaufende Geldmenge um diesen Betrag erhöht hat - scheinbar "Geld aus dem Nichts".
Bei dieser Theorie werden Girokonten-Guthaben wie festangelegte Spareinlagen behandelt, die natürlich problemlos von der Bank für Kredite verwendet werden können. In Wirklichkeit sind Geldbestände der Giroguthaben meist ständig zu Zahlungszwecken in Bewegung und können daher nicht verliehen werden Lediglich der sogenannte "Bodensatz" der Giroguthaben steht den Kreditinstituten für den Geldverleih zur Verfügung.
Darunter versteht man den Teil dieser Guthaben, die auf den Konten als Liquiditätsreserven stehen bleiben und nicht für den normalen Zahlungsverkehr verwendet werden, oder die bei Umbuchungen auf Konten der gleichen Bank überwiesen werden, so dass keine Mittelabflüsse entstehen. Ausserdem fliesst der Bank Giralgeld durch Überweisungen von den Konten anderer Banken zu Welchen Anteil der Giroguthaben aufgrund dieses "Bodensatzes" die Bank verleihen kann. bestimmt das Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen.
Die Kontenbewegungen, die die mehrfache Verleihung von Giroguthaben im Bankensystem belegen sollen, entsprechen der Vorderseite bzw. dem Verkaufsraum des Gemüseladens, wo auf geheimnisvolle Weise immer wieder neue Ware auftaucht und zum Verkauf bereitsteht. Doch auf der Rückseite, dem Hintereingang löst sich das Geheimnis: Alle Geschäftsbanken verrechnen ihre Kontenbewegungen untereinander nicht direkt, sondern über sog Clearingstellen, also Landeszentralbanken oder Girozentralen. Jede Geschäftsbank hat dort Konten zur Verrechnung von Zentralbankgeld bzw. Zentralbankguthaben. Wendelin Hartmann. Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank, betonte 1994 bei einem Vortrag vor einem internationalem Banker-Symposium in Washington: "Die Banken untereinander akzeptieren kein Girogeld, sondern erwarten den Ausgleich ihrer Geldmarktforderungen in Zentralbankgeld."
Was der Grossmarkt für den Gemüseladen, ist die Zentralbank für die Geschäftsbank. Wenn ein Bankkunde von seinem Konto bei Bank A 1000 DM auf ein Konto bei Bank B überweist, dann wird in Wirklichkeit der Betrag von 1000 DM Zentralbankgeld vom Clearingkonto der Bank A abgebucht und dem Clearingkonto der Bank B gutgeschrieben. Der Gesamtbestand der Clearingguthaben ändert sich dadurch nicht.
Auch Bargeld wird in diesen Kreislauf einbezogen: "Banknoten und Münzen gelangen über die Deutsche Bundesbank in den Wirtschaftskreislauf. Die Kreditinstitute heben bei den Landeszentralbanken zu Lasten ihrer Girokonten benötigte Bargeldbeträge ab. Die Kreditinstitute zahlen einen Teil der bei ihnen bargeldlos eingegangenen Lohn-, Gehalts-, und Rentenzahlungen an ihre Kontoinhaber aus. Die Kontoinhaber bestreiten mit dem Bargeld Ausgaben für den täglichen Bedarf. Sie zahlen bei Einzelhandelsbetrieben, Tankstellen, Restaurants, Hotels usw. bar. Die Zahlungsempfänger zahlen die Bargeldeinnahmen bei Kreditinstituten ein. Die Kreditinstitute geben nicht benötigte Bargeldbestände zugunsten ihrer Girokonten an die Landeszentralbanken zurück." ("Wirtschaftslehre des Kreditwesens", Grill / Penczynski 1993).
Es zeigt sich, dass Geschäftsbanken nicht einfach neues Geld schöpfen können, indem sie mit einem Federstrich einen Kredit gewähren. denn der Kreditbetrag "neugeschöpften" Geldes ist auf der Seite des Clearingkontos eine Schuld der Bank, sie muss also selber einen Kredit an Zentralbankgeld aufnehmen, um einen Kredit an ihren Kunden vergeben zu können, sofern keine entsprechenden Spareinlagen bereitstehen. Was sie bei ihrer "Geldschöpfung" gewinnt, verliert sie durch die Verminderung ihres Zentralbankgeldbestandes bei der Clearingstelle.
Vergleichen wir diesen Vorgang mit unserem Gemüsehändler. Das neue Gemüse, das er jeden Tag beim verkauf in bare Münze verwandelt, ist gleichzeitig eine neue Schuld gegenüber dem Grosshändler, die er nur begleichen kann, wenn er ihm einen grossen Teil seiner Verkaufseinnahmen überweist. Aus der Traum von der Geldschöpfung aus dem Nichts. Die Geschäftsbank kann immer nur so viel Geld verleihen, wie sie selbst an Einlagen oder Bundesbank-Krediten in Empfang genommen hat. Die wundersame Geldschöpfung der Banken ist in Wirklichkeit nur eine Schöpfung einer Theorie, die nicht hinter die Kulissen zu schauen versteht, sondern sich vom "Schönen Schein" blenden lässt. Als nie versiegende Geldquelle ist die "Buchgeldschöpfung" nicht geeignet: Die Geschäftsbank bekommt zwar Zinsen vom Bankkunden, der bei ihr einen Kredit aufgenommen hat, sie muss aber gleichzeitig auch Lombardzinsen an die Bundesbank für ihre um diesen Betrag erhöhte Kreditaufnahme an Zentralbankgeld oder die Sparzinsen für die Kundenspareinlagen abführen.
Dass sich die Mär von der wundersamen Geldschöpfung der Banken immer noch hält. hängt auch mit dem unpräzisen Begriff "Geldschöpfung" zusammen, der in der Fachliteratur und auch von der Bundesbank verwendet wird, wobei die Bankfachleute die Existenz des ausgleichenden Zentralbankgeldes und der Clearingstellen selbstverständlich voraussetzen, während beides dem Laien verborgen bleibt: "Die Geldschöpfung der Banken geht stets mit einer Zunahme des Bargeldumlaufs und der bei der Bundesbank zu haltenden Mindestreserven einher. Sie erfordert also Geld, das die Kreditinstitute nicht selbst schaffen können".
(Die Deutsche Bundesbank, Sonderdruck 7: Geldpolitische Aufgaben und Instrumente) d.h. für die Geschäftsbanken ist die Geldschöpfung gar keine Schöpfung aus dem Nichts.
Zum Schluss noch eine philosophische Anmerkung: Es ist allein ein Privileg des Schöpfers, seine Schöpfung aus dem Nichts zu erschaffen. Für Menschen und ihre Welt gilt immer noch das Prinzip: "Von nichts kommt nichts". Wenn also in der Welt etwas neu entsteht, "geschöpft wird", dann muss es irgendwoher kommen, die "Schöpfung" ist also lediglich eine Umwandlung von einer Form in die andere.
Es muss also immer einen Gegenpol geben, der in dem Masse abnimmt oder verschwindet. wie auf der anderen Seite etwas neu geschaffen wird. Ein Beispiel ist der Strom aus der Steckdose, der sozusagen von der Steckdose "geschöpft" wird und scheinbar aus dem Nichts entsteht.
Dass hier aber keine Mär von einer "Stromschöpfung" entsteht, verdankt sich der besseren Information der Verbraucher, denen nicht verborgen bleibt, dass der Strom durch Stromleitungen transportiert und von Kraftwerken erzeugt wird.
(Aus: Der 3.Weg April 2000)
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