Geld - Motor, Nerv und Tabu
- Neue "Kreislauf-Therapie"' für die Marktwirtschaft
nötig -
Es ist an der Zeit, sich in einer neuen Art und Weise über das alte Thema Geld Gedanken zu machen. Entgegen oberflächlicher Betrachtungsweise bestehen enge Beziehungen zwischen den Herausforderungen der näheren Zukunft und unserem Wirtschafts- und Geldsystem.
In dramatischem Tempo ist nach dem noch vor wenigen Jahren dominanten Ost-West-Konflikt der Nord-Süd-Gegensatz in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht vor Krieg, Armut und Zerstörung Die Konfliktherde sind häufiger und unberechenbarer geworden. Im letzten Jahr gab es mit 52 kriegerischen Konflikten so viele wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig nimmt die Zahl der atomwaffenbesitzenden Staaten zu. Die Kluft zwischen arm und reich weitet s ich aus Die Ökologische Zerstörung wächst dramatisch an, wovon wiederum die armen Länder am stärksten betroffen sind.
Der entscheidende Motor des wachsenden Nord-Süd-Gegensatzes und der zunehmenden Umweltzerstörung ist die wachstumsfixierte Weltwirtschaftsordnung, die vom Träger des Alternativen Nobelpreises Prof. Hanspeter Dürr als "die wirksamste Massenvernichtungswaffe" bezeichnet wurde.
Im Sinne der Konfliktverhütung ist es erforderlich. sich dem Thema Weltwirtschaft und Geldwirtschaft zu stellen.
Um es vorweg zu sagen: Die heilige Kuh Marktwirtschaft muss nicht geschlachtet werden Es reicht, ihr eine neue Kreislauf-Therapie zu verordnen. Wenn es um Geld geht. wird nur über die Spitze eines Eisberges diskutiert. Von Gewinn und Verlust redet man, über mehr nicht. Dabei reden alle über Geld. In den meisten Berufen ist das die vorwiegende Tätigkeit. Da geht es um Kosten, Nerv und Tabu und Erträge, Bilanzen und Investitionen. Ausgefeilte Strategien zur Erzielung von Gewinnen sind Ziel und Zweck von Ausbildungen und Studiengängen. Da schämt man sich schon beinahe mit der Banalität der Frage: Geld. was ist das denn eigentlich?
Bitte hinterfragen Sie sich selbst.
Wahrscheinlich wissen Sie eine Menge über Ausgaben und Einnahmen, Steuererklärungen mit Tips und Tricks. Was aber wissen Sie über die gesellschaftlichen und sozialen Funktionen, die das Geld ausübt? Wissen Sie, wie sich die Spielregeln des Geldes auf Menschen und Gesellschaften auswirken? Können Sie sich vorstellen, dass das Geld auch mit geänderten Spiel regeln funktionieren könnte. als das heutzutage der Fall ist?
Möglicherweise haben Sie nie drüber nachgedacht. Geld ist halt Geld, ohne Geld geht es nicht. das ist so wie es ist, da lässt sich nichts dran ändern, nebenbei regiert es noch die Welt und verdirbt den Charakter, aber es ist halt Geld.
Dabei sind die Spielregeln unserer Geldwirtschaft mittlerweile bitterer Ernst geworden Eine ganze Reihe konkreter gesellschaftlicher. nationaler und internationaler und zudem derzeit unlösbar scheinender Probleme hat ihre ganz wesentliche Ursache in den "Spiel"-Regeln des Geldes.
Ich möchte Sie bitten. sich über die folgenden, scheinbar banalen Fragen Gedanken zu machen:
Wir leben in einem der reichsten Länder dieser Erde. Dennoch nehmen Armut und Arbeitslosigkeit zu, Warum?
- Wir könnten doch eigentlich schon seit Jahren zufrieden sein mit dem, was wir haben. Warum können wir uns nicht auf ein Nullwachstum einstellen? Warum muss die Wirtschaftsleistung denn dauernd wachsen?
- Statt dessen befinden wir uns in der paradoxen Situation. Jahr für Jahr mindestens 3% mehr produzieren zu müssen, um die Anzahl der Arbeitsplätze und den Lebensstandard überhaupt nur HALTEN zu können. Warum?
- Dauerndes Wirtschaftswachstum ist die grösste Gefahr für die weltweite Umwelt. Weltwirtschaft ist zur Massenvernichtungswaffe in Sachen Natur geworden. Dennoch wird tagtäglich von allen führenden Wirtschaftsfachleuten betont, wir bräuchten Wachstum, Wachstum, Wachstum. Warum?
- Trotz jahrzehntelanger Entwicklungshilfe an die Länder der sogenannten Dritten Welt in der Einen Welt nimmt die Armut und die Kluft zwischen arm und reich weiter zu. Kriegerische Konflikte zwischen armen und reichen Ländern drohen. Warum?
Sie brauchen nicht zu befürchten. ich würde Ihnen am Ende dieses Textes DIE Lösung aller Weltprobleme anbieten Dennoch werde ich Ihnen darlegen können, dass die genannten KrisenentwicklUngen Ihre ganz wesentliche Ursache in den Regeln haben, mit denen wir mit Geld umgehen. Oder andersrum: Es ist illusorisch, die genannten Probleme auch nur annähernd in den Griff bekommen zu wollen, wenn nicht das Geldsystem auf eine andere Basis gestellt wird.
Wie ist das denn beispielsweise mit dem Zins? Eine gute Einrichtung: Man gibt sein Geld auf die Bank und hat ganz ohne Schweiss am Jahresende ein paar Prozent mehr. Getrübt wird die Freude, weil ein Grossteil durch den alljährlichen Kaufkraftverlust Preissteigerungsrate wieder aufgefressen wird. aber immerhin Entgegen dem landläufigen Glauben ist der Zins NICHT dazu erfunden worden, um ohne Arbeit Geld zu verdienen Ursprünglich dient er vor allem dazu. das Geld in Umlauf zu halten. Der Zins ist die Belohnung dafür, dass man seine Ersparnisse nicht zu Hause in meterdicken Tresoren hortet, sondern wieder über die Zwischenstufe Bank in Umlauf bringt. Und das muss belohnt werden. Denn keine Wirtschaft kann laufen. wenn das Geld nicht umläuft.
Somit erfüllte und erfüllt der Zins eine ganz wesentliche Bedingung für eine funktionierende Wirtschaft. Das ist die positive Wirkung des Zinses.
Nun hat aber der Zins eine ganze Reihe von NEBENWIRKUNGEN, ich will es mal in dem mir geläufigen Jargon ausdrücken Mediziner sprechen heute mehr von UNERWÜNSCHTEN Wirkungen. Diese unerwünschten Wirkungen sind allerdings für einen kleinen Teil der Bevölkerung erwünscht Nämlich für die, die sowieso schon viel Geld haben. Wenn ich also hier von unerwünschten Wirkungen des Zinses spreche, so tue ich das im demokratischen Sinne im Hinblick auf die grosse Mehrheit der am Geldsystem beteiligten.
Von nichts kommt nichts. Das gilt auch für Zinsguthaben. Die sind nicht irgendwo in den Banktresoren mit Hilfe raffinierter Dünger gewachsen, sondern wurden von anderen Menschen ERARBEITET. Denken Sie bitte daran, wenn Sie sich am Beginn des kommenden Jahres über die Gutschrift auf Ihrem Konto freuen. Das ist der prozentuale Niederschlag des Schweisses anderer. Jetzt mache ich Ihnen auch noch den Ertrag Ihrer Ersparnisse schlecht Sie werden aber sehen. dass sich gerade daraus völlig neue Perspektiven ergeben. Aber bleiben wir vorerst beim Zins. Er ist das wesentliche umschichtungsinstrument von arm nach reich. Der Zins ist die Hauptursache für die banale. aber bisher wenig reflektierte Erkenntnis, dass immer mehr dazu kommt, wo schon viel ist.
Mir ist bewusst, dass ich Sie noch nicht ganz überzeugen konnte. Noch immer freuen Sie sich über den Zinsgewinn am Jahresende. Die paar Mark nützen Ihnen aber wenig. Denn alles in allem betrachtet verlieren Sie viel mehr am Zinssystem als Sie gewinnen, zumindest, wenn Sie nicht zur Kaste der Millionäre gehören. Ich vermute, Ihnen ist nicht bekannt, dass in allem, was Sie kaufen, ob es sich um Waschmaschine. T-Shirt. Auto oder Zahnbürste handelt. durchschnittlich zu einem Drittel Zinskosten stecken.
Noch mal: Im Durchschnitt ein Drittel aller Preise zahlen Sie nicht für das Produkt, sondern dieser Anteil landet als Zinskosten bei den Banken. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Paarmarkfünfzig am Jahresende tatsächlich ein ganz kläglicher Trost, um es milde auszudrücken.
Dabei haben wir es wirklich noch gut, ganz im Gegensatz zu den armen Staaten dieser Welt. Von jeder Mark Entwicklungshilfe. die in diese Länder fliesst, kommen 2 Mark zurück in die reichen Staaten. Die Ursache: der Zins.
Der Zins führt ausserdem dazu. dass die Geldguthaben bei den 1 Zinsempfängern überproportional wachsen ("anlagesuchendes Kapital").
Hier kommen wir zum grundlegenden Dilemma des westlichen Wirtschaftssystems. Die gewachsenen "anlagesuchenden" Geldguthaben müssen wieder in Umlauf, sonst entsteht eine Wirtdchaftsrezession durch Deflation.
Wiedereinschleusung der Gelder führt aber zu weiterer Überschuldung und Verarmung. Diese wiederum kann nur aufgefangen werden, wenn das Bruttosozialprodukt weiter kräftig wächst. Dadurch aber treibt die Welt in die ökologische Katastrophe.
Wir haben sozusagen unter Fortführung unseres Wirtschaftssystems die Wahl zwischen sozialer Verelendung und zunehmender Armut oder Ökologischem Holocaust. Mit Wahrscheinlichkeit endet die erste Möglichkeit im Bürgerkrieg, die zweite im Krieg um verknappende Rohstoffe. Die treibende Kraft: Die Spielregeln unseres Geldsystems, vor allem: die exponentielle Selbstvermehrung der Geldvermögen durch den Zins. Wir haben es demnach beim Zins mit einem wirtschaftlichen "Aufputschmittel" zu tun, das unverzichtbar scheint, bei dem aber der erwünschten Wirkung eine wesentliche grösse re Anzahl von gefährlichen und bedrohlich anwachsenden unerwünschten Wirkungen gegenüberstehen.
Die Kernfrage lautet: Ist ein Geldsystem denkbar, bei dem OHNE Zins das Geld in Umlauf gehalten werden kann?
Wir suchen sozusagen eine neue Kreislauftherapie mit wesentlich reduzierten unerwünschten Wirkungen. Sie existiert. Eine erste Version wurde in den 20er Jahren in Deutschland und in Österreich ("Das Wunder von Wörgl") erfolgreich getestet. Kaum war der Erfolg absehbar, wurde das Experiment durch massive Intervention der Administration gewaltsam beendet.
Das Grundkonzept geht zurück auf den Kaufmann Silvio Gesell und dessen NATÜRLICHE WIRTSCHAFTSORDNUNG. Gesell hat sich zunächst mit den Widersprüchen im System von Geld und Wirtschaft beschäftigt. Dabei ist ihm folgendes aufgefallen:
Der Vater der liberalen Marktwirtschaft. Adam Smith, hat einen verhängnisvollen Fehler begangen: Er liegt in der Gewichtung der drei Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit. Es stimmt zwar, dass diese drei Faktoren zur Produktion/Wertschöpfung allesamt erforderlich sind. Der Fehler ruht darin, allen drei Faktoren die gleiche Wertigkeit zuzuordnen. Boden allein schafft keine Werte. Kapital allein auch nicht (Haben Sie schon mal ein Markstück arbeiten sehen??) Der einzige der drei Faktoren, der wirklich Werte SCHAFFT, ist die Arbeit. Anders ausgedrückt: Der einzige Wertschöpfungsfaktor ist der Mensch Insofern hat die menschliche Arbeit eine andere Qualität und Stellung im Wirtschaftssystem als die beiden anderen Faktoren. Die Arbeit ist sozusagen den anderen Faktoren übergeordnet Heutzutage wird als vierter Faktor noch die Ressource hinzugefügt, denen gebührt die gleich Stellung wie Boden und Kapital.
Durch die prinzipielle Gleichstellung von Boden, Kapital und Arbeit hat Smith bewirkt, dass die Gewinnerzielung allein durch Boden und/oder Kapital möglich gemacht wurde, also ohne selbst Arbeit zu leisten. Dadurch befinden wir uns in einer paradoxen Situation. Wir sagen. wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Gewinn werde durch Arbeit und Leistung erzielt. Das stimmt zwar für die Mehrzahl der Menschen Aber gerade die grössten Gewinne werden erzielt, ohne dass der Besitzer von Kapital und Boden einen Finger krumm machen muss.
Weitere Widersprüche liegen im Geld selbst:
- Geld ist eine öffentliche Einrichtung. Gleichzeitig ist es aber persönliches Eigentum.
- Geld ist ein universelles Tauschmittel und soll im Wert den getauschten Gütern entsprechen. Während aber die Güter ihren Wert mit der Zeit verlieren. behält das Geld seinen Wert. Ein Auto für 20.000 DM ist nach 2 Jahren 14.000 DM Wert. 20.000 Mark auf der Bank sind nach 2 Jahren immer noch 20.000 Mark (oder sogar mehr).
Aus diesen und einer Reihe von weiteren Widersprüchlichkeiten hat Gesell den Vorschlag des NATÜRLICHEN Geldes erarbeitet. In diesem Konzept bekommt das Geld die Eigenschaften der Waren, nämlich. dass es mit der Zeit langsam an Wert verliert. Das klingt zunächst erschreckend Ich darf aber nochmal oben anknüpfen: es geht darum, eine Möglichkeit zu finden, das Geld in Umlauf zu halten, ohne den Zins zu benötigen.
Um dies zu erreichen, wird das Geld mit den Gütern und der Arbeit auf eine Stufe gestellt. indem beim Geld der heute bereits gegebene Annahmezwang durch einen Weitergabezwang ergänzt wird. Um beides zu erreichen, muss das Geld mit einer "Geldsteuer" verbunden werden, oder mit. "Durch haltekosten", wie das der wohl bedeutendste Wirtschaftstheoretiker dieses Jahrhundert. John Maynard Keynes, genannt hat. Von Keynes stammt übrigens die Aussage, dass die Welt von Silvio Gesell mehr lernen werde als von Karl Marx.
Wenn das Geld mit einer Steuer oder Gebühr belegt wird. ist jeder daran interessiert, sein Bargeld möglichst schnell wieder loszuwerden. d. h. wieder in Umlauf zu bringen. Eine solche Geldsteuer könnte beispielsweise 5% im Jahr betragen. Für die praktische Durchführung gibt es eine Reihe von Vorschlägen. die sich zumindest im kleineren Rahmen problemlos in die Praxis umsetzen lassen. Sparen ist natürlich trotzdem möglich. Sparguthaben sind von der Steuer befreit. Auf Sparguthaben gibt es dann keine Zinsen. Dafür sind aber auch die Kredite zinslos.
Für den bundesdeutschen Bürger klingt es zunächst bedrohlich, auf das Bargeld eine Steuer zahlen zu müssen und auf das Sparguthaben keine Zinsen mehr zu bekommen Aber: die Vorteile überwiegen bei weitem Sie können dann sicher sein, dass 10.000 Mark auf dem Sparkonto in 10 Jahren noch immer 10.000 Mark Wert sind. Wenn Sie heutzutage 300.000 Mark Schulden machen für ein Haus, zahlen Sie in den nächsten 20 Jahren etwa 700.000 Mark an die Bank zurück.
Mit dem neuen System zahlen Sie genau wieder 300.000 DM zurück. Wenn
Sie irgendein Produkt im Laden kaufen. zahlen Sie nur noch das Produkt, anstatt ein Drittel Zinskosten. Der Zins als Umschichtungsinstrument von arm nach reich würde entfallen. Arbeit wurde gerecht belohnt, nicht aber Besitz von Boden oder Kapital ohne Erbringung von Leistung. Es wäre das Ende des Wachstumszwangs und gleichzeitig die Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus.
Genau aus dem letztgenannten Grunde wird die Durchsetzung der neuen Spielregeln des Geldes nicht einfach sein. Selbst John Maynard Keynes war Ende der 40er Jahre mit seinem Vorschlag, das Konzept der ,."Durchhaltekosten" in die Arbeit von IWF und Weltbank zu integrieren, am Widerstand der Grossbanken gescheitert.
Aber in der heutigen Situation bestehen gute Chancen, dass sich die Demokratie gegen die Geld-Macht durchsetzen kann. Die dramatische Tendenz der nationalen, internationalen und ökologischen Probleme zeigt und unterstützt die Dringlichkeit.
Dies ist NICHT die Lösung aller Weltprobleme Zudem ist die genannte Konzeption sicher nur EINE von mehreren Denkbaren. Aber das Geld ist Motor und Nerv unserer Gesellschaft. Hier wurden Vorschläge aufgeführt, die zu einer Minderung der unerwünschten Wirkungen des Geldsystems führen. Ohne eine Reformierung des Finanzsystems als gesellschaftliche Basis sind alle anderen Massnahmen Stückwerk und Kosmetik.
Wenn schon Geld die Welt regiert, dann sollen Menschen
demokratisch über das Geld bestimmen. anstatt das Geld über Natur
und Mensch.
Der vorliegende Text ist Teil des im Mai 2000 im Frankfurter VAS-Verlag erscheinenden Buches "Noch mehr Demokratie wagen", mit Vorworten von Till Bastian und Helmut Creutz.
(Aus: 3.Weg April 2000)
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