Die Goldene Regel

 

Die goldene Regel ist eine Bezeichnung für die Zusammenfassung aller Verhaltensweisen der Menschen untereinander; Sie ist uralt und wir finden sie bei allem Völkern.

 

Beispiel: (alphabetisch):

1. Buddhismus:

“Erweise anderen die gleiche Liebe, Güte und Barmherzigkeit, von der du wünschest, dass sie dir entgegengebracht werde.”

 

2. Christentum:

Jesus hat die Goldene Regel übernommen mit dem erinnernden Zusatz: “Das ist das Gesetz und die Propheten.” Oder: “Alls was du willst, dass die Menschen dir tun, das tut du ihnen zuvor.

 

3. Griechentum

Vom hellenistischen Judentum wurde übernommen und gelangte von dort in vorchristlicher Zeit nach Palästina. Hier bezeichnete Hillel (um 20 v. Chr.) im Gespräch mit einem übertrittswilligen Heiden die Goldene Regel als die Summe der Thora: “Was dir verhasst ist, tue keinem ändern! Das ist das ganze Gesetz.

 

4. Hinduismus:

 “Füge deinem Nachbarn nichts zu, was du nicht von ihm erdulden möchtest.”

 

In Indien empfahl Guru Angad den Sikhs: “Behandelt andere, wie ihr selbst behandelt werden möchtet.” Hindus gründen die Goldene Regel auf die Einheit aller im Universalen Selbst.

 

5. Islam:

Der ist kein wahrhaft Gläubiger, der seinem Bruder nicht das Gleiche zudenkt und erweist, was er sich selber zuliebe täte.”

 

6. Jainismus:

“In Freude und Glück wie in Leid und Not sollten wir alle Wesen genau so behandeln wie uns selbst.”

 

 

7. Judentum:

 “Was du nicht willst, dass andere dir zufügen, tue du auch ihnen nicht.”

 

8. Konfuzianismus:

 “Verhalte dich anderen gegenüber so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.”

 

9. Parsismus:

“Licht und edel ist nur, wer das, was für ihn selbst nicht gut ist, auch anderen nicht zufügt.”

 

10. Taoismus:

“Betrachte deines Nächsten Glück und Leid als dein eigen Glück und Leid und trachte, sein Wohl wie dein eigenes zu mehren.”

 

Ob wir nun die negative oder die positive Form der Goldenen Regel bejahen, entscheidend bleibt, dass Wert nur hat, was zur Tat wird. Geschieht das, dann erweist sie sich als Mittel zur Herbeiführung echten Einvernehmens und Friedens zwischen den Menschen und Völkern und darüber hinaus als Schlüssel zu leiblicher und seelischer Gesundheit, zum Wohlergehen und Wohlstand für alle.

Tiefer gesehen, sind die Unstimmigkeiten in Leben und Beruf, die sozialen und wirtschaftlichen Unruhen und Krisen nicht eigentlich politisch-wirtschaftlicher, sondern ethischgeistiger Natur. Das Übel steckt nicht in den Wirtschaftsformen, sondern in den einzelnen Menschen, nicht in den Systemen, sondern in der Gesinnung. Besserung ist darum nicht durch Organisationsänderungen, sondern nur durch eine Neuordnung von innen her zu erwirken.

In der Tat zeigt der Blick auf jene Länder, in denen die Wirtschaftsformen von außen, von der politischen Seite her geändert wurden, dass sich damit für die Schaffenden praktisch wenig gebessert hat, während andererseits manche positive Wandlungen im Wirtschaftsleben beweisen, dass das Rettende nicht ein neues System ist, sondern die Erneuerung der Wirtschaftsgesinnung im Geiste der Goldenen Regel — einerlei, ob dies in der Form der betrieblichen Partnerschaft, der Gewinnbeteiligung oder auf andere Weise geschieht.

Die Erfolge machen deutlich, dass nicht das Unternehmen oder die politische Gemeinschaft, sondern der Mensch das wichtigste ist und dass die soziale Frage nur vom Einzelnen her dauernd erfolgreich gelöst werden kann.

 

Beispiel:

1. Albrecht Dihle:

In seiner, in den “Studienheften zur Altertumswissenschaft” (H. 7, Göttingen 1962) erschienenen Arbeit “Die Goldene Regel” gibt Albrecht Dihle einen Überblick über die antike und frühchristliche Geschichte der Ethik der Goldenen Regel und zeigt an zahlreichen Beispielen die weite Verbreitung der negativen wie der positiven Form der Goldenen Regel in der Zeit vor und nach Christus.

Er kommt zu dem Ergebnis, dass “die Goldene Regel einem Denken entstammt, das in der Vergeltung, im Ausgleich zwischen Leistung und Gegenleistung, den guten Zustand der zwischenmenschlichen Beziehungen verwirklicht sieht.”

Er übersieht dabei, dass der negative Begriff der Vergeltung (Talion), gar im Sinne der Wiedervergeltung (“Auge um Auge . . .”) nicht dem positiven Geist der Goldenen Regel entspricht, die auf das voraussetzungslose Tun des Guten abzielt.

 

Beispiel:

2. Dr. Hans Reiner

In der “Zeitschrift für philosophische Forschung” (III, i; 1948) betonte Professor Dr. Hans Reiner in einem Beitrag Die Goldene Regel”, dass die Philosophie der Gegenwart im Gegensatz zu den alten Philosophen und Theologen wie Pittakos, Justinus, Augustmus, Albertus Magnus, Thomas von Aquin und anderen wenig über die Goldene Regel zu sagen wisse.

Als Beispiel der positiven Form der Goldenen Regel führt er die Formulierung in den (Pseudo-) Clementinischen Homilien an: “Was ein jeder sich Gutes wünscht, das soll er auch dem Nächsten wünschen und zu verwirklichen suchen”. Das bedeutet praktisch Rücksichtnahme.

 

Beispiel:

3: Leo Toltstoi

Toltstoi (1828—1910) setzt auf Gegenseitigkeit. Gegenseitigkeit. ist mehr als blosse Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft aus halb egoistischen, halb altruistischen Beweggründen. Sie ist auch mehr als nur eine Klugheitsregel des sozialen Verhaitens, wie Reiner sie abschliessend nennt, weil sie nicht auf Berechnung fusst, sondern auf Liebe, und weil sie im Grunde nicht rational, sondern religiös fundiert ist.

 

Unter den vielen Dichtern, Philosophen und Sozialethikern, die die Sorge um das Wohlergehen der Menschen und um die Hebung des allgemeinen Lebensstandards bewegte, war Leo Tolstoi wohl einer der radikalsten. Ausser seiner dem Geist des Urchristentums entsprechenden Schrift “Das Reich Gottes in uns” (1893) und zahlreichen sozial-kritischen Werken gab er 1901 eine kaum bekannt gewordene Schrift “Gegenseitigkeit” heraus, in der er die Goldene Regel als Gesetz der Gegenseitigkeit das einzige Mittel nannte, die gemeinsame Wohlfahrt aller Menschen und Völker herbeizuführen. Hier sind die Kerngedanken seiner Schrift:

Die Not der Menschen rührt vor allem von der Nichtbeachtung des obersten Lebensgesetzes der Gegenseitigkeit her, das die Menschen heute entweder nicht kennen oder für unwichtig und unpraktisch halten. Statt nach diesem Gesetz zu leben, strebt fast jeder nach dem eigenen Vorteil durch Gewinn von möglichst viel Vermögen, Einfluss und Macht über andere oder durch Dienstleistungen für die Stärkeren und Mächtigeren.

So wurde es möglich, dass in allen Völkern Minderheiten durch ihre Macht und ihr Vermögen mit Hilfe willfähriger Regierungen das Schicksal der Massen bestimmten.

Was im sozialen Bereich der Fall ist, hat im geistigen Bereich, in den Religionen, seine Entsprechung: auch hier bestimmt eine geistliche Minderheit durch konfessionelle Dogmen und Bestimmungen das Denken und Verhalten der Mehrheit, statt durch Darlegung des Gesetzes der Gegenseitigkeit dem Einzelnen zu innerer und äusserer Freiheit und Fülle zu verhelfen.

Dabei gibt es für die Mängel und Nöte der Gesellschaft kein einfacheres und besseres Mittel als die Goldene Regel. Sie ist keine Erfindung der Menschen, sondern ein universales Lebensgesetz, das von allen Menschen ohne Unterschied der Rasse, des Alters, der Nation oder Religion zum gegenseitigen Gewinn befolgt werden kann.

Während alle menschlichen Gesetze, Verordnungen, Verbote und Gebote, seien sie politischer, theologischer oder wissenschaftlicher Art, der Menschheit nicht zu Wohlergehen und Frieden verhelfen konnten, sondern Unsicherheit und Not noch mehrten, ist die Goldene Regel der Schlüssel zum Wohlstand und Frieden für alle.

Die Befolgung dieser Regel ist für jeden Einzelnen unmittelbar segenbringend. Sie harmonisiert die Beziehungen der Menschen untereinander. Sie bewirkt, dass, was die Menschen trennt und zu Feinden macht, verschwindet, und dass jeder das Wohl der anderen wie sein eigenes anstrebt.

Wo diese universale Lebensregel beachtet wird, ist es unmöglich, dass Menschen einander übervorteilen, sich gegenseitig Schaden zufügen oder gar einander töten. In einer nach der Goldenen Regel geordneten Welt ist Krieg unmöglich. Wo sie gilt, erweisen sich alle anderen Gesetze und Verordnungen als überflüssig.

 

Schluss

Man kann einer einwenden, dass die Goldene Regel doch wohl kaum in jeder Lebenslage ausnahmslos angewendet werden kann.

Die Goldene Regel wurde Gewalt, Töten, Stehlen, unerlaubte Besitz, Vergewaltigugen, Ausnutz und Schmarotztrum, Krieg, um einiges zu nennen, pratkisch zum Verschwinden bringen.

Natürlich bewirkt die Einführung der Goldenen Regel, dass unbegründete Vorrechte der kleinen Minderheiten, die bisher die Macht ausübten, dann von selbst aufhören, da die von ihnen Unterdrückten frei werden. Je rascher die Zahl der Menschen wächst, die nach der Goldenen Regel leben, desto schneller verschwinden alle der wahren Religio und Humanitas entgegenstehenden philosophischen, politischen, staatlichen, gesellschaftlichen und sonstigen Ungerechtigkeiten und Gegensätzlichkeiten von selbst.

Die Befolgung der Goldenen Regel bewirkt diese befreiende Wandlung zum Guten, zum Wohle aller, in der Gegenwart, hier und jetzt — und zwar nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich.

Dies bedeutet, dass es den Menschen zufriedener und glücklicher, wohlwollender und liebevoller, menschlicher und vollkommener werden. Die Menschen werden dann die Brüderschaft mit dem Nächsten besser erkenn können.

Die Goldene Regel ist der Schlüssel zum Wohlstand und Frieden für alle.

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